Anna Netrebko mit auffälligem Kopfschmuck im Scheinwerferlicht.

Um den geplanten Auftritt der russischen Opernsängerin Anna Netrebko bei den Internationalen Maifestspielen in Wiesbaden ist heftiger Streit entbrannt. Die Stadt Wiesbaden und das Land Hessen wollen den Auftritt verhindern. Der Theaterintendant zeigt sich "empört".

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Streit über Netrebko-Auftritt

hessenschau vom 24.01.2023
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Der Magistrat der Stadt Wiesbaden als Gastgeber der Internationalen Maifestspiele hat sich gegen einen geplanten Auftritt der russischen Sopranistin Anna Netrebko bei den Maifestspielen 2023 ausgesprochen. Die Hessische Landesregierung unterstütze diese Haltung, teilte der Magistrat am Montag mit.

"Dieses Verhalten ist höchst unsensibel"

In der gemeinsamen Erklärung der Stadt und des Landes hieß es, die Festspiele seien denjenigen gewidmet, die aufgrund ihrer Meinung im Gefängnis säßen wie etwa der russische Aktivist Alexej Nawalny. Netrebko stehe auf einer Sanktionsliste der Ukraine und habe sich bis heute nicht von Putin und seinem Regime distanziert. Angesichts dessen sei es nicht zu vermitteln, weshalb Netrebko bei den Festspielen auftreten solle.

"Dieses Verhalten ist höchst unsensibel", kritisierten die Stadt Wiesbaden und das Land. "Wir haben den Intendanten gebeten, auf Frau Netrebko zu verzichten". Dies sei "leider erfolglos" verlaufen, heißt es in der Mitteilung.

Rhein lässt Schirmherrschaft ruhen

Das Land Hessen ziehe deswegen Konsequenzen, erklärte Staatskanzleichef Axel Wintermeyer. Ministerpräsident Boris Rhein (beide CDU) werde seine Schirmherrschaft bei den Maifestspielen ruhen lassen. "Wir stehen solidarisch an der Seite der Ukraine", fügte Wintermeyer hinzu.

"Wir respektieren die künstlerische Freiheit, wollen aber in dieser Zeit keine Zweifel an unserer Solidarität mit der Ukraine aufkommen lassen", erklärten Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende und Kulturdezernent Axel Imholz (beide SPD). Am Dienstag will die Stadtspitze darüber entscheiden, ob die Stadt Wiesbaden auf repräsentative Veranstaltungen bei den Maifestspielen verzichten wird.

Intendant ist "empört"

Der Intendant des Staatstheaters hielt dagegen und zeigte sich "empört" über die Einmischung der Politik. "Ich sehe mich nicht in der Lage, gegenüber Frau Netrebko, der persönlich keine Beteiligung an einem Angriffskrieg unterstellt werden kann, ein Auftrittsverbot zu verhängen", teilte Intendant Uwe Eric Laufenberg in einem Brief an Mende und Imholz mit. Die Konzerte sollen demnach wie geplant am 5. und 7. Mai stattfinden.

Er habe mit "Erstaunen und Befremden" wahrgenommen, "was Mende und die Landesregierung" sagten. Es gelte aber die Kunstfreiheit. "Hier schießt man mit der Solidarität über das Ziel hinaus", sagte Laufenberg. Netrebko sei politisch nichts vorzuwerfen.

Neben dem Auftritt der russischen Opernsängerin sind auch Konzerte von zwei ukrainischen Produktionen auf den Maifestspielen geplant. Am 9. Mai tritt das Taras-Schewtschenko-Theater aus Charkiw und am 24. Mai das Ukrainische Nationalorchester auf. Nach Laufenbergs Angaben haben die beiden ukrainischen Ensembles nichts am Auftritt Netrebkos auszusetzen.

Netrebko: Bin zum Teil falsch interpretiert worden

Die international gefeierte Sopranistin Anna Netrebko war nach Beginn des Krieges in die Kritik geraten wegen ihrer angeblichen Nähe zu Präsident Wladimir Putin. Ihr Manager Miguel Esteban erklärte kürzlich, es sei unrichtig, die Sopranistin mit einer Regierung oder mit dem Krieg in der Ukraine in Verbindung zu bringen. Die Künstlerin habe sich mehrfach von dem Konflikt distanziert, betonte er in einem Schreiben.

Im März vergangenen Jahres hatte die Sängerin über ihren Anwalt unter anderem mitgeteilt: "Meine Position ist klar. Ich bin weder Mitglied einer politischen Partei noch bin ich mit irgendeinem Führer Russlands verbunden." Weiter hieß es, sie bedauere, dass ihre Handlungen und Aussagen in der Vergangenheit zum Teil falsch interpretiert werden konnten.

Wegen der Kritik an ihrer Position war ein für den 2. Juni 2022 angekündigtes Konzert von ihr in der Alten Oper Frankfurt verschoben worden. Es soll nun am kommenden Samstag (28. Januar) stattfinden.

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Offener Streit um Netrebko-Auftritt in Wiesbaden

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