Beim Derby zwischen Wetzlar und Melsungen liegen Spieler beider Mannschaften auf dem Boden.

Dass die HSG Wetzlar in der Tabelle der Handball-Bundesliga vor der MT Melsungen gelandet ist, ist eine Überraschung. Denn der Etat der Nordhessen ist wesentlich größer. Nicht nur die Konkurrenz fragt sich: Was läuft in Melsungen immer wieder schief? Vielleicht sollten sie sich in Wetzlar einiges abgucken.

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HSG Wetzlar: richtig gut, aber nicht sensationell

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Am Ende schrammten die HSG Wetzlar und die MT Melsungen ganz knapp an der Europapokal-Qualfikation vorbei. Beide hätten es schaffen können, Melsungen vielleicht sogar schaffen müssen. Für die Nordhessen ist der achte Tabellenplatz eine große Enttäuschung. Dass die HSG Wetzlar mit einem Etat von knapp vier Millionen Euro als Tabellen-Siebter sogar noch vor der MT Melsungen landete, die gut das Doppelte an Geld zur Verfügung hat, ist eine echte Überraschung.

Der HSG Wetzlar ging nach toller Saison am Ende die Luft aus

Die HSG Wetzlar hat eine gute Saison gespielt und erreichte die zweitbeste Platzierung seit dem Bundesliga-Aufstieg 1998. Dass es keine überragende Spielzeit wurde, lag daran, dass den Mittelhessen im letzten Drittel der Saison die Luft ausging: acht Niederlagen in den letzten elf Spielen waren einfach zu viel. Dass die Mittelhessen nach den schweren Verletzungen von Torhüter Till Klimpke und Torjäger Stefan Cavor in den letzten drei Spielen ohne zwei absolute Leistungsträger auskommen mussten, kostete die HSG endgültig die Qualifikation für die European League.

Dass es nicht reichte, lag auch daran, dass das die Spieler einfach nicht mehr konnten. Wetzlar muss in jedem Spiel 100 Prozent geben, um den Gegner am Ende niederzuringen, mal eben ein Spiel mit 70 Prozent nach Hause schaukeln, ist für die Mittelhessen nicht drin. Dem Mega-Pensum musste die HSG am Ende einfach Tribut zollen. Dass es trotzdem noch so gut lief, liegt auch an Trainer Ben Matschke. Seine Analysen bringen das Team weiter.

Matschke hat den Job im vergangenen Sommer übernommen und danach an allen Schrauben gedreht. Ein Beispiel: Als Matschke sah, dass die HSG in der zweiten Halbzeit der Spiele - traditionell - von den eigenen Fans wegspielte, änderte er das für die Platzwahl vor dem Spiel sofort. Nun spielen sie in Wetzlar auf die Stehplatz-Tribüne der eigenen Fans. Mehr Emotionen für den Erfolg in der entscheidenden Phase des Spiels.

HSG Wetzlar ist ein absolutes Vorbild in der Handball-Bundesliga

Auf lange Sicht gesehen ist Wetzlar der absolute Hingucker im Handball-Oberhaus. Das Team aus Mittelhessen geht im September in seine 25. Bundesliga-Saison am Stück. Dass sich der Klub sozusagen vom Dorfverein zu einem festen Bestandteil der wohl besten Handball-Liga der Welt mauserte, ist eine überragende Leistung. Auch wenn man sich anguckt, dass Wetzlar in Sachen Etat-Größe in der Bundesliga auf einem Abstiegsplatz steht.

Durch die gute Arbeit hat die HSG immer wieder Spieler auf Weltklasse-Niveau hervorgebracht. Von Markus Baur über Andreas Wolff bis hin zu Jannik Kohlbacher. Doch die gute Arbeit ist Segen und Fluch zugleich. Immer wieder verlieren die Wetzlarer ihre besten Spieler. Im vergangenen Sommer den überragenden Kreisläufer Anton Lindskog nach Flensburg, in diesem Sommer wechselt Leistungsträger Olle Forsell Schefvert zu den Rhein-Neckar Löwen. Auch andere Topspieler wie Torwart Klimpke oder Rückraumspieler Lenny Rubin sind in aller Munde.

Warum bekommt die MT Melsungen die PS nicht auf den Hallenboden?

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Große Probleme bei der MT Melsungen

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Über die MT Melsungen wundert sich die ganze Bundesliga. Eine Mannschaft mit so vielen Top-Spielern landet nur auf dem achten Tabellenplatz. Das versteht niemand. Trotz größter finanzieller Anstrengungen schafft die MT seit Jahren nicht den angekündigten Sprung in die Spitzengruppe der Bundesliga. Alle möglichen Trainer-Typen wurden ausprobiert. Lange Jahre der erfahrene Michael Roth, dann mit Heiko Grimm ein Bundesliga-Neuling, mit Guðmundur Guðmundsson ein Olympia-Sieger und seit September 2021 der Top-Analytiker Roberto García Parrondo. Doch der Erfolg lässt weiter auf sich warten.

Das lag in der vergangenen Saison auch an den vielen schweren Verletzungen im Team: Timo Kastening, Finn Lemke oder die Spielmacher Elvar Örn Jónsson und Domagoj Pavlović fielen und fallen mit schweren Verletzungen aus. Das hat das Team geschwächt. Doch das Hauptproblem ist ein anderes: Die Nordhessen holen Jahr für Jahr zwar viele überragende Einzelspieler, doch die stagnieren bei der MT. Die Mannschaft ist nach individuellen Stärken zusammengestellt worden, nicht nach der Frage, ob sie zusammenpassen. Zudem ist eine große Spiel-Philosophie nicht zu erkennen. So gab es nach dem letzten Heimspiel, dem Sieg im Hessen-Derby gegen Wetzlar, Pfiffe gegen Manager Axel Geerken.

Die große Fehlersuche bei der MT Melsungen

Die Fans sind frustriert, weil der Sprung an die Spitze immer wieder verpasst wird. Doch nur auf Geerken zu zeigen, wird der Sache nicht gerecht. Als Beispiel kann man das letzte Saisonspiel in Stuttgart hernehmen. Dort leistete sich die Mannschaft allein zehn technische Fehler (Fehlwürfe, Schrittfehler, etc.). Das hat mit dem Manager nichts zu tun.

Vielleicht bekommt Trainer Parrondo die Sache in den Griff. Nach seiner Verpflichtung mitten in der vergangenen Saison kann er die MT Melsungen diesmal gezielt auf die neue Spielzeit vorbereiten. Zu der wieder neue Topspieler kommen. Unter anderem der polnische National-Torwart Adam Morawski, der kroatische Rückraumspieler Ivan Martinovic und der kroatische Linksaußen David Mandic.

Der Blick geht nach vorne

So schön die Europapokal-Teilnahme der HSG Wetzlar auch gewesen wäre, vielleicht sind sie in Mittelhessen am Ende froh, dass sie sich ab September ganz und gar auf die Bundesliga konzentrieren können. Vielleicht hätte sich eine Doppelbelastung negativ auf die Leistungen in der Bundesliga ausgewirkt. Schließlich will die HSG Wetzlar in ihrer Jubiläums-Saison, der 25. nach dem Aufstieg, wieder für Aufsehen sorgen.

In Nordhessen hoffen sie indes wieder einmal auf den Durchbruch Richtung Tabellenspitze. Und vielleicht stehen die Zeichen ja diesmal gut. Trainer Bennet Wiegert, der mit dem SC Magdeburg gerade Deutscher Handball-Meister geworden ist, warnte zuletzt, dass die Konkurrenz in der kommenden Saison doch bitte auf das Team der MT Melsungen aufpassen solle. In Nordhessen drücken sie alle Daumen, dass der Meister-Trainer recht hat.