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Buchmesse: Premiere für und Kritik an Awareness-Team

Die Frankfurter Buchmesse findet wieder komplett in Präsenz statt, doch die Vorfreude wird getrübt: Weil wieder rechte Verlage kommen, geht der Boykott einer Autorin weiter. Die Buchmesse will sich verbessern - und scheitert aus Kritikersicht doch.

Ein Awareness-Team, das bei diskriminierenden Erfahrungen zur ersten Anlaufstelle für Besucher und Besucherinnen wird, und ein "Code of Conduct", der die Regeln für ein "respektvolles Miteinander" während der Messewoche (19. bis 23. Oktober) bestimmt: Das ist in diesem Jahr neu auf der Frankfurter Buchmesse, wie sie als Veranstalter vorab hervorgehoben hat.

"Wir stellen einfach fest, dass der Ton, in dem diskutiert und debattiert wird, zunehmend rauer wird", teilte Kathrin Grün, Sprecherin der Buchmesse dazu auf hr-Anfrage mit. Sollte sich jemand bei einer Begegnung auf der Messe diskriminiert, beleidigt oder gedemütigt fühlen, sei das neue Awareness-Team aus Antidiskriminierungberatern und -beraterinnen ansprechbar. Mit einem eigenen Stand, einer Telefon- und E-Mail-Bereitschaft und auf Rundgängen.

Wieder rechte Aussteller - und wieder Boykott

Diese zwei neue Maßnahmen sollen offensichtlich dazu beitragen, Diskriminierung auf der Messe zu verhindern. Vor einem Jahr hatten zahlreiche angemeldete Autoren und Autorinnen vor und noch während der laufenden Buchmesse ihren Auftritt kurzfristig abgesagt - aus Betroffenheit und Solidarität. Grund für den Boykott im vergangenen Jahr war die Präsenz rechter Verlage auf der Messe. Und auch dieses Jahr, wenige Wochen vor der Messe, ist die Debatte zurück.

Die Autorin Jasmina Kuhnke, die 2021 den Boykott mit ihrer auf den sozialen Netzwerken verbreiteten Absage an die Buchmesse angestoßen hatte, teilte bereits auf Instagram mit: "Liebe Buchmesse, solange Nazis mit euch, bei euch, für euch ausstellen dürfen - solange werde ich euch boykottieren!". Zwei als als rechts einzustufende Verlage sind bereits im offiziellen Ausstellerverzeichnis zu finden: In Halle 3 präsentieren sich auch in diesem Jahr wieder der Verlag "Junge Freiheit" mit der gleichnamigen Wochenzeitung und der Karolinger-Verlag aus Österreich. Die "Junge Freiheit" gilt als zentrales Sprachrohr der sogenannten "Neuen Rechten" in Deutschland.

"Awareness-Team ist wie ein Feigenblatt"

Eine erneute Absage an die Buchmesse kann Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, bekannte Frankfurter Aktivistin, Trägerin des Tony-Sender-Preis 2022 und Mitbegründerin der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), verstehen. Die Forderungen nach einem anderen Umgang mit rechten Ausstellern seien keineswegs neu. Eine medienwirksame Maßnahme wie der Boykott habe die wichtige Diskussion darüber aber erst wieder in Gang gebracht.

Den Umgang der Buchmesse, die im vergangenen Jahr immer wieder auf die Meinungs- und Publikationsfreiheit verwiesen hatte, hält sie für falsch. "Die Buchmesse hat keine Statements direkt zum Boykott herausgegeben und nicht einmal versucht, vorab gegen rechte Aussteller zu klagen. Wahrscheinlich wäre das dann auch vor Gericht abgeschmettert worden, aber dann würden sie in der Öffentlichkeit zumindest zeigen, wo sie sich positionieren."

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Kritik an rechten Verlagen auf der Frankfurter Buchmesse

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Schritte wie das Awareness-Team zeigten zwar, dass die Buchmesse wohlwollend gegenüber People of Color und Schwarzen Autoren und Autorinnen sei. Die Messe "ducke" sich aber in der Öffentlichkeit weg, wie Wiedenroth-Coulibaly sagt. "Wenn der Raum (Anmerk. d. Red.: die Buchmesse) schon so gestaltet ist, dass wieder alles möglich ist, dann ist das Awareness-Team wie eine Feigenblatt-Funktion."

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Wieso wir "Schwarz" mit Großbuchstaben schreiben

"Schwarz" wird hier großgeschrieben, um deutlich zu machen, dass Schwarz-Sein eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche Stellung beschreibt und keine Eigenschaft ist, die auf die Hautfarbe zurückzuführen ist. Es geht um die gemeinsame Rassismuserfahrung und um die Art und Weise, gesellschaftlich wahrgenommen zu werden (mehr: Anmesty International, ISD)

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Russischer Nationalstand hingegen ausgeschlossen

Auch aus Sicht von Mirrianne Mahn (Grüne), Frankfurter Stadtverordnete und Referentin für Diversitätsentwicklung, müsste die Buchmesse, wenn erforderlich, unter anderem gerichtlich gegen rechte Aussteller vorgehen. "Ich kann keine Veranstaltung als diskriminierungssensibel bezeichnen, die rechtsradikale Menschen duldet. Das kann ich einfach nicht nach Hanau, nicht nach Halle, nicht nach George Floyd." Die Buchmesse habe sich beispielsweise auch bewusst dazu entschieden, den russischen Nationalstand nach dem Angriff auf die Ukraine auszuladen.

Mahn hatte bei der Friedenspreisverleihung 2021 spontan das Wort ergriffen und kritisiert, dass der Preis mit Tsitsi Dangarembga zwar an eine Schwarze Frau verliehen werde, Schwarze Autorinnen aber auf der Buchmesse nicht willkommen gewesen seien.

Das habe sich dieses Jahr trotz des Austausches mit der Messe nicht geändert. Es fehlten "ganz klar" weiterhin die Rahmenbedingungen, "dass sich alle Menschen willkommen fühlen und dass alle Menschen auch mit einem guten Gefühl auf der Messe sein können." Die Buchmesse müsse gegen die Aggressoren für Diskriminierung vorgehen und nicht nur mit erhöhten Sicherheitsmaßnahmen und Unterstützung für Betroffene reagieren.

Awareness-Team für subjektive Sicherheit

Eine objektive Gefährdungslage habe es im vergangenen Jahr nicht gegeben, betonte Buchmesse-Sprecherin Grün. Für die Sicherheit auf der Messe sorge ein entsprechendes Konzept, das gemeinsam mit der Messe und der Polizei erarbeitet werde. Für einzelne prominente, von Diskriminierung gefährdete Gäste würden Extra-Maßnahmen für ihren Besuch auf der Messe getroffen werden.

"Alle Aussteller, gegen die strafrechtlich nichts vorliegt, haben auch die Möglichkeit, auf der Frankfurter Buchmesse auszustellen. Nicht alles, was als illegitim empfunden wird, ist auch illegal", sagte Grün. "Uns ist es aber auch wichtig, wie das subjektive Empfinden ist." Dafür gebe es nun unter anderem das Awareness-Team: als eine erste Anlaufstelle mit direktem Kontakt zu Menschen, die solche Erfahrungen möglicherweise auch teilten.

"Unseren Erfahrungen nach stärkt allein unsere Sichtbarkeit und das Dasein das Sicherheitsgefühl der Menschen", weiß Akinola Famson vom Bund für Antidiskriminierungs- und Bildungsarbeit aus Berlin (BDB e.V.). Der BDB ist von der Buchmesse für das Awareness-Team beauftragt worden und als solches auch seit 2014 auf größeren Festivals und Festspielen unterwegs. Vier Mitarbeitende werden an den fünf Messetagen im Einsatz sein. Ihr Stand: im Foyer der Halle 4.0, ihre Hotline: 0152 587 84634.

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