Kurzprotokolle Wie Regenbogenfamilien ihren Alltag erleben

In sogenannten Regenbogenfamilien leben gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern zusammen. Welche Erfahrungen machen diese Familien mit den Behörden, welche Probleme gibt es, wie sieht die gesellschaftliche Akzeptanz aus? Drei Betroffene berichten.

Tess und Jill mit ihren Babys.
Jill und Tess mit ihren Babys Loui und Mio. Bild © Monika Bork
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Die "Ehe für alle" macht es möglich: Seit dem 1. Oktober 2017 dürfen gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren. Damit haben sie die gleichen Rechte und Pflichten wie heterosexuelle Paare. Welche Erfahrungen machen diese Familien im Alltag? Wir haben mit drei queeren Menschen gesprochen. Hier Ihre Protokolle.

Matthias: Wir wollten den Kindern ein Zuhause bieten

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Matthias Bäumner ist 53 Jahre alt und lebt zusammen mit seinem Ehemann Christian, 54 Jahre, und seinen beiden Pflegekindern in Wiesbaden. Anna ist acht Jahre alt und Dennis 13. Matthias berichtet:

Das Leben als Regenbogenfamilie 

"Ich persönlich kann mich an keine negativen Erfahrungen in Bezug auf uns als Familie erinnern. Ich kann mir vorstellen, dass es hier viel mit dem Ballungsraum zu tun hat, also dass es großstädtisch ist. Es ist nicht ungewöhnlich, weil es hier unterschiedliche Familienkonstellationen gibt. 

Ich hatte mal den Eindruck in der Kita, dass mir die Erzieherinnen meinten erklären zu müssen, wie Erziehung geht - eben weil wir zwei Papas waren. Aber das war nur so ein Gefühl. Für die Kindern in der Schule ist es eher ein Problem. Dennis hat einen Kumpel und der darf nicht zu uns nach Hause kommen. Sein Vater verbietet es, weil wir zwei Männer sind. Wir haben noch nie Kontakt mit ihm gehabt, der kennt uns überhaupt nicht. Das ist natürlich bitter, vor allem für Dennis. Für ihn ist ja alles normal und dann kriegt er doch so einen vor den Bug. 

So sind sie Eltern geworden 

Bei mir war schon immer ein Kinderwunsch da. Und dann haben wir irgendwann zwischen 2011 und 2012 beim Jugendamt angerufen. Da waren wir beide schon um die 40 und dachten: Na ja, entweder machen wir das jetzt oder wir lassen es bleiben. Und dann haben wir es gemacht. Die Beratung war dann super positiv.

Eine Adoption war uns nicht so wichtig, das wäre auch sehr schwierig geworden. Außerdem war es uns nicht so wichtig, dass die Kinder unseren Namen tragen. Wir wollten ihnen ein Zuhause bieten. Ein Kind, das man kennenlernt und lieben lernt, ist wie das eigene.

Ärger mit den Ämtern oder läuft alles? 

Ich hatte vorher diese Bedenken: Wie wird das Jugendamt reagieren, wenn wir als zwei Männer ankommen? Aber das war so offen und freundlich und die haben irgendwann sogar dafür geworben, gleichgeschlechtliche Pflegeeltern für die Pflegesituation zu gewinnen. Das heißt, bezüglich Pflege haben wir immer wieder mit dem Jugendamt zu tun und das klappt super.

Für Anna haben wir das Sorgerecht und auch das war kein Problem. Es ist von den Ämtern inzwischen auch gewollt, dass Vollzeitpflegeeltern nach einer gewissen Zeit das Sorgerecht übernehmen, wenn es über die Herkunftseltern nicht anders machbar ist."

 Tess: So langsam tut sich etwas in der Gesellschaft

Tess und Jill aus Idstein
Jill und Tess aus Idstein mit ihren Babys Bild © Monika Bork

Tess W. ist 33 Jahre alt und mit der 31-jährigen Jill verheiratet. Die Frauen leben mit ihren zwei Söhnen Louie, ein Jahr alt, und dem erst kürzlich geborenen Mio in Idstein. Mio ist Jills leibliches Kind, Louie ist das leibliche Kind von Tess. Beide Kinder sind dank des gleichen Samenspenders gezeugt worden. Tess berichtet:

Das Leben als Regenbogenfamilie 

"Ich glaube, wir werden oft nicht als Familie wahrgenommen, sondern dass wir zwei Freundinnen sind. Beim Spazieren werden wir oft gefragt, wer denn die Mutter ist. Dann sagen wir: beide. Und dann kommen komische Blicke oder Sätze wie: "Aber wer ist denn die richtige Mutter?". Auf Instagram haben wir paar Mal Kommentare bekommen wie: "Eklig, das arme Kind."

Ansonsten bekommen wir im Alltag tatsächlich auch aus den engeren Kreisen Sprüche ab, wie: "Denkt ihr, Louie weiß jetzt, ob er bei seiner richtigen Mutter ist oder wer seine richtige Mutter ist?" Die Leute haben wirklich sehr oft das Gefühl, ein Gespräch führen zu müssen, obwohl das nicht nötig ist. Es wird oft nicht so richtig nachgedacht.  

Das war auch bei Mios Geburt so. Da lag Jill noch im Kreißsaal und wurde genäht und ich war die ganze Zeit dabei und die Krankenschwester fragte dann: "Wer sind Sie jetzt, was machen Sie hier?". Ich wurde kein einziges Mal eingebunden, ich wurde nicht gefragt, ob ich Mio mal halten möchte. Ich wurde ignoriert.

Aber ansonsten müssen wir sagen, dass wir echt Glück haben. Wir haben auch schon einige positive Erfahrungen gemacht. So langsam tut sich etwas in der Gesellschaft.    

So sind sie Eltern geworden 

Als wir zusammenkamen, haben wir ziemlich schnell geklärt, dass wir Kinder haben wollen. Wir sind uns auch relativ schnell einig geworden, dass wir jemanden fragen wollen, den wir kennen, der für uns als Samenspender in Frage kommt. Wir wollten jemanden, der für die Kinder Ansprechpartner sein möchte.

Und dann haben wir einen guten Freund gefragt, der schon etwas älter, alleinstehend und kinderlos ist. Und ein halbes Jahr später haben wir dann mit der Bechermethode begonnen. Das heißt, er hat uns seinen Samen in einem Becher gegeben und wir haben dann mit einer Spritze Louie gezeugt. Kurz nach seiner Geburt haben wir dann beschlossen, dass auch Jill ein Kind bekommen soll und nach vier Versuchen wurde sie dann mit Mio schwanger.  

Ärger mit den Ämtern oder läuft alles? 

Eigentlich lief es mit den Ämtern relativ problemlos. Nach acht Monaten konnte Jill Louie adoptieren. Davor hatte der Vater seine Rechte abgetreten. Jill musste verschiedene Unterlagen einreichen. Darin musste dann etwa stehen, dass sie keine Suchtkrankheiten hat. Sie musste ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und wir unsere Gehaltsnachweise – also das ist auch schon ein bisschen frech.

Das sind private Informationen, die das Jugendamt überhaupt nichts angehen. Es war dann auch eine Sozialarbeiterin bei uns, die mit dem Spender telefonieren wollte. Sie war zwar super freundlich, aber es war trotzdem eine komische Situation. Am Ende der Adoption hatte die Richterin noch so einen Kommentar gebracht, ob Jill denn klar sei, dass das Kind im Falle einer Trennung immer noch ihres sei. Das fanden wir total unangemessen."

Weitere Informationen

15.000 queere Paare mit Kindern

Im Jahre 2019 lebten laut Mikrozensus in Deutschland 15.000 gleichgeschlechtliche Paare mit Kind(ern) zusammen. Insgesamt lebten so 22.000 Kinder mit einem gleichgeschlechtlichen Elternpaar zusammen. Für Hessen liegen keine Zahlen vor.

Ende der weiteren Informationen

Chris aus Frankfurt: Probleme gab es vor allem mit Behörden

Martin und Chris
Martin (li.) und Chris mit ihrem Sohn Bild © privat

Chris S. ist 38 Jahre alt und mit Martin, 49 Jahre alt, verheiratet. Beide leben in Frankfurt und haben einen dreijährigen Sohn, den eine gemeinsame Freundin zur Welt brachte. Chris berichtet:

Das Leben als Regenbogenfamilie 

"Grundsätzlich haben wir keine Probleme mit der Akzeptanz, als Familie aufzutreten. Wir haben eine super aufgeschlossene Nachbarschaft, auch schon bevor wir unser Kind hatten. Wir haben in unserem gesamten Leben nur etwa zwei Negativerlebnisse gehabt.

Ich glaube, vielen Menschen, gerade heterosexuelle Menschen, fällt unsere Familie gar nicht auf. Wenn sie nicht mit der Nase darauf gestoßen werden, dass unser Sohn zu uns Papa und Papi sagt, dann kriegen sie gar nicht mit, dass wir beide die Eltern von dem Kleinen sind. Wir können ja auch einfach der Vater und der Freund des Vaters sein, die gerade gemeinsam Eis essen sind.

Aber sowohl auf der Arbeit als auch in der Kita sind alle super aufgeschlossen. Wir haben uns mehr Sorgen gemacht, als wir dann am Ende tatsächlich hatten. Es sind nur diese ganzen bürokratischen Fallen, in die wir reingefallen sind. Da mussten wir am Ende etwas kämpfen.  

So sind sie Eltern geworden 

Wir haben ein Kind zusammen mit einer Freundin von uns. Allerdings ist das mittlerweile unser beider Sohn. Wir haben ihn adoptiert. 

Ich habe die Elternschaft von Anfang an übernommen, ich stand als Vater also in der Geburtsurkunde. Die Mutter musste das Sorgerecht komplett auf mich übertragen. Das hat auch ganz schnell funktioniert. Ich glaube, innerhalb von drei bis vier Monaten war das auch gerichtlich durch. Während der Pandemie mussten wir zum Jugendamt. Es hat dann etwa eineinhalb Jahre gedauert, bis die Geburtsurkunde soweit angepasst war, dass Martin mit drauf stand.

Ärger mit den Ämtern oder läuft alles? 

Wenn wir Probleme gehabt haben, dann war das tatsächlich mit Behörden und Ämtern, die ganz einfach ihr eigenes Handwerk nicht beherrscht haben. Wir haben zum Beispiel beide Elternzeit genommen, aber damals war Martin 'nur' mein Ehemann und noch nicht der anerkannte Vater und dann wollte ihm das Jugendamt kein Elterngeld ausbezahlen.

Wir mussten dem Amt dann seine eigenen Gesetzestexte und Infobroschüren in die E-Mails reinkopieren, damit sie mal nachlesen, wie das überhaupt funktioniert. Das war tatsächlich schon grotesk. Die Probleme, die wir auf den Ortsämtern und Bürgerämtern mit dem Elterngeld hatten - das war echt nicht schön.  

Es gab aber auch viele hilfsbereite und gute Leute. Die Standesbeamten waren richtig gut. Die Jugendämter waren auch richtig gut, da kann ich mich echt nicht beschweren. Auch der Familienrichter, der war Bombe. Vor dem Familiengerichtstermin für die Adoption hatten wir am meisten Angst gehabt. Das war aber wirklich das kleinste Übel."

Quelle: hessenschau.de