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Wissenschaftlicher documenta-Beirat ernannt

Die Gesellschafter der documenta haben wegen der Antisemitismus-Vorwürfe einen Expertenrat benannt. Er soll die Weltkunstschau in Kassel bei der Aufarbeitung problematischer Werke beraten. Kulturstaatsministerin Roth nannte den Schritt überfällig.

Die Gesellschafter der documenta haben ein Expertengremium zur Aufarbeitung der antisemitischen Vorfälle bei der Kunstausstellung benannt. Sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen sollen die Weltkunstschau in den kommenden Monaten begleiten. Das teilten die Gesellschafter der Schau, die Stadt Kassel und das Land Hessen am Montag mit.

"Wir erwarten, dass unter Berücksichtigung der grundrechtlich geschützten Kunstfreiheit Hinweisen auf mögliche antisemitische Bildsprache und Beförderung von israel-bezogenem Antisemitismus nachgegangen wird", betonte der Aufsichtsratsvorsitzende, Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD).

Den Vorsitz des Gremiums übernimmt demnach Nicole Deitelhoff, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) und geschäftsführende Sprecherin des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ).

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Diese Experten gehören zum Gremium

  • Nicole Deitelhoff (Vorsitz), Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungspolitik an der Goethe-Universität Frankfurt, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des HSFK und Sprecherin des FGZ
  • Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
  • Julia Bernstein, Professorin für Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft an der Frankfurt University of Applied Sciences
  • Marina Chernivsky, Chefin der Berliner Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt OFEK
  • Peter Jelavich, Geschichts-Professor an der Johns Hopkins University im US-amerikanischen Maryland
  • Christoph Möllers, Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin
  • Facil Tesfaye, Juniorprofessor an der School of Modern Languages and Cultures, Universität Hong Kong
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Aufsichtsrat: "Künstlerische Freiheit ist gewahrt"

Zum Gremium gehören laut Mitteilung Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler "mit herausragender wissenschaftlicher Expertise" in den Bereichen Antisemitismus, Perspektiven aus globalen Kontexten und Postkolonialismus, Kunst sowie Verfassungsrecht.

Sie sollen aufarbeiten, wie es zu den antisemitischen Vorfällen kommen konnte und Empfehlungen entwickeln, wie im Rahmen der laufenden Ausstellung und darüber hinaus damit umgegangen werden kann. Außerdem sollen sie bei der Analyse als antisemitisch identifizierter Werke und möglicher weiterer problematischer Bildsprache beraten.

Die Gesellschafter der documenta versicherten, die künstlerische Freiheit werde durch den Einsatz des Gremiums nicht gefährdet. Die kuratorische Verantwortung sei und bleibe explizite Aufgabe der künstlerischen Leitung Ruangrupa.

Gremium will jüdische Perspektive stärker einbinden

In einer gemeinsamen Erklärung kündigte der Expertenrat an, jüdische Perspektiven bei der Aufarbeitung der Vorgänge stärker einzubinden. Die Ausstellung von Exponaten mit antisemitischer Bildsprache in der documenta werfe nicht nur die Frage nach den Grenzen von Kunst- und Meinungsfreiheit auf, sondern betreffe viele Menschen ganz konkret. Dies sei in den öffentlichen Stellungnahmen der documenta bisher aber kaum berücksichtigt worden.

Zudem kritisierte das Gremium den Umgang der documenta-Geschäftsführung mit antisemitischer Kunst. "Die von ihr vertretene Position, dass weder weitere Kunstwerke aufgrund antisemitischer Inhalte entfernt werden müssten noch eine systematische Prüfung der Werke notwendig sei, widersprechen einem fachlichen und ergebnisoffenen Dialog", hieß es in der Mitteilung. Man behalte sich das Recht vor, eigene Einschätzungen in diesen Fragen zu formulieren.

Der neue Geschäftsführer der documenta, Alexander Farenholtz, hatte sich zuletzt gegen ein Screening aller Werke ausgesprochen.

Roth: Expertengremium ist überfällig

Kulturstaatsministerin Claudia Roth begrüßte die Einberufung des Expertenrats. "Eine solche breit aufgestellte fachwissenschaftliche Begleitung dieser Kunstausstellung ist notwendig und überfällig", sagte die Grünen-Politikerin am Montag in Berlin.

Wichtig sei, dass das Gremium auch die Abläufe und Strukturen der documenta in den Blick nehme und Rat in Bezug auf mögliche antisemitische Bildsprache bei Ausstellungsobjekten gebe. Diese Expertise dürfe auch nicht folgenlos bleiben, sagte sie in Richtung der documenta-Leitung.

Weitere Sachverständige können Expertenrat ergänzen

Die documenta-Gesellschafter gaben an, neben den sieben benannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern könnten auch weitere Sachverständige hinzugezogen werden, etwa Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Gegenüber dem hr bestätigte Mendel, an der Suche und Auswahl der sieben Mitglieder des Expertenrats mitgewirkt zu haben. Mehr wolle er derzeit für die documenta aber nicht tun.

Mendel stand den Organisatoren der documenta Ende Juni schon einmal als externer Berater zur Verfügung. Nach nicht einmal zwei Wochen trat er von dieser Funktion aber wieder zurück und kritisierte das Verhalten der damaligen documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann: Sie habe keine geeigneten Schritte unternommen, um den Antisemitismus-Eklat aufzuarbeiten.

Seit Monaten Antisemitismus-Vorwürfe

Die documenta, die zu den wichtigsten Kunstausstellungen der Welt gehört, wird seit Monaten von Antisemitismus-Vorwürfen überschattet. Bereits im Januar waren erste Stimmen laut geworden, die dem indonesischen Kuratoren-Kollektiv Ruangrupa und einigen eingeladenen Künstlern eine Nähe zur anti-israelischen Boykottbewegung BDS vorwarfen. Kurz nach Eröffnung der Ausstellung Mitte Juni war ein Banner mit judenfeindlichen Motiven entdeckt und abgebaut worden. Vergangene Woche tauchten neue Werke auf, die für scharfe Kritik sorgten.

Der Aufsichtsrat um den Vorsitzenden Geselle und seine Stellvertreterin, Hessens Kunstministerin Angela Dorn (Grüne), hatten Mitte Juli verschiedene Maßnahmen zur Aufarbeitung beschlossen, darunter die Einsetzung einer fachwissenschaftlichen Begleitung.

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