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Antisemitismus-Streit zwischen Kuratoren und Beirat: Die Gräben bei der documenta werden noch tiefer

Ein Expertenrat hat Ergebnisse zum Antisemitismus-Streit auf der documenta vorgestellt. Ein Kunstwerk könne nicht weiter gezeigt werden. Unterstützung kommt von den Gesellschaftern der Schau. Die documenta-Geschäftsleitung und das Kuratorenkollektiv Ruangrupa wollen die Arbeit nicht stoppen.

Im Streit um als antisemitisch interpretierte Kunst auf der documenta sind die Gräben mittlerweile so tief, dass sie bis zum Ende der Weltkunstschau in knapp zwei Wochen vermutlich nicht mehr überwunden werden: Der im August installierte wissenschaftliche Beirat untersuchte die Ausstellung auf judenfeindliche Inhalte hin - und wurde fündig.

Der achtköpfige Expertenrat fordert, die Vorführung eines pro-palästinensischen Films der Gruppe Subversive Films mit Material aus den 1960er bis 1980er Jahren zu stoppen, die im Rahmen des "Tokyo Reels Film Festival" läuft.

"Aufhetzende Wirkung"

Der Beirat erkennt darin "eine potenziell aufhetzende Wirkung" und eine größere Gefahr als bei dem kurz nach documenta-Beginn entfernten Banner des indonesischen Kollektivs Taring Padi mit antisemitischen Darstellungen.

Am Dienstag stellten sich die Gesellschafter der documenta, das Land Hessen und die Stadt Kassel, hinter diese Einschätzung. Die aktuelle Kommentierung der Filme sei stelle keinen ausreichenden Kontext her, da sie "die teils antisemitischen und terroristische Gewalt verherrlichenden Propagandafilme gerade nicht historisch" einordne.

Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) sagte dem hr: "Bei Antisemitismus ist Schluss." Die documenta-Geschäftsleitung müsse nun handeln, da das Kuratorenkollektiv Ruangrupa offensichtlich nicht die Einsicht habe, dass die Filme "hochproblematisch" seien.

Auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) forderte die Absetzung "zumindest bis zu einer angemessenen Kontextualisierung". Auch für die Kunstfreiheit gebe es Grenzen.

Kuratoren und documenta-Spitze weisen Forderungen zurück

Entsprechende Forderungen hatten das Kuratoren-Kollektiv Ruangrupa und die documenta-Spitze zuvor zurückgewiesen. Ruangrupa reagierte entsetzt auf den am Wochenende veröffentlichten Bericht des Expertenrats und antwortete am Sonntag mit einem Text mit dem Titel "Wir sind wütend, wir sind traurig, wir sind müde und wir stehen zusammen".

Auch die Geschäftsleitung will nicht handeln. Das Berliner Kunstmagazin Monopol veröffentlichte am Montag eine Stellungnahme der documenta. Darin heißt es, die Geschäftsleitung und Ruangrupa hätten die Einschätzung des Gremiums zur Kenntnis genommen. Man werde dem Rat aber nicht folgen. "Der Empfehlung einer vorübergehenden Entnahme der Arbeit 'Tokyo Reels' von Subversive Film aus der Ausstellung möchte Ruangrupa, denen als Künstlerische Leitung der documenta fifteen die alleinige Entscheidung darüber zusteht, nicht nachkommen."

documenta-Geschäftsführer Alexander Farenholtz sagte am Dienstag im Gespräch mit der 3sat-Sendung "Kulturzeit", das Expertengremium habe "auf der Linie der Positionierung der Gesellschafter der documenta geurteilt". Die documenta sei anders als ein Museum nicht der Idee der Neutralität und Ausgewogenheit verpflichtet; Parteinahme sei wichtig. Die daraus entstehenden Debatten müsse die documenta als Institution aushalten.

Vorwurf an Geschäftsführung: "Antisemitische Stimmung zugelassen"

Ganz einig waren sich die Experten des Beirats in ihrer Bewertung der documenta fifteen nicht. Es gibt zwei Zusammenfassungen der Ergebnisse, wobei die zweite nur die Vorsitzende des Rats, die Frankfurter Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff, und vier weitere Mitglieder unterzeichnet haben - sie ist wesentlich schärfer. Ihr Argument ist, dass sich die einseitig pro-palästinensische Perspektive durch die gesamte diesjährige documenta ziehe, während jüdischen Perspektiven auf den Nahostkonflikt nach den Erfahrungen von Nationalsozialismus und Shoa kein Raum gegeben werde.

Vom gesamten Expertenrat hieß es, problematisch an dem Werk von Subversive Films sei, dass es zum Teil antisemitisch und antizionistisch sei. Dazu gebe es Kommentare der Künstler und Künstlerinnen, die diesen Israelhass und die Glorifizierung von Terrorismus "durch unkritische Diskussion legitimieren", statt es kritisch in einen Kontext zu setzen. Israelis würden ausschließlich als Täter und Täterinnen dargestellt, die Palästinenser und Palästinenserinnen hingegen nur als Opfer.

Der Vorwurf gegen die Kuratoren lautet, dass sie gerade keine Kontrolle ausüben wollen, aber eben in der Verantwortung dafür stünden, was zu sehen ist. Auch die Geschäftsführung der documenta wird kritisiert. Sie habe "antizionistische, antisemitische und israelfeindliche Stimmung zugelassen". Kritik zu äußern, sei zudem kaum noch möglich: Hinweise auf eindeutig oder möglicherweise antisemitische Inhalte würden von den Kuratoren sofort als "Zensur" diskreditiert.

Ruangrupa: "Zensur"

Genauso reagierte Ruangrupa dann auch. Die Kuratoren kanzelten den Bericht als Versuch der Zensur ab und betonten, sie seien ohnehin von Beginn an gegen die Einsetzung des Expertenrats gewesen. Ihr Brief wurde von anderen Künstler-Kollektiven unterzeichnet und an den Oberbürgermeister von Kassel und Aufsichtsratsvorsitzenden der documenta, Christian Geselle (SPD), die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) und die hessische Kunstministerin Dorn adressiert.

"Zensur-Kommitees sind das Ende einer Ära von Kunst, wie wir sie kennen", schreibt Ruangrupa. Das könne sogar eine neue Ära einleiten, in der Kunst im Dienst von politischen Regimen stehe. Der Bericht habe eine Grenze überschritten, findet Ruangrupa, die ihrerseits "eine rassistische Tendenz" beklagen.

Eine "Zensur" der Filme von Tokyo Reels lehnen die Kuratoren vehement ab. Außerdem sei längst ein feindliches Klima entstanden. Sie hätten über Monate Attacken, Einschüchterungen und Drohungen in großen Medien, auf der documenta und auf der Straße erlebt.

Ruangrupa teilt gegen documenta aus

Die Existenz Israels werde nicht in Frage gestellt, sondern lediglich, "wie" der Staat existiere, erklärt Ruangrupa, um dann ihre Israelkritik zu wiederholen: Widerstand gegen Israel sei Widerstand gegen "Siedlerkolonialismus, die Apartheid, ethnische Säuberungen und Besetzung als Formen der Unterdrückung".

Die Kuratoren selbst wollen ihren Aussagen nach "nicht definiert, untersucht, re-kolonialisiert werden" von einer Institution, womit wohl die documenta gemeint ist. Der Aufsichtsrat der Ausstellung, in dem die Stadt Kassel und das Land Hessen vertreten sind, äußere sich außerdem in aggressiver und bewusst erniedrigender Form von Kritik.

Becker und Zentralrat fordert von documenta klare Reaktion

Der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung, Uwe Becker, unterstützte die Forderung des Expertenbeirats. Dessen Bewertung sei "klar, eindeutig und unmissverständlich", teilte der CDU-Politiker am Montag mit. "Die israelfeindlichen Propaganda-Filme müssen sofort von der documenta entfernt werden."

Scharfe Kritik übte auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Er sprach ebenfalls von Propaganda-Filmen, die sofort gestoppt werden müssten. "Mit ihrer Tirade zeigen die Kuratoren und Künstler, dass sie wissenschaftliche Befunde nur respektieren, wenn sie in ihr Weltbild passen", befand Schuster. Die diesjährige documenta habe dem Ansehen Deutschlands geschadet.

Expertenbericht endet fast versöhnlich

Die documenta fifteen endet am 25. September. Um noch eine Brücke über die tiefen Gräben zu schlagen, bleibt nicht nur wenig Zeit. Die Frage ist auch, wie überhaupt noch ein Austausch möglich wäre. Der Expertenrat empfiehlt, den fraglichen Film nur noch zu zeigen, wenn er in einem Kontext stünde, die antisemitischen Elemente benennen und historische Fehler korrigieren würde. Dass die Kuratoren das nicht akzeptieren werden, macht ihr Protestbrief deutlich.

Der gemeinsame Bericht aller acht Mitglieder des Expertengremiums endet fast versöhnlich mit der Feststellung, man sei sich bewusst, dass die documenta eine Vielzahl "hervorragender und inspirierender Kunstwerke" ausstelle - also jenseits der problematischen. Ruangrupa schreibt, sie wollten bleiben und die documenta weiterlaufen lassen - allerdings mit der Bedingung von künstlerischen Freiheit. Die Diskussion, wo die endet, scheint noch nicht vorbei.

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