Frankfurter Paulskirche Friedenspreis an Salman Rushdie verliehen

Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie ist in Frankfurt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Laudatoren lobten seinen Kampf für die Meinungsfreiheit.

Der britisch-indische Autor Salman Rushdie (M) bekommt zu Beginn der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche stehenden Applaus.
Der britisch-indische Autor Salman Rushdie bekommt zu Beginn der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche stehenden Applaus. Bild © picture-alliance/dpa
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Salman Rushdie sieht die Welt in keinem guten Zustand. "Wir leben in einer Zeit, von der ich nicht geglaubt habe, sie erleben zu müssen", konstatiert er am Sonntag in seiner Dankesrede bei der Friedenspreisverleihung in der Frankfurter Paulskirche.

Es sei eine Zeit, "in der die Freiheit - insbesondere die Meinungsfreiheit, ohne die es die Welt der Bücher nicht gäbe - auf allen Seiten von reaktionären, autoritären, populistischen, demagogischen, halbgebildeten, narzisstischen und achtlosen Stimmen angegriffen wird".

Es sei eine Zeit, "in der sich Bildungseinrichtungen und Bibliotheken Zensur und Feindseligkeit ausgesetzt sehen". Extremistische Religionen und bigotte Ideologien beginnen zudem, so Rushdie, "in Lebensbereiche vorzudringen, in denen sie nichts zu suchen haben".

Neue Kommunikationsformen wie das Internet machten all das noch komplizierter. Es sei immer schwerer, Fake News zu erkennen, auch weil milliardenschwere Besitzer von Social-Media-Plattformen davon profitierten.

Rushdie: "Schlechte Rede mit besserer Rede kontern"

Doch Salman Rushdie wäre nicht der Optimist, der er schon immer war, wenn er nicht zumindest eine Idee hätte, was zu tun ist: "Wir sollten weiterhin und mit frischem Elan machen, was wir schon immer tun mussten: schlechte Rede mit besserer Rede kontern, falschen Narrativen bessere entgegensetzen, auf Hass mit Liebe antworten und nicht die Hoffnung aufgeben, dass sich die Wahrheit selbst in einer Zeit der Lügen durchsetzen kann", sagte er.

Die Wahrheit müsse erbittert verteidigt werden, und die freie Rede auch dann, "wenn sie uns beleidigt, da wir die Meinungsfreiheit sonst überhaupt nicht verteidigen würden". Zu den wichtigsten Verteidigern der Meinungsfreiheit zählt Rushdie Verlegerinnen und Verleger.

"Zivilisation ist die Antwort auf Barbarei"

Sie machten Kunst möglich, und "Kunst ist die Antwort auf Philisterei, Zivilisation die Antwort auf Barbarei". Er selbst habe gelernt, "wie harsch die Reaktion sein kann, wenn man frei und ungehindert schreibt". 21 Mal sei es gut gegangen, das eine Mal eben schief, sagte er in Anspielung auf sein viertes Buch, "Die satanischen Verse", für das er im vergangenen Jahr fast gestorben wäre.

"Ich lernte, wie gefährlich es sein kann, den Wein der Freiheit zu trinken", resümierte Rushdie. "Das aber machte es nur umso unabdingbarer, wichtiger und unverzichtbarer, sie zu verteidigen, worum ich mich, mit einer Vielzahl Gleichgesinnter, nach Kräften bemüht habe."

Friede ein großer Wert

Mit Blick auf den Namen des an ihn verliehenen Preises sagte er vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges und des Terrors der Hamas: "Frieden will mir im Augenblick wie ein dem Rauch der Opiumpfeife entsprungenes Hirngespinst vorkommen."

Der britisch-indische Autor Salman Rushdie bekommt zu Beginn der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche stehenden Applaus.
Salman Rushdie bei der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Bild © picture-alliance/dpa

Doch auch dieser zähle zu den großen Werten, "die es leidenschaftlich zu verfolgen gilt" - auch wenn der Blick in die Literaturgeschichte zeige, dass Friede oft nur nach langer Zeit und mit großen Opfern zu erreichen sei. Auf Rushdies Rede folgten minutenlange stehende Ovationen.

Kenner der Literaturgeschichte und von "Star Wars"

In seiner Laudatio unterstrich der Schriftsteller Daniel Kehlmann zuvor Rushdies Gespür und Weitsicht: "Wenn dort draußen etwas von Wichtigkeit passiert, wird Salman es vor uns anderen mitbekommen und es, manchmal in offensichtlicher, manchmal auf geheime und nur ihm selbst nachvollziehbare Weise, in Kunst transformieren", sagte Kehlmann. So habe Rushdie etwa die Trump-Präsidentschaft in seinem Roman "Das goldene Haus" vorausgeahnt.

Rushdie bleibe keine Zeitströmung verborgen, er kenne sich nicht nur bestens in Geschichte und Literaturgeschichte aus, sondern kommentiere unter Freunden auch aktuelle Produktionen wie etwa die Star-Wars-Serie "Obi Wan Kenobi".

Der Autor Daniel Kehlmann hält bei der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche seine Laudatio auf Salman Rushdie.
Der Autor Daniel Kehlmann hält bei der Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche seine Laudatio auf Salman Rushdie. Bild © picture-alliance/dpa

Kehlmann: Würdigster Preisträger überhaupt

Atemberaubend sei, wie souverän Rushdie mit dem Mordaufruf aus Iran nach dem Erscheinen der "Satanischen Verse" umgegangen sei. Andere Menschen hätte es "seelisch erdrückt", auch Regierungen hätten erwartet, dass Rushdie "sich im Gegenzug für den ihm zugestandenen Personenschutz an einen verborgenen Ort zurückziehen und nicht weiter von sich hören lassen würde".

Doch Rushdie habe nicht mitgespielt. Er sei ein Schriftsteller geblieben und habe gekämpft, sich sogar in ein "welthistorisches Individuum" verwandelt, letztendlich zu dem "vielleicht wichtigsten Verteidiger der Freiheit von Kunst und Rede in unserer Zeit". Rushdie sei schlicht der würdigste Träger, den es für den Friedenspreis überhaupt hätte geben können.

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Josef: Rushdie ist Vermittler zwischen Kulturen

Ähnlich hatten sich zuvor Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) und Karin Schmidt-Friderichs, die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels geäußert. Rushdie sei der richtige Preisträger für diese Zeit der Krisen, sagte Josef, ein Kämpfer für die Freiheit und ein Vermittler zwischen den Kulturen.

"Bücher, das geschriebene Wort und epische Erzählungen wie die Werke des Preisträgers" seien ein Gegenpol zu Falschinformationen und Hass, wie sie gerade im Digitalen immer mehr verbreitet würden.

Karin Schmidt-Friderichs rief dazu auf, Position zu beziehen und Widerstand zu leisten, wenn Schriftsteller mit dem Tod bedroht würden. Meinungsfreiheit und eine demokratische Verfassung seien keine Selbstverständlichkeit. Von Rushdie könne man lernen, was Mut ist.

Das ist Salman Rushdie

Der 1947 in Indien geborene Rushdie gehört zu den bedeutendsten Vertretern der zeitgenössischen englischen Literatur. Sein internationaler Durchbruch gelang ihm 1981 mit dem Buch "Mitternachtskinder", für das er mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde.

Insgesamt veröffentlichte Rushdie mehr als zwei Dutzend Romane, Sachbücher und andere Schriften. Seinen Romane wurden in über 40 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen internationalen Preisen bedacht. 2007 wurde er von Queen Elizabeth II. in den Ritterstand erhoben.

Anschlag knapp überlebt

Im vergangenen Sommer war Rushdie während eines Vortrags in den USA mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt worden. Er ist seitdem auf einem Auge blind.

Der Angriff kam mehr als 30 Jahre nachdem der frühere Revolutionsführer im Iran, Ayatollah Chomeini, wegen Mohammed-Darstellungen in Rushdies viertem Roman "Die satanischen Verse" 1989 zur Ermordung des Autors aufgerufen hatte.

Das Werk sei "gegen den Islam, den Propheten und den Koran", hieß es in dem Rechtsgutachten. Muslime in aller Welt waren zur Vollstreckung des Todesurteils aufgerufen.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert. Geehrt werden Persönlichkeiten, die in Literatur, Wissenschaft oder Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen haben. Die Preisverleihung findet traditionell am letzten Tag der Frankfurter Buchmesse statt. Im vergangenen Jahr ging die Auszeichnung an den ukrainischen Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan.

Weitere Informationen

Sendung: hr-iNFO, 22.10.2023, 12 Uhr

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Quelle: hessenschau.de