Auszug aus dem Flugblatt und Tanner Altstadt mit vielen Besuchern

Drei FDP-Kommunalpolitiker aus Tann in der Rhön haben in einem Flugblatt Menschen mit Behinderungen als schädigend für den städtischen Tourismus diffamiert. Der Bürgermeister spricht von Diskriminierung, die Verfasser werden zum Rücktritt aufgefordert und das betroffene Diakoniezentrum erinnert an die Grundrechte aller Menschen.

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FDP-Kommunalpolitiker sorgen mit Flugblatt-Aktion für Empörung

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Update 12.05.2022: FDP schließt Stadtverordnete aus

Nach der Flugblatt-Aktion dreier Kommunalpolitiker aus Tann hat die FDP eine der Initiatorinnen, die Franktionsvorsitzende Andrea Willing, aus der Fraktion im Stadtparlament ausgeschlossen. Das berichtete osthessen-news.de am Donnerstag unter Berufung auf Stadtverordnetenvorsteher Jörg Witzel (FDP). Eine Mehrheit in der Fraktion habe dies beschlossen.

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Eine Flugblatt-Aktion von drei Kommunalpolitikern aus Tann in der Rhön sorgt für Kritik. Sie hatten in dem Papier geäußert, die Kernstadt von Tann entwickele sich "zunehmend zu einer 'Sonderwelt', da die Präsenz des Tanner Diakoniezentrums allgegenwärtig ist".

Bürgermeister Mario Dänner (parteilos) sprach danach von diskriminierenden Äußerungen, mit denen "Fakten bewusst falsch dargestellt" würden, um das Diakoniezentrum in ein schlechtes Licht zu rücken. "Der Magistrat verurteilt das als Gremium und distanziert sich davon", sagte der Bürgermeister. Zuvor hatte unter anderem Osthessen-News über die Aktion berichtet.

Rücktrittsforderungen werden laut

Die drei Kommunalpolitiker wurden von einer breiten Mehrheit der Stadtverordneten aufgefordert, von ihren Ämtern zurückzutreten. Die Fraktionen von CDU und SPD haben eine gemeinsame Resolution angekündigt, mit der man sich bei der nächsten Sitzung der Stadtverordneten am 27. Mai befassen wolle. Durch das Verteilen der Flugblätter sei der Kommune ein Imageschaden entstanden.

Zu den Unterzeichnern des Flugblatts gehören Stadtrat Klaus Dänner und Stadträtin Brunhilde Fischer sowie die Fraktionsvorsitzende Andrea Willing. Fischer ist FDP-Parteimitglied, Andrea Willing und Klaus Dänner sind dies zwar nicht, sie wurden aber über die FDP-Liste ins Stadtparlament gewählt.

"Da sie ja auf unseren Wahlvorschlag hin gewählt wurden, kann ich jetzt nicht sagen, wir haben nichts mit ihnen zu tun. Das würde der Bürger nicht verstehen", sagte der FDP-Kreisvorsitzende Mario Klotzsche auf Nachfrage.

FDP-Kreisvorstand: "Flugblatt-Aussagen grundfalsch"

Klotzsche stellte aber klar: "Die auf dem Flugblatt gemachten Aussagen sind in der Sache und in der Form grundfalsch." Für die FDP stehe "außer Frage, dass behinderte Menschen gleichberechtigter und gleichwertiger Teil unserer Gesellschaft sind." Man unterstütze die Diakonie in Tann.

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FDP-Kommunalpolitiker sehen Menschen mit Behinderung als Tourismusbremse

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Jörg Witzel, Vorsitzender der FDP Tann, bezeichnete das Verhalten der Verfasser des Flugblattes als "eine große Enttäuschung". Die darin erhobenen Behauptungen seien falsch. Kommunalpolitiker hätten eine besondere Verantwortung dafür, dass das Zusammenleben der Menschen vor Ort gut gelinge, so Witzel: "Wenn es Probleme oder offene Fragen gibt, muss man diese sachlich besprechen. Das Verteilen von Flugblätter ist mit Sicherheit der falsche Weg."   

Mit-Autorin: Nicht gegen Behinderte gerichtet

Klaus Dänner wollte sich am Dienstag auf Anfrage zu dem Papier nicht äußern. Nach einem Bericht der Fuldaer Zeitung betonte Willing, es handele sich um eine "Personen- und keine Partei-Initiative".

Wie die Fuldaer Zeitung außerdem schreibt, habe Mit-Autorin Willing der Redaktion gesagt, das Flugblatt enthalte "Sachdarstellungen". Es sei nicht gegen Behinderte gerichtet. Sie selbst setze sich seit acht Jahren mit einem inklusiven Walking-Angebot für ein gutes Miteinander mit behinderten Menschen ein.

Flugblatt: "Das können und möchten viele Touristen nicht aushalten"

In dem Flugblatt geht es um die Entwicklung von Tann - eine Streukommune mit 4.500 Einwohnern in 23 Ortsteilen. Nach der Pandemie stünden die Chancen gut, vermehrt Touristen für Urlaub in Deutschland "inmitten der Natur mit dem Tanner historischen Stadtkern und Museen zu begeistern", heißt es in dem Papier.

"Doch selbst langjährige Gäste kehren dem Luftkurort den Rücken, weil gerade im Marktplatzbereich eine Konzentration von Touristen und Klienten des Tanner Diakoniezentrums vorliegt und Berührungspunkte unausweichlich sind."

Und weiter: "Das mit dem Krankheitsbild der Menschen mit geistigen und seelischen Beeinträchtigungen einhergehende Verhalten, wie z. B. mangelnde Distanz, können und möchten viele Touristen nicht aushalten."

Diakoniezentrum: "Grundrecht für jeden Menschen"

Der Geschäftsführer des Tanner Diakoniezentrums, Stefan Burkard, äußerte sein Unverständnis über die Aktion und die Äußerungen. "Alle Menschen haben das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Dies ist ein Grundrecht für jeden Menschen."

Unter Berücksichtigung des Wunsch- und Wahlrechts könne deshalb grundsätzlich jeder Mensch mit Behinderung entsprechend seinen individuellen Bedarfen wohnen und sein Leben gestalten.

"Deshalb ist es auch richtig so, dass sie im Tanner Stadtbild präsent sind, wenn sie es wollen. Außerdem liegen uns keine Kenntnisse vor, dass langjährige Gäste dem Luftkurort Tann den Rücken kehren, weil Menschen mit Beeinträchtigung eine Belästigung darstellen."

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