Menschen ohne Krankenversicherung Wenn das soziale Netz nicht hält

Menschen ohne Krankenversicherung bekommen in der humanitären Sprechstunde beim Gesundheitsamt in Frankfurt ärztliche Hilfe. Bei der Behandlung durch Fachärzte oder stationären Aufenthalten gerät das Angebot jedoch an seine Grenzen. Das gilt auch für Geburten.

Krankenkassenkarte
Obwohl es eine Versicherungspflicht gibt, leben viele Menschen ohne Krankenversicherung. Bild © Imago Images
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Ein großes weißes Pflaster klebt in der Armbeuge der Frau, die vor dem Empfangstresen steht. Ihr wurde Blut abgenommen und sie braucht einen neuen Termin. Hier in der humanitären Sprechstunde bekommen Menschen ohne Krankenversicherung ärztliche Hilfe.

In dem Behandlungszimmer mit Ultraschall- und EKG-Gerät wird das behandelt, was sonst der Hausarzt macht: "Wir versorgen Patienten mit hohem Blutdruck oder Diabetes, aber auch mit kleineren Wunden und Verletzungen", sagt Petra Tiarks-Jungk. Sie leitet die Sprechstunde und kennt die Menschen, die herkommen.

Einem Mann wird Blut abgenommen.
In der humanitären Sprechstunde wird zum Beispiel Blut abgenommen. Bild © dpa

Die meisten hier möchten anonym bleiben. Einige haben keine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, andere aus anderen Gründen keine Krankenversicherung: "Das kann die EU-Bürgerin sein, die noch auf Jobsuche ist oder das klassische Beispiel, der Handwerker, der die Beiträge zur privaten Krankenversicherung nicht mehr zahlen konnte und da nicht wieder reinkommt." Obwohl es eine Krankenversicherungspflicht gibt, fallen so immer wieder Menschen aus dem System.

Tausende Menschen ohne Krankenversicherung

Wie viele Menschen in Hessen keine Krankenversicherung haben, ist nicht bekannt. Bundesweit sind es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes etwa 61.000 Menschen. Allein in die humanitäre Sprechstunde des Gesundheitsamts kommen rund 300 Patienten pro Jahr, so die Ärztin Tiarks-Jungk.

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Hundertausende Menschen ohne ärztliche Versorgung

Laut der Hilfsorganisation "Ärzte der Welt" haben hunderttausende Menschen keinen Zugang zu einer benötigten medizinischen Versorgung.

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Ärztin Petra Tiarks-Jungk in der humanitären Sprechstunde
Dr. Petra Tiarks-Jungk behandelt Menschen ohne Krankenversicherung beim Gesundheitsamt Frankfurt. Bild © hessenschau.de

Die Sprechstunde, die schon 2001 von der Sozialarbeiterin Virginia Wangare Greiner initiiert wurde, und weitere Anlaufstellen wie niedrigschwellige Ambulanzen, Angebote der Malteser oder einzelne Ärzte im Bereich der Wohnungslosenhilfe schaffen Abhilfe. Wangare Greiner leitet außerdem die Gesundheitsberatung der humanitären Sprechstunde. Die Menschen kommen mit vielen Sorgen zu ihr, wie die Geschäftsführerin der Selbsthilfegruppe für afrikanische Frauen Maisha e.V. sagt.

Die Patientinnen und Patienten seien oft hilflos und erschöpft von Problemen. Im Frankfurter Gesundheitsamt gibt es mittlerweile auch eine Sprechstunde für Kinder ohne Krankenversicherung und eine gynäkologische Sprechstunde für Patientinnen ohne Versicherung.

Das Gesundheitsamt in Frankfurt
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Grenzen der medizinischen Versorgung

Sobald es weiteren fachärztlichen oder stationären Behandlungsbedarf für die Patientinnen und Patienten gibt, geraten die Angebote an ihre Grenzen. "Wir hatten schon Patienten mit chronischem Nierenversagen oder Frauen mit Brustkrebs", sagt Tiarks-Jungk. In der Gesundheitsberatung, die Wangare Greiner leitet, wird dann gemeinsam nach Lösungen für eine Behandlung gesucht – und vor allem für deren Finanzierung.

Das gilt auch bei Geburten. Schwangere Frauen werden zwar in den humanitären Sprechstunden versorgt, allerdings nur bis zur Geburt. "Das Problem ist dann die Durchführung der Entbindung im Krankenhaus", sagt Tiarks-Jungk. Das Gesundheitsamt habe dazu lockere Absprachen mit einigen Frankfurter Krankenhäusern. Bei der Entbindung können jedoch hohe Kosten entstehen.

7.000 Euro Krankenhaus-Rechnung

Das hat auch Faith Idahosa erlebt. Als sie nach Frankfurt kam, war sie schwanger. Sie kommt aus Nigeria, hat zehn Jahre in Spanien gelebt, aber mit ihrer spanischen Gesundheitskarte konnte sie in Deutschland nichts anfangen. "Bei der Geburt begannen die Probleme. Sie haben mir gesagt, ich müsse so viel Geld zahlen, um in Deutschland zu gebären und ich soll zurück nach Spanien gehen, um dort das Kind zu bekommen und dann wieder zu kommen", sagt Idahosa mit Tränen in den Augen. Dazu habe sie nein gesagt.

Faith Idahosa sitzt auf einem bunten Sofa
Faith Idahosa hat inzwischen einen Job und eine Krankenversicherung. Bild © hessenschau.de

Idahosa ist in ein Frankfurter Krankenhaus gegangen. Es gab Komplikationen: "Ich hatte Schmerzen, aber sie haben mich nach Hause geschickt. In der Nacht habe ich nicht geschlafen. Am nächsten Morgen musste ich wieder ins Krankenhaus." Eine Woche war sie dort. Danach konnte sie in der humanitären Sprechstunde weiter versorgt werden. Inzwischen hat Idahosa einen Job und eine Krankenversicherung. Doch die Krankenhaus-Rechnung zahlt sie bis heute ab: 7.000 Euro insgesamt.

Der lange Weg zurück in die Versicherung

Aminata (Name geändert) hatte Glück: Die Geburt ihres Sohnes, den sie auf dem Arm hält, verlief ohne Komplikationen. Er ist erst wenige Monate alt. Die 32-Jährige möchte anonym bleiben, denn noch hat sie keine Krankenversicherung, sie wartet auf ihre Papiere. Bis sie diese hat, ist die humanitäre Sprechstunde weiter ihre medizinische Anlaufstelle.

In anderen Bundesländern gibt es für Menschen ohne Krankenversicherung den anonymen Krankenschein. Er ermöglicht in Thüringen zum Beispiel eine anonyme Behandlung sowie eine Kostenübernahmegarantie von 500 Euro. Die Medinetze Gießen und Marburg fordern in einer Petition einen anonymen Behandlungsschein für Hessen, einen Behandlungsfonds und flächendeckende Clearingstellen.

Die hessische Landesregierung hatte in ihrem Koalitionsvertrag schon 2018 angekündigt, den anonymen Krankenschein zu prüfen. Auf Nachfrage sagte das Sozialministerium nun, die Clearingstellen in Frankfurt und Wiesbaden ausbauen zu wollen und in Kassel eine neue Clearingstelle für Menschen ohne Krankenversicherung zu etablieren. Ziel dieser Stellen ist es, möglichst viele Menschen ins gesundheitliche Regelsystem zu vermitteln.

Ärztin Petra Tiarks-Jungk berichtet, dass das bei der Clearingsstelle des Frankfurter Gesundheitsamtes zumindest bislang bei rund einem Drittel der Patientinnen und Patienten gelinge.

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Sendung: hr-iNFO, 25.5.2023, 6:25 Uhr

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Quelle: hessenschau.de/Susanne Mayer