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Klimaprotest mit Kartoffelbrei

Verzweiflungstat oder Sachbeschädigung? Die Kunst-Attacken von Klima-Aktivisten der "Letzten Generation" polarisieren - und zwingen Museen zu strengeren Sicherheitsmaßnahmen. Ein Experte findet: Legitim sind die Aktionen dennoch.

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Wie hessische Museen auf Klimaproteste reagieren

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Kartoffelbrei auf einem Werk von Claude Monet, Tomatensoße und Erbsensuppe auf Gemälden von Vincent van Gogh - die Klima-Protestaktionen der Letzten Generation haben in den vergangenen Wochen heftige Kritik ausgelöst. Auch im Frankfurter Städel Museum wurde schon protestiert: Zwei Aktivisten klebten sich Ende August an die "Gewitterlandschaft mit Pyramus und Thisbe" von Nicolas Poussin.  

 Wie schützt man Kunst vor Sekundenkleber und Kartoffelbrei und präsentiert sie gleichzeitig den Besucherinnen und Besuchern? Für Museen bedeutet diese Frage ein Dilemma. "Wir müssen eine möglichst große Nähe zwischen Besuchern und Objekten herstellen", sagt der Direktor des Hessischen Landesmuseums in Darmstadt (HLMD), Martin Faass. Gleichzeitig habe man eine Situation, in der die Objekte "im Keller und im Depot am sichersten untergebracht wären".  

Mitglieder der letzten Generation haben sich im Städel an den Rahmen eines Gemäldes geklebt

Hessische Museen verstärken Sicherheitsmaßnahmen

Die Restaurierungsabteilung des HLMD hält nach eigener Aussage Materialien für Notfälle bereit. Besucherinnen und Besucher müssen zudem neuerdings alle Taschen in Garderobeschränken einschließen.

So weit möchte das Senckenberg Naturkundemuseum in Frankfurt noch nicht gehen. Man wolle Familien nicht verwehren, Verpflegung für sich und die Kinder in die Ausstellung mitzunehmen, sagt Museumsdirektorin Brigitte Franzen. Deshalb seien Taschen, Rucksäcke und Kinderwagen weiterhin erlaubt. Das Aufsichtspersonal schaue dafür umso genauer hin. Den Museumsbesuch sollen die Sicherheitsvorkehrungen aber nicht trüben, so Franzen.  

Auch das Städel verstärkte seine Sicherheitsvorkehrungen nach der Klebe-Aktion im Sommer. Man könne keine Details nennen, teilte das Museum gegenüber dem hr mit. Die Sicherheitsstandards entsprächen aber den höchsten internationalen Vorgaben.  

Aktivisten sehen politischen Handlungsbedarf  

In einem sind sich Faass vom HLMD und Senckenberg-Direktorin Franzen einig: Einen hundertprozentigen Schutz für Museen gebe es nicht. "Sie können nie für absolute Sicherheit sorgen", stellt Franzen fest. "Dann wären wir kein Museum mehr, sondern ein Archiv, bei dem man sich vorher anmelden muss und nur unter bestimmten Bedingungen hinein darf. Und das wollen wir glaube ich alle nicht." 

Ein Ende der Protestaktionen ist vorerst aber nicht in Sicht: Solange die Politik in der Klimakrise nicht tätig werde, würde man auch die Aktionen nicht stoppen, sagt Jakob Beyer von der Letzten Generation. Die Aktivisten haben zwei klare Forderungen an ein Ende ihrer Protestaktionen geknüpft, mit denen Millionen Tonnen CO2 eingespart werden sollen: Ein sofortiges Tempolimit von 100 Kilometern pro Stunde auf deutschen Autobahnen und die Wiedereinführung des 9-Euro-Tickets. Immerhin: Bund und Länder einigten sich am Donnerstag auf ein Nachfolge-Modell für Bus- und Bahnfahrer.   

Die Botschaft: Bald ist die Kunst nichts mehr wert

Auch Beyer hat sich aus Protest schon an ein Kunstwerk geklebt. Die Botschaft: Wenn wir uns in der Zukunft um Essen, Wasser und Energie streiten müssen, ist die Kunst auch nichts mehr wert. Die Aufregung über die Aktionen sollte sich seiner Meinung nach nicht gegen die Aktivisten, sondern gegen die Politik richten.

Zwei Aktivisten kleben am goldenen Rahmen des Raffael-Gemäldes Sixtinische Madonna in Dresden

"Wenn wir mal die Empörung darüber hätten, dass deutschlandweit Wälder brennen, dass Milliarden Menschenleben gefährdet sind und die Regierung nichts dagegen tut, sondern weiter auf fossile Energien setzt, obwohl Alternativen zur Verfügung stehen, dann wären wir schon einen deutlichen Schritt weiter", sagt der 29-Jährige.  

Museen wollen Plattform für Diskurs sein

Martin Faass vom HLMD findet es dennoch falsch, Kunst zum Gegenstand solcher Aktionen zu machen. "Gute Kunst ist immer Kritik und hat eine Perspektive auf Veränderung. Insofern ist Kunst eigentlich ein Partner für Protest." Das sieht auch Brigitte Franzen so. Museen seien eine Plattform für Diskussion. Sie hofft, dass man bald zu einer Gesprächskultur zurückfindet. Mit den Aktivisten von "Fridays for Future" habe es beispielsweise schon einmal ein Klima-Frühstück im Senckenberg Museum gegeben.   

Die Annahme, dass Kunst in Krisenzeiten nichts mehr wert sei, findet sie schlichtweg falsch. Kunst habe es immer gegeben. "In den prekären Situationen der Menschheitsgeschichte finden Sie beispielsweise Kunst oder auch Kulturinteresse für Objekte", so Franzen. "Selbst in den Konzentrationslagern haben die Leute musiziert, Skulpturen gebaut und gezeichnet."

Konfliktforscher: Gesellschaft muss das aushalten 

Sind Kartoffelbrei- und Klebe-Attacken ein legitimes Protestmittel? Die Debatte darüber bleibt. Strafrechtlich relevant sind sie in jedem Fall. Erst vor kurzem wurde in den Niederlanden eine Freiheitsstrafe als Konsequenz verhängt und auch in Deutschland wurden die Aktionen zur Anzeige gebracht.   

Zwei Umweltaktivisten bedrohen ein Gemälde mit Tomatensuppe

Trotzdem würden sich die Aktionen im Rahmen eines Demokratischen Konsens bewegen, sagt Daniel Mullis vom Hessischen Institut für Friedens- und Konfliktforschung. Die Aktivisten richteten sich damit nicht gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung. "Letztlich fordern sie die Weltgemeinschaft zum Handeln auf", so Mullis. "Diese Radikalität ist absolut noch im Rahmen eines demokratischen Konsens, den eine Gesellschaft irgendwie auszuhalten hat."

Das sei natürlich ärgerlich für die Museen. Die verantwortlichen Aktivisten als "Klima-Terroristen" zu bezeichnen oder wie etwa die Bild-Zeitung mit der RAF zu vergleichen, ist laut Mullis aber überzogen und dient lediglich dazu, die Klimabewegung als Ganzes zu diskreditieren. Diese Vergleiche stammten meist von Menschen, die den Status Quo halten wollten und kein Interesse daran hätten, der Klimakrise radikaler entgegenzutreten, weiß der Experte.  

"Keiner von uns macht das gern"

Protestbewegungen würden außerdem von der Reibung mit der Gesellschaft leben, sagt Mullis. Wenn Demonstrationen als nicht mehr ausreichend empfunden würden, suchten sich Bewegungen neue Resonanzräume, um diese Reibung zu erzeugen.  

Das bestätigt auch Jakob Beyer von der Letzten Generation. "Ich würde gern den normalen Protest weiterführen, auf Demonstrationen gehen und mein Schild in die Luft halten, wenn das zu tatsächlicher Veränderung führen würde", sagt er. "Keiner von uns macht diese Aktionen gern." Eine andere Möglichkeit, um auf ihre Forderungen zum Klimaschutz aufmerksam zu machen, sehen sie derzeit aber scheinbar nicht.   

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