Schnupperpraktika für Ausbildungsberufe Wie ein Schulprojekt in Haiger gegen den Fachkräftemangel hilft

An der Johann-Textor-Schule in Haiger läuft ein Pilotprojekt gegen den Fachkräftemangel. Vormittags sitzen die Schüler im Unterricht, nachmittags lernen sie Ausbildungsberufe kennen - und finden so direkt den Einstieg in Unternehmen aus der Region.

Zwei Schüler schrauben Metallteile, ein Mitarbeiter steht daneben.
Zweidick Werkzeugbau fand über das Projekt einen Auszubildenden und hat bereits den nächsten in Aussicht. Bild © hr
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Gesucht! Fachkräftemangel in Hessen

hessenschau vom 24.10.2023
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Während sich viele andere in ihrem Alter noch Gedanken um ihre berufliche Zukunft machen, hat die 16-jährige Mia aus Haiger bereits Gewissheit: Nach ihrem Realschulabschluss wird sie eine Ausbildung zur Mechatronikerin bei der Firma Rittal anfangen.

Möglich wurde das durch ein besonderes Projekt zur Berufsorientierung an ihrer Schule, der Johann-Textor-Schule in Haiger: Bei "Schule Plus" dürfen die Schülerinnen und Schüler in einen Ausbildungsberuf ihrer Wahl hineinschnuppern. Wie Mia nehmen aktuell mehr als 130 Schüler daran teil.

Morgens Schule, nachmittags Praktikum

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hr-Thema: Fachkräftemangel
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Die Schule sorgt dafür, dass sie den Beruf für einige Stunden nach dem Unterricht in einem Unternehmen aus der Region ausprobieren können. So hilft Mia seit einem Jahr einmal pro Woche nachmittags bei Rittal aus. "Selbst wenn der Job auf Dauer nichts für mich gewesen wäre, ist das Zeit, in der ich etwas mache und fürs Leben lerne – und das bringt mich einfach weiter", sagt sie.

Angefangen hat sie im kaufmännischen Bereich. Schon nach wenigen Wochen merkte sie aber, dass sie ungern im Büro herumsitzt. Schließlich fand sie in dem Unternehmen einen anderen Beruf, der ihr Spaß macht - obwohl dieser für sie vorher keine Rolle gespielt hatte: Mechatronikerin. "Ich finde es gut, dass meine Noten dabei nicht so wichtig wie meine Fähigkeiten sind und dass ich einen Ausbildungsplatz sicher habe", sagt Mia.

Auch Ansporn für den Unterricht

Die Schülerinnen und Schüler können jederzeit mit "Schule Plus" aufhören, etwa um den Schulweg bis zum Abitur weiterzugehen oder auch noch mehr Zeit in dem Unternehmen zu verbringen. Wichtig ist, dass sie dabei ihre individuellen Stärken kennenlernen.

Schulleiter Norbert Schmidt schildert die Erfahrungen mit dem Projekt als ausschließlich positiv: "Teilweise bekommen die Schüler auch für den Unterricht einen richtigen Motivationsschub, weil sie über Schule Plus ein anderes Umfeld kennenlernen."

Zukunftsängste nehmen

Die Idee für das Projekt hatte Alexander Schüler. Der Lehrer ist auch Ansprechpartner für Berufsorientierung an der Johann-Textor-Schule. In den letzten Jahren habe er seine Schüler immer wieder gefragt, warum sie keine Ausbildung machen. Da sei häufiger der Wunsch genannt worden, den Beruf einfach mal auszuprobieren.

Zwei Schüler schrauben Metallteile, ein Mitarbeiter steht daneben.
Lehrer Alexander Schüler leitet das Projekt. Bild © hr

"Eine Ausbildung ist etwas Unbekanntes. Das sorgt für Angst und Kopfzerbrechen", so Schüler. Auch das Pflichtpraktikum würden viele bei ihren Eltern machen, nur wenige würden etwas Neues wagen.

Erfolgreicher Start

2021 startete das Projekt mit zehn Schülerinnen und Schülern. Neun von ihnen machen jetzt bereits eine Ausbildung. "Das Projekt setzt so niedrigschwellig an, dass alle davon profitieren können. Im Gegensatz zu einem Pflichtpraktikum haben die Schüler mehr Auswahl", erklärt Schüler.

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Kultusministerium fördert Berufsorientierung

Das hessische Kultusministerium geht die Berufs- und Studienorientierung von Schülerinnen und Schülern nach eigenen Angaben mit "absoluter Priorität" an. Die meisten hessischen Schulen seien "auf einem guten Weg", so ein Sprecher. Konkret hat sich die Koalition darauf geeinigt, das "Limburger Modell" zu stärken. Dabei arbeiten verschiedene Schulen in Limburg besonders eng mit den beruflichen Schulen zusammen.

Auch das Projekt "ProBe" (Profilentwicklung und Berufsorientierung), aus dem Kreis Waldeck-Frankenberg soll gestärkt werden. Zusätzlich zum regulären Unterricht gibt es dabei für Schülerinnen und Schüler Bewerbungstraining, individuelle Beratung und die Möglichkeit, verschiedene Berufsfelder kennenzulernen.

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Mittlerweile gibt es an der Johann-Textor-Schule mehr junge Menschen, die bei "Schule Plus" mitmachen wollen, als freie Praktikumsplätze. Aktuell sind die Teilnehmer in etwa 60 Unternehmen aus der Region eingesetzt. Alle Branchen sind vertreten, unter anderem die Stadt mit Verwaltung und Kitas. Bisher habe das Projekt alle Erwartungen übertroffen, sagt Schüler: "Wir können jetzt wirklich jedem jungen Menschen eine Perspektive bieten."

Zwei Schüler schrauben Metallteile, ein Mitarbeiter steht daneben.
Amy arbeitet in der Pflege mit. Bild © hr

Beispielsweise kann Amy jetzt schon ihrem Berufswunsch nachgehen. Die 14-Jährige wollte schon immer in einem Beruf arbeiten, wo sie Menschen helfen kann, und sammelt in diesem Schuljahr erste Erfahrungen in einem Pflegeheim der Diakonie. "Es ist einfach schön, die leuchtenden Augen zu sehen, und dass die Menschen dankbar sind für das, was man macht."

Lücke von 200.000 Fachkräften erwartet

Gerade in der Pflege werden dringend Fachkräfte gesucht. Das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur der Goethe-Universität Frankfurt schätzt, dass in Hessen allein in sozialen Berufen etwa 20.000 Fachkräfte in den nächsten Jahren benötigt werden. Nimmt man alle Branchen und Berufswege zusammen, dann fehlen demnach bis 2028 sogar mehr als 200.000 qualifizierte Mitarbeiter in Hessen.

Die Johann-Textor-Schule ist sich aber sicher: "Schule Plus" könnte eine mögliche Lösung für den Fachkräftemangel sein. Projektleiter Schüler verweist darauf, dass die Unternehmen aus der Region nun weniger Probleme haben, neue Auszubildende zu finden.

Regionale Unternehmen werden gestärkt

Das bestätigt Andreas Schmelzer, Ausbildungsleiter bei der Schweißtechnik-Firma Cloos: "Alle Unternehmen reißen sich sprichwörtlich die Beine aus. Jetzt haben wir aber eine weitere gute Möglichkeit, junge Menschen von einer Ausbildung zu begeistern." Die Ausbildungsplätze für die nächsten Jahre seien in seinem Betrieb gesichert.

So geht es inzwischen mehreren Unternehmen in Haiger und der Umgebung: Die Firma Zweidick Werkzeugbau etwa hat bereits zum zweiten Mal einen Auszubildenden aus dem Projekt in Aussicht. Auch die Metall-Verarbeitungsfirma Hof muss nicht mehr außerhalb von Haiger nach Auszubildenden suchen.

Das hat einen Vorteil, so Schmelzer: "Wenn sie sich für eine Ausbildung entscheiden, dann haben die Schüler allen anderen Auszubildenden viel voraus. Denn sie sind ja schon ein bis zwei Jahre im Betrieb."

Ausgezeichnetes Projekt

Die Johann-Textor-Schule hat sich "SchulePlus" mittlerweile als Marke sichern lassen. Sie arbeitet mit der Technischen Hochschule Mittelhessen zusammen und hofft, dass andere Schulen ihrem Beispiel folgen werden. Dabei soll auch eine Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Mittelhessen und deren über 1.000 Partner-Unternehmen helfen.

Auch das Unternehmensnetzwerk "SchuleWirtschaft" möchte dabei unterstützen, das Projekt auf andere Schulen auszuweiten. Das besondere an dem Projekt sei, wie frühzeitig und regelmäßig die Schüler in Haiger die Chance haben, verschiedene Berufe kennenzulernen. sagt Landesgeschäftsführer Matthias Rust. "Wir können dem Fachkräftemangel nur entgegentreten, indem wir jeden Beruf für jede Schule transparent machen."

Kürzlich hat die Johann-Textor-Schule zusammen mit der Firma Cloos den hessischen "SchuleWirtschaft"-Preis in der Kategorie "Kooperation zwischen Schule und Unternehmen" erhalten. Auch auf Bundesebene wird "SchulePlus" von dem Unternehmerverbund ausgezeichnet. Am 13. November ist die Preisverleihung in Berlin.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 24.10.2023, 19.30 Uhr

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Quelle: hessenschau.de