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Rudolf Stark: "Der zentrale Punkt ist immer der Kontrollverlust"

Pornografische Bilder unscharf auf einem Smartphone (dpa)

Jeder zwanzigste Erwachsene ist süchtig nach Pornos. Eine neue Studie der Uni Gießen untersucht, wie ihnen zu helfen ist. Erste Hinweise geben Gehirnscans, sagt Studienleiter Rudolf Stark im Interview.

Etwa fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung leide unter Pornografie-Sucht, sagt Rudolf Stark. Er ist Professor für Psychotherapie und Systemneurowissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und leitet ein Konsortium, das Behandlungsmöglichkeiten untersuchen will. Betroffen seien etwa viermal mehr Männer als Frauen. 

Eine der Ursachen für die Sucht: die leichte Verfügbarkeit von Pornos am PC oder über das Smartphone, auch schon für Jugendliche, sagt Stark. Im Interview erklärt er, was bei Porno-Konsum im Gehirn passiert und wann der Moment gekommen ist, sich Hilfe zu suchen.

hessenschau.de: Herr Stark, welche Folgen hat Pornografie-Sucht für Betroffene?

Rudolf Stark: Wenn wir uns den klinischen Bereich und die Pornografie-Nutzungsstörung ansehen, dann müssen zunächst bestimmte Kriterien für eine Suchterkrankung erfüllt sein. Viele Menschen konsumieren Pornografie, ohne damit größere Schwierigkeiten zu haben. Doch der Konsum von Pornografie kann eben auch entgleisen. Das bedeutet dann, dass sich irgendwann das ganze Leben um den Pornografie-Konsum dreht. Dass andere Verpflichtungen immer mehr vernachlässigt werden.

Wir hatten hier in unserer verhaltenstherapeutischen Ambulanz in Gießen schon Patienten, die am Ende zehn, zwölf Stunden am Tag ausschließlich Pornografie konsumiert haben. Da können Sie sich vorstellen, dass andere Verpflichtungen auf der Strecke bleiben.

hessenschau.de: Wann ist der Kipppunkt, ab dem sich Betroffene Hilfe suchen sollten?

Stark: Der zentrale Punkt ist immer der Kontrollverlust. Dass Menschen feststellen, dass der Konsum ihnen schadet. Dieser Schaden kann auf sehr unterschiedlichen Ebenen stattfinden: Probleme in der Partnerschaft, Konzentrationsschwierigkeiten im Beruf oder Ähnliches. Dann wollen die Betroffenen natürlich ihren Konsum einschränken. Und wenn sie dann feststellen, dass ihnen das nicht gelingt, sprechen wir von Kontrollverlust.

Die Patienten sehen also die Nachteile ihres Konsums und sind gewillt, diesen einzuschränken, stellen aber fest: Das klappt vorne und hinten nicht. Das wäre der Punkt, an dem wir sagen: Hier gibt es Indizien, dass eine Pornografie-Nutzungsstörung vorliegt, und es sollte therapeutische Hilfe gesucht werden.

hessenschau.de: Wo setzen Sie mit Ihrer psychotherapeutischen Arbeit an?

Stark: Wir beschäftigen uns in Gießen mit dem Thema schon mehr als 15 Jahre. Wir haben auf der einen Seite sehr viel Grundlagenforschung gemacht. Dabei haben wir auch mit Hilfe der Kernspintomografie versucht zu verstehen, was pornografisches Material in unserem Gehirn auslöst. In diesem Bereich haben wir in den letzten Jahren spannende Ergebnisse erzielten können.

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Betroffene gesucht

Für diverse Studien zu dem Thema sucht das Fachgebiet Psychologie der JLU Betroffene.

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Auf der anderen Seite beschäftigen wir uns seit zehn Jahren damit, wie wir Betroffenen dabei helfen können, diese Probleme zu überwinden. Dazu haben wir verschiedene Studien durchgeführt und ausprobiert, was bei diesem Störungsbild am besten hilft.

hessenschau.de: Zum Beispiel?

Stark: Es ist wichtig, über verschiedene Techniken die Impulskontrolle zu erhöhen. Eine zentrale Frage hierbei ist, was kann ich ganz konkret tun, wenn ich einen sehr starken Druck zum Pornografie-Konsum spüre? Beispielsweise kann eine Verführungssituation am PC gelöst werden, indem man sofort den Raum mit dem PC für ein paar Minuten verlässt.

Neben der Impulskontrolle müssen in der Therapie natürlich auch die Lebensbereiche thematisiert werden, die im individuellen Fall die Entwicklung einer Pornografie-Nutzungsstörung begünstigt haben. Ein Beispiel könnte eine nicht vorhandene oder nicht befriedigende partnerschaftliche Sexualität sein.

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Das Programm "PornLoS"

Der Bund unterstützt über den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses ein Forschungskonsortium unter der Leitung von Rudolf Stark in den nächsten vier Jahren mit 5,4 Millionen Euro. Das Konsortium will verschiedene Therapieansätze an einer größeren Stichprobe von 250 Patienten ausprobieren. Das Programm "PornLoS" läuft zunächst in drei Bundesländern: in Hessen, in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Wenn das Programm erfolgreich ist, wird es bundesweit in die Regelversorgung überführt.

Es sollen zwei Varianten einer sechsmonatigen Intensivbehandlung aus kombinierter psychotherapeutischer Einzel- und Gruppentherapie mit bisherigen Behandlungsansätzen verglichen werden. In einer Variante soll komplette Porno-Abstinenz, in der anderen ein reduzierter Konsum angestrebt werden. Beides soll unter anderem mit einer App unterstützt werden, mit der Risikosituationen erkannt werden können.

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hessenschau.de: Sie sagen, Sie haben auch in der Grundlagenforschung spannende Ergebnisse erzielt. Was passiert bei Pornokonsum im Gehirn?

Stark: Das ist tatsächlich sehr spannend. Wir haben in Gießen im Jahr 2000 in der Psychologie einen Kernspintomografen installiert bekommen. Damit konnten wir verschiedenste Fragestellungen untersuchen. Wir haben eigentlich nur nebenbei untersucht, was im Gehirn passiert, wenn man Pornos guckt.

Dabei haben wir festgestellt, dass durch dieses Bildmaterial Strukturen im Gehirn aktiviert werden, die wir sonst aus der Suchtforschung kennen. Es ist zum Beispiel der Nucleus accumbens, der eine zentrale Rolle im Belohnungssystem des Gehirns spielt. Auf diese Strukturen im Gehirn wirkt pornografisches Bildmaterial offensichtlich sehr stark ein. Da lag die Frage nahe: Kann man von pornografischem Material süchtig werden? Das war der Beginn unserer Forschung hier in Gießen.

hessenschau.de: Leiten sich aus Ihren Forschungsergebnissen auch Forderungen an die Politik ab?

Stark: Das ist ein wichtiger Punkt. Was hier sicher vorrangig angegangen werden müsste, wäre der Jugendschutz. Wir wissen, dass Pornografie-Nutzung schon in sehr jungen Jahren beginnt, teilweise fangen Kinder und Jugendliche schon mit 12, 13 Jahren an, regelmäßig Pornografie zu gucken. Sie haben über ihre Smartphones unbegrenzten Zugriff darauf. Die Folgen davon sind nach wie vor schwer abschätzbar, weil Forschung mit Kindern dazu aus ethischen Gründen fast unmöglich ist.

Es gibt auch sehr unterschiedliche Meinungen dazu, wie kritisch man sehen muss, dass Jugendliche schon sehr viel Pornomaterial konsumieren. Aber das Auseinanderklaffen der gesetzlichen Vorgaben im Jugendschutz und der Realität ist etwas, das man als bedenklich ansehen muss. Wir beobachten immer mehr Patienten, die über Pornografie sexuell sozialisiert worden sind.

hessenschau.de: Das heißt, sie nehmen das Gesehene mit in ihre Partnerschaften.

Stark: Ja. Dabei wissen wir, dass Pornografie mit realer Sexualität relativ wenig zu tun hat. So etwas wie Intimität taucht in Pornos kaum auf, und es werden sehr schlimme Rollenklischees vermittelt. Wenn man sich vorstellt, dass Jugendliche damit groß werden und Realität mit Pornografie verwechseln, ist das bedenklich.

Wenn man also politische Forderungen stellen würde, dann die, dass der Jugendschutz ernster genommen werden muss und dass über eine echte Altersverifikation sichergestellt ist, dass nur Erwachsene Zugriff auf Pornografie haben.

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Das Gespräch führte Sonja Fouraté.