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Gefühlt ist Corona vorbei

Maßnahmen werden gelockert, Teststellen schließen: Nach zweieinhalb Jahren Pandemie kehren viele zur Normalität zurück. Auch Fachleute sehen in der aktuellen Covid-Variante eine deutlich geringere Gefahr. Doch vorbei sei Corona deswegen noch lange nicht.

Kostenlose Bürgertests sind passé, vorzeigen muss man einen Test auch fast nirgends mehr – die Zeit der Stäbchen in Rachen oder Nase scheint vorbei zu sein. In Hessen machen derzeit viele Corona-Teststationen dicht. In Offenbach etwa haben alle drei Testzentren geschlossen, auch im Frankfurter Stadtteil Riedberg gibt es keines mehr.

Ähnlich sieht es flächendeckend in ganz Hessen aus. Auf der Seite des Sozialministeriums gibt es eine Liste mit Corona-Teststellen. In dem halben Jahr seit Ende April ist die Anzahl dieser Angebote um gut zehn Prozent zurückgegangen – von 1.399 auf 1.285. Wie viele Bürgertests noch durchgeführt werden, wird nicht registriert, aber auch die Labore verzeichnen deutlich weniger Eingaben für PCR-Tests. Eine logische Folge, wurde doch bislang auf einen positiven Bürgertest in der Regel ein PCR-Test veranlasst.

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Hohe Dunkelziffer

Neue Virus-Varianten haben in diesem Jahr bereits dreimal zu einer großen Welle geführt – die laufende vierte Welle geht auf die Ausbreitung der BA.5-Variante zum Beginn des Herbsts zurück. Bei allen vier Wellen dürften sich vergleichbar viele Menschen angesteckt haben, allerdings wurden nur diejenigen als Neufälle gezählt, die PCR-positiv getestet waren.

Neue Virusvarianten und zugleich niedrigere Infektionszahlen als im Februar dieses Jahres, als wöchentlich über 100.000 neue Fälle registriert wurden? Fest steht: Es wird weniger getestet - und es werden weniger Fälle überhaupt gemeldet und gezählt. Aus diesem Grund rechnet der Frankfurter Virologe Martin Stürmer mit einer erheblichen Dunkelziffer. "Ich gehe davon aus, dass wir die realistische Zahl der Infektionen, und zwar nicht erst seit der Bürgertest ganz weggefallen ist, deutlich unterschätzen, mindestens mal um den Faktor drei, wenn nicht noch mehr."

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Winterwelle rollt schon heran

Nach einer langen Phase im Sommer, in der die Zahlen nach Angaben des Robert-Koch-Institus (RKI) gefallen sind, halten sie sich derzeit auf einem daran gemessenen höheren Level recht konstant. Auch der Hospitalisierungsindex befindet sich nach den Zahlen des RKI nach einer fallenden Tendenz derzeit wieder auf einem Plateau. Für den Virologen Stürmer ist das ein klares Zeichen. "Wenn ich mir den R-Wert (wie viele Menschen steckt ein Infizierter an), den Hospitalisierungsindex und die Positivenquote ansehe, befinden wir uns in einer Plateauphase. Über kurz oder lang spricht das dafür, dass die Zahlen ansteigen." Ebenfalls mit einer Winterwelle rechnet Virologe Christian Drosten in einem Interview in der Zeit.

Kliniken derzeit nicht überfüllt

In den Krankenhäusern sieht es derzeit verhältnismäßig entspannt aus, von überfüllten Intensivstationen ist nicht die Rede. Auch auf den so genannten Covid-Normalstationen herrscht derzeit kein übermäßiger Andrang, "ist die Infektionslage unter Kontrolle, noch keine Anzeichen für eine erneute Infektionswelle" schreibt Cihan Celik, der Leiter der Covid-Normalstation am Klinikum Darmstadt, auf Twitter. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass die Lage sich hier - auch wegen anhaltenden Personalmangels - schnell ändern kann.

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Leben mit Corona – ganz normal?

Es spricht vieles dafür, dass wir mit dem Coronavirus diesen Winter entspannter umgehen und bis zu einem gewissen Grad zur Normalität zurückkehren können. Das ist auch das Ziel der Landesregierung, die zuletzt ankündigte, die Isolationspflicht für Corona-Infizierte aufheben zu wollen.

Die nächste Welle mit der BQ.1-Variante (Cerberus - "Höllenhund") und ihren Untervarianten kommt zwar sicher, davon ist der Virologe Stürmer überzeugt. "Das wird aber nicht so hart wie der Wechsel von Delta auf Omikron, als sehr viele Menschen sehr schwer erkrankten. Das Virus scheint mit seinen Mutationen an eine Grenze gekommen zu sein."

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"Höllenhund"-Variante

Die "Höllenhund"-Variante ist eine Untervariante von BA.5, die zwar ein wenig infektiöser ist, aber anscheinend nicht gefährlicher. Sie steigert das Infektionsgeschehen allenfalls minimal - verdrängt aber allmählich ihre Vorläufer.

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Zudem habe die Bevölkerung auch gerade nach den heftigen Sommer- und Frühherbstwellen mit den unterschiedlichen Varianten und hohen Infektionszahlen eine hohe Grundimmunität. Zu diesen Voraussetzungen komme der Aspekt, dass es inzwischen wirkungsvolle Medikamente gebe, die im Infektionsfall eingesetzt werden könnten.

Virologe warnt vor zu viel Normalität in diesem Winter

Gegen eine Rückkehr zur Normalität ohne Masken und Tests spricht nach Ansicht von Virologen, dass unter anderem wegen Erkältungen sehr viele Menschen derzeit bereits ausfallen. Das verursacht schon jetzt Probleme in der kritischen Infrastruktur – Stichwort Krankenstand etwa im ÖPNV und bei der Bahn, wo teilweise gar nichts mehr geht.

Bei parallelen Corona- und Influenza-Wellen würden einfach zu viele Menschen krank werden. "Insofern ist der Wegfall der Instrumente, die wir noch haben, wie Isolations- oder Maskenpflicht im ÖPNV, nicht gut. Von mir aus sollte man diesen Winter noch nicht zur Normalität zurückkehren", so Stürmer. Auch Long-Covid spricht für den Virologen dagegen, Corona jetzt für beendet zu erklären. Es sei immer noch nicht abschließend geklärt, wie Langzeitfolgen einer Virus-Erkrankung vermieden und behandelt werden könnten.

Hinzu kommt, dass entgegen vieler Vermutungen doch mehr Menschen tatsächlich an und nicht mit Corona sterben. Das ergeben Forschungen unter anderem in der Gerichtsmedizin in Frankfurt. "Diese Daten aus Frankfurt sprechen eine deutliche Sprache", sagt Stürmer. Der Virologe rät deshalb auch in diesem Winter wieder zu einer Impfung für alle, für die der angepasste Impfstoff zugelassen ist und deren letzte Impfung oder Infektion mindestens sechs Monate zurückliegt.