Alexander Farenholtz steht in Kassel vor dem Fridericianum

Sollte die documenta nach dem neuerlichen Antisemitismus-Eklat abgebrochen werden? Nein, betont Interim-Geschäftsführer Alexander Farenholtz im Interview. Ausschließen möchte er weitere Vorfälle aber nicht.

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documenta-Gesellschafter fordern Einordnung problematischer Darstellungen

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"Fassungslos" zeigte sich Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, nach dem Fund weiterer als antisemitisch kritisierter Bilder auf der documenta. Der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker kritisierte den "fehlenden Willen der künstlerischen Leitung, sich ernsthaft und klar von judenfeindlicher Schmäh-Kunst zu distanzieren". Die FDP im Bund forderte gar die sofortige Unterbrechung der Kasseler Kunstschau.

Davon hält der neue documenta-Geschäftsführer Alexander Farenholtz nichts. Im Interview mit dem hr gibt er zwar Fehler im Umgang mit Beschwerden zu, fordert aber Nachsicht mit dem Kuratorenkollektiv Ruangrupa.

hessenschau.de: Vor wenigen Tagen waren Sie sich sicher, dass keine weiteren problematischen Werke auf der documenta auftauchen. Jetzt ist es doch passiert. Was sagen Sie dazu?

Alexander Farenholtz: Das ist eine bittere Angelegenheit. Aber es sind keine neuen Werke aufgetaucht, der Vorgang ist drei Wochen alt und wurde schon einmal behandelt. Dabei sind sicherlich zwei handwerkliche Fehler gemacht worden: Der Beschwerdevorgang, auf dem diese Diskussion beruht, wurde nicht sachgerecht behandelt. Die Beschwerdeführerin wurde nicht darüber unterrichtet, was mit ihrer Beschwerde passiert ist.

Das andere ist: Man hat seinerzeit versäumt, sich die Frage zu stellen, ob dieser Beitrag innerhalb der Ausstellung für die Besucherinnen und Besucher leichter erkennbar, leichter verdaulich und leichter erklärbar gemacht werden sollte.

Beides ist nachgeholt worden. Wir haben einerseits das Beschwerdemanagement so angepasst, dass die Besucherinnen und Besucher regelmäßig über das unterrichtet werden, was mit diesen Beschwerden passiert. Das ist keine künstlerische Frage, sondern eine operative. Zweitens hat die documenta-Leitung entschieden, dass eine Kontextualisierung des Werks in der Ausstellung vorgenommen werden soll, die eine leichtere Erfahrung dieser dokumentarischen Arbeit möglich macht.

hessenschau.de: Wie verhält sich die künstlerische Leitung zu den Vorwürfen?

Farenholtz: Die künstlerische Leitung hat entschieden, dass sie diesen Beitrag in der Ausstellung kommentieren möchte. Das ist ihre Entscheidung. Niemand sonst kann eine Entscheidung darüber treffen, was in der Ausstellung passiert und was nicht.

hessenschau.de: Die Jüdische Gemeinde in Frankfurt hat Ihnen persönlich die Verharmlosung von Antisemitismus vorgeworfen und begründet das mit Ihrem Vorgehen in diesem Fall. Was sagen Sie dazu?

Farenholtz: Das kann ich mir schwer erklären, weil ich mich zu der Frage, was Antisemitismus ist und was nicht, zu keinem Zeitpunkt geäußert habe. Ich bin auch der Meinung, dass ich das nicht tun sollte, weil ich nicht die nötige Expertise dazu habe. Deswegen rätsele ich ein bisschen, was ich zu diesem Vorwurf sagen muss. Ich fühle mich nicht angesprochen.

hessenschau.de: Wie beurteilen Sie die drei Karikaturen?

Farenholtz: Das zu beurteilen ist etwas, das nicht mir obliegt. Noch dazu sind es historische Dokumente. Ich fühle mich nicht berufen zu beurteilen, welchen Charakter Exponate dieser documenta haben dürfen und welchen nicht. Das obliegt alleine der künstlerischen Leitung.

hessenschau.de: Warum positionieren Sie sich nicht und halten gegebenenfalls eine konträre Meinung zur künstlerischen Leitung aus? Viele vermissen eine klare Aussage seitens der documenta.

Farenholtz: Jeder von uns hier wird sagen: In Deutschland hat Antisemitismus keinen Platz. Aber ich fühle mich nicht berufen und kompetent zu sagen, was Antisemitismus genau ist und was nicht. Erst recht nicht, wenn es um ganz konkrete Vorgänge geht: zu entscheiden, ob das ein antisemitisches Artefakt oder nicht ist.

Auch im Zusammenhang mit der Frage, wie dann umzugehen wäre mit dokumentarischen Artefakten, die aus einer bestimmten Zeit herrühren und in einem bestimmten Kontext einzuordnen sind. Ich bin aber ganz entschieden der Meinung, dass man die Zustimmung einer breiten Öffentlichkeit nur gewinnen kann, wenn man sich erklärt. Die Kontextualisierung ist das, was ich als Erklärung bezeichnen würde.

hessenschau.de: Hat die künstlerische Leitung erkannt, dass es sich um antisemitische Werke handeln könnte?

Farenholtz: Ich habe heute Mittag mit Ruangrupa gesprochen und hatte den Eindruck, sie sind noch dabei, diese Bewertung vorzunehmen. Sie werden zu einem Ergebnis kommen, und das wird zu lesen sein.

hessenschau.de: Vor einigen Tagen sagten Sie, es sei nicht Aufgabe des Expertengremiums, jedes Exponat zu beurteilen. Aber das scheint ja passiert zu sein. Jemand scheint das Werk angeguckt und für nicht problematisch befunden zu haben.

Farenholtz: Das ist so. Aber es wurde damals nicht die Konsequenz daraus gezogen, die Zusammenhänge, die es aus der Sicht der Kuratoren richtig und vertretbar erscheinen ließen, diese Arbeit weiterhin zu zeigen, auch dem Publikum zu verdeutlichen. Das geschieht jetzt, und ich finde, das ist eine richtige Konsequenz.

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Lehre aus der documenta: Wir müssen über Antisemitismus reden

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hessenschau.de: Gibt es unter Umständen andere Werke, die man sich angesehen hat? Gab es ähnliche Vorgänge, von denen wir noch nichts wissen?

Farenholtz: Ich gehe davon aus, das würden wir mittlerweile wissen bei der Vielzahl der Besucherinnen und Besucher und kritischen Kommentatoren, die in den vergangenen Wochen durch die Ausstellung gegangen sind.

Aber ich will auch sagen: Ausschließen kann man bei einem so riesigen Projekt, bei so vielen Beteiligten gar nichts. Deswegen wäre ich bei zukünftigen Prognosen vorsichtig. Ich finde aber, wir haben aus diesem Prozess gelernt und haben Konsequenzen daraus gezogen, wie man damit - wie wir finden - richtigerweise umgeht.

hessenschau.de: Kann es sein, dass die breite deutsche Öffentlichkeit und die künstlerische Leitung unterschiedliche Auffassungen davon haben, was problematisch ist?

Farenholtz: Nicht nur das. Es kann auch sein, dass innerhalb der breiten deutschen Öffentlichkeit sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber bestehen, was antisemitisch und was problematisch ist. Es kann auch sein, dass innerhalb des Kuratorenkollektivs Ruangrupa unterschiedliche Vorstellungen darüber bestehen. Das merkt man auch an den zahlreichen Zuschriften, die uns zu dem Thema erreichen.

hessenschau.de: Mittlerweile wurde bereits Ihr Rücktritt gefordert. Was sagen Sie dazu?

Farenholtz: Ich werde nicht zurücktreten. Das sollten andere mir nahelegen: diejenigen, die mich eingestellt haben. Ich weiß, dass diese Funktion, die ich jetzt habe, natürlich Kritik auf sich zieht. Das muss ich dann aushalten. Ich habe nichts zu verlieren und will dafür streiten.

hessenschau.de: Die FDP fordert sogar, die documenta zu unterbrechen. Ist das eine Möglichkeit?

Farenholtz: So eine Aussage kann nur von jemandem kommen, der sich mit der Dynamik von Kunstausstellungen nicht auskennt. Das muss auch nicht jeder. Aber die Vorstellung, ein solches Projekt zu unterbrechen und es hinterher wieder fortsetzen zu können, ist abwegig.

Ich glaube, dass das aktuell eine politische Debatte ist, bei der die documenta nicht Gesprächspartner ist, auch nicht sein kann oder will. Sie ist vielmehr Objekt der Betrachtung. Diese Debatte müssen andere führen, und wir können uns daran nicht beteiligen.

hessenschau.de: Wie wird es mit dem Expertengremium weitergehen? Wann wird es die Arbeit aufnehmen, wer wird Teil davon sein?

Farenholtz: Das Gremium konstituiert sich zurzeit. Ich freue mich darauf, die Begegnung mit diesen Fachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern zu suchen, und werde auch der künstlerischen Leitung empfehlen, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen. Ich bin ganz sicher, dass das geschieht. Zur Zusammensetzung kann ich Ihnen aber nichts sagen, weil ich sie nicht kenne.

hessenschau.de: Wird es auf der documenta Dialogräume geben, wie es einmal geplant war? Wie kann es gelingen, miteinander ins Gespräch zu kommen?

Farenholtz: Der kommunikative Stil der künstlerischen Leitung ist ein Thema, seitdem es die documenta gibt. Als ich vor 35 Jahren schon einmal in dieser Position war, hatten wir es mit einem künstlerischen Leiter zu tun, der charismatisch war und jede Gelegenheit genutzt hat, ein Mikrofon zu ziehen. Es gab danach eine Catherine David, die das genaue Gegenteil war: spröde, abweisend, sprachlich schwer zu verstehen. Trotzdem hat sie eine documenta hingelegt, die Geschichte geschrieben hat.

Wir haben es jetzt mit einer documenta-Leitung zu tun, die es wie keine andere geschafft hat, mit der Stadtbevölkerung und den Besucherinnen und Besuchern in Verbindung zu treten. Gleichzeitig aber liegen ihnen Pressekonferenzen oder Podiumsdiskussionen nicht. Damit müssen wir alle ein Stück lernen umzugehen und zu begreifen: Die Sprache der documenta-Leitung ist ihre Ausstellung. Daran muss man sie messen und weniger an dem, was um sie passiert.

Das Gespräch führte Till Möller.

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