Der 33. Verhandlungstag im Lübcke-Prozess brachte keine neuen Erkenntnisse über den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten. Allerdings könnte ein Indiz den Hauptangeklagten zumindest im Tatkomplex Ahmed I. entlasten.

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    Tag 33: Das Problem mit der Verschwiegenheit

    Blick in den Saal 165 C des Oberlandesgericht Frankfurt.

    Eigentlich macht der Zeuge Daniel Zabel nicht den Eindruck, als lasse er sich schnell verunsichern. Der Kurzhaarschnitt hält, der Anzug sitzt. Alles an Zabels Auftritt signalisiert Respekt gegenüber der Obrigkeit, der er an diesem Donnerstag gegenübertritt - in diesem Fall dem 5. Strafsenat des Frankfurter Oberlandesgerichts. Diesem Respekt mag es geschuldet sein, dass er den Vorsitzenden Richter immer wieder mit "Euer Ehren" anspricht. Man kennt das aus amerikanischen Fernsehserien. In Deutschland tut es in der Regel ein einfaches "Herr Vorsitzender".

    Und doch ist sich Zabel unsicher, was genau und wie viel er an diesem 33. Verhandlungstag im Lübcke-Prozess preisgeben darf. Der 41-Jährige ist als Zeuge geladen, weil er als eine Art Hilfskraft für Frank Hannig, den ehemaligen Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst, tätig war. Diesem wirft Ernst vor, ihn dazu überredet zu haben, den tödlichen Schuss auf Walter Lübcke dem Mitangeklagten Markus H. in die Schuhe zu schieben. Hannig ist das Mandat inzwischen los.

    Zur Verschwiegenheit ist er allerdings noch verpflichtet - das gilt auch für seinen Mitarbeiter Daniel Zabel. Die aktuelle Verteidigung von Stephan Ernst hat Hannig zwar in engen Grenzen von der Verschwiegenheitspflicht entbunden. Doch wo genau diese Grenze verläuft, darüber scheint sich Zabel unsicher zu sein. "Ich möchte darum bitten, dass Herr Ernst mich komplett von meiner Schweigepflicht entbindet", leitet er seine Aussage ein.

    Gespräche bei der Rückfahrt

    So genau hat es Zabel in seiner beruflichen Laufbahn nicht immer genommen. Im Oktober 2019 wurde er wegen Verletzung von Dienstgeheimnissen vom Amtsgericht Dresden zu einer Freiheitsstrafe von elf Monaten auf Bewährung verurteilt. Ende August 2018 hatte Zabel, damals noch Bediensteter in einer Justizvollzugsanstalt in Dresden, einen Haftbefehl mit den Namen zweier Tatverdächtiger im Fall Daniel H. veröffentlicht. Der Tod des 35-Jährigen durch die Hand eines Asylbewerber hatte zu tagelangen, teils gewalttätigen Protesten in Chemnitz geführt.

    Offiziell ist Zabel noch Justizvollzugsbeamter, wenn auch suspendiert. Auf die Frage, was er gerade mache, entgegnet er: "Mein Leben sortieren." Nebenbei hat er es zum Beisitzer im Vorstand der sächsischen AfD gebracht. Und zu einer Art Recherchehelfer oder Privatermittler im Auftrag des Dresdner Rechtsanwalts Frank Hannig - der auch ihn schon vor Gericht vertreten hat.

    Den Gefallen, ihn vollumfänglich von der Verschwiegenheitspflicht zu entbinden, tut die Verteidigung von Ernst dem Zeugen Zabel nicht. Und so fallen seine Schilderungen knapp und wenig lebendig aus. Mehrfach habe er Frank Hannig zu den Mandantengesprächen in der JVA Kassel gefahren. Bei der Rückfahrt habe der Anwalt dann über die Gespräche mit Ernst berichtet. "Ich weiß nur, dass im Laufe der Gespräche der Name H. immer mehr in den Fokus geraten ist", sagt Zabel. "Ab einem gewissen Zeitpunkt", etwa ab dem dritten oder vierten Mandantengespräch habe Ernst Vertrauen gefasst und erklärt, dass H. auch am Tatort gewesen sei. Schließlich habe Ernst erklärt, dass H. den tödlichen Schuss auf Walter Lübcke "versehentlich" abgegeben habe - eine Version, an der Ernst bis zur Trennung von Hannig festhielt. Ob Hannig, wie Ernst es behauptet, diese Tatversion entwickelt habe, entziehe sich seiner Kenntnis.

    Handakte wird nicht beschlagnahmt

    Ein größerer Erkenntnisgewinn lässt sich aus der Vernehmung von Daniel Zabel wohl für keinen Prozessbeteiligten ziehen. Zabel ist ein Zeuge, der wiedergeben soll, was ihm ein anderer über ein Gespräch mit einem Dritten erzählt hat. Wobei bei mindestens zwei Gliedern dieser Gesprächskette erhebliche Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit bestehen. Für Björn Clemens, Verteidiger von Markus H., belegt sie immerhin, "dass Herr Ernst sein Aussageverhalten anpasst."

    Mehr Auskunft über den Inhalt der Gespräche zwischen Ernst und Hannig hätte womöglich die Handakte des Dresdner Rechtsanwalts geben können. Die Anwälte der Familie Lübcke sowie Ernsts Verteidiger beantragten deren Beschlagnahme bereits vor mehreren Prozesstagen. Dem allerdings erteilt der 5. Strafsenat an diesem Donnerstag eine Absage. Eine Beschlagnahme sei unzulässig, weil die Akte mit großer Wahrscheinlichkeit auch Bestandteile enthalte, die nicht von der Verschwiegensheitsentbindung abgedeckt sind.

    Quittung könnte Ernst entlasten

    Im Tatkomplex um den Messerangriff auf den irakischen Asylbewerber Ahmed I. könnte indes ein Indiz Stephan Ernst entlasten. Auf dem Computer des Hauptangeklagten war der Scan einer Quittung über den Kauf eines Messers gefunden worden. Die ehemaligen Inhaber eines Fachgeschäfts für Schneidwaren bestätigten an diesem Donnerstag, dass diese Quittung aus ihrem Geschäft stamme und vermutlich von der damaligen Freundin eines ihrer Söhne, die im Laden aushalf, ausgefertigt worden sei. Der Durchschlag vom Original ist sogar noch erhalten.

    Festgehalten ist, dass ein Messer vom Typ MP9 über die Ladentheke ging. Eben so ein Messer wurde bei Stephan Ernst sichergestellt. Daran befanden sich Überreste von DNA-Spuren, die nach Ansicht eines Gutachters mit großer Wahrscheinlichkeit Ahmed I. zuzuordnen sind. Die Quittung allerdings ist auf den 30. Januar 2016 datiert - 24 Tage nach der Attacke. Damit wachsen die Zweifel an Stephan Ernsts Täterschaft in diesem Fall - auch wenn die Quittung nur den Kauf eines - nicht dieses bestimmten - Messers belege, wie Oberstaatsanwalt Dieter Killmer betont.

    Der Prozess wird am kommenden Dienstag, 1. Dezember, fortgesetzt.

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    Tag 32: Nötig unnötige Beweise

    Links läuft ein Mann eine Straße entlang. Im Hintergrund sind Pappaufsteller zu sehen. Von hinten nähert sich ein Fahrradfaher, der auf dem Kopf eine Schirmmütze trägt. In der rechten Hand, die seitlich am Körper herabbaumelt, ist ein gezücktes Messer zu erkennen.

    Eines müssen selbst Kritiker seiner Prozessführung Thomas Sagebiel lassen. Der Vorsitzende der 5. Strafsenats am Oberlandesgericht Frankfurt versteht es immer wieder, die Schwächen und Widrigkeiten des von ihm geführten Lübcke-Prozesses mit treffsicherer Polemik zusammenzufassen. "Ihre Einlassung, dass unnötige Beweisanträge unzulässig sind, belustigt mich etwas", lässt er ganz am Ende des Prozesstages den Verteidiger von Markus H., Björn Clemens, wissen. "Denn dass das Gegenteil der Fall ist, beweisen wir hier jeden Tag."

    Einmal mehr könnte ein Bonmot Sagebiels als Überschrift über dem ganzen Prozesstag stehen. Björn Clemens hat damit allerdings wenig zu tun, denn um den Mitangeklagten Markus H. geht es an diesem Dienstag überhaupt nicht. Es geht auch nicht um den Mord an Walter Lübcke, sondern um die Messerattacke auf den irakischen Asylbewerber Ahmed I. vom Januar 2016. Diese wird ebenfalls dem Hauptangeklagten Stephan Ernst zur Last gelegt. Doch auch um Stephan Ernst geht es bestenfalls am Rande. Eigentlich geht es um Ahmed I. - genauer gesagt um seine Glaubwürdigkeit.

    Die Glaubwürdigkeit des Nebenklägers

    Dass an dieser aus ihrer Sicht erhebliche Zweifel bestehen, gab die Verteidigung von Ernst bereits in den vergangenen Wochen immer wieder zu erkennen. Als Indiz dafür mussten Widersprüche zwischen der Einlassung Ahmed I.s in der laufenden Hauptverhandlung und den vier Jahre alten Aufzeichnungen seiner Aussagen gegenüber der Polizei, unklare Angaben über mögliche Verwandte in Deutschland sowie Aussagen Dritter über ihn herhalten.

    Die Verteidigung von Stephan Ernst hat darauf bestanden, dass mehrere damals mit dem Fall betraute Polizeibeamte sowie eine Dolmetscherin als Zeuginnen und Zeugen geladen werden. Im Prinzip sollen sie berichten, was längst durch die Verlesung der Protokolle von damals und die Befragung von Ahmed I. belegt ist: dass es teils erhebliche Diskrepanzen zwischen seinen Angaben zum Täter, zu seinen Personalien sowie zu einem weiteren Vorfall in seinen Aussagen bei der Polizei und vor Gericht gibt.

    Ahmed I. begründete dies unter anderem mit Missverständnissen und Übersetzungsschwierigkeiten. Die Verteidigung von Ernst hingegen scheint überzeugt, dass Ahmed I. es mit der Wahrheit nicht allzu genau nehme, wenn es seinen Interessen diene. Und sie setzt viel daran, diese These zu untermauern.

    Angeblich keine Übersetzungsprobleme

    Der Polizist Ralf P. scheint für dieses Anliegen zunächst der passende Zeuge. Dreimal vernahm er Ahmed I. nach der Messerattacke mit Hilfe einer Dolmetscherin - das erste Mal nur wenige Stunden nachdem dieser operiert worden war. Herauskamen "Ergebnisprotokolle", wie Ralf P. erklärt, die zwar nicht den genauen Wortlaut wiedergäben, aber doch richtig zusammenfassten, was Ahmed I. seinerzeit gesagt habe. Die Aussagen Ahmed I.s seien zunächst von einer Dolmetscherin übersetzt, dann von Ralf P. zusammengefasst und dann wieder ins Arabische übersetzt worden. Anzeichen für Verständigungsschwierigkeiten zwischen Dolmetscherin und Ahmed I. habe es nicht gegeben, sagt Ralf P.: "Sonst hätte ich abgebrochen." Die Vernehmungsfähigkeit habe ein Arzt bestätigt.

    Ralf P. war auch mit den Ermittlungen betraut, als die Caritas im September 2016 der Polizei einen Vorfall an der neuen Unterkunft von Ahmed I. meldete. Zeugen hätten beobachtet, dass drei Personen die Namensschilder an dem Gebäude abgesucht hätten - so berichtete es zumindest Ahmed I. Als P. die vermeintlichen Zeugen befragte, sagten diese, nichts dergleichen beobachtet zu haben - und dass Ahmed I. ein Lügner sei.

    P. legte den Vorfall seinerzeit zu den Akten. "Es ist zu vermuten, dass Ahmed I. versucht, seinen Umzug nach Frankfurt voranzutreiben", mutmaßte er seinerzeit. "Das war das Gefühl", erklärt P. vier Jahre später als Zeuge. Ein merkwürdig schneller Schluss - in dem die Möglichkeit eines Missverständnisses oder einer Falschaussage der Zeugen nicht mal in Erwägung gezogen wird. Über Ahmed I., der in den Protokollen konsequent immer nur als "der Ahmed" bezeichnet wird, scheint man sich bei den Ermittlern schon vor vier Jahren ein Urteil gebildet zu haben.

    Unvereidigte Dolmetscherin

    Auch Dolmetscherin Roula R. ist sich vier Jahre nach den Vernehmungen sicher, dass es seinerzeit keine Verständingungsprobleme zwischen ihr und Ahmed I. gegeben habe. "Er hat manchmal die Fragen nicht verstanden oder nicht so ganz verstanden. Dann habe ich sie nochmal etwas anders übersetzt", sagt sie. Müde habe Ahmed I. gewirkt, aber dennoch "ganz normal" geredet.

    Roula R. bestätigt in weiten Teilen die Aussage von Ralf P. Die Art, wie sie dies tut, ist allerdings fast aufschlussreicher als der Inhalt ihrer Einlassung. Roula R. spricht sehr gut Deutsch - aber keinesfalls perfekt. Nicht immer findet sie das passende Verb, bricht Sätze ab, wenn ihr ein bestimmtes Wort nicht einfallen will. Roula R. ist Fremdsprachensekretärin, keine vereidigte Dolmetscherin. Dennoch übersetzt sie seit 2009 für die Polizei und das LKA.

    Vielleicht hat es in der Kommunikation zwischen Roula R. und Ahmed I. gehakt. Vielleicht erst bei der Übersetzung ins Deutsche. Vielleicht hat Ralf P. das Gesagte etwas arg gerafft wieder gegeben. Klar wird, dass die Aussage von Ahmed I. zahlreiche Hürden nehmen musste, ehe sie in das Protokoll der Polizei Einzug fand - und dass dabei die realistische Möglichkeit besteht, dass das eine oder andere Wort verloren gegangen ist oder falsch wiedergegeben wurde. Ob dies dem Nebenkläger anzulasten ist, lässt sich nach vier Jahren nicht mehr sagen.

    Keine Berufungsvorwände bieten

    Natürlich könnte es auch sein, dass Ahmed I. jener windige Charakter ist, als den ihn die Verteidigung von Stephan Ernst gerne darstellen möchte. Doch selbst wenn, bliebe die Frage nach der Relevanz dieser Erkenntnis für den Prozess. Denn dass Ahmed I. mit einer Waffe oder einem gefährlichen Gegenstand niedergestochen wurde, steht außer Frage. Und auf die Spur von Stephan Ernst kamen die Ermittler in diesem Fall nicht durch die Aussagen von Ahmed I., sondern durch den Fund eines Messers im Haus des Hauptangeklagten, an dem mit großer Wahrscheinlichkeit DNA-Spuren des Opfers anhafteten.

    Dass der Senat die Zeugen dennoch auf Antrag der Verteidigung in den Zeugenstand rief, dürfte weniger einer Hoffnung auf Erkenntnisgewinn geschuldet gewesen sein, als dem Bedürfnis, möglichst wenig Vorwände für einen Antrag auf Berufung zu bieten. Eine aus Sicht des Gerichts wohl nötige unnötige Beweiserhebung.

    Der Prozess wird am Donnerstag, 26. November, fortgesetzt.

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    Tag 31: Die Zweispurigkeit eines Lebens

    Illustrationen zum Blog über Lübcke-Prozess

    Viel Zeit haben Stephan Ernst und Norbert Leygraf nicht miteinander verbracht. Zwei Sitzungen Anfang Januar dieses Jahres. Insgesamt neun Stunden in der JVA Kassel. So viel Zeit blieb dem psychiatrischen Gutachter, um sich selbst einen Eindruck vom Hauptangeklagten im Mordfall Walter Lübcke zu verschaffen. Natürlich hat Leygraf auch den Prozess verfolgt, den Großteil der mittlerweile 31 Prozesstage das Gebaren des geständigen Hauptangeklagten im Sitzungssaal beobachten können. Auch Gutachten aus früheren Strafverfahren gegen Ernst standen ihm zur Verfügung. All diese Puzzleteile soll Leygraf nun zu einem Gesamtbild der Psyche des mutmaßlichen Mörders zusammenführen.

    Norbert Leygraf ist kein Richter. Den Urteilsspruch über Ernst werden andere fällen. Und doch wird, was der psychiatrische Gutachter an diesem Donnerstag sagt, mitentscheidend für die Frage sein, ob Ernst jemals wieder auf freien Fuß kommen wird. Im Grunde sind es zwei Fragen, die Leygraf zu beantworten hat: Ist Ernst schuldfähig? Und liegen die Voraussetzungen für eine Sicherungsverwahrung vor?

    Ernst fühlt sich nicht verhandlungsfähig

    Bevor jedoch Gericht und Zuschauer Einblicke in die psychische Verfasstheit des Hauptangeklagten erhalten, steht zunächst dessen körperliche Gesundheit im Mittelpunkt - sofern man beides voneinander trennen kann. Stephan Ernst habe ihm vor Beginn der Verhandlung mitgeteilt, dass er sich nicht verhandlungsfähig fühle, erklärt der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel. Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Konzentrationsschwierigkeiten. Es ist das erste Mal, dass Ernst in dem langen Prozess über körperliche Beschwerden klagt. Doch dem Vorsitzenden Richter Sagebiel ist nicht danach zumute, den Prozess allein aufgrund von Ernsts Selbstdiagnose zu unterbrechen.

    "Wir haben im Moment keine Zweifel an der Verhandlungsfähigkeit", erklärt Sagebiel. Das Angebot sich von Norbert Leygraf - der nicht nur Psychiater, sondern auch Mediziner ist - untersuchen zu lassen, hatten Ernst und seine Verteidiger ausgeschlagen. Mustafa Kaplan insistiert, dass in dem Prozess die Rollen "nicht vermischt" werden sollen. Von einem Amtsarzt hingegen würde Ernst sich untersuchen lassen.

    Videobeitrag

    Video

    zum Video Lübcke-Prozess: Stephan Ernst gilt als schuldfähig

    hs
    Ende des Videobeitrags

    Damit beginnt ein mehr als einstündiges Duell, zweier Juristen, die unversöhnlich auf ihren Positionen beharren. "Ich lasse mir von ihrem Mandanten nicht vorschreiben, wann ich verhandle", erbost sich Sagebiel. Er sei es müde, "mit solchen Spielereien die Zeit zu verplempern". Kaplan lässt indes nicht locker, verweist auf Corona-Fälle in der JVA-Frankfurt, in der sein Mandant einsitzt, und wirft dem Gericht vor "mit zweierlei Maß zu messen", weil es unlängst wegen eines wagen Corona-Verdachts die Sitzung unterbrochen hat.

    Eine Anordnung Sagebiels, einen Beschluss des Senats, und einen "unaufschiebbaren Antrag" der Verteidigung später, wird Ernst schließlich doch noch von Norbert Leygraf untersucht. Dessen Diagnose: Keine typischen Corona-Symptome. Puls und Körpertemperatur sind normal. "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Herr Ernst nicht in der Lage ist, der Hauptverhandlung zu folgen." Bis dahin sind bereits fast zwei Stunden vergangen.

    Niederschmetterndes Psychogramm

    Das Gutachten, das Leygraf im Anschluss vorträgt, muss derweil nicht nur Ernst, sondern auch seiner Verteidigung Kopfschmerzen bereiten. Alles in allem ist es ein niederschmetterndes Psychogramm. In den Gesprächen mit ihm habe sich Ernst freundlich, aber zurückhaltend gezeigt. Jedoch sei bei ihm nie der Eindruck eines "offenen Gesprächs" entstanden, so Leygraf. Ernst neige zu "langatmigen und ausschweifenden Antworten", unterbrochen durch längere Pausen und mit Zusätzen wie "irgendwie" oder "sag ich mal" versehen. Alles in allem versuche er, "mit möglichst vielen Worten, möglichst wenig von sich preiszugeben."

    Vieles was Leygraf über die Gespräche mit Ernst berichtet, dürfte Beobachtern des Prozesses bekannt vorkommen. Ernst spreche meist monoton, mit minimaler Gestik und Mimik und vermittle so den Eindruck emotionaler Unbeteiligtheit. Insgesamt zeige er eine "kleine Schwingungsbreite" an Emotionen. Gefühlsausbrüche, wie etwa in den Vernehmungsvideos, erschienen dem Gutachter "wenig glaubwürdig". Alles in allem sei Ernst ein Mensch, "der sich wenig von den Gedanken und Gefühlen anderer Menschen beeinflussen" lasse.

    "Ausländerfeindlichkeit" sei bereits seit der Jugend eine Konstante in Ernsts Leben. Dies zeige sich nicht nur in seinen Straftaten in den 90er-Jahren und seinem Eintauchen in die Rechte Szene, sondern auch nach seiner Abwendung von den offen gewaltbereiten Strukturen, den er auf 2009 datiert. Zwar habe er danach nach außen hin ein bürgerliches Leben geführt, dass eine "innere Abkehr von den seit seiner Jugend bestehenden Überzeugung" stattgefunden habe, sei aber zweifelhaft. Leygraf spricht von der "Zweispurigkeit seines Lebens".

    Lebenslänglich - wortwörtlich

    Der Mord an Walter Lübcke müsse daher im Zusammenhang mit diesem "tief eingeschliffenen inneren Zustand und der entsprechenden Verhaltensdisposition" gesehen werden, erklärt Leygraf. Dass Ernst die Tat über Jahre geplant habe, entspräche einem Charakter, der nach außen hin unbeteiligt wirke, im Inneren aber leicht kränkbar sei und solche Kränkungen nicht vergesse. Zugleich zeigten seine Straftaten in der Vergangenheit und - sollte diese Tat ihm nachgewiesen werden - der Messerangriff auf den irakischen Asylbewerber Ahmed I., dass er ebenso zu Gewalttaten aus "spontaner Erregung" fähig sei, die sich gegen "Zufallsopfer" richteten.

    Es sei davon auszugehen, dass Ernst ähnliche Straftaten wieder begehen würde, hält Leygraf schließlich fest. Damit sind die Voraussetzungen für die Anordnung der Sicherungsverwahrung erfüllt. Für Stephan Ernst dürfte lebenslänglich damit vermutlich tatsächlich lebenslänglich bedeuten. Denn selbst wenn das Gericht keine Sicherungsverwahrung anordnet, dürfte diese Prognose einem Erlass der Reststrafe nach 15 Jahren entgegenstehen. An der Schuldfähigkeit von Ernst bestehen aus Sicht des Gutachters keine Zweifel. Hinweise auf Psychosen oder eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung zum Tatzeitpunkt seien nicht erkennbar, betont Leygraf.

    Den Zeugen verunsichern

    Dass sich Ernsts Verteidiger mit diesem Gutachten nicht anfreunden können, liegt in der Natur der Sache. Mustafa Kaplan versucht im Anschluss fast eine Stunde lang, mit kleinteiligen Detailfragen Zweifel an der Expertise des Gutachters zu schüren. Ob Leygraf denn tatsächlich gesehen habe, dass Ernst an einer Stelle im Verhör zwar das Taschentuch zum Auge führe, aber nicht wirklich Tränen vergieße? Wie das ginge? Ob er habe heranzoomen können?

    Es ist eine Taktik, die Kaplan im Prozess immer wieder angewandt hat - teilweise mit Erfolg. Einzelne Formulierungen aufgreifen, vorhalten, den Zeugen verunsichern. Bei Leygraf verfängt sie nicht. "Bestimmte Dinge prägen sich im Leben ein und bleiben dann verhaltensbestimmend", sagt der Psychiater mit Blick auf Ernst. Woher er das denn wisse, hakt Kaplan nach. Fast ungläubig antwortet Leygraf: "Ich bin Psychiater."

    Der Prozess wird am kommenden Dienstag, 24. November fortgesetzt. Ein Urteil wird inzwischen nicht mehr vor Ende Dezember erwartet.

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    Tag 30: Unwahrscheinlich schwer, unwahrscheinlich stark

    Zeichnung von Frau Braun-Lübcke im Gerichtssaal.

    Es war mitten in der Nacht, als Irmgard Braun-Lübcke schlagartig klar wurde, dass sich ihr Leben für immer verändern würde. Ihr Sohn Jan-Hendrik hatte sie geweckt. "Mama. Der Papa", mehr habe ihr Sohn nicht sagen müssen. "Da wusste ich, dass etwas Schlimmes passiert sein musste", erinnert sich die ehemalige Berufsschullehrerin. Kurze Zeit später steht sie mit ihrer Familie und mehreren Ersthelfern auf der Terrasse ihres Wohnhauses in Wolfhagen-Istha und blickt auf den leblosen Körper ihres Mannes. Es ist die Nacht vom 1. auf den 2. Juni 2019. "Die Gedanken haben sich überschlagen. Man hat so und so gedacht. Aber doch kein Mord!"

    Mehr als 15 Monate nach jener Juni-Nacht steht längst außer Frage, dass es eben doch Mord war. Nur wenige Meter trennen Irmgard Braun-Lübcke an diesem Montag von jenem Mann, der gestanden hat, ihren Mann erschossen zu haben. Einen Großteil der inzwischen 30 Prozesstage hat die Witwe Walter Lübckes dem Hauptangeklagten Stephan Ernst gegenüber gesessen, hat zugehört, als sein Geständnis verlesen wurde, sich die Videos angesehen, in denen Ernst den Ermittlern verschiedene Versionen der Tat auftischte. Das Ergebnis der bisherigen Beweisaufnahme bezeichnet sie als "Puzzle mit vielen schwarzen Flecken". Irmgard Braun-Lübcke aber will "ganz genau wissen", was in jener Nacht im Juni 2019, als sie neben ihrem Enkelkind schlief, passierte. Nun hat sie die Gelegenheit, diese Frage direkt an Stephan Ernst zu stellen.

    Ein lebensbejahender Mann

    Prozessbeteiligten wie Beobachtern ist klar, dass die Aussage von Braun-Lübcke selbst wenig zur Rekonstruktion des Geschehens beitragen kann. Darum aber geht es auch nicht. Braun-Lübcke bezeugt - ähnlich wie bereits ihr Sohn Jan-Hendrick am 7. Prozesstag - dass eine Tat wie der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten juristisch gesehen nur einen Geschädigten kennt, tatsächlich aber viele Opfer hat.

    "Wettermäßig war es ein schöner Tag", erinnert sich Braun-Lübcke an den 1. Juni 2019. In Istha strömen die Menschen zur Kirmes, nur wenige hundert Meter vom Haus der Lübckes entfernt. Irmgard Braun-Lübcke und ihr Mann werden nicht hingehen. Sie freuen sich, dass erstmals ihr Enkelkind bei ihnen übernachten soll. Walter Lübcke verbringt viel Zeit auf der Terrasse. Ein befreundeter Pfarrer kommt auf einen Schwatz vorbei, später wird Lübcke in der anbrechenden Dunkelheit noch auf seinem Tablet nach Ausflugszielen und Hotels suchen. Die Terrasse ist sein Lieblingsplatz am Haus der Familie - und der Ort, an dem er sterben wird.

    Irmgard Braun-Lübcke beschreibt ihren Ehemann als "lustigen" und "lebensbejahenden" Menschen, der sich auf die anstehende Pensionierung und seine neue Rolle als Großvater gefreut habe. Als einen durch und durch von einem "christlichen Menschbild" geprägten Politiker, für den es "selbstverständlich" gewesen sei, dass man flüchtenden Menschen helfen müsse. Es ist diese Einstellung, die Walter Lübcke zum Ziel rechten Hasses werden lässt. Insbesondere nach seinem berühmten Auftritt auf einer Bürgerversammlung in Lohfelden im Herbst 2015. Im Publikum sitzen Stephan Ernst und der Mitangeklagte Markus H. Letzterer filmt die Rede und lädt das Video auf Youtube hoch: der Auftakt zu einer Welle von Hassnachrichten und Bedrohungen. Und der Moment, in dem Lübcke in den Fokus seines späteren Mörders rückt.

    Fragen nicht zur Zufriedenheit geklärt

    Als sie der Arzt in dieser Nacht in einen Nebenraum der Klinik Wolfhagen bittet, weiß Irmgard Braun-Lübcke, was das zu bedeuten hat. "Das kannte ich schon von vorherigen Todesfällen." Erst da hätten sie und ihre Söhne die Ärzte gefragt, woher das Blut auf ihrer Terrasse und die Verletzung an Walter Lübckes Kopf stammen könnten. Kurze Zeit später entdecken die Ärzte das Projektil im Kopf des Kasseler Regierungspräsidenten.

    Irmgard Braun-Lübcke ist während ihrer Aussage meist gefasst. Vor dem Senat sitzt eine kleine Frau, an der eigentlich nur die besonders aufrechte Körperhaltung auffällt. Ihre Stimme zittert ab und an, ohne zu brechen. Selbst wenn sie davon spricht, was der "fiese, perfide Mord" in ihr und ihrer Familie zerstört habe. Irmgard Braun-Lübcke scheint kein Mensch zu sein, der um sich selbst weint. Im Gegensatz zu manch anderem Verfahrensbeteiligten. "Es ist unwahrscheinlich schwer", sagt sie. Irmgard Braun-Lübcke aber ist unwahrscheinlich stark.

    Ihr und ihrer Familie bliebe nur die Hoffnung, dass Ernst die Tat in Gänze aufkläre. Hat Walter Lübcke seinen Angreifern noch ins Gesicht gesehen? Gab es noch so etwas wie ein Gespräch? Warum hat sich ein so starker Mensch wie ihr Mann nicht mehr verteidigen können? "Diese Fragen sind von dem Angeklagten Ernst durch seine unterschiedlichen Einlassungen nicht zur Zufriedenheit geklärt", betont sie.

    Appell an den mutmaßlichen Mörder

    Ernst und seine Verteidigung hatten nach dem Geständnis am achten Prozesstag erklärt, alle Fragen der Familie Lübcke beantworten zu wollen. Die Zusage stehe noch immer, versichtert Ernsts Verteidiger Mustafa Kaplan am Montag. Doch statt Antworten hat Ernst nur eine neuerliche Entschuldigung zu bieten: "Es tut mir leid, dass in Ihrem Herzen Kummer ist Tag für Tag. Es tut mir unendlich leid."

    Vergebung wird Ernst an diesem Prozesstag nicht erhalten. Falls er sie überhaupt erwartet hatte. Stattdessen richtet sich Irmgard Braun-Lübcke mit einem emotionalen aber keinesfalls verzweifelten Appell direkt an den mutmaßlichen Mörder ihres Mannes: "Sagen Sie uns die Wahrheit! Sie haben so unterschiedliche Aussagen gemacht."

    Für seine "unterschiedlichen" Aussagen in der Vergangenheit macht Ernst seine ehemaligen Verteidiger verantwortlich. Diese hätten ihm dazu geraten. Ein Vorwurf, der den Senat möglicherweise noch länger beschäftigen wird. Zu Beginn des Prozesstages hatte der Anwalt der Familie Lübcke beantragt, die Handakte des ehemaligen Ernst-Anwalts Frank Hannig zu beschlagnahmen. Aus den Notizen des Ex-Verteidigers ginge eindeutig hervor, dass Ernst von Anfang an Markus H. als Mittäter benannt habe, argumentiert Rechtsanwalt Holger Matt: "Die Nebenklage kämpft hier für die vollständige Aufklärung der Tat."

    Stephan Ernst hat an diesem Prozesstag zur Aufklärung offenkundig nichts mehr beizutragen. Als Irmgard Braun-Lübcke ihn anspricht, blickt er zu Boden und schweigt.

    Verfahren wegen illegaler Waffen eingestellt

    Stattdessen sprechen wieder die Gutachter. Ein Experte für digitale forensische Untersuchungen erläutert, wann der Mitangeklagte Markus H. seinen Computer in der Tatnacht benutzt und wann er bestimmte Dateien gelöscht hat. Ein Mitarbeiter des Ordnungsamts Kassels gibt Auskunft darüber, wann im Jahr 2016 in der Stadt Wahlplakate hängen durften - ein Detail, das für den Tatkomplex Ahmed I. von Belang sein könnte. Und schließlich erklärt ein Sachverständiger des Landeskriminalamts, warum eine bei Markus H. entdeckte Waffe zwar nicht mehr schussfähig war, aber dennoch nicht den gesetzlichen Bestimmungen zur Unbrauchbarmachung entsprochen habe.

    Die zahlreichen waffenrechtlichen Verstöße des Hauptangeklagten Stephan Ernst sind derweil seit diesem Montag nicht mehr Teil des Prozesses. Das Gericht beschließt mit Zustimmung der Verteidigung, das Verfahren in diesen Punkten einzustellen, da die zu erwartende Strafe für diese Verstöße bei der Gesamtstrafe kaum mehr "wesentlich ins Gewicht" fallen dürfte.

    Der Prozess wird am Donnerstag (19. November) fortgesetzt.

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    Tag 29: Prozess und Pandemie

    Mustafa Kaplan (links) im Gespräch mit dem Hauptangeklagten Stephan Ernst (rechts)

    Es ist kurz nach 12 Uhr, als die Realität einer weltweiten Pandemie den Sitzungsaal 165C des Frankfurter Oberlandesgerichts erreicht. Eigentlich hatte sich der Senat nur zu einer fünfminütigen Pause zurückziehen wollen, um das weitere Vorgehen an diesem 29. Prozesstag zu besprechen. Doch als der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel den Raum wieder betritt und sein Mikrofon einschaltet, steht bereits fest, dass an diesem Tag keine Zeugen mehr vernommen werden.

    Ein Senatsmitglied habe soeben die Nachricht erhalten, dass ein Bekannter, zu dem es noch am vergangenen Sonntag Kontakt gehabt habe, positiv auf das Corona-Virus getestet worden sei. Der Kontakt habe zwar im Freien und mit Abstand stattgefunden, dennoch müsse die Sitzung aus "Infektionsschutzgründen" unterbrochen werden. Ob der Prozess um den Mord an Walter Lübcke wie geplant am Montag fortgesetzt werden kann, hängt nun an dem Ergebnis eines Corona-Tests.

    Tatkomplex Ahmed I. im Mittelpunkt

    Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen - Plexiglasscheiben zwischen den Prozessbeteiligten, Maskenpflicht für Zuschauer und Pressevertreter - war es wohl nur eine Frage der Zeit, wann Corona auch diesen Prozess beeinflussen würde. Doch auch ohne die Auswirkungen der Pandemie zeichnet sich ab, dass das vom Senat angestrebte Prozessende am 1. Dezember kaum noch zu halten sein dürfte.

    Die Verteidigung von Stephan Ernst konzentriert sich zunehmend auf den Tatkomplex Ahmed I. Der irakische Asylbewerber war im Januar 2016 in Lohfelden von einem Fahrradfahrer niedergestochen und schwer verletzt worden. Die Anklage legt auch diese Tat Stephan Ernst zu Last. Der bestreitet sie.

    In der öffentlichen Wahrnehmung gerät der Fall Ahmed I. schnell zum Nebenaspekt im Mordprozess Lübcke. Tatsächlich aber könnte er mitentscheidend für die Frage sein, ob Stephan Ernst jemals wieder auf freien Fuß kommt. Dass Ernst zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen des Mordes an Walter Lübcke verurteilt wird, steht für die meisten Beobachter bereits fest. Doch zusätzlich steht eine anschließende Sicherungsverwahrung im Raum. Und an der käme das Gericht schwer vorbei, wenn es Ernsts Täterschaft im Fall Ahmed I. bejaht.

    Zweifel an Glaubwürdigkeit säen

    Die Verteidigung von Stephan Ernst versucht daher schon seit einigen Wochen mit immer neuen Beweisanträgen Zweifel an der Täterschaft ihres Mandanten zu säen. Bislang mit wenig Erfolg. Am 26. Prozesstag etwa hatte sie einen Befangenheitsantrag gegen jenen Gutachter gestellt, der die DNA-Spuren an einem bei Ernst gefundenen Messer untersucht hatte und zu dem Schluss gekommen war, dass diese mit großer Wahrscheinlichkeit von Ahmed I. oder einem Verwandten stammen.

    Als Beweis der Befangenheit sollte ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 2015 herhalten, in dem der Auftritt des Gutachters vor einer Schulklasse beschrieben wird. Darin zitierte Aussagen wie "früher oder später kriegen wir sie alle", wertete Ernsts Verteidiger als Hinweis darauf, dass der Gutachter "geradezu Spaß daran hat, wenn harte Strafen verhängt werden".

    Der Senat erteilt diesem Antrag zu Beginn des 29. Prozesstages eine klare Absage. Weder hätten die Aussagen des Gutachters einen herablassenden Charakter noch sei überhaupt ein Bezug zu den Angeklagten zu erkennen. Kaplan aber gibt sich in dieser Angelegenheit noch nicht geschlagen. Er beantragt die Vernehmung weiterer Zeugen, die bestätigen sollen, dass Ahmed I. widersprüchliche Angaben über in Deutschland lebende Verwandte gemacht und kurz nach der Tat eine Ersthelferin dazu aufgefordert haben soll, nicht die Polizei zu rufen. Die Verteidigung Ernsts betreibt enormen Aufwand, um Ahmed I. unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Dabei war es gar nicht die Aussage von Ahmed I., die Stephan Ernst in diesem Fall zum Verdächtigen werden ließ.

    Treffer in der Datenbank

    Für Ernst als Täter sprechen ganz andere Indizien. Die DNA-Spuren an dem Messer, die Lage des Tatorts, der sich auf seinem Arbeitsweg befindet, die Tatsache, dass Ahmed I. "das perfekte Feindbild" für Stephan Ernst darstellt, wie es Oberstaatsanwalt Dieter Killmer formuliert. Und nicht zuletzt eine merkwürdige Einlassung von Stephan Ernst selbst bei der Polizei. Ernst hatte berichtet, kurz nach den Ereignissen der Neujahrsnacht 2016 am Kölner Bahnhof einen "Ausländer" wüst beschimpft und bedroht zu haben. Als Datum nannte er seinerzeit von sich aus den 6. Januar 2016 - den Tag des Angriffs auf Ahmed I.

    Über die damaligen Ermittlungen gibt an diesem Verhandlungstag Kriminalhauptkomissar Michael M. Auskunft. Bereits zwei Tage nach der Tat sei eine 40-köpfige Sonderkommission gebildet worden, der er angehörte, berichtet M. "Ein auffällig hoher Personaleinsatz", wie er sagt. Denn aufgrund der Gesamtumstände, sei man davon ausgegangen, dass der Tat ein politisches Motiv zugrunde gelegen haben könnte.

    Man habe damals in alle Richtungen ermittelt, betont M. Hinweise auf Konflikte in der Flüchtlingsunterkunft, in der Ahmed I. lebte, hätten sich nicht ergeben. Daraufhin habe man in den polizeilichen Datenbanken nach zwei Kategorien von möglichen Tätern gesucht: Vorbestrafte, die bei ihren Taten bereits Messer verwendet haben und einschlägig bekannte Gewalttäter aus dem rechtsextremen Spektrum. Letztere Abfrage ergab nicht weniger als 31 Treffer - darunter Stephan Ernst.

    Ermittler glaubten Ernsts Alibi

    Theoretisch zumindest hätte Ernst bei beiden Abfragen auftauchen müssen. Denn bereits 1995 war er wegen eines Messerangriffs auf einen türkischen Imam in Wiesbaden verurteilt worden. Der "perfekte Tatverdächtige" als Gegenstück zum "perfekten Feindbild" Ahmed I. Doch zu diesem Schluss scheinen die Ermittler seinerzeit nicht gekommen zu sein. Wohl auch weil in der Soko seinerzeit nicht alle Informationen allen zur Verfügung standen, wie Michael M. schildert. Einige Erkenntnisse des Staatsschutzes etwa, waren ihm nicht zugänglich.

    Stephan Ernst jedenfalls sei damals zwei Mal aufgesucht und einmal angetroffen worden. Dabei habe er ein Alibi für den 6. Januar 2016 präsentiert. Er habe Urlaub gehabt und sei zuhause gewesen. Aus Sicht der Ermittler besteht kein ausreichender Anfangsverdacht, der eine Hausdurchsuchung rechtfertigen würde. Zu der kommt es erst dreieinhalb Jahre später - nach dem Mord an Walter Lübcke.

    Die Ermittlungen zum Fall Ahmed I. werden das Gericht auch am kommenden Prozesstag beschäftigen. Dann sollen weitere Ermittler aussagen, die eigentlich schon für diesen Donnerstag geladen waren.

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    Tag 28: Gesagt, gehört, bezeugt

    Zeichnung Gruppenbild im Gerichtssaal

    Ein Urteil über den Hauptangeklagten Ernst scheint Nicole Schneiders bereits gefällt zu haben. Der Beweiswert seines Geständnisses, in dem ihr Mandant Markus H. zum Mittäter beim Mordanschlag auf Walter Lübcke gemacht wird, gehe gen null, erklärt die Strafverteidigerin. Die belastenden Aussagen bezüglich Markus H. seien objektiv nicht belegbar, die Schilderung seines Ausstiegs aus der rechten Szene unglaubwürdig. Alles in allem gebe es zahlreiche "Anhaltspunkte für eine Falschaussage". Daher, so Schneiders Schlussfolgerung, solle sie am besten gar nicht verwendet werden.

    Der inhaltlichen Begründung des von Schneiders begehrten Beweisverwertungsverbotes, mögen an diesem 28. Prozesstag weder der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel noch der Vertreter der Bundesanwaltschaft, Dieter Killmer widersprechen. "Die Defizite sehe ich ja genauso", erklärt Killmer. Dennoch müsse die Aussage durch das Gericht bewertet werden.

    Das Gericht muss sich an dieser Stelle mit einer Frage befassen, die Teil einer Klausur im Jura-Studium sein könnte. Keine besonders anspruchsvolle - denn zu einer Einschätzung über die Glaubwürdigkeit von Aussagen zu gelangen, ist gerade Sinn einer mündlichen Hauptverhandlung. Doch der kurze Schlagabtausch zu Beginn des Prozesstages verdeutlicht, dass die Beweisaufnahme im Lübcke-Prozess bereits weit über das Stadium hinaus ist, in dem forensische Beweise im Mittelpunkt stehen. Stattdessen geht es darum, wer was wann gesagt hat - und wie überzeugend.

    Keine Hinweise auf Planungstreffen

    Das Problem mit den Zeugen an diesem Dienstag ist allerdings, dass sie wiedergeben müssen, was andere gesagt haben. Manchmal auch was andere über andere gesagt haben.

    Da ist zunächst der Kriminalhauptkommissar des LKA, der wiedergeben muss, was der ehemalige Verteidiger des Hauptangeklagten, Dirk Waldschmidt, über Stephan Ernst berichtet hat. Ernst hatte Waldschmidt bezichtigt, ihn zu seinem ersten Geständnis angestiftet und ihm finanzielle Hilfe in Aussicht gestellt zu haben, wenn er den Mitangeklagten Markus H. nicht belaste. Mit diesem Vorwurf konfrontiert habe Waldschmidt allerdings eine andere Version der Geschichte erzählt, erinnert sich der Kriminalhauptkommissar.

    Demnach habe Ernst seinen damals bereits geschassten Anwalt erneut kontaktiert und ihn gebeten auszuloten, ob das "Umfeld von H." bereit sei, ihn und seine Familie finanziell zu unterstützten, wenn er seine belastenden Aussagen zurückziehe. Zudem habe Waldschmidt zu Protokoll gegeben, dass Ernst ihm gegenüber im selben Gespräch erklärt habe, dass sein erstes Geständnis den Tatsachen entspreche. Dabei soll er den ermordeten Walter Lübcke als "Volksschädling" bezeichnet haben.

    Immerhin eine Aussage des Hauptangeklagten konnte der LKA-Beamte noch mit eigenen Ermittlungen überprüfen. In seiner jüngsten Schilderung des Anschlags hatte Ernst behauptet, dass er und H. den endgültigen Tatentschluss im April 2019 bei einem Treffen in einem Industriegebiet gefasst hätten. An diesem Abend, nach einer Veranstaltung im Schützenverein, in dem beide Angeklagten aktiv waren, will Ernst an einer Tankstelle Bier gekauft haben. Die Ermittlungen hierzu hätten jedoch nichts ergeben, so dass sich die Aussage "weder bestätigen noch falsifizieren" ließe, erklärt der Ermittler.

    Erinnerungen an Gesprächsfetzen

    Den Wahrheitsgehalt der zweiten Zeugenaussage des Tages zu überprüfen, dürfte sich noch schwieriger gestalten. Habil A., ein enger Freund von Stephan Ernst, muss bereits zum zweiten Mal in den Zeugenstand treten. Ein Privileg, das er sich selbst eingebrockt hat, weil er von sich die Bundesanwaltschaft kontaktierte, nachdem Markus H. aus der Untersuchungshaft entlassen worden war. Im Telefonat mit Oberstaatsanwalt Killmer hatte sich Habil A. überrascht von der Haftentlassung gezeigt. Schließlich sei es H. gewesen, der Ernst die Adresse der Lübckes in Wolfhagen-Istha verschafft habe.

    Ganz so eindeutig klingt das, was Habil A. zu berichten hat, dann allerdings nicht. Lediglich Gesprächsfetzen bei einer Veranstaltung im Schützenverein habe er mitbekommen. "Man weiß ja nicht, wo diese Leute wohnen", soll Ernst seinerzeit beklagt haben. "Das kann ich dir sagen", soll H. darauf geantwortet haben, "da wo dein Meister wohnt." Tatsächlich habe ein Meister aus dem Betrieb von Ernst in Wolfhagen-Istha gelebt - dem Wohnort von Lübcke. Jedoch seien weder der Name "Lübcke" noch der Ortsname in dem Gespräch gefallen, betont Habil A.

    Markus H. will schweigen - und redet trotzdem

    Schließlich berichtet ein Polizeibeamter des Polizeipräsidiums Nordhessen von der Festnahme von Markus H. Nachdem dieser über seine Rechte belehrt worden sei, habe er zunächst angekündigt, nichts zum Tatvorwurf sagen zu wollen. "Wenn der Generalbundesanwalt im Boot ist, will er keine Angaben machen", erinnert sich der Zeuge, "da würden ja neun Jahre im Raum stehen." Worauf diese Einschätzung des vermeintlich drohenden Strafmaßes beruht, verriet H. seinerzeit nicht. Dafür aber, dass er Ernst aus der rechten Szene kenne, dass beide aus dieser ausgestiegen seien und im Schützenverein gemeinsam trainierten.

    Es dürften nicht die letzten Zeugen gewesen sein, die bezeugen müssen, was andere gesagt und sie gehört haben. Die Verteidigung von Stephan Ernst hat beantragt, nicht weniger als sieben Zeugen zu laden, um die Vernehmungen des Nebenklägers Ahmed I. aus dem Jahr 2016 zu rekonstruieren. Ahmed I. war im Januar 2016 von einem Unbekannten hinterrücks niedergestochen worden. Auch diese Tat wird Stephan Ernst vorgeworfen. Einige Widersprüche zwischen seinen damaligen Aussagen und seiner jüngsten Aussage vor Gericht hatte Ahmed I. unter anderem mit Verständigungsproblemen zwischen ihm und der damaligen Dolmetscherin begründet.

    Eine Entscheidung über den Beweisantrag steht noch aus. Der Prozess wird am Donnerstag, 12. November, fortgesetzt.

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    Tag 27: Wer ist Stephan Ernst?

    Zeichnung von S. Ernst, wie er sich im Gericht hinsetzt.

    Es ist nicht mehr all zu viel, was Dieter Jöckel über den jungen Mann zu berichten weiß, mit dem er sich vor 25 Jahren unterhielt. Etwa anderthalb Stunden dauerte das Gespräch seinerzeit. "Er war nicht unnahbar", erinnert sich der forensische Psychiater. Alles in allem sei er "angenehm überrascht" gewesen über den Verlauf der Sitzung. Denn immerhin hatte ihn das Landgericht Wiesbaden um eine Einschätzung gebeten. Gegen den 21-Jährigen, der ihm gegenüber saß, lief damals ein Strafverfahren.

    Im November 1992 soll er auf der Toilette des Wiesbadener Hauptbahnhofs einen türkischen Imam niedergestochen, wenige Monate später eine Rohrbombe in einem Pkw vor einer Asylunterkunft deponiert haben. Im Gespräch mit ihm aber habe sich der mutmaßliche Gewalttäter kooperativ und gesprächsbereit gezeigt. "Ich habe ihn als jungen Mann erlebt, der ganz viele Probleme hat", resümiert Jöckel, "ein stilles, aber tiefes Wasser."

    25 Jahre später, im November 2020, sitzt Jöckel mit demselben Mann wieder in einem Raum: Dem Sitzungsaal 165C des Frankfurter Oberlandesgericht. Jöckel ist Zeuge, sein Gesprächspartner von damals Hauptangeklagter im Mordfall Walter Lübcke. An diesem 27. Prozesstag steht der Lebenslauf von Stephan Ernst, dem mutmaßlichen Mörder Walter Lübckes, im Mittelpunkt. Jöckel und ein weiterer Gutachter aus dem Verfahren von 1995 sollen Auskunft darüber geben, wer dieser Stephan Ernst damals war. Und damit vielleicht auch Ansätze einer Erklärung dafür liefern, wie er zu dem Menschen wurde, der er heute ist.

    Fragmente einer Lebensgeschichte

    Seine Sicht auf den eigenen Werdegang hatte Ernst bereits am achten Prozesstag von seinem Verteidiger Mustafa Kaplan verlesen lassen - kurz bevor sein drittes Geständnis, in dem er endgültig die Verantwortung für den tödlichen Schuss auf Walter Lübcke übernahm, ablegte. Sie beginnt mit einem gewalttätigen, ausländerhassenden Vater, führt über schlechte Erfahrungen mit türkischstämmigen Jugendlichen, zahlreiche Gewalttaten und Jahre in der Neonazis-Szene zu einem vermeintlichen Ausstieg und dem späteren Wiedersehen mit dem Mitangeklagten Markus H., den Ernst für seine "Re-Radikalisierung" verantwortlich macht.

    All das gipfelte schließlich in dem gemeinsam erdachten und ausgeführten Mordanschlag auf Lübcke. Eine in sich konsistente Erzählung - so lange man nicht zu dezidiert nachfragt.

    Einige Motive dieser Erzählung tauchen tatsächlich bereits Mitte der 90er in der Exploration durch Dieter Jöckel und zwei weitere Kollegen auf. Das problematische Verhältnis zum Vater und die schlechten Erlebnisse mit türkischstämmigen Jugendlichen, die Ernst schon damals für seine "negative Einstellung" gegenüber "Ausländern" verantwortlich macht. Er habe Ernst seinerzeit "nicht als politisch motivierten Täter, sondern als persönlichkeitsgestörten Täter" wahrgenommen, sagt Jöckel.

    Der zweite Gutachter von damals, Jakob Gutmark, kann sich derweil tatsächlich an gar nichts mehr erinnern. Er betritt den Sitzungssaal an diesem Dienstag nur, um fünf Minuten später wieder unvereidigt entlassen zu werden.

    Nicht alles passt zusammen

    Auch wenn es nur Erinnerungsfragmente sind, die Jöckel wiedergeben kann, sind sie an diesem Verhandlungstag doch von einiger Bedeutung. Denn bei der anschließenden Befragung durch das Gericht, bezieht sich Ernst selbst immer wieder darauf. In seiner Erzählung sind es zunächst persönliche, nicht ideologische Gründe, die ihn in der Vergangenheit zu Gewalttaten motiviert hätten.

    Die Brandstiftung im Keller eines Mehrfamilienhauses 1989 - ein Racheakt, weil ihn ein dort lebender türkischer Bekannter nach einem gemeinsam begangenen Einbruch belastet habe. Der Messerangriff auf den Imam - eine Reaktion darauf, dass dieser ihm sexuelle Avancen gemacht habe. Die schwere Körperverletzung an einem türkischen Mitgefangenen während seiner ersten Haftstrafe - Rache für eine versuchte Erpressung.

    Eine Neigung Verantwortung an andere Personen zu delegieren, liest der Verteidiger von Markus H., Björn Clemens, in Ernsts Aussagen hinein. Eine Interpretation, die nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Ernst hat sich eine Geschichte seiner selbst zurecht gelegt, in die vieles hineinpasst - aber nicht unbedingt alles zusammen.

    Da ist etwa die Teilnahme an einer von dem führenden Neonazi-Kader Thorsten Heise organisierten Sonnenwendfeier in Thüringen, die nach Erkenntnisse des Landesamts für Verfassungsschutz im Jahr 2011 stattgefunden hat - zwei Jahre nach Ernsts vermeintlichem Ausstieg aus der Neonazi-Szene. Ein Foto der Veranstaltung zeigt Ernst inmitten einer Gruppe einschlägig bekannter Aktivisten der rechten Szene. "Ich kann mich an die Sonnenwendfeier erinnern", gesteht Ernst ein. Ob sie tatsächlich 2011 stattgefunden habe, könne er nicht sagen. Wenn ja, dann habe er allerdings nicht aus ideologischer Überzeugung teilgenommen. Im Grunde habe es sich "um ein großes Trinkgelage" gehandelt.

    Ausbruch aus der Apathie

    Auch bei den heutigen Einlassungen macht Ernst einen oft zurückgenommenen, stellenweise apathischen Eindruck. Als ob er über eine ihm im Grunde fremde Person sprechen würde und nicht über sich selbst. Diesen Schutzschirm durchbrechen Gericht und Staatsanwaltschaft schließlich mit zwei Fragen.

    "Sie hatten interessanterweise immer wieder ausländische Freunde", stellt der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel fest. Auch Ernsts Ehefrau, habe mit ihrer Herkunft nicht dem Idealbild seiner Kameraden entsprochen. Ob ihm das nie zu denken gegeben hätte? "Es ist so, dass eigentlich, wenn ich so selbst zurückblicke", stottert Ernst los, "dass eigentlich das Wesentliche, wo ich... also wie ich mein Leben aufgebaut habe, sei es meine Familie, seien es die Freunde, die ich hatte...". Dann bricht seine Stimme. Aus dem Schluchzen schält sich mühsam das Eingeständnis, dass dieses "wirkliche Leben" wie Ernst es nennt, im Widerspruch zu seinen politischen Aktivitäten steht.

    "Ich erlebe, dass Sie betroffen sind, wenn es um Ihre Familie geht, Sie dann aber sehr kontrolliert sind, wenn es um die Straftat geht, nämlich die Ermordung des Doktor Lübcke", wendet sich schließlich auch noch der Vertreter der Bundesanwaltschaft, Dieter Killmer, an Ernst. Ob er sich schon einmal mit dem Thema Schuld auseinandergesetzt habe. Erneut kann Ernst nur unter Tränen antworten: "Ich empfinde jedes Wort, das ich dazu sage, als heuchlerisch. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll", sagt er.

    Der Prozess wird am kommenden Dienstag, 10. November fortgesetzt.

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    Tag 26: Manövrieren im Minenfeld

    Zeichnung von S.Ernst und seinen Anwälten im Gericht.

    Einen kurzen Augenblick lang sieht es an diesem Dienstag so aus, als könnte für Rechtsanwalt Dirk Waldschmidt sein zweiter Auftritt im Lübcke-Prozess im Gefängnis enden. Nicht weil man ihn einer Straftat überführt hätte, sondern weil es den Anschein macht, als wollte er an diesem 26. Prozesstag die Aussage verweigern.

    "Ich mache sie noch einmal in aller Form darauf aufmerksam, dass wir ihre Weigerung für unberechtigt halten", erklärt der Vorsitzende Richter des 5. Strafsenats am Oberlandesgericht Frankfurt, Thomas Sagebiel, mit ruhiger aber zugleich drohender Stimme.

    Bereits zuvor hatte er klar zu verstehen gegeben, dass der Senat in Erwägung ziehe, Waldschmidt in Beugehaft zu nehmen. Als der Rechtsbeistand des Anwalts erneut zu einer längeren Erklärung ansetzt, unterbricht ihn Sagebiel rüde: "Herr Waldschmidt hat jetzt die Wahl: Will er aussagen oder Beugehaft."

    Drohung mit Beugehaft

    Dass er kein Freund anwaltlicher Taktiererei ist, hat Richter Sagebiel in dem nun schon fast fünf Monate laufenden Prozess bereits mehr als einmal deutlich gemacht. Wortgefechte mit Verteidigern, Nebenklagevertretern oder Zeugenbeiständen waren in den vergangenen 25. Prozesstagen beinahe an der Tagesordnung. An diesem Dienstag lässt sich die Ungeduld Sagebiels nachvollziehen.

    Dirk Waldschmidt - der erster Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst war, bis dieser ihm das Mandat entzog - stand bereits Anfang September im Zeugenstand. Ernst hatte ihn teilweise von seiner Schweigepflicht entbunden. Seinerzeit wurde die Vernehmung unterbrochen, weil Waldschmidt behauptete, auch von Ernsts Frau mandatiert worden zu sein. Da diese ihn nicht von der Schweigepflicht entbunden hatte, konnte er bestimmte Fragen, die dieses Mandatsverhältnis betreffen, nicht beantworten.

    Inzwischen liegt diese Entbindung durch Ernsts Ehefrau vor. Eine "vorsorgliche Entbindung", denn eigentlich weiß Ernsts Ehefrau nichts von einem Mandatsverhältnis. Waldschmidts Aussage stünde nichts im Wege. Doch er und sein Zeugenbeistand sind sich "unsicher", was die Authentizität dieser Schweigepflichtsentbindung angeht. Ernsts aktueller Verteidiger, Mustafa Kaplan, solle diese "anwaltlich" versichern, fordern sie. "Mir reicht diese Entbindung nicht", erklärt Waldschmidt zunächst. Gut fünf Minuten, und zwei deutliche Drohungen mit Beugehaft später, ist er dann doch bereit auszusagen.

    Dass Ernsts Ex-Anwalt überhaupt als Zeuge aussagen muss, gehört zu jenen kuriosen Wendungen, die inzwischen fast zu einer Art Markenzeichen dieses Verfahrens geworden sind. Ernst hatte ausgesagt, dass ihm Waldschmidt finanzielle Unterstützung aus rechtsextremen Netzwerken in Aussicht gestellt habe. Einzige Bedingung: Er solle den Mitangeklagten Markus H. aus der ganzen Sache raushalten. Daher habe er in seinem ersten Geständnis behauptet, den Mord an Walter Lübcke allein begangen zu haben. Inzwischen behauptet Ernst, die Tat mit Markus H. gemeinsam geplant und ausgeführt zu haben - auch wenn der tödliche Schuss von ihm abgegeben worden sei.

    Keine Unterstützung in Aussicht gestellt

    In seiner ersten Vernehmung hatte Waldschmidt erklärt, von einem anonymen Anrufer über Ernsts Festnahme informiert worden zu sein und daraufhin Kontakt zu diesem aufgenommen zu haben. Im ersten Gespräch mit seinem damaligen Mandanten habe dieser seinen Freund Habil A. als Alibi-Zeugen präsentiert. Ernsts Alibi für den Tatabend habe sich schließlich auch mit den Aussagen seiner Frau gedeckt.

    Damals sei er der Überzeugung gewesen, dass Ernst schon bald wieder auf freien Fuß komme. Der Ehefrau des Hauptangeklagten habe er angeboten, sie nach ihrer Kündigung arbeitsrechtlich zu vertreten. Eine Unterstützung durch "Kameraden" habe er nicht in Aussicht gestellt, betont Waldschmidt.

    Erst nach dem mit ihm nicht abgesprochenen ersten Geständnis hätten er und Ernst über die Möglichkeit einer Unterstützung aus der rechten Szene gesprochen - auf Betreiben des Angeklagten, wie Waldschmidt betont. Dieser habe ihn gebeten, dies zu prüfen. Grundsätzlich sei es nicht so, dass er "ohne Weiteres Kontakt zur Gefangenenhilfe" herstellen könne. Allerdings kenne er Leute, privat wie beruflich, die dies könnten. Ernst allerdings habe er davon abgeraten. "Wie willst du aus der rechten Szene jetzt Unterstützung bekommen, wenn Du Leute verraten hast", habe er ihn gefragt.

    Waldschmidts Aussagen bewegen sich auf einem schmalen Grat. Vieles hält im Vagen, weil er sich nicht sicher ist, ob die jeweilige Aussage noch von den Entpflichtungen seiner ehemaligen Mandanten abgedeckt ist. Vielleicht geht es aber auch um seinen Ruf als Anwalt für "spezielle" Fälle. In den Medien geistere "die Guru-Stellung" seiner Person in der rechten Szene herum, beklagt er in seiner Vernehmung. Für ihn, so viel wird deutlich, stellt diese erneute Vernehmung in mehrfacher Hinsicht eine Art Manövrieren im Minenfeld dar, das er wohl gerne vermieden hätte.

    Schwiegertochter hörte Schuss

    Waldschmidt wird schließlich unvereidigt entlassen. Nach ihm vernimmt der Senat noch zwei weitere Zeuginnen: Claudia R. eine Internetbekanntschaft von Markus H., die nicht viel mehr aussagen kann, als dass sie in der Tatnacht wohl WhatsApp-Nachrichten mit dem Mitangeklagten ausgetauscht hat und Charlotte Lübcke - die Schwiegertochter des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten. Zusammen mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Kind bewohnt sie das Obergeschoss des Wohnhauses der Familie Lübcke in Wolfhagen-Istha. Sie gibt zu Protokoll, in der Tatnacht den tödlichen Schuss auf Lübcke gehört zu haben. Allerdings habe sie ihn für einen explodierenden Böller gehalten.

    Der Prozess wird am Donnerstag, 5. November fortgesetzt.

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    Tag 25: Wie man mit einem Opfer nicht umgehen sollte

    Richter im Gespräch (Format 16zu9)

    Am späten Abend des 6. Januar 2016 sitzt Ahmed I. auf der Fahrbahn einer Straße im Industriegebiet von Lohfelden (Kassel) und ist überzeugt, sterben zu müssen. Mitten auf seinem Rücken klafft eine drei Zentimeter breite und etwa vier Zentimeter tiefe Stichwunde. Auf dem Asphalt vermischt sich sein Blut mit dem Regenwasser. Autos fahren an ihm vorbei. "Vielleicht haben die Leute gedacht, ich bin betrunken", sagt er. Irgendwann hält der Zeuge K. an, zieht ihn auf den Bordstein und bittet einen anderen Autofahrer, Polizei und Rettungswagen zu informieren. Ahmed I. überlebt. Doch die Schmerzen bleiben. Und ebenso die Frage, wer an jenem Januarabend versucht hat, ihn zu ermorden.

    Knapp fünf Jahre später sitzt Ahmed I. dem mutmaßlichen Täter von damals in Gerichtssaal 165C des Frankfurter Oberlandesgerichts gegenüber. Stephan Ernst, den die Öffentlichkeit als geständigen Mörder von Walter Lübcke kennt, ist nach Ansicht der Anwälte des Geschädigten und der Bundesanwaltschaft auch für den Anschlag auf Ahmed I. verantwortlich. Ernst bestreitet diese Tat zwar, doch einige Indizien legen das Gegenteil nahe. "Niemand hat sich für meine Sache interessiert", sagt Ahmed I. An diesem 25. Verhandlungstag nun soll ihm endlich zugehört werden. Er tritt in den Zeugenstand. Doch am Ende wird seine Vernehmung ein Lehrstück darüber, wie ein Gericht mit dem Opfer einer Gewalttat besser nicht umgehen sollte.

    Vorhaltungen in enervierender Ausführlichkeit

    Für seine Aussage ist Ahmed I. auf eine fremde Stimme angewiesen. Ein Dolmetscher muss für ihn übersetzen, auch wenn er Deutsch inzwischen wohl ziemlich gut versteht. Die Stimme des Opfers ist nur als kurzes Geraune zu vernehmen. Quasi eine Einlassung über Bande, was sich im Laufe des Prozesstages noch des Öfteren als Problem erweisen wird.

    Dabei ist die eigentliche Aussage von Ahmed I. knapp und auf das Tatgeschehen beschränkt. Am 6. Januar 2016 macht sich Ahmed I., der in einer Flüchtlingsunterkunft in einem ehemaligen Gartenbau-Handel in Lohfelden untergebracht ist, auf den Weg zu einer nahegelegenen Tankstelle, um Zigaretten zu kaufen. Auf dem Weg hört er Musik. In seinen Ohren stecken Kopfhörer. Weil es regnet, hat er die Kapuze seiner Jacke über den Kopf gezogen. Nach drei, vier Minuten bemerkt er, dass sich ihm von hinten ein Fahrradfahrer nähert. Ahmed I. tritt zur Seite. Dann folgt der Schlag. Ahmed I. stürzt zu Boden. "Ich habe zuerst gedacht, ich wäre mit einem Stock geschlagen worden", berichtet er. Doch dann bemerkt er, dass ihm seine Beine nicht mehr gehorchen. Und dann das Blut.

    Zum Angreifer kann Ahmed I. nicht all zu viele Angaben machen. Blonde Haare will er erkannt haben, einen Rucksack. Unmittelbar nach der Tat ist er mehrfach von der Polizei vernommen worden. Auch damals schon war eine Dolmetscherin dabei - die jedoch einen anderen arabischen Akzent sprach als er selbst. Möglicherweise erklärt das, warum in den polizeilichen Vernehmungen teils mehr Details enthalten sind, teils auch widersprüchliche Angaben. Diese Widersprüche werden Ahmed I. vom Gericht und später auch von der Verteidigung von Stephan Ernst in teils enervierender Ausführlichkeit vorgehalten. Was schließlich die Stimmung im Saal beinahe kippen lässt.

    Grinsen über Langzeitfolgen

    "Wir müssen versuchen durch Vorhalte in den Erinnerungen zu graben. Wenn das nicht funktioniert, ist das so. Aber versuchen müssen wir es doch", erklärt der spürbar genervte Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel nach einer zähen Befragung. Die Erläuterung kommt reichlich spät. Ahmed I. hat da bereits den Eindruck, dass die Vorhalte des Gerichts in Wirklichkeit Vorwürfe sind - wozu auch der permanent gereizte Tonfall des Vorsitzenden beiträgt. Frage - Übersetzung - Antwort - Übersetzung. Auf diesem Weg kommt es zwangsläufig zu Missverständnissen. Doch wo das Gericht in der Vergangenheit - etwa bei den stockenden Antworten des Hauptangeklagten Stephan Ernst während seiner Einlassung - große Geduld bewiesen hat, reagiert es an diesem Prozesstag mit Ungeduld und Unverständnis.

    Ahmed I. muss noch einiges mehr an diesem Donnerstag mitmachen. Als er die Langzeitfolgen seiner Verletzungen schildert, quittiert dies der Mitangeklagte Markus H. mit demselben Grinsen, das er seit Prozessbeginn eigentlich durchgängig auflegt. Bundesanwalt Dieter Killmer ermahnt ihn dies zu unterlassen. In einer Prozesspause empört sich auch der Anwalt der Familie Lübcke, Holger Matt, über das "skandalöse" und "ungebührliche" Verhalten von Markus H, der sein Grinsen erst abstellt, als ihm auch sein eigener Anwalt, Björn Clemens, ins Gewissen redet.

    Ahmed I. wird nicht geschont. Als er Auskunft über die körperlichen Langzeitfolgen geben soll, geht es auch um Fragen der Intimsphäre. Das dezidierte Nachfragen stößt seinem Anwalt Alexander Hoffmann übel auf. Am Vormittag noch hatte das Gericht aus Rücksicht auf die Intimsphäre des Mitangeklagten Markus H. auf die öffentliche Verlesung einer von ihm verfassten autobiographischen Schrift verzichtet. Diese Art der Sensibilität werde seinem Mandanten verweigert, beklagt Hoffmann.

    Kein besonderer Belastungseifer

    Gut fünf Stunden dauert die Vernehmung von Ahmed I. Die Verteidigung von Stephan Ernst versteift sich in ihrer Befragung auf Details früherer Vernehmungen durch die Polizei. Warum Ahmed I. in einem Gespräch mit der Polizei statt seine persönlichen Daten zu nennen, nur auf sein Krankenhausarmband gezeigt habe? Ob er der Polizei mitgeteilt habe, dass es Verständigungsschwierigkeiten mit der Dolmetscherin gäbe? Wie er den Fahrradfahrer habe wahrnehmen können, wenn er doch Kopfhörer anhatte? Warum er glaube, als Flüchtling erkennbar gewesen zu sein? Fragen, die teils ein Dutzend mal wiederholt werden und auf die Ahmed I. nur noch widerwillig antwortet. Die Stoßrichtung ist klar: Die Verteidigung Ernst will Zweifel am Wert der Aussagen des Opfers wecken und an einem rechtsextremen Motiv.

    Das Problem dabei: Es waren nicht die Aussagen von Ahmed I., welche die Ermittler auf Ernsts Spur geführt haben. Für seine Täterschaft sprechen vielmehr DNA-Spuren an einem Messer, das bei ihm gefunden wurde sowie seine eigene, merkwürdige Aussage, kurz nach den sexualisierten Übergriffen in der Neujahrsnacht 2016 in Köln, einen Migranten wüst beschimpft zu haben. Ernst hatte sogar noch das Datum dieses Vorfalls im Kopf: 6. Januar 2016. Sein Mandant, betont Rechtsanwalt Hoffmann, habe gegenüber Ernst keinen Belastungseifer an den Tag gelegt.

    Seit sechs Jahren lebt Ahmed I. in Deutschland. Sein Resumée dieser Zeit fällt extrem bitter aus: "Ich habe mein Land verlassen, um Schutz zu suchen. Aber hier ist mein Leben zerstört worden." Der Prozess wird am Dienstag, 3. November fortgesetzt.

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    Tag 24: Auf der langen Zielgeraden

    Zeichnung vom Gerichtssaal mit Richtern, Angeklagtem, Zeugen und Anwälten während des Prozesses zum Lübcke-Mord.

    Wenn es nach der Vorstellung von Thomas Sagebiel geht, dann könnte am 1. Dezember der Prozess um den Mord an Walter Lübcke zu Ende gehen. An diesem Dienstag in fünf Wochen soll nach dem Zeitplan des 5. Strafsenats am Frankfurter Oberlandesgericht das Urteil gegen Stephan Ernst und den Mitangeklagten Markus H. gefällt werden. 33 Prozesstage hätte die Hauptverhandlungen dann in Anspruch genommen.

    "Nur" möchte man als Beobachter hinzufügen, denn oft schien es so, als würde sich die Beweisaufnahme bis zum Jahresende hinziehen. Das Aussageverhalten des Hauptangeklagten, zahlreiche Befangenheitsanträge, Zeugen, die sich jedes Wort aus der Nase ziehen ließen - an Verzögerungen hat es nicht gemangelt. Nun aber zeichnet sich ab, dass der Lübcke-Prozess auf die Zielgerade eingebogen ist. Ein Endspurt dürfte es allerdings nicht werden.

    Lübcke zeigte nur Bedrohungen an

    Der 24. Prozesstag jedenfalls macht noch einmal deutlich, wie zäh sich die Beweisaufnahme in einem Strafprozess gestalten kann. Als einziger Zeuge ist mit Markus P. ein Polizeibeamter des Polizeipräsidiums Nordhessen geladen, der im Rahmen der Ermittlungen Erkenntnisse über Walter Lübcke und die beiden Angeklagten zusammengetragen hat. Es ist wenig Neues dabei. Kleine Details, die ergänzen, was die Öffentlichkeit teilweise schon vor Beginn der Hauptverhandlung wusste.

    Das Mordopfer Walter Lübcke etwa sei von seinen Mitarbeitern als "sehr transparent" und "immer zu einem Scherz aufgelegt" beschrieben worden, berichtet P. "Er galt als beliebter Chef."

    Hass zog Lübcke dann mit jener Rede auf sich, die er 2015 bei der Bürgerversammlung zur Unterbringung von Flüchtlingen in Lohfelden hielt. "Sie haben Deutsche zur Ausreise aufgefordert. Das ist Hochverrat! Die Kugel für Sie liegt schon bereit. Wir wissen wo Sie und Ihre Familie wohnen", lautete der Text einer Mail, die an Lübckes Dienstadresse geschickt wurden. Lübcke habe darauf verzichtet, Beleidigungen anzuzeigen. In sieben Fälle sei jedoch wegen Bedrohung ermittelt worden - ohne Ergebnis.

    NS-Schriften und Filme

    Detailreicher sind hingegen die Informationen, die Markus P. über die Angeklagten zusammengetragen hat. Allerdings beruht ein Großteil der Erkenntnisse über Markus H. auf Aussagen seiner Mutter. Da sie inzwischen von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch macht, dürfen diese vor Gericht nicht verwendet werden. Die Inhalte diverser Speichermedien, zahlreiche NS-Memorabilia und Schriften, die bei H. gefunden wurden, zeichnen dennoch ein deutliches Bild von seiner Gesinnung. Das meiste allerdings war bereits Gegenstand der Beweisaufnahme.

    Nicht so bei Stephan Ernst. Auch bei ihm fanden die Ermittler rechtsextreme Literatur, Musik und Videos. Einen USB-Stick etwa, auf denen die NS-Filme "Hitlerjunge Quex" und "Jud Süß" gespeichert waren, Schriften wie die "Protokolle der Weisen von Zion" oder "Der Sieg des Judentums über das Germanentum". Eine Chatgruppe, der Ernst, sein Sohn und zwei weitere Jugendliche angehörten, trug den Namen "Ehrenband". Das Gruppenbild zeigte ein Eisernes Kreuz mit der Aufschrift "Vaterland - Ehre - Stärke".

    Zahlreiche weitere Funde deuten an, dass es mit Ernsts Distanzierung von seiner rechtsradikalen Vergangenheit nicht all zu weit hergewesen sein kann. Auch wenn Markus P. zu Protokoll gibt, dass etwa die Datensammlung über politische Gegner im Kreis Kassel, über die bereits berichtet wurde, älteren Datums sei - vermutlich aus den 00er-Jahren stammt. Für jemanden, der sich vom Rechtsradikalismus abgewandt und schon zu aktiven Zeiten "Probleme" mit dem Antisemitismus der Kameraden gehabt haben will, scheinen Ernsts Interessengebiete äußerst eng abgesteckt.

    Verteidigung kündigt weitere Beweisanträge an

    Vielmehr als zu benennen und in einigen Fällen mit äußerst vorsichtigem Vokabular einzuordnen, wie die Asservate aus dem Eigentum von Ernst und H. politisch zu verorten sind, kann Markus P. nicht. Er hat zusammengetragen, was Kolleginnen und Kollegen gesichtet haben. Einige von ihnen werden noch gehört werden. Bis zum avisierten Prozessende am 1. Dezember ist noch mehr als ein Monat Zeit. Und noch steht nicht fest, dass der Termin eingehalten wird. Stephan Ernsts Verteidigung hat bereits weitere Beweisanträge angekündigt.

    Der Prozess wird am Donnerstag, 29. Oktober fortgesetzt.

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    Tag 23: Im Jargon der Verschleierung

    Zeichnung eines mutmaßlichen Tathergangs. Im Auto sitzt Ernst, sein Gesicht ist im Autospiegel zu sehen, und blickt auf Lübckes Wohnhaus.

    Wenn man Alexander S. glauben möchte, dann hat es vor knapp sechs Jahren einen ziemlich krassen Bruch in seinem Leben gegeben. Damals, im Jahr 2014, als er aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen sein will. "Ich kann auch mit der Ideologie von damals nichts mehr anfangen", erklärt der 30-Jährige am Donnerstag vor dem Frankfurter Oberlandesgericht.

    Gemeint sind die Ideologie der NPD und der neonazistischen Freien Kräfte Schwalm-Eder. Sechs Jahre lang war Alexander S. in diesem Umfeld aktiv, war regelmäßig auf Demonstrationen unterwegs und wurde nach einem Angriff auf Besucher eines linken Jugendzentrums verurteilt. Eine prägende Zeit im Leben von Alexander S. - auch wenn er heute nichts mehr davon wissen will. Zwei seiner damaligen Kameraden müssen sich nun wegen des Mordes an Walter Lübcke vor Gericht verantworten: Stephan Ernst und Markus H.

    Gelöschte Kommunikation

    Als Alexander S. in die harte Neonazi-Szene in Nordhessen einstieg, war er fast noch ein Jugendlicher. Auch zwölf Jahre später wirkt der Software-Entwickler noch schlacksig. Ein Eindruck, der durch das legere Outfit, in dem er vor Gericht erscheint, noch verstärkt wird. S. gib sich kleinlaut. Wie ein Schüler, der in das Direktorium zitiert wird und weiß, dass ihm Ungemach droht. Allerdings steht ihm an diesem Donnerstag kein Elternteil oder Vertrauenslehrer bei, sondern ein Anwalt.

    Über die Rolle, die Alexander S. im Vorfeld des Anschlags auf Lübcke gespielt haben könnte, war bereits ausgiebig in den Medien spekuliert worden. hr-Recherchen hatten unter anderem zu Tage gefördert, dass S. mit Markus H. an scharfen Waffen trainiert hatte. Die Aufmerksamkeit der Ermittler erregte zudem ein Telefonat zwischen H. und S. am Nachmittag des 1. Juni 2019 - wenige Stunden vor dem tödlichen Schuss auf Lübcke.

    Dafür immerhin hat Alexander S. eine Erklärung parat. Bei dem Telefonat hätten sich er und H. für den nächsten Tag zu einem gemeinsamen Flohmarktbesuch verabredet. Nicht die einzige gemeinsame Unternehmung. Die Freundschaft, die in der gemeinsamen Zeit als aktive Neonazis geschlossen wurde, hielt auch nach dem vermeintlichen Ausstieg. Und Flohmarktbesuche waren nicht die einzigen gemeinsamen Aktivitäten.

    Aussage bleibt im Vagen

    Mehrfach will Alexander S. auch nach 2014 mit Markus H. politische Veranstaltungen besucht haben. Zum Beispiel Demonstrationen der AfD in Erfurt und Chemnitz. Dabei sei er auch mit Stephan Ernst in Kontakt bekommen. Mit dem geständigen Lübcke-Attentäter hatte er sich unter anderem über den Messenger-Dienst Threema ausgetauscht. Allerdings sei es dabei nur darum gegangen, dass Ernst für ihn ein Bauteil drechseln sollte, das S. für ein Studienprojekt benötigte. Dass er diesen angeblich harmlosen Chat später löschte, erklärt S. mit der emotionalen Belastung, nachdem er erfahren habe, dass Ernst für den Mord an Lübcke verantwortlich sein soll.

    Auch die deutlich ausführlichere Kommunikation mit Markus H. hat S. gelöscht. In diesen Gesprächen sei es durchaus auch um "politische Themen, gesellschaftliche Themen" gegangen, erklärt S. An konkrete Inhalte, kann er sich aber auch auf Nachfrage nicht erinnern. Auch nicht an die politische Einstellung seines Freundes. Oder an seine eigenen Aktivitäten in der Neonazi-Szene.

    S. bleib im Vagen und bedient sich dabei eines Jargons der Verschleierung. Der Nationalsozialismus firmiert bei ihm als "diese frühere Zeit", gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen - Juden etwa - habe es "eine große Ablehnung" gegeben und er selbst habe eigentlich nur an "rechten" nicht an "rechtsextremen" Veranstaltungen teilgenommen.

    Im Raum steht die Frage, wie stark S. wirklich mit seiner Vergangenheit gebrochen hat - und wie glaubhaft seine Aussage ist. Immerhin behauptet auch Stephan Ernst immer noch, sich eigentlich von seiner rechtsradikalen Vergangenheit distanziert zu haben, bevor er Walter Lübcke erschoss. Eine Anekdote ist recht bezeichnend. Als Alexander S. im Herbst 2018 an einer AfD-Demonstration teilnahm, befand er sich in Begleitung seines alten Freundes Jonas S. - einst führendes Mitglied der Freien Kräfte Schwalm-Eder.

    Hinweise auf Ausspähung

    Nachdem S. "nur mitgeteilt hat, was er musste" , wie es der Nebenklageanwalt Alexander Hoffmann formuliert, wendet sich der Prozess wieder dem Hauptangeklagten Stephan Ernst zu. Genauer gesagt einer Wärmebildkamera aus seinem Besitz. Darauf war eine Aufnahme von Walter Lübckes Wohnhaus gespeichert. Ernst hatte erklärt, diese am Tatabend versehentlich angefertig zu haben.

    Das LKA Hessen war derweil zu dem Schluss gekommen, dass die Aufnahme in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 2019 entstanden sein muss - also gut 20 Stunden vor der Tat. Demnach hätte Ernst das Wohnhaus der Lübckes bereits am Tag vor dem Anschlag ausgespäht. Dieses Ergebnis bestätigt ein Gutachter an diesem Prozesstag. Zwar war der Zeitstempel der Kamera falsch eingestellt, jedoch sei es möglich gewesen, den realen Zeitpunkt der Aufnahme zurückzuberechnen. Das Ergebnis: 1. Juni 2019, 1.02 Uhr.

    Dazu passen würde auch die Aussage der Zeugin A. Diese will am 31. Mai beobachtet haben, wie ein Kleintransporter gegen 23 Uhr gegenüber ihres Hauses in Wolfhagen-Istha parkte - nur wenige Minuten Fußweg vom Haus der Lübckes entfernt. Ein Mann mit einer Baseball-Mütze sei ausgestiegen und habe einen Rucksack mit sich geführt. Die Beschreibung des Wagens könnte zu Ernsts VW Caddy passen, ebenso die Mütze.

    Der Prozess wird am kommenden Dienstag, 27. Oktober fortgesetzt.

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    Tag 22: Indizien und Beweise

    Richter im Lübcke Prozess

    Seit knapp drei Wochen ist Markus H. wieder ein freier Mann. Am 1. Oktober hat das Oberlandesgericht Frankfurt entschieden, dass der Mitangeklagte im Lübcke-Mordprozess nach mehr als einem Jahr aus der Untersuchungshaft zu entlassen ist. Man sieht Markus H. an, dass ihm die Haftentlassung gut getan hat. Der spärliche Haarwuchs ist ordentlich auf weniger Millimeter zurechtgestutzt. Erstmals trägt er Anzug und Schlips, statt der immergleichen Kombination aus Cordhose und Polo-Hemd.

    Markus H. muss weiter an dem Prozess teilnehmen. Noch ist er vom Verdacht der Mittäterschaft beim Mord am Kasseler Regierungspräsidenten im Juni 2019 nicht freigesprochen. Doch der 5. Strafsenat hat bereits bei der Begründung der Haftaufhebung deutlich zu verstehen gegeben, dass derzeit außer der gegenteiligen Beteuerungen des Hauptangeklagten Stephan Ernst wenig bis gar nichts auf eine Tatbeteiligung von Markus H. hindeutet.

    Wie viele Indizien sind ein Beweis?

    Wenn man die Hauptverhandlung als eine Art juristisches Schauspiel begreifen möchte, dann ist Markus H. in den vergangenen Monaten zumindest aus Sicht des Senats von einer Haupt- in eine kleine Nebenrolle gerutscht. Eine Rolle, bei der er sich für den Rest des Prozesses wohl in Ruhe zurücklehnen und in Ruhe beobachten kann, wie über das Schicksal seines ehemaligen Freundes und "Kameraden" Stephan Ernst verhandelt wird. So wie an diesem 22. Prozesstag.

    Zwei Gutachter sind geladen. Im Mittelpunkt ihrer Aussagen steht derweil nicht der Mord an Walter Lübcke, sondern der mutmaßlich ebenfalls Stephan Ernst anzulastende Messer-Angriff auf den irakischen Asylbewerber Ahmed I. im Januar 2016. Bereits vor der Herbstpause des Gerichts am 1. Oktober war es um eben dieses Verbrechen gegangen. Ein Sachverständiger hatte am 1. Oktober ein ausführliches Gutachten zu DNA-Spuren an einem Messer, das in Stephan Ernsts Wohnhaus in Kassel gefunden wurde, vorgestellt.

    Grob zusammengefasst hatte der Gutachter zu Protokoll gegeben, dass er wissenschaftlich keine valide Einschätzung dazu geben kann, wie wahrscheinlich es ist, dass diese Spuren von Ahmed I. stammen. Allerdings seien die DNA-Spuren wiederum so spezifisch, dass es ihn sehr wundern würde, wenn sie nicht von Ahmed I. oder einem Verwandten stammen.

    Wie dieses Gutachten zu bewerten ist, ist auch drei Wochen später naturgemäß umstritten. Während Ernsts Verteidiger Mustafa Kaplan den Beweiswert mit einem lakonischen "Wir wissen lediglich, dass wir nichts wissen" in Zweifel sieht, spricht die Generalbundesanwaltschaft davon, dass "qualitativ" der Schluss naheliege, dass die DNA-Spuren von Ahmed I. stammen. Auch Alexander Hoffmann, Anwalt des Nebenklägers Ahmed I., spricht von einem "erheblichen indiziellen Wert", der in Zusammenhang mit weiteren Indizien Beweiskraft entfalte.

    Ernsts Messer kommt in Betracht

    Eindeutigere Beweise können derweil auch die für diesen Dienstag bestellten Sachverständigen nicht liefern. Reinhard Dettmeyer, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin Gießen, hatte Ahmed I. knapp 19 Stunden nach der Tat untersucht - als die Stichwunde bereits versorgt und vernäht worden war. Eine lebensbedrohliche Verletzung habe zwar nicht bestanden, so Dettmeyer, jedoch hätte die Wunde darauf hingedeutet, dass ein bei dem Angriff ein "erheblicher Kraftaufwand" eingesetzt worden sei. Rückschlüsse auf die Art, wie die Tatwaffe geführt worden sei, seien nicht mehr möglich, betont Dettmeyer. Allerdings sprächen die glatten Wundränder für ein Messer. Die bei Stephan Ernst gefundene Stichwaffe komme wegen seiner Beschaffenheit in Betracht.

    Das zweite Gutachten des Tages beschäftigt sich derweil mit gänzlich anderen Gegenständen aus dem Besitz von Stephan Ernst: Seinen Fahrrädern. Ahmed I. hatte ausgesagt, dass ihm sich vor dem Angriff ein Unbekannter auf einem Fahrrad genähert habe. Am selben Abend hielt die Überwachungskamera an einer Gewerbeimmobilie in Tatortnähe einen Fahrradfahrer fest.

    Es sind bestenfalls Schemen, die auf der Infrarot-Aufnahme der Kamera zu erkennen sind. Umrisse, die sich aus dem dunklen Hintergrund ansatzweise herausschälen aber nicht immer erkennen lassen, wo der Fahrer anfängt und das Fahrrad endet. Das hessische Landeskriminalamt hat sich trotzdem die Mühe gemacht, die Aufnahme mit Infrarotbildern von drei Fahrrädern, die bei Ernst sichergestellt wurden, abzugleichen. Das Ergebnis ist angesichts des Aufwands ernüchternd. Bei allen dreien kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich um das von der Überwachungskamera eingefangene Modell handelt.

    "Nichts genaues weiß man nicht", fasst der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel zusammen - ohne dass der Gutachter oder ein anderer Prozessbeteiligter widerspricht. Der Prozess wird am Donnerstag, 22. Oktober fortgesetzt.

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    Tag 21: Rückschlag für die Anklage

    Zeichnung von Polizist Hartmann und Justizvollzugsbeamtem im Gerichtssaal.

    Der 21. Verhandlungstag im Lübcke-Prozess begann wie erwartet: Der Strafsenat am Oberlandesgericht Frankfurt hebt den Haftbefehl gegen den Mitangeklagten Markus H. auf. Nach 15 Monaten wird H. aus der Untersuchungshaft entlassen. Während der Beisitzende Richter Christoph Koller die Gründe dafür vorträgt, schaut der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel mürrisch in den Gerichtssaal. Passt ihm die Entscheidung persönlich nicht, fällt sie ihm schwer? Lässt er sie deshalb seinen Beisitzer vortragen?

    Immerhin gilt Markus H. als beinhartes Mitglied der nordhessischen Neonazi-Szene. Mit seinem spöttischen Grinsen und Gesichtsausdruck hat er sich in der Hauptverhandlung sicher auch keine neuen Freunde gemacht. Aus juristischer Sicht muss man seine Entlassung aus der U-Haft freilich folgerichtig nennen.

    Geständnis-Wirrwarr

    Bekanntlich sagte Ernst in seiner ersten polizeilichen Vernehmung im Juni 2019, am Abend des 1. Juni alleine zu Walter Lübckes Haus in Wolfhagen-Istha gefahren zu sein und ihn erschossen zu haben, um ihn für seine liberale Haltung in der Flüchtlingsfrage zu bestrafen. Später zog er dieses Geständnis zurück (wie man weiß, auf Anraten seines zwischenzeitlichen Verteidigers Hannig). Vielmehr sei H. mit ihm gefahren und habe den Kasseler Regierungspräsidenten "versehentlich" erschossen (diese Version war wohl eine Erfindung Hannigs). Vor Gericht ließ Ernst schließlich erklären, es sei doch er selbst gewesen, der geschossen habe - in Anwesenheit des Mitangeklagten. Mit H. habe er den Plan ausgeheckt, Lübcke "eine Abreibung zu verpassen", ihn zu schlagen oder zu erschießen - auch hier gingen die Schilderungen mal in die eine, mal in die andere Richtung. H. habe ihn mindestens bestärkt in seinem Vorhaben, Lübcke anzugreifen, sagte Ernst.

    Von diesen unterschiedlichen Ausführungen, das lässt Richter Koller klar erkennen, glaubt das Gericht am ehesten oder uneingeschränkt der ersten. Hier sei Ernst auch mal emotional geworden, "und die Emotionen passten zum Geschilderten", sagt Koller, "während Ernst vor Gericht stets monoton, kontrolliert und nach Rücksprache mit seinen Verteidigern sprach - als wolle er nur Antworten geben, die für ihn günstig sind". Vor Gericht gilt das gesprochene Wort, das wird hier deutlich.

    Zu wenige Details, zu wenig Plausibilität

    Koller bemängelt, dass Ernst immer dann auffällig wenige Details nannte, wenn es um H.s angebliche Beihilfe zum Mord oder sogar Tatbeteiligung ging. Seine Schilderungen seien auch nicht schlüssig, Belege für angebliche Treffen zur Tatplanung im April und Mai 2019 nicht zu finden, H.s Handy zur Tatzeit ganz woanders eingeloggt gewesen. Dazu komme die grundsätzliche Frage, warum Ernst einen Mord gestehen sollte, den er nicht begangen habe. Unglaubwürdig, befindet das Gericht.

    Das trifft aus seiner Sicht auch auf H.s Ex-Partnerin Lisa Marie D. zu, die zweite Belastungszeugin für H.s Beihilfe - ursprünglich. Sie sagte in ihrer polizeilichen Vernehmung aus: "Markus ist der Denker, Stephan der Macher." Wie sie dann aber vor Gericht bekundete, habe sich das ganz allgemein auf die Lebensführung und den Charakter der beiden Freunde und Gesinnungsgenossen bezogen, nicht auf die Vorbereitung des Mordes an Lübcke.

    Übrig bleibt ein geringerer Vorwurf

    H. muss sich nun für einen weniger gravierenden Verstoß gegen das Waffengesetz verantworten, jedoch weiter der Hauptverhandlung beiwohnen, wie Richter Sagebiel anordnet. Die Nebenklage, die die Familie Lübcke vertritt, reagiert am Donnerstag entsetzt auf den Beschluss. Noch am Mittwoch bekundete ihr Anwalt Holger Matt, dass man Ernst dahingehend glaube, dass H. ihm geholfen und auch an der Tat beteiligt gewesen sei. Darauf deutet allerdings nichts hin.

    Auch nicht die Auswertung der DNA-Spuren am Tatort in Wolfhagen-Istha und im Erddepot in Kassel, wo Ernst unter anderem die Tatwaffe versteckte. "Haben Sie irgendwo eine Spur von H. gefunden?", fragt Sagebiel den Sachverständigen Harald Schneider. "Nein", antwortet dieser, und der Vorsitzende Richter fügt sich der Macht des Faktischen. Zumindest schaut er nicht mehr grimmig.

    Markus H. folgt der weiteren Verhandlung gelöst, entspannt wie ein zufällig hinzugelangter Zuhörer bei einem interessanten Vortrag. Bundesanwaltschaft, deren Anklage gegen H. sich quasi pulverisierte, und Nebenklage können gegen den Entschluss des Gerichts eine Beschwerde vor dem Bundesgerichtshof einlegen.

    Was DNA-Spuren belegen

    Mit gänzlich unbewegter Miene, den Blick starr nach vorne gerichtet, den Oberkörper eisern an die Rückenlehne seines Stuhls gepresst, verfolgt der Hauptangeklagte, wie der DNA-Experte schildert, wie ihm die Ermittler auf die Spur kamen im Juni 2019. Harald Schneider leitet die Abteilung DNA-Analytik im hessischen Landeskriminalamt und hat die CTA-Methode (Contact Trace Analysis) mitentwickelt. Womöglich geht er deswegen ins Detail und erläutert erst mal die Grundlagen seiner Arbeit. Andererseits hat er Recht: Es hilft beim Verstehen seiner Ausführungen, die sich um genetische Merkmalsysteme, Längenmorphysmen, Teilprofile, Minimalspuren und den Verwässerungseffekt dabei drehen.

    An Hemd und Hose des Mordopfers, so führt Schneider aus, hätten er und sein Team jeweils rund 300 Einzelspuren untersucht, indem sie mittels Klebestreifen Partikel davon abzogen. Beim Hemd ergab sich eine Spur, die nicht von Lübcke selbst stammte. Eine mutmaßliche Hautschuppe - hundertprozentig könne man das nicht bestimmen, sagt Schneider, der fortan von einem "hautschuppenähnlichen Partikel" spricht.

    Diesen weniger als einen Millimeter kleinen Partikel untersuchten die Molekularbiologen auf verschiedene genetische Merkmale, sogenannte Allele, hin. Neun von 16 möglichen waren auswertbar, eine Minimalspur, doch groß genug, um beim Abgleich mit einer Datenbank zu strafrechtlich auffällig gewordenen Menschen zu einem Treffer zu führen: Stephan Ernst. Mit ihm gab es Übereinstimmungen in fünf Genmerkmalen - ein Indiz, nicht mehr. Da Ernst eine Speichelprobe abgab, konnten noch mehr Merkmale miteinander verglichen und Zweifel ausgeräumt werden. Nur einer von theoretisch 30 Milliarden Menschen weist diese spezielle Ansammlung von Allelen auf.

    Wie kam der hautschuppenähnliche Partikel auf Lübckes in großen Teilen blutgetränktes Karohemd? Dazu sagt Schneider, der schon im Fall des "Kannibalen von Rotenburg" scheinbar Verborgenes ans Licht brachte: Um sicherzugehen, dass kein Zufallsfund vorliegt, habe sein Team weitere 150 Einzelspuren untersucht und an einer anderen Stelle des Hemds eine weitere Übereinstimmung mit Ernst gefunden. "Dies lässt einen direkten Kontakt vermuten." Der mutmaßliche Mörder hat sein Opfer wohl angefasst.

    Grenzen der DNA-Analytik

    So gewiss die zwei Hautschuppen auf Lübckes Hemd und die Spuren an der mutmaßlichen Mordwaffe auf Ernst hindeuten, so gewiss kann Schneider das bezüglich der Messerattacke auf den irakischen Flüchtling Ahmed E., die in dem Verfahren noch verhandelt werden wird, nicht sagen. Noch nicht mal wahrscheinlich. Einen Wert anzugeben, wie wahrscheinlich Ernst auch hier der Täter war, verbiete sich in seinem Berufsstand angesichts einer derart schwachen DNA-Spur wie auf einem Klappmesser aus dem Keller des Hauptangeklagten. Und es wäre vor Gericht anfechtbar. Darauf beharrt Schneider, so sehr die Richter und der Oberstaatsanwalt auch um eine quantitative Einschätzung bitten.

    An dem Messer hafteten zwei recht seltene genetische Merkmale, die auf einen Iraker hindeuten, führt Schneider aus. Bei allen 16 untersuchten Merkmalssystemen habe er nicht ausschließen können, dass die DNA-Spur von Ahmed E. oder einem sehr nahen Verwandten stammt. Es würde ihn sehr wundern, wenn die DNA von einem anderen stamme, "denn dann wäre zu erwarten gewesen, dass wir ihn bei einem System ausschließen könnten". Aber eine Festlegung auf Ahmed E. erlaube die Spur auch nicht, dazu könne er sie zu wenig auswerten, so Schneider, der sich nach eigener Aussage in den vergangenen sechs Tagen mit nichts anderem beschäftigte als dieser Minimalspur.

    Der Prozess wird nach den hessischen Herbstferien am 20. Oktober fortgesetzt.

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    Tag 20: Das rechte Maß an Schweigen

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    Den Kern der Beweisaufnahme im Strafprozess bilden mündliche Aussagen. Forensische Expertisen, die Inaugenscheinnahme von physischen Beweisstücken, das Verlesen von Gutachten - all das nimmt nicht ansatzweise so viel Raum ein wie das gesprochene Wort von Zeugen. Manchmal aber muss erst abgewogen werden, ob ein Zeuge überhaupt sprechen darf. Und wenn er es darf, ob er es auch wirklich sollte.

    Frank Hannig ist so ein Zeuge. Im Vorfeld des 20. Verhandlungstages im Lübcke-Prozess musste dem ehemaligen Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst von seinem Ex-Mandanten zunächst das Recht eingeräumt werden, seine anwaltliche Verschwiegenheitspflicht in einem gewissen Rahmen zu durchbrechen. Ernst und seine Verteidigung haben zugestimmt. Hannig darf über einige wenige Punkte, die das erloschene Mandatsverhältnis zu Ernst betreffen, Auskunft geben. Über die Mandatsanbahnung etwa oder über das, was Ernst ihm ursprünglich über den Tatablauf am 1. Juni 2019 berichtet hat. Die Frage, ob es aus Hannigs Sicht klug ist, darüber Auskunft zu geben, muss der Dresdner Anwalt aber mit sich selbst klären - und mit seinem Rechtsbeistand.

    Aussage als Selbstanklage

    Es ist eine heikle Situation, in der sich der Ex-Verteidiger am Dienstag wiederfindet. Sein ehemaliger Mandant behauptet, von ihm zu einer falschen Tatdarstellung angestiftet worden zu sein. Im Januar und Februar 2020 hatte Ernst bei einer richterlichen Vernehmung erklärt, den Anschlag auf Walter Lübcke gemeinsam mit dem Mitangeklagten Markus H. begangen zu haben. Dabei hätte Markus H. "versehentlich" den tödlichen Schuss abgefeuert. Eine Tatversion, an der Ernst und seine Verteidigung noch zu Beginn des Prozesses festhielten - bis es zum Bruch mit Hannig kam.

    Inzwischen behauptet Ernst, von Hannig zu dieser Einlassung gedrängt worden zu sein. Der Anwalt habe damit Markus H. zu einer Aussage "provozieren" wollen. Bereits im Februar 2020 soll Ernst dies einem anderen ehemaligen Verteidiger berichtet haben. Ernsts aktueller Anwalt, Mustafa Kaplan, hatte zudem ausgesagt, dass Hannig ihm gegenüber dies im Juli bestätigt habe.

    Hannig muss an diesem Dienstag also quasi in eigener Sache aussagen. Im Raum steht der Verdacht der Anstiftung zu einer falschen Verdächtigung. Und mit einer unbedachten Äußerung könnte Hannig sich selbst belasten.

    Es verwundert daher nicht, dass Hannig sich inzwischen selbst einen Anwalt besorgt hat. Dem Wiesbadener Juristen Alfred Dierlamm gelingt an diesem Verhandlungstag ein echtes Kunststück: Er bringt den sonst so sendungsbewussten Hannig zum Schweigen. "Eine Verfolgungsgefahr liegt ohne Zweifel vor", erklärt Dierlamm. Daher werde sein Mandant von einem vollumfänglichen Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen.

    Von JVA-Bedienstetem kontaktiert

    Die Strafprozessordnung gewährt Zeugen dieses Recht. Und auch im Falle des Ex-Verteidigers wird es von keinem der Prozessbeteiligten grundsätzlich in Frage gestellt - mit einer Ausnahme. Weder der Staatsanwaltschaft noch der Nebenklage will einleuchten, wie sich Hannig selbst belasten könnte, wenn er offenlegt, wie es zur Übernahme des Mandats kam. Es ist eine kurze Verhandlung über das rechte Maß an Schweigen. Dierlamm gibt ohne größeren Widerstand nach. Hannig darf sprechen.

    Und was er zu berichten hat, ist durchaus interessant. Es sei ein Bediensteter der Justizvollzugsanstalt Kassel gewesen, der ihn bezüglich der Verteidigung von Stephan Ernst im Juni 2019 kontaktiert habe. Einen Namen habe er nicht genannt, nur berichtet, dass Ernst bei ihm in der JVA sitze und "dringend" einen Verteidiger brauche. "Und zwar einen wie mich", erinnert sich Hannig. Seine Verwunderung über diese Art der Kontaktaufnahme scheint sich in Grenzen gehalten zu haben. "Ich bin unter Justizvollzugsbediensteten bekannt."

    Sein Bekanntheitsgrad unter Justizvollzugsbeamten dürfte mit einem früheren Mandat zusammenhängen. 2019 vertrat er den Dresdner JVA-Beamten Daniel Z., der im September 2018 im Zusammenhang mit einem Tötungsdelikt in Chemnitz einen Haftbefehl mit persönlichen Daten eines der Tatverdächtigen veröffentlicht hatte. Die Tat in Chemnitz hatte zu tagelangen Protesten und gewalttätigen Ausschreitungen geführt, die von rechten und rechtsextremen Gruppen organisiert wurden. Zu den Teilnehmern einer dieser Demonstrationen zählten auch die beiden Angeklagten im Lübcke Prozess: Stephan Ernst und Markus H.

    Hannigs Schilderung der Mandatsanbahnung erinnert an den Ausspruch, wonach jeder Mensch auf der Welt über sieben Ecken mit jedem anderen Menschen in irgendeiner Form von Beziehung steht. Bei Ernst und Hannig scheint allerdings ein kurzer Blick ums rechte Eck genügt zu haben. Für den Dresdner Anwalt jedenfalls endet seine Rolle in diesem Prozess am Dienstag endgültig. Er wird unvereidigt entlassen.

    Arbeitskollegen mit Waffen versorgt

    Auch den beiden anderen Zeugen an diesem Prozesstag hätte theoretisch ein Zeugnisverweigerungsricht zugestanden. Timo A. und Jens L. sind ehemalige Arbeitskollegen von Stephan Ernst. Gegen beide wurde beziehungsweise wird wegen illegalen Waffenbesitzes ermittelt, weil sie von Ernst Schusswaffen gekauft haben. Gegen Jens L. hat die Staatsanwaltschaft Kassel unlängst Anklage erhoben. Beide haben infolge der Ermittlungen ihre Anstellung verloren. Beide könnten schweigen, ziehen es aber vor zu reden.

    Timo A.s Aussage fällt kurz aus. In den Jahren 2013 oder 2014 hat er einen Revolver von Ernst erworben. Er habe seinerzeit an Depressionen gelitten und mit dem Gedanken gespielt, Selbstmord zu begehen. Zwischen 500 bis 700 Euro habe er für die Waffe gezahlt. Vielmehr kann er über den langjährigen Kollegen nicht berichten. Ein privates Verhältnis außerhalb der Firma habe nicht existiert.

    Timo A. spricht deutlich. Auf die meisten Nachfragen antwortet er mit einem schneidenden "Nein", das wenig Zweifel daran lässt, dass er keine detailliertere Auskunft geben wird.

    Jens L. ist das glatte Gegenteil. Ein untersetzter Mann, der vor Nervosität bei jedem Wort nach Luft schnappt, als würde er jeden Moment hyperventilieren. "Ich bin wirklich nervlich...", setzt er in einem Moment an, schafft es aber nicht, den Satz zu Ende zu bringen. "Zerrüttet", ergänzt schließlich der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel.

    Seinem Umfeld erschien Ernst nicht radikal

    Zwischen 3.000 und 4.000 Euro will Jens L. über die Jahre für allerlei Waffen ausgegeben haben. Teilweise habe er sie auf Flohmärkten erworben, teilweise von Stephan Ernst gekauft. Er habe ein rein historisches Interesse daran. "Ich hatte nie was Böses vor. Ich wollte niemandem was tun", beteuert er. Warum er dann auch moderne Waffen und Munition erwarb, kann er allerdings nicht so recht erklären.

    Jens L. soll im Nachgang zum Mord an Walter Lübcke noch eine wichtige Rolle gespielt haben. Stephan Ernst behauptet, dass L. Schmiere stand, während er seine Waffensammlung - darunter die Tatwaffe - auf dem Gelände des gemeinsamen Arbeitgebers vergrub. L. bestreitet das. L. bestreitet auch "rechtsgerichtet oder rechtsradikal" zu sein - trotz zahlreicher NS-Schriften und Devotionalien, die in seiner Wohnung gefunden wurden. L. bestreitet zunächst auch die Waffen, die ihm Ernst verkauft hat, abgefeuert zu haben, gesteht dann aber doch einen "Probeschuss" auf dem Firmengelände - nachdem ihn Ernsts Verteidiger daran erinnert hat, dass eine Falschaussage vor Gericht strafbar ist.

    Timo A. und Jens L. sind nicht die ersten Arbeitskollegen von Stephan Ernst, die in diesem Prozess aussagen. Zur Tataufklärung konnte keiner von ihnen wirklich etwas beitragen. Ihre Aussagen stimmen jedoch in einem Punkt überein: Ernst soll am Arbeitsplatz nie durch sonderlich radikale Ansichten aufgefallen sein. Besser gesagt: Seine Aussagen erschienen in seinem Arbeitsumfeld niemandem als sonderlich radikal.

    Frage nach Ende der U-Haft

    Auch diese beiden Zeugen werden unvereidigt entlassen. Der Prozess wird am 1. Oktober fortgesetzt. Bis dahin wird sich das Gericht möglicherweise mit der Frage befassen müssen, ob der Mitangeklagte Markus H. weiter in Untersuchungshaft verbleibt. Nach Ansicht seines Verteidigers Björn Clemens, ist diese nicht mehr gerechtfertigt, nachdem sich am letzten Prozesstag eine der Hauptbelastungszeuginnen - H.s ehemalige Lebensgefährtin - unglaubwürdig gemacht habe.

    Er sei der Überzeugung, dass "sich die Zeit unseres Mandanten in der JVA dem Ende nähert", so Clemens. Richter Sagebiel bestätigt zumindest, dass diese Frage "in Kürze auf dem Tisch" liegen werde.

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    Tag 19: Eine Zeugin macht sich unglaubwürdig

    Zeichnung von dem Mitangeklagten Markus H. im Gericht.

    Irgendwann einmal muss es zwischen Lisa Marie D. und Markus H. so etwas wie Zuneigung gegeben haben. Immerhin führten sie über fast drei Jahre eine Beziehung, aus der sogar eine kleine Tochter hervorging. Vier Jahre sind seit der Geburt des Kindes vergangen. Seitdem ging nicht nur die Beziehung in die Brüche. Markus H. muss sich auch wegen Beihilfe zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke vor Gericht verantworten.

    "Narzisstisch", "psychopathische Anteile", "manipulativ", "einer, der grinsend daneben steht" - die Prädikate, die Lisa Marie D. ihrem ehemaligen Lebensgefährten zuschreibt, verdeutlichen, wie wenig von der einstigen Zuneigung übrig ist. Die einzige Verbindung, die geblieben ist, ist ein mit harten Bandagen geführter Sorgerechtsstreit um die gemeinsame Tochter.

    Unvorteilhafte Charakterzeichnung

    An diesem 19. Prozesstag soll Lisa Marie D. über das Zusammenleben mit Markus H. berichten. Für das Gericht geht es darum, sich ein Bild zu machen vom Mitangeklagten, der sich zum eigentlichen Tatvorwurf nicht einlassen will. Markus H. muss damit leben, dass andere seinen Charakter skizzieren. Und dass diese Schilderungen alles andere als schmeichelhaft ausfallen.

    Es muss eine nach gängigen Maßstäben merkwürdige Beziehung gewesen sein, die Markus H. und Lisa Marie D. führten. Eine, die sich nur an einzelnen Tagen, meist am Wochenende abgespielt hat - auch nachdem 2016 das gemeinsame Kind zur Welt kam. 2014 habe man sich über das soziale Netzwerk "Jappy" kennengelernt, als H. noch in einer anderen Beziehung steckte. Lisa Marie D. findet H. gleich attraktiv. "Er war der Alleinbestimmer seines Lebens, der nicht mit der Masse geschwommen ist", erinnert sie sich an ihren ersten Eindruck. Nach einigen Monaten kommen sie zusammen. Eine gemeinsame Wohnung beziehen sie nie. Einen gemeinsamen Alltag gibt es nur selten.

    "Ich habe versucht, ihn so zu nehmen, wie er ist", sagt Lisa Marie D. Dazu habe gehört, dass er seiner Waffensammlung regelmäßig mehr Aufmerksamkeit geschenkt habe als seiner Beziehung. Richtige Freundschaften, so wie sie den Begriff verstehe, habe er nicht gepflegt. Ein Einzelgänger, der nicht fähig sei, sich auf andere Menschen einzulassen. Manches sei in seiner Familiengeschichte begründet, sagt Lisa Marie D. Im Sorgerechtsstreit habe sie einiges über die Verhältnisse, in denen das Scheidungskind Markus H. aufwuchs, gelernt.

    Ausländerhass als Nebensache

    Einen besonderen Belastungseifer kann man der ehemaligen Lebensgefährtin von Markus H. nicht nachsagen. Vieles, was sie über den Vater ihrer Tochter berichtet, ist bereits bekannt: sein Waffenfetisch, seine Vorliebe für Militaria und NS-Devotionalien. Seine Abneigung gegen "Ausländer", die sich in den immer gleichen politischen Diskussionen geäußert habe - auch mit dem Hauptangeklagten Stephan Ernst, der in dieser Erzählung jedoch immer nur eine Nebenrolle einnimmt. Ernst und H. pflegten ihrem Eindruck nach eine "harmonische", gleichberechtigte Freundschaft - soweit man bei H. von "Freundschaft" sprechen könne. Falls Stephan Ernst Walter Lübcke ermordet habe, habe Markus H. davon gewusst, dessen ist sich Lisa Marie D. sicher.

    Die politische Einstellung von Markus H. wird in dieser Aussage meist nur en passant erwähnt. Etwa, dass er nicht gewollt habe, dass seine Tochter seinen Nachnamen trage. Sollte irgendwann etwas passieren, solle das nicht dem Kind auf die Füße fallen, habe Markus H. gesagt. Bei anderer Gelegenheit soll H. angekündigt haben, sich im Fall einer tödlichen Krankheit mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft zu sprengen und dabei "möglichst viele Kanacken" mit in den Tod reißen zu wollen. Lisa Marie D. schildert solche Anekdoten mit derselben Nonchalance, mit der andere Frauen über die merkwürdigen Hobbys ihrer Ehemänner sprechen.

    Markus H. folgt den Ausführungen seiner ehemaligen Lebensgefährtin aufmerksam. Was in ihm vorgeht, lässt sich von außen nicht einmal mutmaßen. Sein Gesicht zeigt das gleiche spöttische Grinsen, das seinen Auftritt vor Gericht seit Beginn des Prozesses kennzeichnet. Vielleicht entspricht dieser Ausdruck einfach der Grundkonfiguration seiner Gesichtsmuskulatur. Vielleicht weiß er einfach nur, dass für Lisa Marie D. der Weg zwischen Authentizität und Unglaubwürdigkeit an diesem 19. Prozesstag ein äußerst kurzer sein wird.

    Der "Judenmord" und das "Drumherum"

    Lisa Marie D. ist eine kräftige Person mit kurzen blonden Haaren und einem auffällig breiten Kreuz. Dass sie zeitweise für einen Sicherheitsdienst gearbeitet hat - unter anderem in einer Asylbewerbereinrichtung - passt zum Erscheinungsbild. An diesem 19. Prozesstag trägt sie ein weißes Sweatshirt mit langen Ärmeln, das nur wenig Haut erkennen lässt - aus gutem Grund.

    An den Handflächen ist zu erkennen, dass Lisa Marie D. großflächig tätowiert ist. Auf Nachfrage gibt sie Auskunft über die "Kunstwerke" auf ihrer Haut. Dazu gehört die Losung "Meine Ehre ist Treue" - das Motto der Waffen-SS. Diese habe sie sich mit 15 stechen lassen, erklärt sie, darunter stünden die Namen ihrer ersten drei Hunde. Darauf beziehe sich der Spruch. Erst später wird sie zugeben, dass sie schon damals gewusst habe, dass die Parole "mit dem Judenmord zu tun hat und dem ganzen Drumherum". Falsche Freunde habe sie damals gehabt, erklärt sie. Solche, die der Neonazi-Szene angehört hätten.

    Auch eine nicht weiter spezifizierte nordische Rune habe sie sich stechen lassen. Sie stehe eben auf Wikinger. Irgendwann räumt sich auf Nachfragen der Verteidigung von Markus H. auch noch ein, sich selbst auf einem Oberschenkel ein großes Hakenkreuz inklusive des in rechtsextremen Kreisen weit verbreiteten Zahlencodes "1488" tätowiert zu haben. Inzwischen sei dieses überzeichnet. Ein Foto aus früheren Tagen existiert allerdings noch und wird von der Verteidigung von Markus H. als Beweis in die Verhandlung eingeführt.

    Keine Sache der Vergangenheit

    Lisa Marie D. betont immer wieder, dass dies alles lange der Vergangenheit angehöre. Ebenso wie jener Lebensabschnitt, als sie in Dortmund wohnte und dort Teil der besonders gewaltaffinen rechtsextremen Szene war. Doch es gibt berechtigte Zweifel daran, dass sich ihre Grundeinstellung wesentlich geändert hat. In einer SMS an Markus H. beschwerte sie sich noch MItte 2017, dass "überall Kanacken" unterwegs seien. Der Umgang mache den Ton, sagt Lisa Marie D.: "Man hat sich halt angepasst."

    Letztlich erschüttert die Glaubwürdigkeit der Zeugin D. vor allem eine Episode aus dem Sorgerechtsstreit. Dort berichtete sie, dass Markus H. ihre sechsmonatige Tochter einen Tischtennisball habe in den Mund nehmen lassen - statt zu intervenieren, habe er gelacht und Fotos geschossen. Sie selbst sei zuerst zwar auch belustigt, doch dann entrüstet gewesen.

    Tatsächlich existieren Fotos von diesem Tag - die Verteidigung von Markus H. führt sie als Beweis ein. Sie zeigen Lisa Marie D. fröhlich lachend, die Tochter im Arm. Das Kind schiebt sich den Tischtennisball in den Mund. "Wenn ich über einen Vorgang entrüstet bin, lasse ich mich nicht breit grinsend bei demselben Vorgang fotografieren", sagt der Vorsitzende des 5. Strafsenats, Thomas Sagebiel. Man habe die Zeugin "gerade bei einer dicken Lüge erwischt". Daher stelle sich die Frage, was sie "heute noch falsch gesagt" habe.

    Prozesstag ohne Erkenntnisgewinn

    Was auch immer sich Gericht und Anklage von der Aussage der Zeugin erhofft haben mögen, ist angesichts ihres Aussageverhaltens wohl größtenteils hinfällig. Zum eigentlichen Tatablauf konnte Lisa Marie D. ohnehin nichts sagen.

    Was bleibt, ist ein Prozesstag ohne handfesten Erkenntnisgewinn - zumindest was die mögliche Tatbeteiligung von Markus H. angeht. An seiner rechtsextremen Einstellung bestanden schon vorher kaum Zweifel. Lisa Marie D. wird unvereidigt entlassen. "Ich glaube, es wäre auch nicht gut, sie zu vereidigen", schließt Richter Sagebiel die Verhandlung.

    Das Verfahren wird am Dienstag, 22. September, fortgesetzt.

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    Tag 18: Verteidiger gegen Verteidiger

    Zeichnung von Ernst tuschelt mit Richtern im Gerichtssaal

    Wäre Bernd Pfläging Verteidiger von Stephan Ernst geblieben, wäre der Prozess um die Ermordung Walter Lübckes vermutlich anders verlaufen: ruhiger, mit weniger dramatischen Wendungen im Aussageverhalten des Hauptangeklagten. Langweiliger würden wohl manche sagen. Dem Gegenstand des Verfahrens angemessener vielleicht andere. Vermutlich würde Ernst noch mehr im Mittelpunkt des Verfahren stehen, statt wie im Moment seine Anwälte und Ex-Anwälte.

    Zwei von Stephan Ernsts bisherigen Verteidigern mussten bereits als Zeugen in diesem Prozess aussagen. Mustafa Kaplan, sein aktueller Verteidiger und Dirk Waldschmidt, der Ernst in den ersten Wochen nach seiner Festnahme vertreten hatte. Frank Hannig, der mitten im Prozess von Ernst geschasst wurde, wird auch noch in den Zeugenstand treten. Drei Namen, die schon seit Monaten durch die Presse geistern.

    Von Bernd Pfläging hingegen hat bislang kaum jemand Notiz genommen. Er hat sein Mandat bereits im März 2020 niedergelegt.

    Eine Aussage-gegen-Aussage-Situation konstruieren

    Der Kasseler Jurist hat um seine Rolle wenig Aufhebens gemacht. Dabei habe er mit Ernst "viele, viele Gespräche geführt. Teils über Stunden." Am 18. Prozesstag soll er nun partiell Auskunft über den Inhalt dieser Gespräche geben. Sein Ex-Mandant hat ihn teilweise von der anwaltlichen Verschwiegenheitspflicht entbunden. Pfläging hat die Erlaubnis zu berichten, was Ernst ihm über zwei andere Anwälte erzählt hat: Frank Hannig und Dirk Waldschmidt.

    Für seine Kollegen ist der Inhalt des Aussage alles andere als schmeichelhaft. So soll Ernst Pfläging am 21. Februar dieses Jahres informiert haben, dass sein zweites Geständnis - in dem er den Mitangeklagten Markus H. bezichtigt hatte, den tödlichen Schuss auf Walter Lübcke abgegeben zu haben - größtenteils eine Erfindung seines Verteidigers Hannig gewesen sei. "Das ist die Strategie, die Herr Hannig hat", soll Ernst gesagt haben. Ziel sei es gewesen, eine "Aussage gegen Aussage-Situation" zu konstruieren.

    Bereits im Dezember 2019 habe Hannig ihm gegenüber für Januar einen "Knaller" angekündigt, sagt Pfläging. Er habe von einem "ganz neuen Konzept" gesprochen, das die Strafverteidigung in Deutschland auf neue Beine stellen würde. An Selbstvertrauen scheint es Hannig nicht gemangelt zu haben. Was folgte, war Ernsts zweite Einlassung, die ihm eigentlich niemand wirklich abgekauft hat.

    "Ich habe Herrn Ernst dringend davon abgeraten", erinnert sich Pfläging. Aus seiner Sicht handelte es sich um einen "juristischen Blindflug". Im März 2020 entscheidet sich Pfläging nicht weiter "mitzufliegen" und legt das Mandat nieder.

    Auch über dessen ersten Verteidiger, den als rechten Szeneanwalt bekannten Dirk Waldschmidt habe er mit seinem ehemaligen Mandanten gesprochen, sagt Pfläging. "Herr Ernst sagte relativ zu Beginn schon, dass Herr Waldschmidt schuld sei an seinem ersten Geständnis". Auch dass Waldschmidt Ernst finanzielle Unterstützung aus der Szene zugesagt habe, sei Thema gewesen. Ob dieser zur Bedingung gemacht habe, im Gegenzug Markus H. aus der Sache rauszuhalten, könne er jedoch nicht mehr mit Sicherheit sagen.

    Sachverständige sagen aus

    Pflägings Äußerungen stimmen mit Ernsts Schilderungen über die Rolle seiner ehemaligen Verteidiger überein. Möglicherweise wird Pfläging noch einmal an anderer Stelle seine Aussage wiederholen. "Es kann sein, dass Sie das auch in einem Strafverfahren gegen Herrn Waldschmidt aussagen müssen", merkt der Vorsitzende des 5. Strafsenats, Thomas Sagebiel, während der Aussage an.

    Erst am frühen Nachmittag wendet sich der Prozess wieder der Tat zu, die eigentlich im Mittelpunkt des Verfahrens steht. Zwei Sachverständige des BKA sagen aus. Zusammengefasst kommen sie zu dem Ergebnis, dass Walter Lübcke aus einer Entfernung von einem bis anderthalb Metern erschossen wurde. Und dass Stephan Ernsts Revolver, der in einem Erddepot auf dem Gelände seines Arbeitgebers gefunden wurde, tatsächlich die Tatwaffe ist.

    Die Aussagen der Sachverständigen lösen keine Nachfragen aus. "Diese Aspekte sind bei uns relativ unstrittig", sagt Richter Sagebiel. Eine Seltenheit in diesem Verfahren.

    Der Prozess wird am Donnerstag, 17. September fortgesetzt.

  • Top-Thema

    Tag 17: Differenzierter Hass

    Polizist überwacht am Gericht (Format 16zu9)

    Es gibt eigentlich wenig Unangenehmes, das Holger M. über seinen Kollegen Stephan Ernst zu berichten hat. Meistens habe sich der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke am Arbeitsplatz korrekt verhalten, hilfsbereit und ruhig. Zwei Mal habe es "Schubsereien" mit Mitarbeitern gegeben. Nichts Dramatisches. Eigentlich sei Ernst ein eher zurückhaltender Typ gewesen, aber auch "einer der wenigen Kollegen, mit denen man sich über Politik unterhalten konnte", sagt Holger M. an diesem 17. Verhandlungstag als Zeuge im Lübcke-Prozess.

    Knapp 16 Jahre haben Ernst und Holger M. in derselben Firma in Kassel gearbeitet. Privat habe man eher wenig Kontakt gepflegt. Frau und Sohn des mutmaßlichen Attentäters kenne er nicht. Aber man habe sich öfter unterhalten, berichtet der 55-Jährige. Politisch sei es bei Ernst "mal in die eine, mal in die andere Richtung" gegangen. Er habe durchaus "differenzieren" können, sagt M. So habe Ernst zwar bei einer Gelegenheit sinngemäß gesagt, dass man Migranten über dem Mittelmeer aus dem Flugzeug "entladen" sollte - aber natürlich nicht alle. Nur die kriminellen und die ohne Aufenthaltserlaubnis.

    "Pulverfass mit kurzer Lunte"

    Holger M. ist an diesem kurzen Prozesstag der einzige Zeuge, der vor dem 5. Strafsenat am Frankfurter Oberlandesgericht aussagt. Zur eigentlichen Tataufklärung kann er nichts beitragen. Dafür erhoffen sich die Prozessbeteiligten von ihm Auskunft zur Person Stephan Ernsts. Zu seinem Verhalten im Alltag, zu seinen Vorlieben, zu seiner politischen Gesinnung. Wer wenn nicht ein Arbeitskollege, der fast täglich mit ihm zu tun hatte und von ihm auch schon mal im Auto nach Hause gefahren wurde, könnte darüber Auskunft geben.

    Holger M. kann diese Erwartungen nur zum Teil erfüllen. Der Werkzeugmacher antwortet zwar schnell, oft noch bevor die Fragen zu Ende gestellt sind, aber meist vage und unverfänglich. Stephan Ernst habe sich Sorgen um die Zukunft gemacht. Die seiner Familie und die Deutschlands. Wegen der Migranten, die trotz fehlenden Bleiberechts nicht abgeschoben würden. Auch islamistische Anschläge hätte ihm "Sorgen" bereitet. "Er war halt der Meinung, dass härter durchgegriffen werden müsste." Einen Mord hätte M. Ernst aber nicht zugetraut. Schon gar nicht die Planung. "Ich schätze ihn, wenn überhaupt mehr als Macher ein, nicht als Planer."

    M.s Einlassung will nicht recht zu dem passen, was die Öffentlichkeit bereits über Ernsts Vita weiß. Vor allem passt sie aber nicht zu dem, was M. in der polizeilichen Vernehmung im September 2019 berichtete. Etwa, dass sich aus den Gesprächen mit Ernst für ihn der Eindruck ergeben habe, dass dieser "einen ausgeprägten Hass gegen Ausländer" habe. Oder dass Ernst Hitlers "Mein Kampf" gut finde. Und auch die übrige Charakterisierung seines Arbeitskollegen fiel vor einem Jahr noch deutlich anders aus. Seinerzeit bezeichnete M. Ernst als "Wildtier in Lauerstellung" und "Pulverfass mit kurzer Lunte".

    Stephan Ernst empfiehlt Compact und Junge Freiheit

    Man merkt M. an, dass es ihm schwer fällt Ernst als Rechtsextremisten zu verorten. Vielleicht weil sein eigenes politisches Koordinatensystem eine gewisse Schlagseite aufweist. Erst auf Nachfrage etwa erscheint es ihm erwähnenswert, dass er gemeinsam mit Ernst eine Demonstration des Kasseler Pegida-Ablegers Kagida besucht habe. Auch er selbst, finde nicht alles gut, "was die Regierung der Bevölkerung antut", sagt M.

    Politisch verortet er sich "mittig-rechts". Nicht CDU, sondern "wenn schon eher AfD". In den Arbeitspausen lese er unter anderem die rechts-nationale Wochenzeitung "Junge Freiheit" und das nicht minder rechte Magazin "Compact" und habe diese auch mal an Kollegen weitergereicht. Empfohlen worden seien ihm beide Publikationen von Stephan Ernst. "Ich behalte mir das Recht vor, eine eigene Meinung haben zu dürfen", raunt M. an einer Stelle ungefragt ins Mikrofon, "noch ist das möglich."

    Während M. also vielleicht unbeabsichtigt viel über sich verrät, sind seine Aussagen zu Ernst von eher eingeschränktem Wert. Mit zwei Ausnahmen. M. bestätigt, dass Ernst das Video von Walter Lübckes Auftritt in Lohfelden 2015, das ihn zur Zielscheibe rechten Hasses machte, in der Firma herumgezeigt habe. Angefertigt habe es "ein Kumpel". In diesem Zusammenhang soll Ernst gesagt haben, dass da einem Politiker mal "die Maske vom Gesicht gerissen" worden sei.

    Ein Fahrrad als Indiz

    Und schließlich kann M. das Fahrrad von Stephan Ernst beschreiben, mit dem dieser des Öfteren zur Arbeit gefahren sei. Ein Detail, das im Zusammenhang mit dem versuchten Mord an dem Asylbewerber Ahmed I. im Januar 2016 von Interesse ist. Ahmed I. war damals von einem Fahrradfahrer in Lohfelden niedergestochen worden. Die Anklage ist überzeugt, dass Ernst auch für diese Tat verantwortlich ist. Ernst allerdings bestreitet sie.

    M. erinnert sich, dass Ernst in einem Gespräch davon gesprochen habe, auf dem Weg von der Arbeit nach Hause von einem Passanten mit Steinen beworfen worden zu sein und diesem daraufhin "eine mitgegeben habe", so dass dieser "im Graben" landete. Wann genau sich die Begebenheit zugetragen haben soll, kann M. jedoch nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht 2015, vielleicht 2016 oder etwas später. Als er schließlich aus einer Auswahl von drei Fotos Ernsts Fahrrad identifizieren soll, mag M. sich allerdings nicht festlegen. Einmal mehr will nicht alles zusammenpassen.

    Der Prozess wird am kommenden Donnerstag, 10. September fortgesetzt.

  • Top-Thema

    Tag 16: Anwälte im Zeugenstand

    Zeichnung von Ernsts Anwälten (Format 16zu9)

    Verhandlungen vor deutschen Gerichten sind auf Nüchternheit ausgelegt. Im Vergleich zu anderen Rechtssystemen kommen sie mit wenig Symbolik aus. Eine Ausnahme bilden die Roben von Richtern und Anwälten. Die Berufskleidung verdeutlicht unter anderem, dass der Träger im Prozess eine bestimmte Funktion einnimmt. Zieht er oder sie die Robe aus, dann wird auch die Funktion abgestreift.

    An diesem 16. Verhandlungstag im Mordfall Lübcke ist es Mustafa Kaplan, der sich seiner schwarzen Robe entledigt und damit für kurze Zeit seine Rolle als Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst ruhen lässt. Kaplan ist an diesem Montag Zeuge. Ernst habe ihn "in engen Grenzen" von seiner anwaltlichen Schweigepflicht entbunden. Der Anwalt soll Auskunft geben über einen Berufskollegen: seinen ehemaligen Mitverteidiger Frank Hannig.

    Mit einer Lüge eine Aussage provozieren

    Der Dresdner Anwalt war am achten Prozesstag von seiner Pflichtverteidigung entbunden worden, nachdem ihm Ernst das Vertrauen entzogen hatte. Anlass waren Beweisanträge Hannigs, die dieser weder mit Ernst noch mit Kaplan abgesprochen haben soll. Erst vergangene Woche hatte der Bundesgerichtshof Hannigs Beschwerde gegen seine Abberufung abgewiesen.

    Kurz nach der Entpflichtung hatte Ernst sein letztes Geständnis abgelegt und wieder die Verantwortung für den tödlichen Schuss auf Walter Lübcke übernommen. Zuvor hatte er in Vernehmungen im Januar und Februar 2020 erklärt, dass der Mitangeklagte Markus H. Lübcke "versehentlich" erschossen hätte. Eine Version die maßgeblich auf Hannig zurückgehen soll, der damit eine Aussage von Markus H. habe "provozieren" wollen. Kaplan soll nun berichten, wie er von diesem Vorgang erfuhr.

    Erfundene Telefonate und Tatabläufe

    Mustafa Kaplan kann ein ganz konkretes Datum benennen. Am 3. Juli, dem letzten Verhandlungstag vor der Sommerpause, habe er in einem Frankfurter Café auf seinen Mitverteidiger gewartet, um das Vorgehen an diesem Tag zu besprechen. Hannig aber sei nicht erschienen. Stattdessen habe er ihm per Whats App ein Foto geschickt. Darauf zu sehen: ein kariertes Blatt mit einem handschriftlich geschriebenen Text, den Ernst an diesem Tag vortragen sollte.

    Ernst sollte erklären, dass seine Ehefrau ihn im Gefängnis angerufen und gefragt habe, warum er sich mit seiner Einlassung so viel Zeit lasse. Gleichzeitig sollte er um Verständnis dafür bitten, dass er dafür noch etwas Zeit brauche. Ein Screenshot eben dieser Nachricht wird an diesem Montag vom Gericht begutachtet.

    Weder den Anruf noch die Bitte soll es wirklich gegeben haben: Eine Aktion, wie es scheint, über deren Sinn sich nur rätseln lässt. Kurz darauf hätten er und Hannig sich vor dem Gerichtsgebäude getroffen, berichtet Kaplan. Dabei habe Hannig ihm auch gestanden, dass die Tatversionen vom Januar und Februar 2020 seine Erfindungen seien.

    "Ich war erst Mal verwundert, dass er das so einräumt, dass er eine Lüge produziert hat." Auf die Frage, warum er das getan habe, hätte Hannig sinngemäß geantwortet, dass er als Strafverteidiger ja lügen dürfe. Laut Kaplan soll Hannig zu diesem Zeitpunkt längst über das Tatgeschehen, wie es Ernst in seinem jüngsten Geständnis schilderte, im Bilde gewesen sein.

    Ab wann Kaplan selbst davon wusste, bleibt auch nach seiner Aussage unklar. Angaben dazu seien nicht von der partiellen Schweigerechtsentbindung durch seinen Mandanten abgedeckt. Ebenso wenig kann er über die weiteren Gespräche mit Hannig Auskunft geben. Hannig selbst sollte ursprünglich ebenfalls an diesem Montag vernommen werden. Aufgrund von Terminproblemen wurde seine Aussage jedoch auf einen späteren Prozesstag verschoben.

    Beauftragung durch anonymen Anrufer

    Stattdessen tritt ein anderer Ex-Anwalt von Stephan Ernst in den Zeugenstand. Dirk Waldschmidt erscheint ohne Robe, dafür in Begleitung eines Zeugenbeistands. Er ist in diesem Prozess nie Verfahrensbeteiligter gewesen, sondern nur Zeuge. Ernst bezichtigt den 55-Jährigen, ihn zu seinem ersten Geständnis vom Juni 2019, in dem der Mitangeklagte Markus H. nur als Vermittler von Waffen auftaucht, überredet zu haben.

    Im Gegenzug dafür, dass er H. aus der Sache rauslasse, habe Waldschmidt ihm finanzielle Unterstützung von in Aussicht gestellt. Auch Ernsts Ehefrau berichtete davon, dass Waldschmidt, der als rechter Szene-Anwalt gilt, "Hilfe von Kameraden" versprochen habe.

    Waldschmidts Rolle war von Anfang an mysteriös. Nach Ernsts Aussage war dieser ohne vorher mit ihm in Kontakt getreten zu sein, in der JVA aufgetaucht und hatte sich angedient. Waldschmidt selbst behauptet, von einem anonymen Anrufer über Ernsts Festnahme informiert worden zu sein.

    "Der muss sehr detaillierte Kenntnisse gehabt haben, denn der Name Ernst hat mir zu diesem Zeitpunkt noch nichts gesagt", sagt der Anwalt. Auf die Idee, den Anrufer nach seinem Namen zu fragen, kam Waldschmidt offenbar nicht. Stattdessen beantragte er noch am selben Tag einen Besuchsschein bei der Staatsanwaltschaft.

    Ernst soll Unschuld beteuert haben

    "Er hat direkt aus sich herausgesprudelt, dass er nichts damit zu tun hat", erinnert sich Waldschmidt an sein erstes Zusammentreffen mit dem mutmaßlichen Lübcke-Mörder. Ernst habe behauptet, eine Alibi zu haben. Sein Freund Habil A. könne bezeugen, dass sie den ganzen Tatabend gemeinsam in Kassel verbracht hätten. Tatsächlich hatte Habil A. sich bereit erklärt, eine solche Aussage zu machen, wie er in seiner Vernehmung einräumte - allerdings ohne zu wissen, dass es um den Mord an Walter Lübcke geht.

    Waldschmidt will zu diesem Zeitpunkt bereits gewusst haben, dass eine DNA-Spur von Ernst am Tatort gefunden wurde. Ernst habe versucht, ihn zu überzeugen, dass diese vom Staats- oder Verfassungsschutz dort platziert worden sei. Er habe seinem Mandanten geraten, keine Aussagen zu machen, ehe er nicht die Akte eingesehen habe, so Waldschmidt. Wenige Tage später habe er dann aus dem Radio erfahren, dass Ernst ein Geständnis abgelegt habe. "Das hat mich aus allen Wolken geholt."

    Über das vermeintliche Angebot finanzieller Unterstützung aus rechten Kreisen, kann Waldschmidt an diesem Prozesstag keine Auskunft geben. Diese Frage betreffe unter anderem das Mandatsverhältnis zwischen ihm und Ernsts Ehefrau. Diese habe ihn bislang nicht von seiner Schweigepflicht entbunden - nicht einmal partiell. Das soll nun bis zum 3. November nachgeholt werden. Dann wird Waldschmidt ein weiteres mal als Zeuge vernommen werden.

    Anwalt als Vermittler

    Der Verhandlungstag endet mit der Vorführung zweier Videos. Eines Beitrags des ARD-Magazins Panorama vom 3. Dezember 2019, in dem erneut Rechtsanwalt Frank Hannig auftritt und bemerkenswerter Weise Fragen des Panorama-Teams an den inhaftierten Stephan Ernst übermittelt. Noch vor den späteren Vernehmungen im Januar und Februar, ist hier von Markus H. als Mittäter die Rede. Von jemandem der Ernst angestachelt und "Waffen mit ins Spiel" gebracht habe.

    Spätestens nach diesem Bericht, so argumentiert Ernsts Verteidiger Kaplan, habe Markus H. wissen müssen, dass gegen ihn wegen Mittäterschaft ermittelt werde - was seine gegenüber zwei Mithäftlingen geäußerte Befürchtungen, man könnte seine DNA in Ernsts Auto finden, erklären würde. Die Verteidigung von Hs. hingegen verweist darauf, dass in den Ermittlungsakten, die H. zu diesem Zeitpunkt bereits kannte, von gemeinsamen Fahrten zu illegalen Schießübungen die Rede ist. H.s Angst vor einem DNA-Fund sei also nicht zwangsläufig darauf zurückzuführen, dass er am Tatabend mitfuhr.

    "Ich bin stolz auf meinen Papa!"

    Schließlich begutachtet das Gericht auch noch das vollständige Video von Walter Lübckes Auftritt bei einer Bürgerversammlung in Lohfelden 2015. Jene Ansprache, die ihn zur Zielscheibe des Hasses von Rechtsextremisten machte, weil er sich für eine flüchtlingsfreundliche Politik einsetzte. Bislang war das Video nur in Ausschnitten zu sehen, vor allem jene Sequenz, in der er davon spricht, das jene, die bestimmte Werte nicht vertreten könnten, die Freiheit hätten aus Deutschland auszuwandern.

    In Gänze ist das Video ein langer Appell an gesellschaftliche Solidarität und Hilfsbereitschaft. "Wir haben unseren Wohlstand auf Kosten anderer Länder aufgebaut und haben daher eine Verpflichtung zu helfen", sagt er einmal. Als das Video zu Ende ist, ergreift im Gerichtssaal Lübckes jüngster Sohn das Wort, ohne dass das Gericht es ihm erteilt hätte. "Ich bin echt stolz auf meinen Papa", sagt Jan-Hendrick Lübcke mit bebender Stimme.

    Die Ermahnung des Senatsvorsitzenden Thomas Sagebiel fällt zurückhaltend aus: "Das stand Ihnen nicht zu", sagt der Richter. Der Prozess wird am Dienstag, 8. September, fortgesetzt.

  • Top-Thema

    Tag 15: Gespräche unter Mitgefangenen

    Zeichnung von Polizist Hartmann und Justizvollzugsbeamtem im Gerichtssaal.

    Auch in einem Strafprozess gibt es Momente der Heiterkeit. Selbst dann wenn es um Mord geht. An diesem Donnerstag ist es Zeuge Hasan E., der in Saal 165 C des Frankfurter Oberlandesgerichts für leises Gelächter sorgt. "In Untersuchungshaft sind natürlich 90 Prozent unschuldig", gibt der 46-Jährige ironisch zu Protokoll. Hasan E. weiß wovon er spricht. Wegen Beihilfe zu Steuerhinterziehung sitzt er eine dreijährige Freiheitsstrafe ab. Davor befand er sich in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt I in Untersuchungshaft. Zur selben Zeit wie einer der Angeklagten im Lübcke-Prozess: Markus H.

    "Als Hausarbeiter habe ich mich mit allen unterhalten", sagt Hasan E. Zellen reinigen, Bettwäsche wechseln, Essen ausgeben. Die Tätigkeit ist eine Abwechslung im monotonen Haftalltag. Fast zwangsläufig komme man da ins Gespräch. Auch mit Markus H., der ab Juni 2019 in derselben JVA auf seinen Prozess wartet. Dass er etwas mit dem Mord an Walter Lübcke zu tun haben soll, hat sich bereits rumgesprochen. Den Kontakt zu seinem Mitgefangenen scheut Hasan E. dennoch nicht. Und der 5. Strafsenat interessiert sich sehr dafür, was Markus H. seinerzeit zu erzählen hatte.

    Stephan Ernst die Tat nicht zugetraut

    Würde man erst an diesem 15. Verhandlungstag in den Lübcke-Prozess einsteigen, könnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass nicht Stephan Ernst, der bereits eingeräumt hat, den tödlichen Schuss auf Lübcke abgefeuert zu haben, der Hauptangeklagte ist, sondern sein angeblicher Mittäter Markus H. Die Zeugenbefragungen an diesem Tag drehen sich ausschließlich darum, ob H. in der Untersuchungshaft etwas preisgegeben hat, das darauf hindeuten könnte, dass er direkt an der Tat beteiligt war - so wie es Stephan Ernst behauptet.

    Hasan E. ist einer von zwei Mithäftlingen, die darüber Auskunft geben können. "Eigentlich über alles", hätten er, der zweite Zeuge des Tages Yusef E. und Markus H. gesprochen. Auch über die Ermittlungen im Mordfall Lübcke.

    Was Hasan E. zu berichten hat, ist für den Mitangeklagten H. teils ent- und teils belastend. Je nachdem wie man das Gesagte auslegen will. Markus H. habe stets beteuert, an der Tat nicht beteiligt gewesen zu sein. Vom Tod Lübckes will er aus dem Fernsehen erfahren haben, nachdem er von einer Motorradtour zurückgekommen sei. Seinem Freund Stephan E., habe er so eine Tat eigentlich gar nicht zugetraut. Eine Aussage, die nach Einschätzung von H.s Anwalt Björn Clemens, gegen einen Beihilfe-Vorsatz spricht.

    Auf der anderen Seite soll Markus H. Sorgen gehabt haben, weil er Stephan Ernst "eine Waffe" beschafft habe, berichtet Hasan E. Allerdings hätte H. nicht gewusst, was Stephan Ernst damit vorhabe.

    Ausführliche Notizen - schwächelnde Erinnerungen

    Was unter dem "Beschaffen" der Waffe zu verstehen ist, wird auch nach der Vernehmung von Yusef E. nicht klar. Der 36-Jährige spricht zunächst von "Vermitteln" später von "Verkauf". Ihm gegenüber soll H. auch die Befürchtung geäußert haben, dass man auf dem Beifahrersitz von Ernsts Pkw DNA-Spuren von ihm finden und das gegen ihn verwenden könnte. Auch vor der Entdeckung eines verschlüsselten Chats zwischen ihm und Ernst habe H. Angst gehabt, erinnert sich Yusef E.

    Yusef E. erweist sich indes als schwieriger Zeuge. Der 36-Jährige verbüßt eine Haftstrafe wegen eines nicht näher genannten Drogendelikts. Den Ermittlern fiel er ins Auge, weil er in einem Brief an seine Frau vom Mordfall Lübcke und H. berichtete - und dass dieser ihm gegenüber "alles gestanden" habe. Wie üblich bei Gefängnispost wurde der Brief kontrolliert.

    Danach wurde Yusef E. vernommen. Er ist ein bereitwilliger Zeuge, der sich umfangreiche Notizen zu seinen Gesprächen mit Markus H. machte, die mittlerweile Teil der Ermittlungsakten im Mordfall Lübcke sind. Yusef E. gibt zu, dass er sich von seiner Kooperation mit den Ermittlungsbehörden Hafterleichterungen erhoffte.

    Doch inzwischen fällt es ihm schwer, sich an Details seiner Gespräche zu erinnern oder diese verständlich zu formulieren. Selbst mit Hilfe eines Dolmetschers, der für ihn ins Niederländische übersetzt, fallen seine Antworten oft unverständlich aus. Die unausgesprochene Frage, die im Raum steht, ist, wie sich die Kommunikation zwischen Yusef E. und Markus H. abgespielt haben soll. Auf Deutsch und Englisch, behauptet Yusuf E. Gespräche an deren Ende er zu dem Schluss gekommen sein will, dass es sich bei Markus H. um ein "Kind, das einen Knacks hat", handle. Aber auch, dass Markus H. "voller Hass" sei.

    3D-Animationen des Tatgeschehens

    Für die Wahrheitsfindung dürften die Aussagen der einstigen Mithäftlinge von Markus H. nur von eingeschränktem Wert sein. Im Gegensatz dazu eröffnen die am Nachmittag in die Verhandlung eingeführten 3D-Aufnahmen und Animationen vom Tatort zumindest neue Perspektiven. Mittels 3D-Scans haben Spezialisten des hessischen LKA den Tatablauf am 1. Juni 2019 gemäß den Angaben Stephan Ernsts in seinem ersten und seinem zweiten Geständnis nachgestellt. Ein aufwendiges Verfahren, bei dem Computerprogramme auch die Lichtverhältnisse rund um das Haus der Lübckes berechnet haben.

    In der 3D-Animation erscheint der Weg auf die Terrasse, den Markus H. nach Aussage von Stephan Ernst genommen haben soll, nicht mehr so unrealistisch, wie es die Verteidigung den Mitangeklagten behauptet. Nicht nur, dass er weniger ausgeleuchtet erscheint, als bisher angenommen, nach Aussage eines Vermessungsingenieurs des LKA sei es "problemlos möglich" gewesen, ein stufenförmiges Beet, auf der Hälfte des Weges zu überwinden. Die Verteidigung von Markus H. hatte behauptet, dass dies nicht möglich gewesen sei.

    Markus H. nimmt ent- wie belastende Indizien mit dem immer gleichen abschätzigen Grinsen eines Mannes zur Kenntnis, der sich sicher zu sein scheint, dass man ihm nichts nachweisen kann. Der Prozess wird am kommenden Montag, 7. September fortgesetzt.

  • Top-Thema

    Tag 14: Die Ehefrau und der beste Freund

    Frau im Gericht (Format 16zu9)

    Um klare Worte ist Thomas Sagebiel selten verlegen. Von Natur aus nicht unbedingt diplomatisch hat der Vorsitzende des 5. Strafsenats im Lübcke-Prozess selten einen Konflikt mit den Verteidigern der Angeklagten gescheut, ist ihnen ins Wort gefallen oder hat unverhohlen Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihres Vorgehens erkennen lassen.

    Aber es gibt auch einen anderen, zurückhaltenden Thomas Sagebiel. Einen Richter, der sich in ruhigem und empathischem Ton an Angeklagte und Zeugen richtet und ihnen klar zu machen versucht, dass er sie nicht als Gegner ansieht. Als die Ehefrau des Hauptangeklagten an diesem Dienstag in den Zeugenstand tritt, ist Sagebiel merklich darum bemüht, ihr die Angst zu nehmen. "Ich verstehe, dass es nicht leicht ist für Sie, hier zu sprechen", sagt er.

    Ernsts Ehefrau ist ein Mensch, den man schon ob seines Äußeren, nicht hart angehen möchte. Klein, von zierlicher beinahe zerbrechlicher Statur, lange braune Haare und Brille. Ein allem Anschein nach leiser Mensch - optisch das glatte Gegenteil ihres Mannes mit dem sie seit 2001 verheiratet ist.

    "Ich möchte jetzt nicht darüber sprechen"

    Verwandten von Angeklagten steht vor deutschen Gerichten ein beinahe uneingeschränktes Zeugnisverweigerungsrecht zu. Die Ehefrau von Ernst und ihr Rechtsbeistand, der mit ihr im Zeugenstand Platz nimmt, haben sich entschieden, davon "partiell" Gebrauch zu machen. Tatsächlich bedeutet dies, dass sie nur zu sehr wenigen Themenkomplexen überhaupt Fragen beantwortet. Die Biographie ihres Mannes, das Zusammenleben, seine politische Einstellungen sind tabu. "Ich möchte jetzt nicht darüber sprechen", ist die häufigste Antwort, die sie zu Protokoll gibt. Sie muss sie oft wiederholen - weil sie sehr leise spricht.

    Wo sie Fragen beantwortet, scheint sie einige Teile der Aussage ihres Ehemannes zu stützen. So will sie am späten Abend des 1. Juni 2019 - dem Tag an dem ihr Mann Walter Lübcke erschossen haben will - gehört haben, wie zwei Autos vor dem Wohnhaus der Ernsts in Kassel gehalten haben. Eines sei sehr schnell herangefahren und habe stark abgebremst. Das zweite sei kurz darauf in deutlich langsamerem Tempo gefolgt.

    Gesehen hat sie keines der Fahrzeuge. Fünf Minuten später, sei Stephan Ernst dann in die Wohnung gekommen. Ernst, der seinen ehemaligen Freund Markus H. bezichtigt, Komplize bei der Ermordung Walter Lübckes gewesen zu sein, hatte ausgesagt, dass beide nach der Tat in ihren jeweiligen Autos noch einmal zu ihm nach Hause gefahren seien, damit H. eine bei Ernst deponierte Waffe mitnehmen könne.

    Zudem bestätigt die Ehefrau, dass Ernst seitens seines ersten Anwalts, Dirk Waldschmidt, finanzielle Hilfe in Aussicht gestellt worden sei. Waldschmidt habe auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen. Sie solle sich keine Sorgen machen. "Die Kameraden" würden helfen. "Kameraden habe ich so verstanden, dass die von der rechten Szene sind." Ernst behauptet, Waldschmidt habe ihm, Unterstützung versprochen, wenn er im Gegenzug Markus H. nicht belaste.

    Nach gut anderthalb Stunden verlässt die leise Ehefrau von Stephan Ernst den Zeugenstand. "Ich möchte jetzt überhaupt nichts mehr sagen", hatte sie kurz zuvor erklärt. Es ist ihr gutes Recht, das niemand in Abrede stellt.

    Habil A. sieht in Stephan Ernst keinen Rassisten

    Dem zweiten Zeugen des Tages steht kein Zeugnisverweigerungsrecht zu - auch wenn man während seiner zähen dreieinhalbstündigen Befragung des Öfteren den Eindruck gewinnt, dass er davon zumindest ab und an gerne Gebrauch machen würde. Habil A. ist ein guter Freund von Stephan Ernst, vielleicht der beste. Jedenfalls so gut, dass er bereit war, ihm für die Tatnacht ein falsches Alibi zu verschaffen - allerdings ohne zu wissen, dass es um Mord geht. Der 35-Jährige stammt ursprünglich aus dem Iran - eine Tatsache, die dem einen oder anderen Boulevardmedium bereits eine Schlagzeile wert war.

    Seinen Freund Stephan Ernst beschreibt Habil A. als freundlich und hilfsbereit. Keinesfalls als rassistisch. Beide arbeiten im selben Betrieb, schießen im selben Schützenverein. Beide sehen die Zuwanderungspolitik der Regierung Merkel - freundlich gesagt - kritisch. Beide glauben, dass Homosexualität "nicht normal" sei. Zusammen besuchen sie eine Demo des Kasseler Pegida-Ablegers. "Du kennst mich besser als meine Frau", soll Ernst irgendwann zu Habil A. gesagt haben.

    Mehr Freund als Zeuge

    Als Stephan Ernst ihn am 3. Juni 2019 beim Schichtwechsel abfängt, hört Habil A. aufmerksam zu. "Stephan meinte, jemand will ihm Probleme machen." Habil A. erklärt sich bereit, gegenüber der Polizei zu erklären, dass sie den Abend des 1. Juni gemeinsam in Kassel verbracht hätten. Es wird nie zu der abgesprochenen Aussage kommen. Zwölf Tage später wird Ernst festgenommen. Habil A. glaubt da immer noch an die Unschuld seines Freundes. "Ich kann nicht glauben, dass Stephan das getan hat."

    Habil A. hat eine weiche Stimme und spricht mit einem leichten Singsang. Seine Aussagen, so scheint es manchmal, tänzeln in eben diesem Rhythmus hin und her. Große Erinnerungslücken, lassen sich an diesem Prozesstag immer wieder nur dadurch beheben, dass ihm seine detailreichen Aussagen bei der Vernehmung durch die Polizei vorgehalten werden. Und selbst darin wimmelt es von Widersprüchen.

    Mal soll Ernst keine Freunde gehabt haben, dann aber doch Kumpel von Markus H. und anderen Zeugen, die im Prozess noch aussagen werden, gewesen sein. Mal behauptet er, dass er und Ernst nie mit scharfen Schusswaffen trainiert hätten, dann will er sich erinnern, alleine trainiert zu haben - ohne Ernst.

    In der Schießkladde ihres Schützenvereins deuten entsprechende Einträge darauf hin, dass sie doch gemeinsam mit Handfeuerwaffen geübt haben. Habil A.s Aussage bleibt bis zum Schluss ein buntes Wirrwarr. Meist freundlich vorgetragen aber ohne eindeutig erkennbares Faktenfundament. Habil A. ist auch an diesem Verhandlunsgtag mehr Stephan Ernsts Freund als Zeuge.

    Der Prozess wird am 3. September fortgesetzt.

  • Top-Thema

    Tag 13: Um eine Hautschuppe davongekommen

    Lübcke Prozess Karte

    Daniel Muth ist noch keine fünf Tage im Amt, als er feststellen muss, dass in seinem Team "eine gewisse Resignation" eingetreten ist. Alle Spuren, welche die Sonderkommission "Liemecke" in der ersten Woche nach dem Mord an Walter Lübcke verfolgt hat, haben sich an diesem 9. Juni 2019 als Sackgassen erwiesen. Einen Tag zuvor hatten Spezialkräfte einen Tatverdächtigen auf einer Nordseefähre festgenommen. Doch dessen Vernehmung hat die Ermittler überzeugt, dass sie den Falschen erwischt hatten.

    Fünf Tage zuvor war Muth zum Leiter der Sonderkommission bestellt worden. 50 Ermittler stehen ihm zu diesem Zeitpunkt zu Verfügung. Nun muss der 45-Jährige sie motivieren, weiter zu machen. Fünf Tage sind eine lange Zeit in einer Mordermittlung. Täter können sich abgesetzt haben, Spuren verwischt, Beweismaterial vernichtet worden sein. Es wird weitere fünf Tage dauern, bis die Soko "Liemecke" den entscheidenden Hinweis erhält, der sie zu Walter Lübckes mutmaßlichem Mörder führt. Eine Spur, die um ein Haar im Krankenhausmüll gelandet wäre.

    Kein Szenario erscheint abwegig

    Mit streng gegelten Haaren und Dreitagebart rekonstruiert der hochgewachsene Mittvierziger 15 Monate später vor dem Oberlandesgericht Frankfurt die ersten Tage der Soko "Liemecke". Es ist der 13. Verhandlungstag im Lübcke-Prozess. Daniel Muth ist inzwischen zum Abteilungsleiter Staatschutz und Terrorismusbekämpfung beim hessischen Landeskriminalamt aufgestiegen. Es ist ein weitestgehend flüssiger und unaufgeregter Vortrag - und damit das Gegenteil der ersten Tage der Soko "Liemecke".

    Als Muth am 4. Juni 2019 die Leitung der Soko übernimmt, haben die Ermittler noch keinerlei Vorstellung davon, was sich zwei Nächte zuvor auf der Terrasse des Wohnhauses von Walter Lübcke in Wolfhagen-Istha abgespielt hat. Erst im Krankenhaus von Wolfhagen war überhaupt festgestellt worden, dass sich "ein Gegenstand" im Kopf des Kasseler Regierungspräsidenten befindet. Die Terrasse sei im eigentlichen Sinne "kein polizeilicher Tatort" gewesen, so Muth.

    Lübckes Familie und andere Ersthelfer hatten Möbel verrückt, um Wiederbelebungsmaßnahmen durchzuführen. Videoaufnahmen von Überwachungskameras, wie man sie in größeren Städten fast immer findet, existierten nicht. "Zu diesem Zeitpunkt war für die Einsatzkräfte nicht ersichtlich, was passiert war", fasst Muth die Ausgangssituation zusammen.

    In dieser Situation erscheint kaum ein Szenario abwegig. Ein Suizid wird in Betracht gezogen. Doch an Lübckes Händen und Kleidung finden sich keine Schmauchspuren. Ein Mord durch ein Familienmitglied erscheint den Ermittlern nach der Vernehmung der Angehörigen schnell unwahrscheinlich. Sogar die Möglichkeit eines Unfalls wird erwogen: "Dass beispielsweise Jugendliche aus großer Entfernung auf ein Schild schießen wollten", erklärt Muth. Doch keine der Arbeitshypothesen bestätigt sich.

    Festnahme eines Ersthelfers

    Dann rückt einer der Ersthelfer ins Visier der Ermittler: Florian A. Der Freund eines der Lübcke-Söhne war zum Tatort geeilt, nachdem die Familie den leblosen Körper des CDU-Politikers aufgefunden hatte. Als die Angehörigen den Rettungskräften ins Krankenhaus nachgefahren waren, hatte er den Tatort von Blutspuren gereinigt. Zu diesem Zeitpunkt gingen alle noch von einem medizinischen Notfall aus. Florian A. wird später zu Protokoll geben, dass er der Familie den Anblick ersparen wollte. Eine ebenso gut gemeinte wie unbedachte Geste, die den Ermittlern die Arbeit erschwert und ihn zeitweise zum Verdächtigen macht. Zumal Florian A. einen Waffenschein besitzt.

    Am 8. Juni klingeln bei der Soko "Liemecke" sämtliche Alarmglocken. Florian A. ist auf dem Weg in den Urlaub - auf einer Nordsee-Insel. Die Überfahrt auf einer Fähre könnte die perfekte Gelegenheit bieten, sich der Tatwaffe zu entledigen. Die Soko fordert Spezialkräfte an und lässt Florian A. festnehmen. Eine "umfangreiche Vernehmung" folgt, erinnert sich Muth. An deren Ende sind sowohl der Soko-Leiter als auch die Staatsanwaltschaft davon überzeugt, dass Florian A. nicht der Mörder von Walter Lübcke ist.

    Es folgen die Ernüchterung und weitere Ansätze. Die Soko arbeitet weiter nach dem Ausschlussverfahren. Man habe sich an einem Punkt befunden, an dem "eine politische Motivation einfach mathematisch wahrscheinlich geworden ist", so Muth. Die Ermittler kennen das Video von der Bürgerversammlung in Lohfelden, das Lübcke zum Hassobjekt der Rechten in Deutschland gemacht hat. Man geht von einem Täter aus der Region aus. "Denn warum sollte sich ein überregionaler Täter ausgerechnet Walter Lübcke aussuchen?", fragt sich Muth.

    Am 14. Juni schließlich läutet um 13.30 Uhr bei Muth in Kassel das Telefon. Am anderen der Leitung ist das kriminaltechnische Institut des LKA. Es gibt einen DNA-Spuren-Personentreffer: Stephan Ernst.

    Entscheidendes Beweisstück im Müll

    "Als Polizeiführer war ich froh, überhaupt erst mal ein Ermittlungsindiz zu haben", berichtet Muth. Umso mehr als die Spur beinahe vernichtet worden wäre. Eine einzelne Hautschuppe von Stephan Ernst befand sich am Hemd, das Walter Lübcke zum Zeitpunkt seines Todes trug. In der Klinik in Wolfhagen, war das Kleidungsstück in den Mülleimer geworfen worden, als Familie und Ärzte noch von einem Herzversagen oder einem Schlaganfall ausgingen. Wer das Hemd aus dem Müll zog und damit möglicherweise die Überführung von Stephan Ernst überhaupt erst ermöglichte, ist unklar.

    Auf einmal haben die Ermittler einen Hauptverdächtigen: "Einen ortsansässigen, polizeibekannten Straftäter, den wir der politisch motivierten Kriminalität rechts zuordnen", fasst Muth zusammen. Noch am gleichen Tag erfolgt der Zugriff. Ernst wird in seinem Haus in Kassel verhaftet. Schnell finden sich weitere Hinweise auf die rechtsextremistische Gesinnung des Tatverdächtigen.

    Eine Überprüfung seiner Bankbewegungen belegt etwa Überweisungen an die "Identitäre Bewegung". Seine Rundfunkbeiträge zahlt er regelmäßig. Als Empfänger trägt er jedoch "BRD-Hurensöhne" oder "Volkverräter-Behörde" ein, als Verwendungszweck "BRD-Zwangsabgabe" oder "An die Wand mit Euch." Zwölf Tage später legt Ernst sein erstes Geständnis ab.

    Vom Hinweis zum Geständnis

    Aus Muths Schilderungen an diesem Donnerstag wird ersichtlich: Es gab keine Schlinge, die von den Ermittlern immer enger gezogen worden wäre. Letztlich war es eine einzelne Hautschuppe, die sie auf Ernsts Fährte setzte.

    Ernst ist es dann, der den Mitangeklagten Markus H. belastet und damit weitere Ermittlungen in Gang setzt. Er verrät schließlich auch sein Waffenversteck, in dem sich auch der Revolver befindet, mit dem er auf Lübcke schoss. Ein großer Ermittlungskomplex, der an einem einzigen Hinweis hängt - der beinahe auf dem Müll gelandet wäre.

    Keine Spuren von Markus H.

    All das mündet schließlich in die laufende Hauptverhandlung, in der Ernst weiterhin an seiner dritten Tatversion festhält, wonach er und Markus H. Lübcke gemeinsam überfielen. An dieser Version allerdings hat Daniel Muth offenkundig Zweifel. Vor allem an dem Laufweg, den Markus H. in der Tatnacht laut Ernsts Aussage genommen haben soll.

    "Wir haben dort keine Fussspuren gefunden", berichtet Muth. Zudem hätte H. auf dem von Ernst beschriebenen Weg mehrere Hindernisse überwinden und in den vollen Lichtschein eines Baustellenstrahlers treten müssen. Lübcke, so Muths Überzeugung, hätte H. in diesem Fall sehen und "seelenruhig zugucken" müssen, wie dieser an ihn herantritt. Eine Steilvorlage für den Verteidiger von Markus H., Björn Clemens, der wenig Zweifel daran lässt, was er von der Aussage des Hauptangeklagten hält: "Es wird Zeit, dass er sich die nächste Version ausdenkt und hier präsentiert."

    Der Prozess wird am kommenden Dienstag, 1. September, fortgesetzt.

  • Top-Thema

    Tag 12: Die Nebenklage glaubt Stephan Ernst

    Zeichnung von Markus H. und seiner Anwältin im Gerichtssaal.

    Die einzig überraschende Nachricht dieses zwölften Verhandlunsgtages erreicht die Öffentlichkeit, noch bevor die Prozessbeteiligten den Gerichtssaal verlassen haben. Am frühen Nachmittag, als am Oberlandesgericht Frankfurt noch die letzten Erklärungen abgegeben und Terminabsprachen getroffen werden, landet ein schriftliches Statement des Pressesprechers der Familie Lübcke in den Mailboxen diverser Medien.

    Der Anwalt der Familie, Holger Matt, heißt es darin, habe mit seinen Fragen "für den Prozess wichtige Erkenntnisse aus den Ausführungen des Hauptangeklagten" gewonnen. Welche genau das sind, wird nicht weiter ausgeführt. Auch den 5. Strafsenat hat Matt an diesem Mittwoch nicht an seinen Erkenntnissen teilhaben lassen. Und auch nicht an der Schlussfolgerung, die er daraus zieht. Nämlich, "dass die beiden Angeklagten die Tat aus ihrem Hass heraus seit langem gemeinsam geplant und sie auch am 1. Juni letzten Jahres gemeinsam in Wolfhagen-Istha durchgeführt haben".

    Zurückhaltende Befragung

    Beide Angeklagte. Gemeinsam. Die Nebenklage hat sich somit festgelegt: Sie glaubt dem jüngsten Geständnis von Stephan Ernst, das dieser am 8. Prozesstag abgelegt hat. Demnach hat er Walter Lübcke in der Nacht zum 2. Juni 2019 erschossen. Geplant und ausgeführt habe er die Tat aber gemeinsam mit dem Mitangeklagten Markus H. Mehr als ein Jahr Ermittlungsarbeit, zwei Anwaltswechsel und drei unterschiedliche Schilderungen des Tathergangs bedurfte es, bevor Stephan Ernst und seine Verteidigung eine Version gefunden hatten, die ihnen zumindest von einer der anderen Prozessparteien abgenommen wird.

    Bereits bevor Ernst sein vermutlich letztgültiges Geständnis ablegte, hatte sein Verteidiger Mustafa Kaplan erklärt, im Kontakt mit den Rechtsvertretern der Familie Lübcke zu stehen. Sein Mandant wolle die offenen Fragen der Familie beantworten - und zumindest in diesem Sinne etwas Abbitte leisten.

    Ob es zwischen Verteidigung und Nebenklage eine Absprache gab und welchen Inhalt sie hatte, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Auffällig aber ist, dass Holger Matt an diesem Prozesstag betont höflich, beinahe zurückhalten nachfragt. Der hagere Strafrechtler aus Frankfurt hat auch in diesem Prozess schon das eine oder andere Mal klare Worte gefunden. Bei der Befragung von Ernst hält er sich zurück - zumindest im Ton.

    Ernst will aussteigen - aber woraus?

    Es sind meist kurze Dialoge ohne Nachhaken, die sich zwischen Matt und Ernst entspinnen. Ob Ernst seine Tat nach wie vor als "für immer unentschuldbar, falsch, feige und grausam" ansehe, will Matt wissen. "Ja", antwortet Ernst. Ob er sich vor der Tat Gedanken darüber gemacht habe, dass der Tod Lübckes einen schweren Verlust für die Angehörigen darstelle? "Nein, habe ich nicht getan." Ob er daran gedacht habe, dass Walter Lübcke noch leben, den Ruhestand genießen wollte? Ernst bittet darum, sich mit seinem Anwalt besprechen zu dürfen. "Also, ich habe mir darüber keine Gedanken gemacht", antwortet er schließlich.

    Was folgt sind Detailfragen zum Tatablauf, zum Weg auf die Terrasse, zur Rolle des Mitangeklagten Markus H. bei seiner Radikalisierung. Die meisten Antworten kennt das Gericht bereits. Einige durchaus kritische Fragen Matts bleiben vorerst unbeantwortet.

    So hatte Ernst angekündigt, an einem Aussteigerprogramm für Rechtsextremisten teilnehmen zu wollen. Das Gericht selbst hat bereits einen entsprechenden Kontakt zum Landesprojekt "Ikarus" vermittelt. Zugleich hatte Ernst aber betont, schon seit mindestens 2009 nicht mehr in der rechtsextremen Szene aktiv gewesen zu sein. Woraus genau er dann eigentlich aussteigen möchte, will Matt nun wissen. Ernst bespricht sich mit seinem Anwalt. Kaplan erklärt, dass dies keine Frage sei, die vor Gericht beantwortet werden solle. Der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel hingegen gibt zu verstehen, dass er die Frage für relevant hält. "Machen Sie sich nochmal Gedanken", regt er an. Die Antwort wird vertagt. Von der Nebenklage kommen keine Einwände.

    Nazi-Propaganda und Rechtsrock auf der Festplatte

    Danach verschiebt sich der Fokus der Verhandlung. Im Mittelpunkt steht nun der Mitangeklagte Markus H., von dem die Nebenklage überzeugt ist, dass er Mittäter beim Mord an Walter Lübcke war. Als Zeugen werden zwei Beamtinnen und ein Beamter des Landeskriminalamts vernommen, die Daten von mehreren Computern, Handys und Tablets ausgewertet haben. Teilweise waren diese gelöscht worden und mussten von den Daten-Forensikern des LKA wieder hergestellt werden.

    "Der politische Hintergrund, in dem Herr H. stand oder steht, ist nicht Gegenstand des Verfahrens", erklärt Verteidiger Björn Clemens am Ende der Beweisaufnahme. Von diesem "Hintergrund" zeichnet der Inhalt mehrerer Festplatten aus H.s Besitz ein recht eindeutiges Bild.

    Hitlers "Mein Kampf" im PDF-Format findet sich ebenso darunter wie weitere NS-Schriften. Dazu antisemitische Propagandabilder, Aufnahmen von H. in Uniform, wie er den Arm zum Hitlergruß hebt, ein mit ASCII-Zeichen gezeichneter Zug, auf dessen Waggons die Ortsnamen "Auschwitz", "Dachau" und "Buchenwald" prangen. "Wir sind mit dem Sonderzug unterwegs und machen bei jedem Volksverräter halt", steht darunter. Auch Musikdateien von Rechtsrock-Bands fanden sich auf H.s Rechnern - darunter Lieder von Noie Werte. Deren ehemaliger Sänger, Steffen Hammer, ist inzwischen Rechtsanwalt und Partner von H.s zweiter Verteidigerin Nicole Schneiders.

    Was sich in den zahlreichen Daten nicht findet, sind Hinweise auf eine Kommunikation zwischen H. und Stephan Ernst. Keine Emails, keine Chatverläufe und zumindest für den Zeitraum vom 26. April bis 26. Juni 2019 keine Anrufe oder SMS zwischen den beiden Angeklagten. Eine Funkzellenabfrage hat zudem ergeben, dass sich das Mobiltelefon von H. im gleichen Zeitraum nicht in der Nähe von Walter Lübckes Wohnort Wolfhagen-Istha ins Netz eingeloggt hat. Was nichts bedeuten muss. Stephan Ernst hatte angegeben, dass er und H. ihre Handys am Tatabend bewusst nicht mitgenommen haben. Allerdings wurde laut Auswertung des LKA am Tatabend um 22.54 Uhr eine WhatsApp-Nachricht von H.s Handy aus verschickt - eine gute halbe Stunde vor dem tödlichen Schuss auf Walter Lübcke.

    Ex-Anwälte sollen aussagen

    Während Stephan Ernst die Fragen zum Tatgeschehen also zumindest aus Sicht der Nebenklage zufriedenstellend beantwortet zu haben scheint, tun sich für den Senat weitere Fragen auf. Insbesondere zum Aussageverhalten des Angeklagten. Ernst hatte dies damit begründet, dass seine vormaligen Anwältige, Dirk Waldschmidt und Frank Hannig, ihn dazu verleitet hätten. Waldschmidt sei darauf bedacht gewesen, Markus H. aus der ganzen Geschichte rauszuhalten. Hannig hingegen habe ihn überredet, H. die Verantwortung für den Schuss auf Lübcke zuzuschieben, um diesen zu einer Aussage zu drängen.

    Nach längerer Überlegung hat Verteidiger Mustafa Kaplan nun angekündigt, dass sein Mandant beide Anwälte "sehr eingeschränkt" von der Schweigepflicht entbinden werde. Das Gericht will nun beide Juristen nach Möglichkeit im September in den Zeugenstand rufen.

    Der Prozess wird am kommenden Donnerstag, 27. August, fortgesetzt.

  • Top-Thema

    Tag 11: Im Dunkeln

    Mitangeklagter Markus H. im Lübcke-Prozess

    Als Jan-Hendrik Lübcke in der Nacht auf den 2. Juni 2019 zu seinem Elternhaus zurückkehrte, konnte er nicht einmal erahnen, dass sein Vater tot auf einem Stuhl auf der heimischen Terrasse saß. Zwei Baustellenstrahler, die der heute 30-Jährige selbst am Balkon angebracht hatte, leuchteten die Einfahrt und ein Stück der angrenzenden Wiese aus. Eine Vorsichtsmaßnahme gegen Wildpinkler. Nur wenige hundert Meter entfernt fand an diesem Tag die Isthaer Kirmes statt. Der Lieblingssitzplatz von Walter Lübcke aber lag im Dunkeln, unterhalb der Strahler. Dort starb der Kasseler Regierungspräsident.

    Etwas überraschend muss Jan-Hendrik Lübcke an diesem Donnerstag noch einmal in den Zeugenstand treten. Auf dem Programm des 5. Strafsenats am Oberlandesgericht Frankfurt steht eigentlich die weitere Befragung des Hauptangeklagten Stephan Ernst durch die Bundesanwaltschaft. Doch deren Vertreter Dieter Kilmer will zuvor noch einmal erläutert haben, wie gut der Tatort beleuchtet war.

    Jan-Hendrik Lübcke gibt detailliert Auskunft, zeichnet auf einem Luftbild zwei Lichtkegel ein, die einen Großteil der Auffahrt und des Gartens der Lübckes abdecken. Für die Bundesanwaltschaft steht am 11. Prozesstag eine Frage im Mittelpunkt: Was genau geschah im Licht und was im Dunkeln?

    Aus dem Schatten in Lübckes Blickfeld

    In zwei seiner drei bisherigen Einlassungen zum Tatgeschehen hat Ernst behauptet, gemeinsam mit dem Mitangeklagten Markus H. gehandelt zu haben. Auch in der letzten, in der er die Verantwortung für den tödlichen Schuss auf Lübcke wieder übernahm. Gemeinsam habe man im Dunkeln gewartet, bis Lübcke auf der Terrasse erschienen sei. Dann habe man sich getrennt, um von zwei Seiten zuschlagen zu können. Ernst selbst will außerhalb des Lichtkegels auf einer angrenzenden Pferdekoppel gelauert haben, Markus H. im Schatten eines Gebüschs schräg gegenüber von Lübckes Sitzplatz. "Er sagte, dass er sich am Gebüsch aufstellt und halt guckt, ob jemand kommt", erinnert sich Ernst an die Absprache in der Tatnacht.

    Abgesprochen sei auch gewesen, dass H. das Signal zum Losschlagen geben soll. Tatsächlich habe H. sich dann als erster in Bewegung gesetzt. Auf einer weiteren Luftaufnahme, auf denen die Ermittler "augenscheinliche Laufspuren" auf der Pferdekoppel markiert haben, identifiziert Ernst seinen Weg und den von Markus H. Letzterer allerdings hätte durch den Lichtkegel eines der Strahler geführt - und ins direkte Blickfeld von Walter Lübcke.

    Björn Clemens, einer der Verteidiger H.s, weist als erster darauf hin, dass sich sein Mandant auf diese Weise selbst "präsentiert" hätte. "Das ist nicht im Sinne eines Täterplans", betont Clemens. Auch Oberstaatsanwalt Kilmer hat seine Zweifel. Warum sich H. nicht über die zwar auch ausgeleuchtete, aber für Walter Lübcke nicht einsehbare Einfahrt genähert habe, will er von Ernst wissen. Man sei eben von der Pferdekoppel gekommen. Der direkte Weg auf die Terasse sei "das Naheliegendste" gewesen.

    Ernst bringt sich in Position - Lübcke sieht zu

    Die Anklage scheint diese Antwort wenig zu überzeugen. Seit zwei Verhandlungstagen befragt sie Stephan Ernst mittlerweile. Und es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass es aus ihrer Sicht wenig bis keine Hinweise auf eine Anwesenheit von Markus H. am Tatort gibt. Und zahlreiche Ungereimtheiten vermag Ernst auch an diesem Prozesstag nicht überzeugend aufzuklären.

    Warum etwa hatte H. keine Handschuhe dabei, wenn er doch ebenfalls geplant haben soll, Lübcke körperlich anzugreifen? Sein Handy soll H. ebenso wie Ernst zu Hause gelassen haben, um eine nachträgliche Ortung zu verhindern. Für Ernsts Wagen, mit dem man angeblich zum Tatort fuhr, soll H. falsche Nummernschilder organisiert haben. Derselbe H. aber traf angeblich keine Vorkehrungen, um zu verhindern, dass seine DNA-Spuren am Tatort zurückbleiben.

    Auch Ernsts Schilderung des eigentlichen Tatgeschehens auf der Terrasse wirft weitere Fragen auf. Auf einer Visualisierung des Tatorts, die an diesem Donnerstag gezeigt wird, ist die Sitzposition Walter Lübckes durch einen gelben Umriss in Menschenform dargestellt, der in einem Stuhl sitzt. Ernst behauptet, dass H. etwa anderthalb Meter vor Lübcke gestanden hätte. Er selbst habe sich aus Lübckes Sicht von rechts genähert. Lübcke habe Anstalten gemacht, sich aufzurichten, woraufhin Ernst ihn in den Stuhl zurück gedrückt hätte. Dann sei er einige Schritte zurückgewichen. Als Lübcke ihn und H. anschrie, habe er geschossen.

    Das Problem dieser Version: Auf der Visualisierung stehen rechts von Lübcke, wo Ernst bei der Schussabgabe gestanden haben will, eine kleiner Tisch und ein weiterer Stuhl. Ernst hätte erst um diese herumgehen und sich wieder in Position bringen müssen. Und Walter Lübcke hätte in dieser Zeit nichts getan als abzuwarten.

    Mysteriöses Wärmebild

    Man muss Ernst allerdings zugute halten, dass er noch bevor dieser Punkt zu Sprache kommt, erklärt, sich an Stuhl und Tisch nicht erinnern zu können. Wie die Möbel auf der Terrasse zum Tatzeitpunkt tatsächlich aufgestellt waren, lässt sich kaum mehr rekonstruieren. Jan-Hendrik Lübcke hatte bei seiner Befragung erklärt, dass er selbst und später auch die Besatzung des herbeigerufenen Rettungswagens Möbel verrückt hätten, um Wiederbelebungsmaßnahmen durchzuführen.

    Eine mögliche Erklärung. Für andere Widersprüche jedoch fehlen diese in Gänze. Auf einer Wärmebildkamera Ernsts etwa wurde eine Aufnahme von Lübckes Haus gefunden. Laut Ernsts Aussage entstand sie erst am Tatabend - versehentlich. Eigentlich habe er nur durch den Sucher gucken wollen, um Personen im Dunkeln ausmachen zu können. Ein Gutachter allerdings kommt zu dem Schluss, dass das Bild bereits am Abend des 31. Mai 2019 entstand - 24 Stunden vor der Tat.

    Ein Tag im Januar

    Schließlich ist da noch eine Aussage Ernsts, die nicht den Anschlag auf Lübcke, sondern den versuchten Mord an dem Flüchtling Ahmed I. im Januar 2016 betrifft. I. war in Lohfelden von einem Unbekannten mit einem Messer in den Rücken gestochen und lebensgefährlich verletzt worden. Der Fall schien unaufgeklärt zu bleiben, bis Ermittler in Stephan Ernsts Wohnung ein Messer mit DNA-Spuren faden, die möglicherweise zu Ahmed I. passen. Näheres muss ein Gutachten klären.

    Ernst bestreitet die Tat. In seiner ersten Vernehmung vom Juni 2019 allerdings berichtet er von einem anderen Geschehnis. Nach den massenhaften sexualisierten Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof in der Neujahrsnacht 2016 will er so in Rage gewesen sein, dass er einen Mann, den er als Ausländer identifizierte, wüst beschimpft und bedroht haben will. Zudem habe er Wahlplakate von SPD und Grünen zertreten. In der ersten Vernehmung konnte Ernst sich sogar noch an das genaue Datum erinnern: 6. Januar 2016 - der Tag des Anschlags auf Ahmed I.

    Bereits am 10. Prozesstag hatte die Bundesanwaltschaft wissen wollen, wie er ausgerechnet auf dieses Datum gekommen sei. Ernst behauptete, es sei "aus der Luft" gegriffen. Und dass er eigentlich "1.6." statt "6.1." habe sagen wollen. Der Vorfall hätte sich demnach erst ein halbes Jahr nach den Übergriffen von Köln ereignet. "Sechs Monate später regt sich doch niemand mehr darüber auf", fasst der Vorsitzende des Senats, Thomas Sagebiel, seine Zweifel zusammen. Zudem dürften im Sommer 2016 nicht mehr all zu viele Wahlplakate in der Öffentlichkeit gehangen haben. Die einzigen Wahlen, die 2016 in Hessen stattfanden, waren die Kommunalwahlen - im März.

    Dreieinhalb Prozesstage steht Stephan Ernst mittlerweile Rede und Antwort. Erst dem Gericht, dann der Anklage. Mit jedem Tag verfestigt sich der Eindruck, dass noch zahlreiche Details im Dunkeln sind - und dort wohl auch bleiben sollen. Fragen der Vertreter von Ahmed I. will Ernst ebenso wenig beantworten, wie die der Verteidiger von Markus H. Letztere stellen diese am Donnerstag dennoch - pro forma. Die einzige Antwort, die sie erhalten, ist Schweigen. Ein "Teilschweigen", wie die zweite Verteidigerin von Markus H., Nicole Schneiders, einordnet: "Und ein Teilschweigen kann gewertet werden."

    Erneut Aufregung um Fernsehbeitrag

    Der Verhandlungstag endet schließlich mit der Vorführung des umstrittenen Fernsehbeitrags des Magazins "STRG_F", in dem Teile aus Ernsts erster Vernehmung vom Juni 2019 gezeigt wurden. Richter Sagebiel lässt es sich nicht nehmen, seine persönliche Meinung zum Vorgehen der Redaktion kundzutun: "Das war die Befriedigung öffentlichen Voyeurismus auf Regenbogenniveau." Manche Urteile werden eben schon vor Ende des Prozesses gefällt. Auch Ernsts Verteidiger Mustafa Kaplan verurteilt die Veröffentlichung. Er spricht von einer "dauerhaften Prangerwirkung", die von dem Video ausgehe.

    Seit der Veröffentlichung vor zwei Wochen ist viel darüber spekuliert worden, wer die Vernehmungsvideos an die Journalisten weitergeleitet hat. Kaplan hat einen Verdacht: Seine Recherchen hätten ergeben, dass Teile der Ermittlungsakte im Fall Ernst an Anwälte eines anderen Verfahrens weitergegeben wurden. Von der Bundesanwaltschaft erwartet er nun eine dienstliche Erklärung. Diese soll am nächsten Verhandlungstag, kommenden Mittwoch, folgen. Seine Quelle verrät Kaplan allerdings nicht - auch sie bleibt vorerst im Dunkeln.

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    Tag 10: Ein Spiel mit der Psyche

    Richter Sagebiel sitzt im Gerichtssaal.

    Nach nicht einmal der Hälfte der angesetzten Prozesstage ist das erste Urteil über den Hauptangeklagten bereits gefällt. Kein strafrechtliches wohlgemerkt, aber doch eines, das für den weiteren Fortgang des Prozesses um den Mord an Walter Lübcke von Bedeutung ist. Er habe bei seiner immerhin neunstündigen Exploration des Hauptangeklagten Stephan Ernst keine psychiatrische Erkrankung oder psychische Störung feststellen können, erklärt Norbert Leygraf. Der Münsteraner ist Neurologe und Psychologe, er fungiert im Lübcke-Prozess als Gutachter.

    Sein Auftritt an diesem zehnten Verhandlungstag kommt etwas verfrüht. Eigentlich sollte der Professor erst zum Ende des Prozesses hin eine Einschätzung zur psychischen Disposition Ernsts geben. An diesem Montag jedoch präsentiert er auf Antrag der Verteidigung des Mitangeklagten Markus H. ein Kurzgutachten zur Aussagetüchtigkeit des 47-Jährigen. Genauer gesagt zu der Frage, ob diese in einem gesonderten Gutachten bewertet werden müsse.

    Die Antwort ist eindeutig. "Unter psychiatrischen Gesichtspunkten besteht keine Notwendigkeit für ein aussagepsychologisches Gutachten", erklärt Leygraf.

    Weshalb ändert Ernst seine Version so oft?

    Auf gut Deutsch: Nach Ansicht des Gutachters weiß Stephan Ernst genau, was er erzählt. Auch wenn Leygraf angesichts des Schlingerkurses von Ernsts bisherigen Aussagen zu dem Schluss kommt, dass es auf der Hand liege, "dass ein Teil der gemachten Aussagen nicht erlebnisfundiert sein können". Sprich: dass Ernst gelogen hat. Keine Neuigkeit. Aber über die Motivation für Ernsts Verhalten, der den Mord an Lübcke zunächst gestand, dieses Geständnis dann zurückzog und stattdessen Markus H. belastete, um dann am achten Tag der Hauptverhandlung doch wieder zu gestehen, herrscht nach wie vor Uneinigkeit.

    Für den Vertreter der Bundesanwaltschaft, Dieter Kilmer, steht fest, dass hinter Ernsts widersprüchlichen Einlassungen "ein prozessual-taktisches Verhalten" steckt. Die Verteidigung von Markus H. indes, auf deren Betreiben Leygraf seine Einschätzung abgeben musste, versucht die psychische Verfassung des Hauptangeklagten in den Mittelpunkt zu rücken - und dadurch den Wert seiner Aussagen gänzlich in Zweifel zu ziehen. Denn für ihren Mandanten sind diese nach wie vor alles andere als zuträglich.

    "Abschaum von Volksverrätern"

    Über der gesamten Befragung Stephan Ernsts durch das Gericht steht die Leitfrage, welche seiner Tatversionen der Wahrheit am nächsten kommt. Für Beobachter gerät dies leicht außer Blick angesichts der Kleinteiligkeit, mit der Ernsts Aussagen von den Mitgliedern des 5. Strafsenats am Frankfurter Oberlandesgericht seziert werden.

    Da sind die Nachfragen zum Verlauf der Bürgerversammlung in Lohfelden, bei der Walter Lübcke die Sätze sprach, die ihn im wahrsten Sinne des Wortes zur Zielscheibe von Ernst machen sollten: "Ich würde sagen, es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten. Und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist." Markus H. filmt diesen Moment. Später lädt er ihn ins Internet hoch. Das nicht einmal einmütige Video wird an diesem Montag noch einmal vorgeführt. "Ich glaub's nicht!" und "Verschwinde!" schreit eine Männerstimme. Stephan Ernst macht seiner Wut Luft.

    Dieser Moment ist eine Art Initialzündung für den sich immer weiter verstärkenden Hass auf den Kasseler Regierungspräsidenten. Das Gericht will von Ernst wissen, ob er das Video anschließend geteilt habe. Das tat er. Mit Arbeitskollegen und seiner Mutter. Dieser schickte er den Link aufs Handy mit dem Kommentar: "Da siehst Du wie weit sich dieser Abschaum von Volksverrätern von uns entfernt hat."

    Fetisch für NS-Devotionalien

    Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Rolle, die Ernst seinem Mitangeklagten zuweist, in allen drei Aussagen konsistent. Ein Freund und Gesinnungsgenosse, der die Wut auf "die da oben" teilte. In der zweiten und der dritten Tatversion aber übernimmt Markus H. die Rolle der treibenden Kraft hinter den Anschlagsplänen auf Lübcke. Bereits 2016 will Ernst gemeinsam mit ihm das Wohnhaus der Lübckes ausgespäht haben.

    Es folgten weitere Observierungen - gemeinsam oder jeweils allein. Aus der Idee eine Scheibe einzuschmeißen, das Haus zu besprühen oder Lübckes Auto zu zerstören, sei nach und nach der Plan erwachsen, den CDU-Politiker auch körperlich anzugreifen. Spätestens im September 2018, nach der Rückkehr von einer AfD-Demo in Chemnitz, habe der Entschluss gestanden. Im April 2019 sei dann bei einem Treffen zwischen beiden vereinbart worden, auf Lübcke zu schießen. So schildert es Ernst inzwischen.

    Das Bild, das er auf Nachfrage von seinem ehemaligen Freund zeichnet, ist alles andere als schmeichelhaft. Ideologisch verortet er ihn "in Richtungs Reichsbürger". Markus H. sei der Ansicht gewesen, dass die BRD kein souveräner Staat, die Regierung "keine richtige Regierung" sei, fasst es Ernst zusammen. Über den Holocaust habe H. behauptet, dass dieser "übertrieben" dargestellt werde. Zudem hätte er einen "Fetisch" für NS-Devotionalien gehabt. Fotos aus H.s Wohnung scheinen zumindest den letzten Punkt zu belegen. Neben einschlägiger Literatur sind auch Zinnfiguren zu sehen. Eine davon stellt einen SS-Offizier mit zum Hitlergruß erhobenen Arm dar. Auf seinem Schreibtisch soll H. zudem einen gebrauchten Zyklon-B-Kannister als Stifthalter benutzt haben.

    Erste Vernehmung als Basis

    Trotz der angeblich zentralen Rolle, die H. beim Anschlag auf Lübcke eingenommen haben soll, hatte Ernst ihn in seiner ersten Einlassung im Juni 2019 zumindest aus dem unmittelbaren Tatgeschehen herausgehalten. Diese erste Vernehmung, von der sich Ernsts Verteidigung wünschen dürfte, dass sie keine Beachtung mehr findet, dient dem Gericht und Bundesanwaltschaft immer noch als Vorlage, anhand derer Ernsts Einlassungen auf Widersprüche abgeklopft werden.

    Und davon sind weiterhin zahlreiche nicht befriedigend aufgeklärt. Ernst hatte erklärt, dass ihn sein erster Verteidiger, der in der rechtsextremen Szene bekannte Dirk Waldschmidt, überredet habe, Markus H. nicht zu belasten. "Die BRD-Eliten" würden ihn so oder so "fertig machen und verrotten lassen", soll Waldschmidt gesagt haben. Doch es gebe Unterstützer, die Ernst und seiner Familie beispringen würden - unter der Bedingung, dass er H. nicht mit der Sache in Verbindung bringe. Ganz gelungen ist ihm das nicht. Tatsächlich taucht H. auch in der ersten Vernehmung auf. Nicht nur im Zusammenhang mit der Bürgerversammlung in Lohfelden, sondern auch als derjenige, der Ernst in Kontakt mit dem Waffenhändler Elmar J. brachte.

    Unverständlich ist für das Gericht etwa, dass Ernst, wenn er denn H. schützen wollte, ihn so in den Fokus der Ermittler rückte. Ernst behauptet, ihm sei es bereits damals wichtig gewesen, dass seine und H.s Waffen sichergestellt werden: "Ich wollte, dass das mit den Waffen bekannt wird. Dass mit den Waffen nichts mehr passiert."

    Ebenfalls in der ersten Vernehmung hatte Ernst erklärt, bereits vor dem Anschlag 2019 zweimal mit geladener Waffe an Lübckes Haus gestanden zu haben. Auch davon will er nichts mehr wissen. "Ich habe übertrieben", betont Ernst. "Ich wollte, dass man mich für durchgeknallt hält." Bereits in seiner zweiten Vernehmung im Januar 2020 hatte er davon gesprochen, dass er den "Psycho-Nazi" gespielt habe. "Vielleicht", sagt Ernst schließlich, "kann das ein Psychologe besser erklären als ich".

    Ernst wirkt alarmiert

    Die Zuschauer erleben an diesem Montag bei der Befragung einen Hauptangeklagten, der, zumindest in der zweiten Hälfte - als die Bundesanwaltschaft ihn mit immer weiteren Nachfragen in Erklärungsnot bringt - erstmals nicht nur benommen wirkt. In Ernsts Stimme, die sonst zwar klar, aber monoton klingt, liegt zum ersten Mal so etwas wie Emotion. Ernst wirkt plötzlich wach und alarmiert. Der Hauptangeklagte merkt, wenn er in die Ecke gedrängt wird. Sein Verteidiger Mustafa Kaplan protestiert mehrfach gegen aus seiner Sicht unangemessene oder bereits beantwortete Fragen.

    "Das ist schon ein Psycho-Stück, das für uns nicht ganz nachvollziehbar ist", sagt der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel nach etwa der Hälfte der Befragung. Der Ausspruch bezieht sich auf Ernsts Aussageverhalten in der ersten Vernehmung. Er würde sich aber auch gut als Resumée dieses zehnten Prozesstages eignen.

    Die Befragung von Stephan Ernst wird am Donnerstag, 13. August, fortgesetzt.

  • Top-Thema

    Tag 9: Knapp vorbei an der terroristischen Vereinigung

    Zeichnung von S. Ernst, dessen Anwalt und einem Beamten im Gerichtssaal.

    Eine wesentliche Aufgabe des Strafverteidigers besteht darin, seinen Mandanten davor zu schützen, sich um Kopf und Kragen zu reden. Mustafa Kaplan kann davon inzwischen ein Lied singen. Wäre sein Mandant ein Schwimmer, dann könnte man an diesem Freitag davon sprechen, dass Kaplan ihm im letzten Moment den Rettungsring zugeworfen hat. Denn um ein Haar hätte der Hauptanklagte im Lübcke-Prozess, Stephan Ernst, sich selbst der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung bezichtigt.

    Was wusste Alexander S. ?

    Der Rettungsring ist in diesem Fall die Unterbrechung zum Zwecke der Rücksprache mit seinem Mandanten. Zuvor hatte Ernst bereits gut zwei Stunden lang Fragen zu seiner Biografie, seiner Beziehung zum Mitangeklagten Markus H. und den Absprachen vor dem Anschlag auf Walter Lübcke beantwortet. Nun geht es um die gemeinsame Kommunikation über den Messengerdienst Threema.

    Dass die beiden Angeklagten den als besonders sicher geltenden Dienst nutzten, war schon länger bekannt. Ebenso, dass beide noch einen dritten Chatpartner hatten: Alexander S., langjähriger Aktivist der NPD und der rechtsextremen Freien Kräfte Schwalm-Eder. S. soll nach Recherchen des hr auch mit Markus H. an scharfen Waffen trainiert haben. Nun möchte der beisitzende Richter Christoph Koller wissen, was der Inhalt der Threema-Chats zwischen Stephan Ernst und S. gewesen sei.

    Es sei auch um politische Themen gegangen, gibt Ernst zunächst zu Protokoll. "Haben Sie mit Herr S. auch über den Herrn Lübcke gechattet?", hakt Adlhoch nach. "Ja", antwortet Ernst und lässt damit den ganzen Sitzungssaal am Frankfurter Oberlandesgericht aufhorchen. Als die Richterin wissen will, ob auch die Vorbereitungen zum mutmaßlichen Mord an Lübcke Gesprächsthema zwischen Ernst und S. waren, ruft Ernst nach dem Rettungsring. "Ich würde mich da gerne mit meinem Anwalt besprechen."

    Kehrtwenden nach Rücksprache

    Die Verteidigung hatte am 8. Prozesstag entschieden, Ernst selbst Fragen des Gerichts und der Familie Lübcke beantworten zu lassen. Diese Entscheidung entpuppt sich bereits jetzt als Vabanque-Spiel. Denn das Aussageverhalten des Angeklagten bestärkt nicht gerade die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen. Bereits am letzten Prozesstag hatte er sich bei der Frage, ob der tödliche Schuss auf Lübcke mit seinem mutmaßlichen Mittäter Markus H. abgesprochen war, in Widersprüche verwickelt.

    Im von seinem Anwalt verlesenen Geständnis hatte er dies bejaht, auf Nachfrage des Gerichts dann erst bestritten und schließlich - nach Rücksprache mit seinem Anwalt - erklärt, dass vereinbart gewesen sei, "auf jeden Fall auf Herrn Lübcke zu schießen". Und auch an diesem neunten Prozesstag folgt auf die Rücksprache mit seinem Anwalt eine Kehrtwende. Plötzlich sollen die Chats mit S. gänzlich unpolitisch gewesen sein. Es sei "um technische Sachen" gegangen, bei denen er S. geholfen habe, so Ernst. Lübcke sei nie Thema gewesen.

    Es ist ein heikler Moment. Hätte Ernst zugegeben, dass es einen dritten Mitwisser gibt, hätte der 5. Strafsenat sich mit der Frage befassen müssen, ob Ernst, H. und S. eine terroristische Vereinigung nach §129a Strafgesetzbuch gebildet haben. Diese Selbstbelastung haben Ernst und Kaplan im letzten Moment umschifft.

    Lügen und lügen lassen

    Was nicht heißt, dass der Verdacht nicht weiterhin im Raum stünde. Denn zwar haben Ernst und H. ihre Threema-Chats miteinander und mit S. restlos gelöscht, doch nach Informationen des NDR soll S. in seiner Vernehmung zu Protokoll gegeben haben, am Vormittag des Tattags mit H. noch einen Flohmarkt besucht zu haben. Nur wenige Stunden vor Lübckes Tod hatten beide noch telefoniert.

    Und auch bei anderen Personen aus Ernsts Umfeld stellt sich die Frage, wie viel sie gewusst haben. Seinen Arbeitskollegen L., dem er zuvor bereits Waffen verkauft hatte, überredete er am Tag nach der Tat, Schmiere zu stehen, während er seine illegale Waffensammlung auf dem Gelände des gemeinsamen Arbeitsgebers vergrub - darunter die Tatwaffe, eine Rossi-Revolver Kaliber 38. Die Nachricht von Lübckes Tod war da längst durch die Medien gegangen. "Er kannte meine Vorgeschichte", sagt Ernst. "Ich habe ihm gesagt, dass ich mir Sorgen mache, dass es zu einer Hausdurchsuchung kommen könnte." Mehr will er L. nicht verraten haben.

    Auch sein Kollege und Freund A. sei nicht im Bilde gewesen, betont Ernst. Ihn hatte der Hauptangeklagte gebeten, ihm ein Alibi für die Tatnacht zu verschaffen. "Ich habe gesagt, ich habe mich mit jemandem eingelassen und Blödsinn gemacht." A. sollte gegenüber der Polizei behaupten, den Abend mit Ernst an der Orangerie in Kassel verbracht zu haben. A. stimmte zu.

    Noch lange nicht die volle Wahrheit

    Stephan Ernst, so viel wird aus diesen Aussagen deutlich, scheute nicht davor zurück, andere Menschen anzulügen, um sich selbst aus dem Fokus der Ermittler zu nehmen. Doch seiner Glaubwürdigkeit noch abträglicher sind zahlreiche kleine Widersprüche in seiner Erzählung - vor allem wenn es um die Rolle von Markus H. geht.

    Alles in allem verfestigt sich der Eindruck, dass auch nach seinem dritten Geständnis noch lange nicht die volle Wahrheit auf dem Tisch liegt. Und dass das Gericht sie von ihm jemals zu hören bekommt, darf inzwischen ebenfalls bezweifelt werden.

    Hinweis: In einer ersten Version dies Blogeintrags hatten wir geschrieben, dass Ernst seine Aussage auf Nachfrage des Gerichts noch dahingehend verschärft hätte, dass er und H. bereits bei einem Gespräch im April 2019 übereingekommen wären, auf Lübcke zu schießen. Tatsächlich hatte er bereits in seiner Einlassung am 8. Prozesstag zu Protokoll gegeben, dass der Einsatz der Waffe ab April 2019 in Betracht gezogen worden sei.