Kulturinitiative "Zusammenspiel" Im Theater finden Geflüchtete und Einheimische zusammen

Deutsch lernen ohne Druck, gemeinsam Projekte erarbeiten: Die Kulturinitiative "Zusammenspiel" aus Friedberg verbindet Menschen, die sich sonst nur selten begegnen würden. Die Teilnehmenden sind mit viel Liebe dabei, wie sie erzählen.

Projektkoordinator des Preises und eine Teilnehmerin vor eingefärbter Theatertruppe
Alan Twitchell, Koordinator von "Zusammenspiel" und die aus dem Iran geflüchtete Asemaneh Rabiei. Bild © Sonja Fouraté / hr
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Asemaneh Rabiei hat sich gewissenhaft vorbereitet. Zwei DIN A4-Seiten hat sie fein säuberlich vollgeschrieben für ihren Vortrag. Für die Social-Media-Gruppe des Friedberger Projekts "Zusammenspiel" will die iranische Geflüchtete eine Anekdote aus ihrer Kindheit erzählen: Wie sie als Schülerin einmal in einer Prüfung eingeschlafen ist. Dann will die Gruppe besprechen, wie diese Anekdote für Facebook oder Instagram aufbereitet werden kann.

Die Social-Media-Gruppe ist einer von vier Bausteinen des Projekts, das gerade den Hessischen Integrationspreis gewonnen hat. Das Projekt des Internationalen Bundes (IB) Wetterau will zugewanderte Menschen und Einheimische verbinden: Geflüchtete sollen nebenbei, ohne Leistungsdruck, Deutsch lernen können. Einheimische sollen andere Kulturen als Bereicherung erleben.

"Werkstätten laufen auch eigenständig"

Dafür bietet der IB mittwochs die Workshops "Kreatives Schreiben" und "Textilwerkstatt" an, donnerstags "Soziale Medien/Veranstaltungstechnik" und "Darstellendes Spiel". Asemaneh Rabiei sagt, sie habe hier ihre beste Zeit in der Woche: "Ich nehme an diesem Kurs mit Liebe teil, weil wir völlige Meinungsfreiheit haben. Jede Meinung, jeden Vorschlag und jede Idee dürfen wir präsentieren." Das mache Spaß und motiviere sie auch, ihre eigenen Aktivitäten auf Instagram fortzusetzen.

Ursprünglich sollten alle vier Werkstätten von "Zusammenspiel" zusammenlaufen und auf eine Theateraufführung hinarbeiten. Das habe sich aber nicht durchhalten lassen, erklärt Lisa Jaschinski, beim IB Bereichsleiterin für berufliche Bildung, soziale Arbeit und Migration. Die Fluktuation sei zu groß gewesen. Immer wieder seien Teilnehmende weggezogen, einige hätten keine Aufenthaltserlaubnis bekommen. "Deswegen laufen alle Werkstätten nun auch eigenständig", sagt Jaschinski.

"Menschen, die sich sonst nur selten begegnen"

Momentan nehmen insgesamt rund 60 Menschen an dem Projekt teil, vom Teenager bis zur Rentnerin - "Menschen, die sich sonst nur selten begegnen", wie der künstlerische Leiter des Projekts, Alan Twitchell betont. Die Menschen kommen aus der Ukraine, dem Iran, Afghanistan, Syrien, der Türkei, aus afrikanischen Ländern und aus Deutschland.

In der Soziale-Medien-Werkstatt sind sie an diesem Donnerstag zu fünft, neben Asemaneh Rabiei sitzen vier junge Afghanen. Sie alle sind um die 20, seit etwa einem Jahr in Deutschland und betonen, wie viel leichter es ihnen falle, in diesem ungezwungenen Setting Deutsch zu lernen.

"Begegnung viel intensiver statt"

Für Alan Twitchell bringt dieses ungezwungene, künstlerische Setting nur Vorteile: "Ich bin total davon überzeugt, dass hier die Begegnung noch einmal viel intensiver stattfindet als außerhalb", erklärt er. "Man arbeitet zusammen an etwas, man löst gemeinsam Probleme, überwindet etwas, und das Vertrauen, das dadurch entsteht, vertieft die Begegnung."

Lisa Jaschinski möchte, dass sich die Teilnehmenden darüber hinaus als Bereicherung empfinden und nach teils traumatischen Fluchterfahrungen Selbstbewusstsein tanken, "dass sie sich als selbstwirksam kennenlernen und merken, dass sie wichtig sind, wenn sie sich einbringen."

Behörden und Mobilität setzen Grenzen

All das habe aber leider Grenzen, sagt Alan Twitchell, doch die lägen außerhalb: "Wenn die Teilnehmenden in dem Projekt Probleme mit ihrer Aufenthaltserlaubnis bekommen, mit ihrem Bleiberecht, und deswegen keine Zeit mehr haben, um zu uns zu kommen." Auch Mobilität sei ein Thema: "Zu Zeiten des 9-Euro-Tickets hatten wir hier Menschen aus Nidda, Büdingen oder Ortenberg, die können jetzt nicht mehr kommen."

Von anderen Sorgen kann "Zusammenspiel" zumindest ablenken. Asemaneh Rabiei ist mit ihren Gedanken derzeit oft im Iran, wo die Proteste gegen das Regime gewaltsam niedergeschlagen werden: "Ich bin oft unglücklich über die Situation meiner Landsleute, unserer Kinder und meiner Familie", sagt sie.

Weitere Informationen

Das ist "Zusammenspiel"

"Zusammenspiel" wird gefördert aus dem "Bundesprogramm Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Vor Ort. Vernetzt. Verbunden" und läuft bis mindestens Ende 2024. Interessierte erhalten weitere Informationen bei Alan Twitchell (E-Mail an alan.mark.twitchell@ib.de oder unter Telefon 01 51/44 23 72 94).

Textilwerkstatt: Unter Anleitung einer professionellen Schneiderin lernen Teilnehmende den Umgang mit der Nähmaschine. Wann? Mittwochs 17-19.30 Uhr in der Bismarckstraße 2 in Friedberg.

Kreatives Schreiben: Der Frankfurter Künstler und Rapper Rushy Rush leitet die Schreibwerkstatt. Mittwochs 17.30-19.30 Uhr in der Bismarckstraße 2.

Soziale Medien und Veranstaltungstechnik: Hier entsteht ein Social-Media-Account, der zwar das Projekt "Zusammenspiel" begleitet, aber sich dabei auch als eigenes Medienkunstprojekt versteht. Donnerstags 17.30-19 Uhr in der Bismarckstraße 2.

Darstellendes Spiel: Die Performerin Daniela Christ und der Dramaturg Alan Twitchell erarbeiten szenisches Material. Donnerstags 18.30 bis 20 Uhr im Kulturzentrum Junity.

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Sendung: hr2, 17.11.2022, 16.12 Uhr

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Quelle: hessenschau.de