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Würmer als Ressource: Konferenz "Insecta" in Gießen

Ob Mehlwurmmehl als Fischfutter oder "Chili con Grilli" aus dem Einmachglas - Insekten gelten als Nutztiere der Zukunft. Der Gießener Forscher Andreas Vilcinskas sieht Ressourcen, wo andere nur Krabbeltiere sehen. Doch die Insekten-Massenproduktion bringt auch Probleme mit sich, wie er im Interview erläutert.

Würmer, Fliegen oder Heuschrecken, besonders ihre Proteine sind gefragt. Denn: Insekten können im Vergleich zu vielen anderen Tieren mit wenig Platz und Futtereinsatz gezüchtet werden. Während sie in vielen Ländern schon seit langem gegessen und verarbeitet werden, wurden in der Europäischen Union (EU) erst vor kurzem die ersten Insektenarten für die Futter- und Nahrungsmittelindustrie zugelassen.

Inzwischen boomt der Markt auch in Europa, es entstehen zahlreiche kleine Start-ups und zum Teil gigantische Insektenfarmen. Erst vor Kurzem hat der Fleischkonzern Wiesenhof mitgeteilt: Man prüfe derzeit in einem Forschungsprojekt, ob Getreide und Soja im Geflügelfutter durch Insektenmehl ersetzt werden kann.

In Gießen befindet sich das weltweit größte Forschungszentrum auf dem Gebiet "Insekten als Bioressource". Von Mittwoch bis Freitag (14. bis 16. September) findet dort die "Insecta" statt, eine internationale Fachtagung rund um das Thema. Der Zoologie-Professor Andreas Vilcinskas leitet das Fraunhofer-Institut für Bioressourcen in Gießen und koordiniert zudem das LOEWE-Zentrum für Insektenbiotechnologie und Bioressourcen.

hessenschau.de: Professor Vilcinskas, Sie werden in Interviews oft gefragt, ob wir bald alle Würmer essen. Warum nervt sie diese Frage so?

Vilcinskas: Die Presse bringt da oft so einen Ekelfaktor ins Spiel, was ich sehr ablehne. Es geht hier um ein ernsthaftes Problem - eines der wichtigsten Probleme, das die Menschheit adressieren muss:

Wir haben eine wachsende Weltbevölkerung und die hat einen stetig wachsenden Proteinbedarf. Und irgendwie muss dieser Bedarf gedeckt werden. Bisher können wir uns den Lebensstandard an Essen nur leisten, weil wir Proteine im großen Maßstab über Soja importieren. Für den Soja-Anbau werden aber bekanntermaßen große Flächen tropischer Regenwald abgeholzt. Das kann so nicht weitergehen. Wir brauchen also alternative Quellen.

Und so schwierig das auch klingt: Das aktuelle Krise forciert das noch. Wir wollen autark werden, was die Ernährung betrifft. In diesem Kontext erscheinen Insekten als sehr vielversprechende Alternative, zum Beispiel sind sie ein wertvolles Futtermittel für Hühner, Fische oder Garnelen.

hessenschau.de: Womit beschäftigt sich die Forschung auf diesem Gebiet derzeit besonders?

Vilcinskas: Um für die Herstellung von Tierfutter eine wirkliche Alternative zu bieten, müssen die Mengen an Insekten, die produziert werden, deutlich erhöht werden.

Das heißt: Die Fabriken werden immer größer. In Frankreich entsteht gerade die weltweit größte Mehlwurm-Farm der Welt. Da werden 300 Millionen Euro investiert. Aber: Wenn man diesen industriellen Maßstab erreicht, kommen auch Probleme auf. Und dafür suchen wir Lösungen.

hessenschau.de: Welche Probleme sind das?

Vilcinskas: Zum Beispiel geht es um die Frage der Ernährung der Insekten. Die Zucht muss sich schließlich auch rentieren. Wenn Sie Hühnerfutter an Insekten verfüttern, könnten Sie ja gleich Hühner füttern - das lohnt sich also nicht. Deshalb nutzt man heutzutage organische Überreste aus der Landwirtschaft oder Industrie, die man sonst nicht verwerten kann.

Zum Beispiel kann man Trester aus der Apfelsaftherstellung, Treber von Brauereien oder sogar Kakaoschalen an Insekten verfüttern und so in höherwertige Stoffe umwandeln. Unser Ziel ist es, nachhaltige, energieeffiziente Ernährungssysteme zu entwickeln.

Mehlwürmer

hessenschau.de: Welche Rolle spielt das Tierwohl? Schließlich wird hier kein Getreide verarbeitet.

Vilcinskas: Insekten sind für uns reine Nutztiere. Die werden im großen Maßstab gezüchtet - ähnlich wie Vieh - und dann zu Produkten weiterverarbeitet. Aber selbstverständlich wollen auch wir die Insekten so halten, dass sie sich möglichst schnell vermehren und schnell wachsen.

Das geht nur, wenn sie auch unter optimalen Bedingungen gehalten werden, etwa was Temperatur oder Futterangebot angeht. Bei der Haltung im großen Maßstab und über mehrere Generationen hinweg können durchaus Probleme entstehen, zum Beispiel Inzucht. Und je größer die Farmen werden, besteht auch die Gefahr, dass Krankheiten eingeschleppt werden und die Prozesse gestört werden.

Wir entwickeln hier am Fraunhofer Institut in Gießen deshalb zum Beispiel diagnostische Frühwarnsysteme, um dann sofort intervenieren zu können.

hessenschau.de: Dabei geht es dann allerdings wieder um Prozessoptimierung - also letztlich um den Ertrag. Ist es naiv, so etwas wie artgerechte Haltung auch bei Insektenfarmen ins Spiel zu bringen?

Vilcinskas: Darüber wird selbstverständlich auch nachgedacht. Die Insekten, die man in Insektenfarmen hält, sind von ihrer Lebensweise aber dafür prädestiniert, dass sie große Dichten ertragen und auch in der Natur in großer Dichte vorkommen.

Von daher ist für sie Massenzucht weniger ein Problem. Das zeigt sich auch daran, dass nur bestimmte Insektenarten von der EU für die Lebens- und Futtermittelproduktion zugelassen worden sind.

hessenschau.de: Stimmt es eigentlich, dass Insekten geerntet werden und nicht geschlachtet?

Vilcinskas: Ja.

hessenschau.de: Wieso?

Vilcinskas: Es geht hier um landwirtschaftliche Betriebe. Ich denke, das ist dem Sprachgebrauch des Genres geschuldet.

hessenschau.de: Sie beschäftigen sich auf der "Insecta" auch damit, wie man Insektenprodukte besser vermarkten kann. Wie lässt sich die Akzeptanz erhöhen?

Vilcinskas: Soweit wir das wahrnehmen, steigt die Akzeptanz, je besser die Menschen informiert sind. Für Insektenproteine spricht zum Beispiel, dass zahlreiche Studien bereits eine gesundheitsförderliche Wirkung gezeigt haben. Mehlwurm-Protein kann zum Beispiel den Cholesterinspiegel senken. Sogar Fettlebern verbessern sich im Tiermodell.

Wir beobachten, dass Ersatzprodukte auch insgesamt immer beliebter werden. Ich finde es auch ganz in Ordnung, wenn man auch an der Namensgebung arbeitet, hier auf der "Insecta" gibt es zum Beispiel ein "Chili con Grilli". Aus der wissenschaftlichen Perspektive sehe ich es aber grundsätzlich eher so, dass wir es mit einem Wachtstumsmarkt zu tun haben, der auch in Deutschland zunehmend Arbeitsplätze schaffen wird.

Die Fragen stellte Rebekka Dieckmann.

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