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Julia Kröhn schreibt Romane über Buchhändlerinnen der Nachkriegszeit

Collage aus einem Portrait von Julia Kröhn, dem Cover ihres Buches mit dem Titel "Die Gedanken sind frei" und Farbflächen

Bücherverkaufen ist Männersache - das galt in der Buchbranche lange als Gesetz. Wann sich das änderte und wie der Buchhandel zur Frauendomäne werden konnte, erzählt die Frankfurter Autorin Julia Kröhn in ihren Romanen. Die Entnazifizierung spielte eine Rolle - und eine zuerst unterschätzte Fertigkeit.

"Die Gedanken sind frei" heißt der Roman, der Julia Kröhn 2022 auf die Bestsellerlisten brachte, "Die Welt gehört uns" ist die Fortsetzung, die in diesem Jahr erschienen ist. Erzählt wird die Geschichte zweier Frankfurter Schwestern. Die ältere baut nach dem Zweiten Weltkrieg die Verlags-Buchhandlung des Vaters erfolgreich wieder auf, die jüngere stellt das Konzept in den turbulenten Jahren der Studentenrevolte infrage.

Es ist die Geschichte zweier starker Frauen in einer umkämpften Branche. Wie es kam, dass sich der Beruf der Buchhändlerin nach dem Krieg zu einer Frauendomäne entwickeln konnte, erzählt die Autorin in ihren Romanen - und im Gespräch mit Dagmar Fulle.

hessenschau.de: Ihr erster Roman "Die Gedanken sind frei" führt in das Frankfurt der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Protagonistin Ella will in Frankfurt die Buchhandlung ihrer Eltern wieder aufbauen, steht aber buchstäblich vor dem Nichts. Wie muss man sich die Situation vorstellen?

Julia Kröhn: Wir wissen natürlich, dass Deutschland in Trümmern lag und eigentlich alle Strukturen nicht funktioniert haben. Gerade Frankfurt hatte ja sehr, sehr schwere Bombardierungen hinter sich. Es gab kaum Elektrizität, kaum Gas, zu wenige Lebensmittel, zu wenig Kleidung. Es gab aber auch kaum mehr Bücher und auch keine Materialien mehr, um neue Bücher zu drucken.

In den Bombardierungen sind ganze Bibliotheken einfach verbrannt. Oder man hat das Papier auch zum Heizen verwendet. Oder, eine ganz skurrile Geschichte: Die Buchhandlungen in Frankfurt wurden in den ersten Nachkriegsjahren oft als öffentliche Toilette benutzt. Da sind wirklich Menschen eingebrochen und haben da ihr Geschäft erledigt, weil sie dachten, hier gibt es wenigstens Papier.

Also ich glaube, man muss sich immer wieder vor Augen halten, wie hart und entbehrungsreich das Leben damals war.

hessenschau.de: Heute gibt es sehr viele Frauen in der Branche. Ella stößt in der Nachkriegszeit aber noch auf viele Vorbehalte. In der Druckerei sagt man ihr sogar: Mit Frauen machen wir grundsätzlich keine Geschäfte. Wie haben Frauen diese einstige Männerdomäne geknackt?

Kröhn: Noch zum Ende des 19. Jahrhunderts waren Frauen und Buchhandel zwei Pole, die aus der Perspektive der Männer nicht zusammengehörten. Es gab damals erste Frauen, die in diese Branche vorgedrungen sind und die dann auch als Buchhändlerinnen arbeiten wollten. Da gab es ganz, ganz viel Gegenwind.

Es gab Vertreter vom Börsenverein, die zum Beispiel sagten, Frauen könnten vielleicht Wurst verkaufen, das wäre in Ordnung, aber doch keine Bücher. Da würde der weibliche Intellekt nicht ausreichen. Und dann fanden sie alle möglichen Gegenargumente. Zum Beispiel, dass ja mal ein Medizinstudent kommen und ein medizinisches Buch über den weiblichen Unterleib verlangen könnte. Und das wäre doch so einem jungen Fräulein nicht zuzumuten, oder?

Oder wenn ein anderer herkäme und die neuesten Pikanterie verlangen würde - das war damals der Begriff für erotische Literatur -,  dann wäre eine junge Frau ja komplett überfordert. Also man müsste sie irgendwie auch schützen vor dieser Gefahr, die die Bücherwelt mit sich bringt.

hessenschau.de: Was musste passieren, dass sich die Auffassung änderte?

Kröhn: Die Frauen waren sich nicht zu schade, Schreibmaschineschreiben zu lernen. Das war eine Tätigkeit, die bei Männern eher als verpönt galt. Dann wurde auch im Buchhandel vieles automatisiert und da war eine Kompetenz wie Maschinenschreiben einfach sehr, sehr wichtig. Nach und nach eroberten sich dadurch die Frauen auch ihren Platz im Buchhandel, vor allem im Sortiment.

Etwas schwieriger wird es, wenn wir auf weibliche Verleger schauen. Die muss man wirklich mit der Lupe suchen. Die Kompetenz, ein inhaltliches Programm auf die Beine zu stellen, wurde Ihnen auch ganz lange noch nicht zugetraut. Aber sie haben sich zumindest im Buchverkauf ihren Platz erobert.

hessenschau.de: Nach dem Zweiten Weltkrieg haben dann viele Frauen Männerdomänen besetzt, weil viele Männer gefallen oder in Kriegsgefangenschaft waren…

Kröhn: Ein wesentlicher Grund in der Buchbranche ist auch: Die amerikanischen Besatzer von Frankfurt haben im Buchhandel ein wichtiges Standbein gesehen, um ein demokratisches Deutschland zu erschaffen. Daher wollte man nur unbelastete Personen in diesen Berufsfeldern tätig werden lassen. Alle Mitglieder der NSDAP sind automatisch rausgeflogen oder bekamen keine neue Lizenz.

So waren es dann oft die Töchter oder die Schwestern von Buchhändlern, die für ihr Familienunternehmen eine Lizenz beantragen konnten. Sie konnten nachweisen, dass sie nie überzeugte Nazis waren. Und gleichzeitig hatten sie Ahnung von dem Geschäft und teilweise auch eine Ausbildung. Und so gab es dann plötzlich auch viele Buchhändlerinnen und für kurze Zeit auch Verlegerinnen.

hessenschau.de: Ihre Protagonistin Ella erlebt ein paar Jahre später schon wieder die nächste Krise, als die Währungsreform kommt. Und wieder heißt es: Jetzt geht es mit dem Buchmarkt bergab. Trotzdem übersteht ihr Geschäft auch diese Krise. Woher kommt diese unglaubliche Resilienz?

Kröhn: Ich kenne den Buchmarkt als Autorin jetzt schon sehr lange von innen. Eigentlich hat man das Gefühl, es ist immer irgendwie Krise und es kommt ständig eine neue Herausforderung. Wenn man das zum ersten Mal hört, denkt man sich: Um Gottes Willen, jetzt ist alles aus. Aber irgendwie geht es dann trotzdem immer weiter.

Ich glaube, das liegt daran, dass diese Bücher-Menschen, die in Buchhandlungen, Verlagen etc. arbeiten, einerseits ja ihre Tätigkeit selten nur als Beruf betrachten. Da steckt einfach sehr viel Leidenschaft dahinter. Auch der Glaube an die Macht der Bücher.

Zum anderen glaube ich auch, dass die Kreativität und auch die intellektuelle Leistung so groß ist, dass man sich immer wieder den neuen Herausforderungen anpassen und dadurch dann auch Hindernisse überwinden kann.

Das Gespräch führte Dagmar Fulle.

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