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Axel Valet: "Vorzeitige Plazentalösungen würde das Kind nicht überleben"

Der Gynäkologe Axel Valet war Belegarzt in Dillenburg, wo zum Jahresbeginn die Geburtsstation schloss. Warum das für werdende Eltern künftig aufreibend sein kann und manche Babys längere Fahrtzeiten womöglich nicht überleben, erklärt er hier.

Axel Valet mag seinen Job: Er ist seit über 30 Jahren Frauenarzt, seit mehr als 15 Jahren begleitete er regelmäßig Geburten in der Klinik. Damit ist seit 1. Januar allerdings Schluss. Valet war einer von drei Belegärzten in den Lahn-Dill-Kliniken in Dillenburg. Die Geburtsstation dort musste schließen. Die offizielle Begründung des Klinikverbundes ist, dass keine neuen Belegärzte gefunden wurden.

Kleine Kliniken arbeiten oft mit Belegärzten. Wie Valet haben die meisten eine eigene Praxis und müssen los in den Kreißsaal, wenn ein Anruf aus der Klinik kommt. Valet hat eine Praxis in Herborn (Lahn-Dill), rund zehn Kilometer entfernt von den Lahn-Dill-Kliniken. Der Frauenarzt ist außerdem Vorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte und Ärztinnen in der Region Gießen und Marburg.

Schwangere in der Region müssen nun längere Fahrtzeiten in Kauf nehmen und auf Kliniken in Siegen (Nordrhein-Westfalen), Marburg, Wetzlar oder Gießen ausweichen. Das kann im Zweifel gefährlich werden. Im Interview spricht Valet über die Risiken und darüber, warum der Job als Belegarzt für den Nachwuchs nicht sehr attraktiv ist und es stattdessen Leidenschaft braucht.

hessenschau.de: Herr Valet, wie arbeiten Belegärzte in der Geburtshilfe? Sie haben ja auch noch eine gynäkologische Praxis in Herborn.

Axel Valet: Wir haben in Deutschland in belegärztlichen Abteilungen eine hebammenorientierte Geburtshilfe. Das heißt, als Belegarzt werde ich dazu gerufen, wenn es Probleme gibt oder spätestens dann, wenn der Muttermund vollständig geöffnet ist, damit ich bei der sogenannten Austrittsperiode dabei bin, wenn das Kind mit den Wehen durch das Becken tritt.

Das ist die gefährlichste Zeit in der Schwangerschaft. Da bin ich immer dabei: Wenn das tagsüber während der Sprechstunde ist, muss ich die verlassen und fahre rüber ins Krankenhaus.

hessenschau.de: Manche Kinder kommen lieber nachts. Da wurden Sie dann zu Hause rausgeklingelt?

Valet: So ist das. Ich muss so schnell sein, dass ich bei einem Notfall innerhalb von 20 Minuten das Kind auf der Welt habe, auch nachts. Da gibt man wirklich Gas, dann sind wir schnell und schaffen das auch. Wir haben dann schon besprochen, was anliegt. Ich bekomme die Kurve des CTG (das CTG misst den Herzschlag des ungeborenen Kindes, Anm. d. Red) als Foto geschickt. Das gucke ich mir an, die Patientin wird in den OP gebracht, und ich kann sofort loslegen: Wenn ich den ersten Schnitt gemacht habe, brauche ich eine Minute, bis das Kind da ist. Das geht sehr schnell. Aber ich bin auch ohne Notfall dabei, sobald der Muttermund vollständig geöffnet ist.

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„Es gibt nur noch wenige Belegärzte in der Geburtshilfe. Vor allem, weil die Haftpflichtversicherung mehrere 10.000 Euro im Jahr kostet.“
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hessenschau.de: Es gibt keine Verpflichtung, als Frauenarzt noch zusätzlich Belegarzt zu sein. Welche Hürden gibt es?

Valet: Ich bin als Belegarzt und in meiner Praxis selbstständig. Ich muss in Kliniknähe wohnen, sonst würde das nicht genehmigt werden. Ich rechne die Geburten und Visiten gegenüber der Kassenärztlichen Vereinigung ab und muss mich auch selbst versichern.

Ich zahle rund 70.000 Euro Haftpflichtversicherung im Jahr. Wenn Sie jetzt einen neuen Vertrag abschließen, sind es eher 90.000 Euro. Das können Sie mit einem Honorar in der Geburtshilfe nicht erwirtschaften, aber wir hatten Verträge mit dem Krankenhaus, die uns unterstützt haben. Zum Vergleich: Wenn man nur operiert, ist man mit 8.000 bis 10.000 Euro für die Versicherung dabei.

Deswegen machen auch etwa 98 Prozent der niedergelassenen Gynäkologen das gar nicht. Es gibt nur noch sehr wenige Belegärzte in der Geburtshilfe. Durch die Schließung in Dillenburg sind es nun drei weniger.

hessenschau.de: Im ländlichen Raum ist man auf das Belegarzt-System angewiesen. Warum eigentlich?

Valet: Eine Hauptabteilung für eine Geburtsklinik bräuchte einen Chefarzt, drei Oberärzte und sieben Assistenzärzte, damit Ausfallzeiten aufgefangen werden. Das rechnet sich im ländlichen Raum nicht. In Bayern ist es weit verbreitet, mit dem Belegarztsystem zu arbeiten, sonst gäbe es dort viele weiße Flecken auf der Landkarte.

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„Wenn man bei einem Notfall erst mal noch eine halbe Stunde woanders hinfahren muss, kann es für einen Not-Kaiserschnitt eng werden.“
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hessenschau.de: Ein weißer Fleck ist jetzt die Region um Dillenburg. Was bedeutet das für die schwangeren Frauen dort? Gerade wenn es womöglich mal nicht rund läuft bei der Geburt?

Valet: Je nachdem, wo sie wohnen, und je nach Witterungsverhältnissen fahren sie aus der Region eine Stunde bis in die nächste Klinik mit einer Geburtsstation. Ende letzten Jahres hatten wir Blitzeis, da ging gar nichts mehr. In solchen Situationen gibt es tatsächlich ein Problem. Aber auch sonst: Der werdende Vater muss mit der werdenden Mutter, die Wehen hat, unter Umständen eine Stunde im Auto durch die Nacht fahren. Das stelle ich mir für beide Seiten nicht angenehm vor.

Wir haben außerdem im Jahr zwei bis drei vorzeitige Plazentalösungen - da würde das Kind nicht überleben, wenn man länger fahren muss. Die kommen bei uns rein und werden sofort per Kaiserschnitt entbunden. Wenn sie erst noch eine halbe Stunde woanders hinfahren müssen, wäre es sehr unwahrscheinlich, dass das klappt.

Wir haben auch Frauen, die kommen quasi pressend zur Tür rein. Die haben oft schon mehrere Kinder, und da geht das dann auch mal sehr schnell. Die würden künftig wohl im Auto entbinden.

hessenschau.de: In Dillenburg wurden rund 500 Kinder im Jahr geboren. Das heißt, seit Neujahr steigen die Risiken für die Schwangeren in der Region?

Valet: Das kann sein. In Schweden haben sie auch lange Wege, aber sie haben in der Statistik eben auch mehr tote Kinder bei Aufnahme im Krankenhaus.

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„Wenn eine Geburtsstation dicht gemacht wird, ist das eine Verschlechterung der Versorgung. Warum erklärt der Gesetzgeber die Geburtshilfe nicht zur Daseinsvorsorge?“
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Aus meiner Erfahrung ist es eine Verschlechterung der Versorgung, wenn eine Geburtsstation zugemacht wird im ländlichen Raum. Und bei uns in der Region war das ja nicht der erste Kreißsaal, der geschlossen wurde - in Weilburg, Biedenkopf oder Ehringshausen (Lahn-Dill) sind sie schon geschlossen.

hessenschau.de: Rechnen sich Geburten einfach nicht?

Valet: Geburtshilfe wird allgemein schlecht honoriert, daran will der Bundesgesundheitsminister jetzt auch was ändern. Aber das kommt natürlich spät. Ich bin seit Jahren an dem Thema dran. Man hätte schon längst die Haftpflichtversicherung ändern können, etwa so, dass wir Ärzte ähnliche Regelungen bekommen wie die Hebammen.

Bei Hebammen übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung weite Teile der Haftpflichtversicherung bei einer bestimmten Mindestanzahl an Geburten. Das sind etwa vier Geburten im Jahr, dann werden rund 80 Prozent der Kosten übernommen.

Eine andere Idee ist: Warum erklärt man nicht Geburtshilfe zur Daseinsvorsorge? Ich mache ja nicht irgendwelche kosmetischen Operationen. Die Haftpflichtversicherung könnte dann vom Bund getragen werden, ähnlich wie bei Impfungen. Aber das lehnt das Bundesgesundheitsministerium bisher ab.

hessenschau.de: Kliniken beklagen, dass sie keine Belegärzte mehr finden. Was Sie erzählen, klingt für Nachwuchs auch nicht besonders attraktiv.

Valet: Ich hatte mindestens zehn Dienste pro Monat, und wir waren drei Belegärzte. Wir hatten 500 Geburten im Jahr, mindestens eine pro Tag. Kinder haben leider die Tendenz, eher nachts zur Welt zu kommen als tagsüber - das heißt, das ist anstrengend.

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„Ich bin gerne Geburtshelfer. Das ist der wichtigste Moment für Familien, und ich darf dabei sein.“
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Da müssen Sie schon mit dem Beruf verheiratet sein, wenn Sie das freiwillig mitmachen. Das würde man wohl eher in Kauf nehmen, wenn man durch ein bestimmtes Honorar motiviert würde - das ist aber nicht gegeben. Das muss man wollen. Ich bin einfach gerne Geburtshelfer. Das ist der wichtigste Moment für die Familien, und ich bin der Erste, der gratuliert. Das ist doch toll, ein hoch emotionaler Moment, bei dem ich dabei sein darf.

hessenschau.de: Sie sind schon lange dabei, aber mit Geburten ist es jetzt vorbei. Sie haben an Silvester den Kreißsaal endgültig abgeschlossen.

Valet: Richtig, ich werde keine Geburten mehr machen können, auch weil ich dann keine Haftpflichtversicherung mehr habe. Es war klar: Wenn am 1. Januar um 0.01 Uhr jemand kommt, müssen wir den Krankenwagen rufen und die Frau verlegen lassen.

Das Interview führte Sonja Süß.