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Geburtsstation in Dillenburg vor dem Aus

In Dillenburg steht eine weitere hessische Geburtsstation vor dem Aus. Dort finden die kommunalen Kliniken keine Nachfolger für drei Belegärzte. Hebammen vermuten andere Gründe, die Opposition im Landtag sieht dringenden Handlungsbedarf.

Die Schließungswelle von Geburtsstationen in Hessen ist noch nicht beendet, dessen ist sich Martina Klenk sicher. Die erste Vorsitzende des Landesverbands der hessischen Hebammen sieht dafür einen Hauptgrund: "Krankenhäuser werden nur noch nach Wirtschaftlichkeit beurteilt, nicht mehr als soziale Institution."

Zusammen mit ihren örtlichen Kolleginnen kämpft Klenk zurzeit dafür, die Geburtsstation der Lahn-Dill-Kliniken in Dillenburg zu erhalten. Nach Angaben des Krankenhauses droht der Station die Schließung, weil eine Ärztin gekündigt hat und zwei weitere Mediziner vor der Rente stehen.

Hebammen: "Schließung wäre Skandal"

Klenk und ihre Kolleginnen vermuten eher wirtschaftliche Gründe: "Dort wurden um die 500 Babys im Jahr geboren", sagt Klenk. "Das ist für viele Krankenhäuser gerade so die Wirtschaftlichkeitsgrenze."

Doch die Dill-Kliniken seien das zweitgrößte kommunale Krankenhaus in Hessen, deswegen seien die Kommune und das Land hier in einer besonderen Verantwortung über finanzielle Aspekte hinaus zu denken: "Eine Schließung der Geburtsstation wäre ein Skandal", betont Klenk.

In Hessen haben in den vergangenen zehn Jahren 13 Geburtshilfestationen von Kliniken geschlossen - beispielsweise in Alsfeld, Marburg-Wehrda, Volkmarsen oder Wolfhagen. Die Gründe waren meist wirtschaftlicher oder personeller Natur.

Noch 43 Krankenhäuser mit Kreißsälen

Nach Angaben des Sozialministeriums gibt es noch 43 Krankenhäuser, in denen Hessinnen ihre Kinder zur Welt bringen können (eine Karte mit geschlossenen Geburtsstationen findet sich beim Verein Mother Hood). Das Ministerium führt als Gründe für die Schließungen an, dass zum einen das pauschale Abrechnungssystem für Krankenhäuser eine möglichst hohe Zahl von Geburten erfordere, um die Stationen wirtschaftlich betreiben zu können.

"Dies stellt besonders Kliniken im ländlichen Raum vor wirtschaftliche Herausforderungen. Zum anderen führt der Mangel an Personal zu Schließungen von Geburtshilfen", so ein Ministeriumssprecher.

Die Karte zeigt die Krankenhäuser in Hessen, an denen Geburtshilfe-Stationen geschlosssen werden.

Dillenburg prüft Alternativen

Aktuell ist auch die Station in Fritzlar in Gefahr, dort hat das drohende Aus finanzielle Gründe. Ob und wann es in Dillenburg soweit sein könnte, ist einer Klinik-Sprecherin zufolge noch offen. Alternativen würden geprüft. Kommt es zur Schließung, müssten die werdenden Mütter deutlich weitere Wege in ein Krankenhaus zurücklegen: nach Siegen etwa, nach Marburg, Wetzlar oder Gießen. Das würde Fahrtzeiten von mindestens 30 Minuten bedeuten.

Hebamme Martina Klenk hofft darauf, dass sich nach einer neuen Ausschreibung doch noch Ärzte finden, die weitermachen wollen. Die Arbeit in der Geburtshilfe sei in den vergangenen Jahren durchaus immer unattraktiver geworden. Die Arbeitszeiten seien nicht gerade familienfreundlich. Vor allem aber müssten Ärzte wie Hebammen immer höhere Versicherungsprämien zahlen, berichtete Klenk und plädiert dafür, mit einem Versicherungsfonds Abhilfe zu schaffen.

Ähnliches ist von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen zu hören: Die nötigen Haftpflichtprämien von über 70.000 Euro für Belegärzte seien mit dem Honorar auf geburtshilflichen Stationen nicht mehr zu erwirtschaften, schreibt ein Sprecher auf hr-Anfrage. Die Ärzte müssten das mit der Arbeit in ihrer Praxis querfinanzieren.

Land: Versorgung gesichert

Dass ländliche Gebiete wie der Vogelsbergkreis inzwischen aber überhaupt nicht mehr versorgt sind, sei "eine Katastrophe", sagt Martina Klenk. Dort und in Nordhessen lägen die Fahrtzeiten bei weit über 30 Minuten.

Nach einer Kleinen Anfrage aus dem Jahr 2019, basierend auf Daten des Statistischen Landesamtes aus dem Zensus 2011, gab es schon vor der Schließung mehrerer Geburtshilfen 0,3 Prozent hessischer Orte mit einer Fahrzeit von mehr als 40 Minuten und knapp sechs Prozent mit einer Fahrzeit zwischen 31 und 40 Minuten.

Ärzte sehen solche Anfahrtszeiten kritisch. Es gebe immer wieder Fälle, in denen durch einen Notfallkaiserschnitt Leben und Gesundheit von Mutter und Kind gerettet werden müssten, schreibt die KV Hessen: "Bei einer Anfahrtszeit von mehr als einer halben Stunde würde der Fetus dies nicht überleben."

Opposition sieht Handlungsbedarf

Aus Sicht des Landes ist die Versorgung von Schwangeren in Hessen dennoch gesichert. Um im ländlichen Raum künftig mehr Auswahlmöglichkeiten zu schaffen, folge das Sozialministerium einer der Handlungsempfehlungen, die mit dem "Runden Tisch Hebammen" erarbeitet worden sei, und prüfe derzeit das Konzept des "Hebammengeleiteten Kreißsaals". Diese werden allein von Hebammen geführt.

Die Opposition im Landtag sieht dagegen raschen Handlungsbedarf. Die Linken-Fraktion hatte in dieser Woche eine Sondersitzung des Sozial- und Integrationspolitischen Ausschusses zu dem Thema beantragt. Was bringe ein Runder Tisch "mit vielen guten Ideen im Ministerium, wenn kaum etwas davon umgesetzt und im ländlichen Raum weiter die medizinische Versorgung zusammengestrichen wird?", sagte die gesundheitspolitische Sprecherin Petra Heimer.

Die Landesregierung müsse "mit allen Mitteln dafür Sorge tragen, dass ein wohnortnahes Angebot der Geburtshilfe in allen hessischen Regionen unter Wahrung der Rettungsfristen bestehen bleibt".

Rettungsdienstkonzept für Notfälle

Martina Klenk arbeitet derzeit mit anderen Verbänden deswegen an einem Rettungsdienstkonzept, bei dem Sanitäter im Fall einer Geburt im Rettungswagen eine Hebamme zur Unterstützung rufen können. "Das ist aber nur für den Notfall gedacht und soll nicht dazu dienen, Argumente für noch mehr Schließungen zu liefern", betont sie. Bis dahin prognostiziert sie: "Es werden mehr Kinder auf der Straße zur Welt kommen."

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