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Dinçer Güçyeter übernimmt Amt des Stadtschreibers von Bergen-Enkheim

Ein Mann mit kurzen grauen Haaren und Dreitagebart sitzt vor einer roten Wand. Er blickt in die Kamera. An seinem linken Ohr trägt er einen Ohrring in der Form einer weißen Blume. Er ist mit einem schwarzen T-Shirt und einem dunkelblauen, offenem Hemd bekleidet.

Dinçer Güçyeter übernimmt das Amt des Stadtschreibers von Bergen-Enkheim. Der Lyriker sei "ein Grenzgänger im besten Sinne" und gebe marginalisierten Gruppen eine Stimme, begründete die Jury. Er selbst freut sich auf die Begegnungen vor Ort - und will Frankfurt literarisch beleben.

"Ein Grenzgänger im besten Sinne" - so bezeichnet die Stadtschreiber-Jury Dinçer Güçyeter. Der Lyriker wird am 30. August als 51. Literat das symbolische Amt im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim antreten. Das teilte die Kulturgesellschaft in Bergen-Enkheim am Sonntag mit.

Die Auszeichnung ist verbunden mit 20.000 Euro Preisgeld und einem einjährigen Wohnrecht im Stadtschreiberhaus in dem Frankfurter Stadtteil.

Jury: Gibt marginalisierten Gruppe eine Stimme

Güçyeter wandere mühelos "zwischen zwei Sprachen, zwei Kulturen, zwei Literaturgattungen hin und her" und beobachte "mal mit kindlichem Staunen, mal mit nachdenklicher Melancholie, dann wieder mit Galgenhumor oder mit theatralischem Zorn das Geschehen und die Menschen um sich herum", hieß es in der Begründung.

Die Jury lobte, dass der 45-Jährige mit einer "Laterne aus Worten" denjenigen eine Stimme gebe, die "oft mitten in unserer Gesellschaft im Verborgenen bleiben". Dabei schleuse er Prosa in die Poesie ein und entlocke der Prosa seine ganz eigene Poesie.

Güçyeter will Stadt literarisch beleben

Er habe sich sehr über die Auszeichnung zum Stadtschreiber gefreut, sagte Güçyeter im Gespräch mit dem hr. Sie sei eine Ehre und gebe ihm die Freiheit, ohne finanziellen Druck an Texten zu arbeiten.

"Dann kam der Gedanke: Muss ich jetzt ein Jahr lang in Bergen-Enkheim verbringen?", gibt er zu. "Eigentlich war der Plan nämlich, ab Herbst mehr bei der Familie zu bleiben."

Die Antwort: Nein, es gibt keine Residenzpflicht für das Haus "An der Oberpforte 4". Trotzdem wolle er vor Ort präsent sein und "die Stadt literarisch beleben", so der Lyriker. "Ich fühle mich dem Preis und der Ehrung verpflichtet und möchte Literatur vermitteln, die mich begeistert."

Dincer Gücyeter

Auf Leizpiger Buchmesse ausgezeichnet

Dinçer Güçyeter ist Theatermacher, Lyriker und Herausgeber. 2012 gründete er den "Elif Verlag" mit Schwerpunkt Lyrik. Bis 2023 finanzierte er ihn als Gabelstaplerfahrer in Teilzeit. Güçyeter wurde mit dem Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik und dem Else-Lasker-Schüler-Dramatikpreis ausgezeichnet.

In seinem Debütroman "Unser Deutschlandmärchen" erzählt der 1979 als Kind türkischer Gastarbeiter in Nettetal (Nordrhein-Westfalen) geborene Güçyeter seine Familiengeschichte über mehrere Generationen.

2023 erhielt er dafür den Preis der Leipziger Buchmesse. Sein mehrstimmiger Roman reiße "mit ihrer Emotionalität und großen politischen Bedeutung von Anfang an mit", urteilte die Jury.

"Eine sehr gute Mischung" von Gästen

Es stehe schon fest, wann er Zeit in Bergen-Enkheim verbringen werde und er habe auch erste Ideen, wie er sein Jahr dort nutzen wolle, so der neue Stadtschreiber. Für November etwa sei eine erste Lesung geplant, außerdem wolle er verschiedene Autorinnen und Autoren zu Veranstaltungen einladen.

"Die ersten Namen fliegen schon per E-Mail durch die Gegend", hielt sich der 45-Jährige noch bedeckt. Nur so viel wollte er verraten: "Es wird eine sehr gute Mischung sein."

Das erste Mal in Bergen-Enkheim

In dem Frankfurter Stadtteil, der erst 1977 eingemeindet wurde, sei er bislang nicht gewesen. "Ich kenne nur den roten Punkt, den ich auf Google Maps gesehen habe", so der Schriftsteller. Er habe schon überlegt, ob er mal heimlich vorbeifahren solle. "Aber ich will die Spannung bis zum 30. August in mir tragen."

Er sei gespannt, wie die Einwohnerinnen und Einwohner ihn empfingen. "Ich habe das Gefühl, dass ich viel lernen und sehr angenehme Begegnungen haben werde."

Seit 1974 verliehen

Als 51. Amtsinhaber tritt Dinçer Güçyeter die Nachfolge von Nino Haratischwili an. Haratischwili wird eine Abschiedsrede halten und den Schlüssel für das Stadtschreiberhaus im Haus "An der Oberpforte 4" symbolisch an ihren Nachfolger übergeben, der sich wiederum mit einer Antrittsrede dem Publikum vorstellen wird.

Das Amt des Stadtschreibers in dem Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim wird seit 1974 verliehen. Der Stadtschreiberpreis war damals der erste seiner Art. Seither haben zahlreiche deutsche Städte die Idee aufgegriffen. Über den Sieger entscheidet eine Jury aus Schriftstellerinnen und Bürgern von Bergen-Enkheim.

Bekannte bisherige Stadtschreiber in Bergen-Enkheim waren unter anderem Nobelpreisträgerin Herta Müller, Peter Härtling, Peter Rühmkorf oder Eva Demski. Erster Stadtschreiber war der Schriftsteller Wolfgang Koeppen.

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