Dynamischer Spieler: Sergio Lopez.

Sportchef Paul Fernie stellt Darmstadt 98 neu auf und stößt dabei auf Zocker mit Gefühl, Fußballer mit Handball-Faible, Beißer mit Bayern-Trauma und einen deutschen Spaniern.

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Leidende Lilien: Der Saison-Rückblick von Darmstadt 98

Christoph Klarer von Darmstadt 98 nach der Niederlage gegen Hoffenheim
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Der Profi-Fußballstandort Darmstadt ist ein besonderer, verhältnismäßig klein zwar, irgendwie muckelig, familiär, gleichzeitig enorm leidenschaftlich. Was auch aufs Personal abfärbt. An echten Typen, wie es so gerne im Fußballjargon heißt, mangelte es den Lilien gerade in der jüngeren Vergangenheit nicht.

Ob nun die Aufstiegshelden von einst, Aytac Sulu, Toni Sailer, Marcel Heller, oder später Sandro Wagner und Peter Niemeyer, auch Phillip Tietz, oder bis heute Fabi Holland, Tobi Kempe und Marcel Schuhen. Dazu an der Seitenlinie Trainer wie Dirk Schuster und Torsten Lieberknecht. Allerhand Charakterköpfe.

Insofern kommt es nicht überraschend, dass Sportdirektor Paul Fernie die Mannschaft nach dem Bundesliga-Abstieg ebenfalls mit willensstarken Persönlichkeiten ausstatten will. Seine Vorgabe für die aktuelle Wechselphase: "Wir haben betont, dass wir in diesem Transferfenster Wert auf Gier und Leidenschaft legen." Ein Blick auf die bisherigen Verpflichtungen zeigt, dass Fernie macht, was er angekündigt hat.

Paul Will, der Hesse mit Coman-Trauma

Lilien-Neuzugang Paul Will war in Dresden Stammspieler.

Da wäre allen voran Paul Will. Der Sechser gilt als Musterbeispiel für einen Profi, der nie aufgibt. Kämpfen, beißen, grätschen? "Damit kann ich mich auf jeden Fall identifizieren", sagt der 25-Jährige, den Fernie von Drittligist Dresden ins Hessische lotste. Er, Will, bringe sich stets fürs Team ein, so der Sportchef. Die sportliche Vita des gebürtigen Hessen (Biedenkopf) ist eine spannende. In der Jugend spielte er in Marburg, Wieseck, Kaiserslautern, ehe er zum FC Bayern wechselte.

In die zweite Mannschaft zwar, mit der er Regionalliga- und später Drittliga-Meister wurde, besonders aber blieben Will diverse Trainingseinheiten bei den Profis in Erinnerung – nicht nur im positiven Sinne. Seine schlimmste fußballerische Vorführung habe er eben dort an der Säbener Straße erlebt, sagt Will mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht, als der französische Weltmeister Kingsley Coman ihm zur Begrüßung gleich mal Doppelknoten in die Beine dribbelte. Lange her. Seitdem ist Will gereift, in Dresden zur Führungsfigur, was er bestenfalls auch bei den Lilien werden soll.

Fynn Lakenmacher, der Fußballer mit Handball-Historie

Fynn Lakenmacher

Ebenfalls eine Münchner Vergangenheit bringt Fynn Lakenmacher mit, der vom TSV 1860 München zu den Darmstädtern wechselt. Der 24-Jährige ist Stürmer, was durchaus verwundert, den eigentlich liegen die Stärken der Familie Lakenmacher in den Händen statt den Füßen. Opa Wolfgang war eine Handball-Legende der DDR, auch Vater Sven spielte in der Bundesliga für Magdeburg und Großwallstadt. Mit Deutschland wurde er Olympia-Fünfter. Fynn aber, ebenfalls mit seinen 1,88 Metern Körperlänge prädestiniert für den Handball, entschied sich dennoch dagegen. Die Kickerei habe ihm einfach mehr Spaß bereitet als Kind, sagt er.

Nun also Stürmer. Für den TSV 1860 erzielte er vergangene Runde fünf Tore in 35 Einsätzen, seine Qualitäten aber lassen sich aber weniger an den harten Fakten ablesen. Denn: Lakenmacher ist ein Ballfestmacher, einer, der mit dem Rücken zum Tor die Zuspiele seiner Kollegen zu verwerten weiß und auf deren Nachrücken wartet. Auch gilt sein Einsatzwille als Vorzug seines Spielstils, nicht umsonst kickte er jahrelang sogar im defensiven Mittelfeld.

Luca Marseiler, der Zocker mit guter Laune

Luca Marseiler

Um das neue Darmstädter Drittliga-Trio komplett zu machen, flitzt künftig auch Luca Marseiler über den Rasen am Böllenfalltor. Der offensive Mittelfeldspieler kommt von Viktoria Köln mit der Empfehlung von 13 Toren, neun Vorlagen und eines auffällig guten Pokalspiels gegen Eintracht Frankfurt. Der 27-Jährige ist beidfüßig, kickte in der Jugend für den FC Bayern, später in Unterhaching, ehe er über Paderborn den Weg nach Köln fand. Dort packte er den Durchbruch.

Marseiler ist keiner, der sich einen Kopf macht auf dem Platz, dabei steckt einiges in jenem. Er hat einen Bachelor in BWL, führt eine gemeinsame Firma mit seinem Bruder. Er ist ein Gefühlsspieler, ein Zocker, ein lustiger Kerl obendrein.

Karol Niemczycki, der Herausforderer zwischen den Pfosten

Karol Niemczycki kommt von Fortuna Düsseldorf.

Aus der zweiten Liga stößt Torwart Karol Niemczycki hinzu. Wobei: In seiner einzige Saison für Fortuna Düsseldorf kam er lediglich auf einen Einsatz in der Liga. In Darmstadt soll er dennoch das Geschäft beleben und Stammkraft Schuhen unter Druck setzen. Dimo Wache, Torwarttrainer-Urgstein, sagt über den 24-jährigen Herausforderer: "Er hat ein gesundes Selbstbewusstsein und verfolgt seine Ambitionen." Mit ihm, Marseiler, Lakenmacher und Will scheinen die Lilien "gierige Typen" gefunden zu haben.

Sergio Lopez, der Spanier aus Remscheid

Dynamischer Spieler: Sergio Lopez.

Eine flinken Mann für die Außen, rechts wie links, fanden die Lilien an diesem Freitag in ihrem fünften Neuen: Sergio Lopez. Der 25-Jährige bringt ebenfalls eine spannende Vita mit. Der in Remscheid geborene Deutsch-Spanier schaffte es in der Jugend sogar zu Real Madrid, trainierte auch bei den Profis um Toni Kroos mit, später kam er aber nicht über die zweite Mannschaft der Königlichen hinaus. Zuletzt spielte er drei Jahre lang für den FC Basel, wobei er die vergangene Spielzeit mit einem Kreuzbandriss nahezu komplett verpasste. Erst für die letzten Saisonspiele meldete er sich wieder fit. "Er ist top ausgebildet", sagt Fernie, die Lilien-Fans könnten sich auf den neuen "Wing Back" freuen.