Foto einer Holzbude mit der Aufschrift "Hofladen". Davor steht ein Mann, der mit verschränkten Armen in die Kamera blickt.

Gemüse in Regalen oder Wurstwaren aus Automaten: In landwirtschaftlichen Hofläden, die oft ohne Personal auskommen, wird auf ehrliche Zahlungsmoral gesetzt. Doch immer häufiger berichten Bauern von dreisten Diebstählen. Die Folge sind Schließungen.

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Diebstähle in Selbstbedienungs-Hofläden macht Bauern stinksauer

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Matthias Zentgraf ist tief enttäuscht. Lange hat der Landwirt aus der Rhön mit sich gerungen, nun aber die Reißleine gezogen. Nach einer dreisten Diebstahl-Serie sieht er sich vor kurzem gezwungen, seinen selbst gebauten und geliebten Hofladen in Hilders (Fulda) nach fünf Jahren zu schließen.

"Es war leider keine Besserung in Sicht", berichtet Zentgraf: "Mein Laden wurde ausgespäht, die Regale regelmäßig leergeräumt - das ist frustrierend." Der Schaden: mehrere hundert Euro pro Monat. "Das wäre mein Verdienst gewesen. Den haben Diebe eingestrichen", so der Osthesse.

Kasse des Vertrauens

Zentgraf ist Teilzeit-Landwirt. Er arbeitet als EDV-Administrator sowie als Gemüse- und Schweinebauer. Seine Waren verkauft er unter anderem in seinem Hofladen. Die Holzhütte steht auf seinem Hof direkt an der Straße im Ortsteil Batten.

Wurstwaren und Gemüse aus eigener Erzeugung in den Regalen und eine Kasse mit Einwurfschlitz - sein Laden hat kein Personal. Kunden können sich die Produkte nehmen und hinterlassen die fällige Summe in der Kasse. Das Konzept setzt auf eine ehrliche Zahlungsmoral.

Massive Beutezüge unbekannter Täter

Lange geht das gut. Auch wenn mal ein paar Euro fehlen. Doch geringe Verluste seien bei diesem Geschäftsprinzip einzupreisen, weiß Zentgraf. Doch vor einem halben Jahr hätten massive Beutezüge unbekannter Täter begonnen. Sein Laden wird mehr als ein Dutzend Mal von Dieben heimgesucht, wie der Landwirt sagt.

Auf Kameras verzichtet Zentgraf von Beginn an bewusst. "Online-Überwachung ist mir suspekt. Das wollte ich meinen Kunden ersparen", erklärt er. Auch nach ersten Diebstählen ändert er daran nichts. "Täter können sich schließlich mit Kapuzen und Sonnenbrillen maskieren. Ohnehin lassen sich die wenigsten wohl von Kameras abschrecken."

Selbst wenn er dadurch Bildmaterial bekommen hätte. Zentgraf glaubt: "Die Beweislage ist schwierig." Und die Zeit, die er als Detektiv verbringen müsste, will Zentgraf auch nicht aufwenden.

Spezial-Automaten sind kostspielig

Einen Automaten, wie ihn viele Betriebe für den Verkauf nutzen, hätte in seinem Fall für sperriges Gemüse und eine vielfältige Warenpalette mehrere zehntausend Euro gekostet. "Solch eine Investition lohnt sich nicht für den Verkauf in meiner nicht so stark frequentierten Ortslage", erklärt Zentgraf.

So haben die Täter leichtes Spiel und bedienen sich immer wieder an den hochwertigsten Waren wie etwa den Wurstspezialitäten. "Die verschwinden ruckzuck in der Tasche - und das war's."

Landesweit rund 50 gemeldete Fälle

Zentgraf ist kein Einzelfall als Diebstahl-Opfer. "Aber viele wollen nicht darüber reden und gehen nicht zu Polizei. Über Probleme spricht man nicht gern", mutmaßt Zentgraf.

In Hessen ereignen sich immer wieder solche Taten. Nach Angaben des Landeskriminalamts (LKA) sind seit dem vergangenen Jahr rund 50 Fälle bekannt geworden. Eine genaue Auswertung für diese speziellen Delikte - Diebstahl und Sachbeschädigung in Hofläden oder in frei zugänglichen Verkaufsstellen ohne Personal - wird in der Kriminalstatistik nicht vorgenommen.

LKA: System ist anfällig

Laut LKA summieren sich die Schäden auf mehr als 10.000 Euro. Gestohlen würden Lebensmittel und Bargeld aus der Kasse. Offene Kassen oder Kassen des Vertrauens seien anfällig für Diebstahl und Unterschlagung, sagt ein LKA-Sprecher.

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LKA-Empfehlung zum Schutz vor Diebstahl

Das LKA empfiehlt: Um Verkaufseinnahmen von Produkten auf Bauernhöfen zu schützen, sei es sinnvoll, geeignete Kassen mit Einwurfschlitz zu verwenden. Dadurch soll ein schneller Zugriff aufs Bargeld verhindert werden. Damit die Wertbehälter nicht gestohlen werden, sollten sie mit dem Boden oder einer Wand fest verankert werden.
Das LKA empfiehlt zudem die Installation von Überwachungskameras mit Speicherfunktion. Sie sollten sabotagesicher angebracht werden. Beim Kamera-Einsatz sei auch auf das Thema Datenschutz zu achten.

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Facebook-Fahndung bringt Solidarität und Kunden

Wie Bauer Zentgraf macht auch Karsten Ulott unschöne Erfahrungen. Der Leiter eines Bio-Betriebs in Breuna (Kassel) hat seinen Hofladen mit Vertrauenskasse ebenfalls aufgegeben - aus vielerlei Gründen. Die Nachfrage sei schlecht planbar, so Ulott. Dazu habe er niemanden, der das Sortiment auffülle.  

Diebstähle gibt es bei ihm auch, wie Ulott erklärt. Einen Dieb mit auffälliger Vokuhila-Frisur filmt seine Überwachungskamera. Der Bauer veröffentlicht ein Foto davon bei Facebook. Das führt zwar nicht zur Ergreifung des Täters, bringt ihm aber viele Kunden, die aus Solidarität bei ihm einkaufen, wie sie ihm sagen.

Hohe Schäden an aufgebrochenen Automaten  

In einer WhatsApp-Gruppe informieren sich mittlerweile einige Direktvermarkter über Aufbrüche und Diebstähle, um andere zu warnen. “Dann kann jeder seinen Laden schnell abschließen und die Kasse leeren”, erläutert Landwirt Ulott.  

Besonders ärgerlich sei es, wenn SB-Automaten aufgebrochen würden. Der Verlust belaufe sich meist lediglich auf 20 bis 30 Euro. Viel teurer sei die Reparatur des Automaten. Irgendwann zahle die Versicherung nicht mehr, so Ulott. Für Landwirte entstünden so Kosten von bis zu 1.500 Euro. 

Mit dem Auto zum Ernten aufs Feld

Bauer Thies Kalhöfer betreibt in Korbach-Meineringhausen einen Hof mit Hühnern und Ackerbau für Obst und Gemüse. Der für den Verkauf eingerichtete Hofladen hat nach Diebstählen nicht mehr rund um die Uhr geöffnet. So will der Landwirt den Laden mit seiner Familie besser im Auge behalten können.

Kalhöfer beobachtet nicht nur Diebstähle im Laden, sondern auch auf seinen Feldern. Es werde immer dreister, ärgert er sich: "Die fahren mit dem Auto aufs Feld und ernten selbst." Deshalb hat Kalhöfer zum Schutz einen Elektrozaun installiert.

Auch seine Obstbäume werden teilweise illegal von Fremden abgeerntet. "Wenn die Leute einmal Erfolg hatten, machen sie weiter", sagt der Bio-Bauer, der zudem von mangelnder Einsicht und fehlendem Schuldbewusstsein berichtet: Wenn er jemanden auf frischer Tat ertappt und anspricht, bekomme er vor allem aggressive Reaktionen.