Ein Plakat der documenta in einem Plakatständer vor den Säulen des Museums Fridericianum.

Nach neuer Antisemitismus-Kritik gegen die documenta 15 in Kassel fordert die FDP einen vorläufigen Stopp der Kunstschau. Vertreter jüdischer Einrichtungen reagierten empört auf die aufgetauchten Zeichnungen.

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Wieder antisemitische Werke auf der documenta

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Nach der jüngsten Antisemitismus-Kritik an der documenta hat die FDP die sofortige Unterbrechung der Weltkunstschau in Kassel gefordert. "Die neuerlichen Antisemitismus-Vorwürfe offenbaren einen Abgrund", sagte der Generalsekretär der FDP im Bund, Bijan Djir-Sarai, am Donnerstag. Die Vorfälle müssten zunächst aufgeklärt und die Ausstellung umfänglich auf weitere antisemitische Werke und Inhalte überprüft werden, bevor die documenta weitere finanzielle Mittel aus dem Bundeshaushalt erhalte und Besucherinnen und Besucher empfange.

Am Mittwoch waren weitere als antisemitisch-kritisierte Zeichnungen von einer Besucherin der documenta entdeckt worden. Zunächst hatte die Jüdische Allgemeine darüber berichtet.

Helge Lindh, kulturpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, forderte ebenfalls "eine umfassende Sichtung und Begutachtung des Gesamtbestands an Kunstwerken auf antisemitische Motivik durch externe deutsche und internationale Experten". Ein solches Screening lehnt die documenta bisher ab.

Meron Mendel: "Ich bin fassungslos"

Der Antisemitismus werde von der documenta-Leitung "nicht ernst genommen, vielleicht sogar toleriert", kritisierte die in der Grünen-Bundestagsfraktion für Antisemitismusbekämpfung zuständige Marlene Schönberger. Die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Dorothee Bär, sagte: "Menschenverachtenden Antisemitismus unter dem Etikett der Kunstfreiheit verstecken zu wollen, ist nicht hinnehmbar."

Der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, ist nach eigenen Worten "fassungslos" über den neuerlichen Eklat. "Während unser pädagogisches Team am Infostand auf dem Friedrichsplatz über antisemitische Bildsprache aufklärt, werden erneut übelste antisemitische Karikaturen bekannt, auf die die künstlerische Leitung der documenta 15 und Frau Schormann aber offenbar schon vor Wochen von einer Besucherin hingewiesen worden waren", sagte Mendel.

Documenta weist die Vorwürfe zurück

Die documenta wies die Vorwürfe nach Bekanntwerden zurück. Das historische Archivmaterial sei tatsächlich nach einem Hinweis vor rund drei Wochen vorübergehend aus der Ausstellung genommen worden, um es eingehender zu betrachten. "Nach der Untersuchung gibt es zwar eine klare Bezugnahme auf den israelisch-palästinensischen Konflikt, aber keine Bebilderung von Juden 'als solchen'", hieß es in einer Stellungnahme. Das Werk sei als strafrechtlich nicht relevant eingestuft worden.

Meron Mendel war nach eigenen Angaben als offizieller Berater der documenta 15 nicht zu den Zeichnungen gefragt worden, obwohl er in Kassel als Experte eingesetzt war. Unter anderem wegen mangelnder Kommunikation mit der damaligen documenta-Direktorin Sabine Schormann hatte der Wissenschaftler seine Beratertätigkeit beendet.

Im Zuge der neuen Funde stellte Mendel erneut die Haltung des Kuratoren-Kollektivs Ruangrupa in Frage. "Dass die Künstlerische Leitung nun das Werk lediglich kontextualisieren will, statt den Rat des neuen Expertengremiums abzuwarten, das morgen seine Arbeit antritt, zeugt nicht davon, dass Ruangrupa Expertenmeinungen zu Antisemitismus wirklich ernst nimmt und respektiert". Er appellierte an die künstlerische Leitung, die Bilder aus der Ausstellung zu nehmen und mit dem neuen Expertengremium zu besprechen.

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Versteckt, aber auffindbar: Antisemitische Zeichnungen auf der documenta

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Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, erhob Vorwürfe gegen die neue documenta-Leitung, die vor zehn Tagen eingesetzt worden war. Seit Wochen diskutiere das Land über Antisemitismus, die anti-israelische Boykottbewegung BDS und Israelhass. "Die Leitung der documenta tut weiter so, als ginge sie das nichts an. Offensichtlich ist es unerheblich, wer dort die Geschäftsführung inne hat", erklärte er laut Mitteilung am Donnerstag. "Dass diese documenta wirklich bis zum 25. September laufen kann, erscheint kaum mehr vorstellbar."

Gesellschafter fordern Kontextualisierung

Die Gesellschafter der documenta in Kassel, das Land Hessen und die Stadt Kassel, forderten am Donnerstag, die diskutierten Zeichnungen "bis zu einer angemessenen Kontextualisierung" aus der Ausstellung zu nehmen. "Der Umgang mit den Zeichnungen zeigt, wie dringend notwendig die externe Expertise bei der Analyse von Werken auf antisemitische (Bild-)Sprache ist", teilten sie über die documenta und Museum Fridericianum gGmbH am Donnerstag mit. Unterstützt werden sie dabei von Kulturstaatsministerin Claudia Roth. "Es ist gut und richtig, dass die Gesellschafter der documenta die künstlerische Leitung jetzt aufgefordert haben, diese Zeichnungen aus der Ausstellung zu nehmen", sagte die Grünen-Politikerin am Donnerstag in Berlin.

Die Gesellschafter haben nach eignen Angaben von den kritisierten Darstellungen erstmals am Dienstagabend über die Sozialen Netzwerke erfahren. "Die Frage, ob hier antisemitische Bildsprache vorliegt, wurde leider lediglich intern bewertet. Es wurde versäumt eine geeignete Kontextualisierung vorzunehmen und die Besucherin über das Ergebnis der Klärung zu informieren", monierten Stadt und Land.

Alexander Farenholtz steht in Kassel vor dem Fridericianum

Der neue documenta-Chef, Alexander Farenholtz, sagte dem hr am Dienstag, bevor die neuen antisemitischen Zeichnungen der Öffentlichkeit bekannt wurden, er setze große Hoffnung in das von den Gesellschaftern der documenta eingesetzte Expertengremium. "Das Thema Antisemitismus landet da, wo die politische Verantwortung auch über einen Zeitraum von hundert Tagen hinaus liegt, und da gehört sie hin." Das sei eine "gewaltige Entlastung, auch für die documenta als Ausstellungsprojekt".

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