Bildkombination aus zwei Fotos: links eine Ausgrabungsstätte und rechts eine Frau, die eine gefundene Tonscherbe vor ihr Gesicht hält und in die Kamera lacht.

Scherben, Latrinen, Obstkerne: In Frankfurt geht die Ausgrabung einer römischen Siedlung zu Ende. Neben Thermen und Gebäuden haben die Archäologen viele Alltagsgegenstände ausgegraben - und die Erkenntnis gewonnen: Nida war eine Metropole - wie heute Frankfurt.

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Römer-Siedlung Nida in Frankfurt war eine Metropole

Frau auf Baustelle
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Die Römer sind unter uns! Genauer gesagt unter dem Frankfurter Stadtteil Heddernheim. Während zwei Jahren Grabung haben Archäologen nicht nur besondere Funde geborgen, sondern sind sich jetzt sicher: Die römische Siedlung Nida war für die Römer das, was Frankfurt heute für Deutschland ist. Eine florierende Stadt mit lebendiger Kultur, regem Handel und einem Hauch von Luxus.

Archäologen machen interessante Funde

Gegenüber einer Grundschule, mitten im Wohngebiet des Frankfurter Stadtteils Heddernheim, wurden seit September 2021 fast zwei Jahre lang 3.500 Quadratmeter systematisch und akribisch untersucht. Was die Archäologen dort gefunden haben, kann sich sehen lassen: Eine römische Fußbodenheizung, sieben Töpferöfen, eine städtische Latrine, Fundamente von Häusern, einen Brunnen und rund zehn Tonnen Fundstücke.

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Der Griff ins Klo lohnt sich für Archäologen

Besonders die Latrine und der Brunnen seien für Wissenschaftler wahre Glücksgriffe. "Was da reinfällt, bleibt meistens drin", sagt Grabungsleiter Rolf Skrypzak. Und weil sie gerne auch als Müllschächte verwendet wurden und der Boden weich war, haben Skrypzak und sein Team viele Dinge gefunden, die sonst die Zeit nicht überlebt hätten: Intakte und zerbrochene Keramikgefäße, Trinkbecher, Münzen, Holz und Leder.

Dass besonders viele Trinkbecher dort gelandet sind, könne ein Hinweis auf die Lage innerhalb der Siedlung sein, meint der Grabungsleiter. Möglich, dass das öffentliche römische Klo direkt neben einem Gastronomiebetrieb gebaut war.

Römer brachten das Obst mit nach Nida

Auch Kerne von Kirschen, Trauben und Gurken konnten die Wissenschaftler bei den Grabungen in Frankfurt aus dem Boden holen. Das sei deshalb bedeutend, weil die meisten Obstsorten, die wir heute kennen, von den Römern mitgebracht worden seien. Vor der römischen Besatzung gab es in Hessen keine Walnuss, keine Pfirsiche, Mirabellen oder Oliven. "Und dann ist es natürlich durchaus spannend, die nachzuweisen."

Eine Kiste mit Scherben und eine Schubkarre stehen im Ausgrabungsareal.

Die römische Wegwerf-Gesellschaft

Auch die enorme Menge an Keramikscherben, die auf dem Areal gefunden wurde, lasse Schlüsse auf den Alltag in der römischen Siedlung Nida zu, meint Skrypzak. "Die Römer waren eine Wegwerfgesellschaft wie wir, Keramikgefäße haben in den römischen Provinzen den Stellenwert einer PET-Flasche."

In der Römersiedlung sei Gebrauchskeramik massenweise hergestellt worden. Davon zeugten die sieben Töpferöfen auf dem Grabungsgelände. Diese sind nach Angaben des Grabungsleiters ungewöhnlich gut erhalten. Sie wurden unterirdisch befeuert und die Hitze dann durch Schachtsysteme zu den geschlossenen Öfen geleitet - im Prinzip das gleiche System wie bei der römischen Fußbodenheizung, die man auch auf dem Gelände gefunden hat.

Sonntagsgeschirr – importierte und regionale Luxusware

Aber auch "das gute Geschirr" hat das Grabungsteam in Heddernheim gefunden, die sogenannte Terra Sigillata. "Das ist eine sehr schöne, hochglänzende rote Ware, für die es nur wenige Produktionszentren gibt", so Skrypzak. Dieses römische Sonntagsgeschirr käme aus Frankreich oder dem Rheinland.

Eine weitere Besonderheit seien die "Trierer Spruchbecher". "Das sind unglaublich fein gearbeitete Keramikgefäße, die wie mit einer kleinen Tortenspritze winzige weiße Punkte aufgesetzt bekommen haben, und Trinksprüche." Auch Wetterauer Ware, die in Nied produziert wurde, habe eine hohe Qualität: fein marmoriert, dünnwandig und bemalt mit Ornamenten und Figuren in orange-roter Farbe.

Grabungen schon seit den 1920er-Jahren

Die Grabung in Heddernheim ist nicht die erste in diesem Frankfurter Stadtteil. Schon in den 1920er-Jahren haben Archäologen Spuren von Römern dort gefunden und auch in den 1960er-Jahren haben Wissenschaftler und Laien in Heddernheim im Boden gegraben.

Dabei kamen zum Beispiel mehrere Mithras-Kultstätten zum Vorschein. Und nach und nach auch eine Ahnung, wie groß das von Römern besiedelte Areal war und wie es sich entwickelt hat. "Also zunächst war es natürlich ein kleines Lagerdorf an einem Militärlager", sagt die Amtsleiterin des Frankfurter Denkmalamts, Andrea Hampel. Das sei bis ins dritte Jahrhundert immer weiter ausgebaut worden, bis hin zu einer Hauptstadt in der Region. "Man muss sich das in der Bedeutung vorstellen, wie das, was Frankfurt für das Rhein-Main-Gebiet ist." Ein herausragendes Zentrum für die gesamte Umgebung.

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Die Römer sind unter uns!

Grabungsleiter Rolf Skrypzak
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Römersiedlung größer als gedacht

Auch die aktuelle Nida-Grabung hat neue Erkenntnisse gebracht. "Die Stadt zieht sich von Heddernheim bis nach Praunheim hinein", sagt Amtsleiterin Hampel. "Die römische Stadt ist also größer, als man gedacht hat." Auf etwa 40 Hektar hatten die Römer demnach ihre Hauptstadt der "Civitas Taunensium" ausgebreitet und ihre Siedlung Nida mit Thermen, Heiligtümern, riesigen Gebäuden, öffentlichen Plätzen und Schänken bestückt.

Neueste Funde werden katalogisiert und eingelagert

Die Expertin ist sich sicher, dass spätestens wenn in Heddernheim wieder irgendwo gebaut werden wird, eine neue Grabung noch andere Geheimnisse zu Tage fördert. "Aller Wahrscheinlichkeit nach wird auch irgendwo noch ein entsprechendes Theater kommen."

Jetzt werden aber erstmal die zehn Tonnen Fundmaterial gereinigt und katalogisiert, die Bodenfunde digitalisiert und beschrieben, Scherben zu Gefäßen zusammengepuzzelt und dann alles im Archiv des archäologischen Museums eingelagert. Und alle Erkenntnisse aus dieser Grabung werden dann in einem wissenschaftlichen Buch zusammengefasst.

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