Die Hobbits sind schwul und Harry Potter ermittelt mit Sherlock Holmes: Wenn die Buchdeckel zugeklappt sind, gehen manche Geschichten trotzdem und anders weiter, nämlich dann, wenn Fans sie schreiben. Fan-Fiction heißt das und hat sogar schon einen Welterfolg hervorgebracht.

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Manche Fans schreiben die Geschichte weiter

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Sie hat die Trilogie von "Herr der Ringe" wahrscheinlich schon acht oder neun Mal gelesen. So richtig weiß Laura Jensen aus Lorsch (Bergstraße) das selbst nicht. Vielleicht ist das der Grund, warum die Figuren der Geschichten in ihrem Kopf ein Eigenleben entwickelt haben. Auch die anderen Bücher rund um das Mittelerde-Universum verschlingt sie regelmäßig.

Dass sie den Originalstoff von J.R.R. Tolkien so gut kennt, ist eine wichtige Voraussetzung für das Hobby der 30-Jährigen, die die Geschichten der Figuren außerhalb der Bücher weiterspinnt. Fan-Fiction heißt das, wenn Fans ihre Lieblingsgeschichten einfach selbst weiter- oder umschreiben. Und das Genre ist beliebt: Allein auf der deutschen Plattform fanfiktion.de gibt es weit über 300.000 Geschichten.

Harry Potter ermittelt mit Sherlock Holmes

Ob Kurzgeschichten, Gedichte oder sogar einzelne Kapitel einer fortlaufenden Handlung, Harry Potter, Avengers oder Spongebob - hier können sich Fans in den Fantasiewelten ihrer Vorbilder austoben. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie sich penibel an die Fakten der jeweiligen Welt halten oder wild alles vermischen.

Dann ermittelt Harry Potter zusammen mit Sherlock Holmes oder Superman entdeckt plötzlich seine homosexuelle Neigung. Es gibt aber auch Fan-Fiction mit real existierenden Personen. Gerne genommen werden da Mitglieder von Boybands aber auch Politiker. Da flirtet schon mal eine Sahra Wagenknecht von der Linkspartei mit der AfD-Politikerin Alice Weidel im Bundestag. In der Fan-Fiction sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Mutige Frauenfiguren entstanden jenseits der Buchdeckel

Früher schrieben hauptsächlich Frauen Fan-Fiction. Inzwischen seien es zunehmend auch queere Communities, sagt die Journalistin Sabine Horst, die in einem Frankfurter Verlag viel zu Fan-Fiction recherchiert.

"Die Frauen sahen und sehen sich halt in der Populärkultur nicht richtig repräsentiert und füllen diese Lücken schlichtweg selbst aus." So seien jenseits der Buchdeckel Frauenfiguren entstanden, die selbst Abenteuer erleben und nicht nur schmückendes Beiwerk sein wollten. Außerdem sei die Fan-Fiction experimenteller und wilder, erklärt die Journalistin.

Themen-Lücken selber ausfüllen

Themen, die in den herkömmlichen Büchern nicht oder nicht ausreichend vorkommen, finden Raum in der Fan-Fiction, ebenso wie der Wunsch, in den Figuren mehr zu sehen, als das Original vorgibt. Deswegen nehmen queere Geschichten und Figuren recht viel Raum ein - offenbar ist das Bedürfnis nach solchen Stoffen groß.

Vor allem zur Anfangszeit der Fan-Fiction Ende der 1960er-Jahre war das so. "Damals kamen noch keine Queers vor, auch People of Color waren unterrepräsentiert und da konnten Fans ansetzen", sagt Sabine Horst. Die Autorin Laura Jensen stimmt ihr zu: "In vielen Fällen sind Fan-Fictions Spiegel ihrer Zeit." Sie erfüllten die Bedürfnisse der Autoren, die die Originalstoffe nicht im Blick hätten.

"50 Shades of Grey" war mal eine Vampir-Romanze

Auf dem Buchtitel "50 Shades of Grey" liegt ein bordeauxfarbenes Dessous

Die Autorinnen und Autoren veröffentlichen ihre Fan-Fiction meistens selbst im Internet. Manchmal werden die Stoffe aber auch über Verlage veröffentlicht. Das prominenteste Beispiel für erfolgreiche Fan-Fiction ist "50 Shades of Grey". Der Roman von E L James war ursprünglich eine Fan-Fiction zu Stephanie Meyers "Twilight"- Saga.

Die Autorin fügte der Romanze Sado-Maso-Elemente hinzu, änderte die Namen und veröffentlichte das Ganze zunächst im Internet. Später kam ein Verlag hinzu, und das Buch verkaufte sich über 20 Millionen Mal allein in den USA. Die Geschichte wurde ein Welterfolg - inklusive Hollywood-Verfilmung für das Kino.

Eine Verlags-Veröffentlichung ist nicht immer das Ziel

Fan-Fiction-Autorin Laura Jensen möchte ihre Literatur nach eigenen Angaben nicht in einem Verlag veröffentlichen. "Weil ich die Online-Community mag", sagt sie und veröffentlicht ihre Texte gerne kostenfrei unter dem Pseudonym Roheryn.

Sie schreibe auch an einem eigenständigen, fiktiven Werk. Das mache sie in ihrer Freizeit neben ihrem Vollzeitjob als Compliance Spezialistin im Pharmabereich. So sei sie nicht darauf angewiesen, mit dem Schreiben Geld zu verdienen. "Ich möchte nicht von meinem Hobby leben müssen."