Sibylle Ruppert in Gießen Die erotisch-düstere Kunst einer vergessenen Malerin

Ihre Figuren könnten einem Horrorfilm entsprungen sein: Die Kunsthalle Gießen zeigt die eigensinnigen Werke der Frankfurter Malerin Sibylle Ruppert - die späte Würdigung einer zu Lebzeiten verkannten Künstlerin.

Kunst von Sibylle Ruppert
Sibylle Ruppert, Ohne Titel (Diptychon), 1979 (Ausschnitt) Bild © Matthias Belz
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Gefälligkeit war ihre Sache nicht: Die Bilder und Zeichnungen der 2011 verstorbenen Frankfurter Künstlerin Sibylle Ruppert in der Ausstellung "Dancing in Darkness" in der Kunsthalle Gießen zeigen menschliche Körper in Braun oder Grau. Sie winden sich, brechen zusammen, werden aufgeschlitzt oder zerrissen. Viele sind nackt, sexualisiert, verformen sich zu verzerrten Massen oder Maschinen. Gleichzeitig sind sie faszinierend, virtuos und auf eine ganz eigene Art gezeichnet.

Zwölf Jahre nach ihrem Tod ist eine reich bestückte Ausstellung ihrer Werke in der Kunsthalle Gießen und in der Kulturkirche St. Morus zu sehen. Es ist die erste institutionelle Ausstellung einer Malerin, die ihrer Zeit voraus war, wie Kunsthallen-Leiterin Nadia Ismail sagt.

"Einzigartige Bildsprache"

Kunst von Sibylle Ruppert
Sibylle Ruppert, Ohne Titel, 1981 Bild © Matthias Belz

Die Kunsthalle sei über den Gießener Sammler Paul Walter auf Rupperts Kunst aufmerksam geworden, erzählt Ismail. Nach ersten Sichtungen sei schnell klar gewesen, dass es eine Schau geben müsse zu dieser Künstlerin, "die viel zu lange unter dem Radar" geflogen sei.

"Rupperts Bildsprache ist einzigartig", sagt Ismail. Sie passe in keine Schublade. Sie sei detailverliebt, wunderschön gezeichnet, aber auch surreal, erotisch und zumindest stellenweise gewaltpornografisch. Deswegen werden in der Kulturkirche spätere Werke Rupperts gezeigt, die weniger gewaltvoll seien und an religiöse Märtyrerdarstellungen erinnerten.

Kunst macht inneren Zustand sichtbar

Viele der großformatigen Bilder in der Kunsthalle erinnern an den Schweizer Maler H.R. Giger, den Schöpfer des Monsters im Hollywood-Blockbuster "Alien" von 1976. Mit ihm war Ruppert befreundet, seit sie ihn auf einer Gruppenausstellung kennengelernt hatte.

Die Motive der beiden Künstler unterscheiden sich aber durchaus, findet die Leiterin der Kunsthalle. Gigers Hauptmotive sind Menschen, die mit Maschinen verschmelzen, bei Ruppert sind es menschliche Körper oder Körperteile, die mal verschmelzen, mal von innen zerrissen werden. Beiden gemeinsam sei, dass sie einen düsteren inneren Zustand sichtbar machten, "in einer sehr speziellen ästhetischen Formensprache".

Malerei als Verarbeitung von Traumata

Bildergalerie

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Verstörend und anziehend zugleich - die Kunst von Sibylle Ruppert in Gießen

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Die Bilder, Zeichnungen und Collagen legten nahe, dass die Künstlerin Traumata verarbeitet habe, sagt ihr Nachlassverwalter und Freund, Paul Walter. Möglicherweise habe der Vater die Tochter missbraucht - Briefe des Vaters ließen diesen Schluss zu.

Wahrscheinlich sei Ruppert, die er stets als kultiviert erlebt habe, wegen dieser Erfahrungen von den morbiden und teils gewalterotischen Schriften des französischen Autors Marquis de Sade oder von den Surrealisten Lautréamont und Georges Bataille fasziniert gewesen. Ihm sei jetzt erst bewusst geworden, dass Rupperts Werk zwölf Jahre nach ihrem Tod endlich mit einer Einzelausstellung gewürdigt werde, sagt Paul Walter. "Das ich das noch erleben darf, ist ein großes Geschenk."

Kein Durchbruch auf dem Kunstmarkt

Ausstellungshalle mit braun-rötlichen Bildern von nackten Menschen.
Blick in die Ausstellung. Bild © Christiane Schwalm (hr)

Es sei bedauerlich, dass es diese virtuose Künstlerin zeitlebens nicht geschafft habe, sich auf dem internationalen Kunstmarkt zu etablieren, findet die Leiterin der Kunsthalle Gießen. "Aber sie lief dem damaligen Diskurs entgegen." In den 1960er- und 1970er-Jahren habe sich alles darum gedreht, die Institutionen und die Gesellschaft zu kritisieren. "Ich glaube, das Direkte von Sybille Ruppert, das mag viele Leute abgestoßen haben."

Die Künstlerin

Kunst von Sibylle Ruppert
Sibylle Ruppert, Ohne Titel, 1979 Bild © Matthias Belz

Die Künstlerin wurde am 8. September 1942 in Frankfurt geboren. Rupperts Vater war Grafiker und auch das Kind eine begabte Zeichnerin, die sich 1958 zunächst an der Werkkunstschule in Offenbach einschrieb, dann aber an der Städel Akademie studierte. Zuvor hatte sie schon eine Ausbildung zur Balletttänzerin gemacht.

Mit 18 Jahren ging Ruppert nach Paris, wo sie sich zunächst auch in eine Tanzschule einschrieb. Nach Touren mit einem Tanzensemble kehrte sie Ende der 1960er Jahre nach Frankfurt zurück und begann, neben der Malerei als Zeichenlehrerin an der von ihrem Vater gegründeten Kunstschule zu arbeiten.

Ihre Werke waren immer wieder in Gruppenausstellungen etwa in Gießen oder Frankfurt zu sehen, unter anderem zusammen mit Bildern von H.R. Giger. Später zog Ruppert wieder nach Paris.

Da der Durchbruch auf dem Kunstmarkt ausblieb, verdiente sie ihren Lebensunterhalt durch die kunsttherapeutische Arbeit mit psychisch Kranken und Häftlingen. 2011 starb sie in Paris.

Weitere Informationen

Die Ausstellung "Dancing in Darkness"

Wann? Die Schau läuft vom 29. Juli bis 22. Oktober 2023.
Wo? In der Kunsthalle Gießen (Berliner Platz 1) und in der Kulturkirche St. Thomas Morus (Grünberger Str. 80).
Was? Großformatige Werke der Künstlerin, aber auch Collagen, Zeichnungen, Briefe, Fotos und Schriften.

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Weitere Informationen

Sendung: hr2, 28.07.2023, 16.40 Uhr

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Quelle: Christiane Schwalm, hessenschau.de/Katrin Kimpel