Kühe auf einer ausgetrockneten Weide im Vogelsberg

Jedes Jahr werden aus dem Vogelsberg Millionen Kubikmeter Trinkwasser nach Frankfurt gepumpt, um die Stadt zu versorgen - und das, obwohl in dem Mittelgebirge das Wasser knapp wird. Jetzt formiert sich Widerstand.

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Umweltschützer Wack
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Gleichmäßig plätschert das Quellwasser aus dem großen Steinbecken in den blauen Putzeimer. Hans-Otto Wack - Jahrgang 1952, weißer Bart, Schiebermütze - zählt im Stillen bis 30. Dann schüttet er das Wasser nach und nach in einen Messbecher, jeweils einen Liter. Regelmäßig misst der Umweltschützer auf diese Art im Vogelsberg, wie viel Wasser die Quellen ausspucken. Im Brachttaler Ortsteil Neuenschmidten (Main-Kinzig) sind es an diesem Tag fast zweieinhalb Liter.

"Im Sommer 2018 kam hier deutlich weniger raus", sagt Wack, "teilweise nur ein Drittel von dem, was heute fließt". Beunruhigt ist er trotzdem. Dass es auch dieses Jahr viel zu trocken ist, erkennt er an einem Steinbruch im rund 30 Kilometer entfernten Schotten (Vogelsberg). Hier müsste zu dieser Jahreszeit eigentlich Wasser aus den Spalten des Basaltgesteins sickern, was aber nicht der Fall ist. Die Schutzgemeinschaft Vogelsberg (SGV), in der der Ökologe Mitglied ist, warnt schon lange vor sinkenden Grundwasserständen im gemeinhin als wasserreich geltenden Mittelgebirge.

Tatsächlich sanken dort im trockenen und heißen Sommer 2018 die Grundwasserstände teilweise um mehrere Meter. In vielen hessischen Kommunen fielen Quellen aus, die Vogelsberg-Gemeinde Ulrichstein musste über Wochen mit Trinkwasser aus Tanklastern beliefert werden. Laut Deutschem Wetterdienst (DWD) fielen in Hessen von Juni bis August nur 90 Liter Regen pro Quadratmeter. Weniger als die Hälfte des langjährigen Mittels von 222 Litern.

Kein neues Grundwasser im Winter

Der heiße Sommer ging vorbei, doch auch in den darauffolgenden Monaten wartete der Vogelsberg vergeblich auf mehr Niederschläge. "Normalerweise füllen sich die Grundwasserreserven über den Winter wieder auf, weil der schmelzende Schnee langsam im Boden versickert. Doch in diesem Winter gab es wenig Schnee, der dann auch noch so schnell geschmolzen ist, dass er oberflächlich abgeflossen ist", erklärt Umweltschützer Wack die ausbleibende Grundwasserneubildung.

Auch die scheinbar zahlreichen Regenfälle im Frühjahr seien unmittelbar abgeflossen oder von den Pflanzen und Bäumen im Wachstum regelrecht aufgesogen worden. Bei einem weiteren trockenen Sommer könnte sich das Problem verschärfen, denn zahlreiche Biotope bedienen sich über ihre Wurzeln am Grundwasser, das weiter absinkt.

Gesunkene Grundwasserstände in Folge des Dürresommers 2018 gibt es auch in anderen Landesteilen. Nach Angaben des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) lagen die Grundwasserstände Anfang Mai bei zwei Drittel der Messstellen auf einem unterdurchschnittlichem Niveau, an zwölf Prozent waren die Grundwasserstände sogar sehr niedrig.

Wird der Vogelsberg leergepumpt?

Doch nicht nur die Natur ist auf das Grundwasser angewiesen. Im gesamten Vogelsberg fördern Wasserversorger wie der Wasserverband Kinzig, die Stadtwerke Gelnhausen oder die Oberhessische Versorgungsbetriebe AG (Ovag) große Mengen an Trinkwasser. Im vergangenen Jahr waren das bei der Ovag, als größtem Versorger im Vogelsberg, 39 Millionen Kubikmeter Wasser. Die Schutzgemeinschaft Vogelsberg kritisiert das als "Raubbau", weil mehr Wasser entnommen werde, als die Natur verkraften könne.

Ein Vorwurf, den die Wasserversorger so nicht akzeptieren wollen. "In der Vergangenheit gab es Schäden in der Natur durch Wasserentnahme, aber das ist mehr als dreißig Jahre her. Seitdem ist viel passiert", sagt der Sprecher von Hessenwasser, Hubert Schreiber. So seien in den 90er-Jahren im Auftrag des hessischen Umweltministeriums Regularien entstanden, die eine ökologische Wassergewinnung garantieren sollen. "Es gab konkrete Maßnahmen und die haben gegriffen", so Schreiber.

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Umweltschüter Wack
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"Wasser war schon immer eine begrenzte Ressource"

Wie eine ökologische Wassergewinnung aussehen könnte, beschreibt Ovag-Abteilungsleiter Franz Poltrum: "Wir unterliegen strengen Auflagen zum Umweltschutz." So legt etwa das zuständige Regierungspräsidium Mindestgrundwasserstände fest, die nicht unterschritten werden dürfen. Das Problem der sinkenden Grundwasserstände bei steigendem Verbrauch sieht auch Poltrum. Den Versorgungsunternehmen die Schuld daran zu geben, hält er für falsch.

"Jahrelang wurde den Bürgern suggeriert, dass Wasser zur Genüge da sei. Dabei war Wasser schon immer eine begrenzte Ressource", sagt Poltrum. Deshalb fordert er ein Umdenken: Er wünscht sich, dass Städte und Gemeinden öfter zum Wassersparen aufriefen, um die Bürger für das Thema zu sensibilisieren. Im Alltag gebe es hier Nachholbedarf, findet Poltrum: "Wenn man schaut, was die Menschen so im Baumarkt kaufen, dann sind das auch während Dürreperioden oft Planschbecken und exotische Pflanzen, die viel Wasser brauchen."

Die Kommunen will auch Hans-Otto Wack stärker in die Pflicht nehmen, insbesondere die Stadt Frankfurt, die einen großen Teil ihres Trinkwassers aus dem Vogelsberg bezieht. Dabei pocht er auf das Wasserhaushaltsgesetz: "Nach Paragraph 50 hat die ortsnahe Wasserversorgung Vorrang vor der Fernwasserversorgung."

Deshalb fordert Wack, Frankfurt müsse sich in einem viel größeren Maße als bisher selbst versorgen. Doch statt die Versorgung aus eigenen Brunnen auszubauen, seien dort in den vergangenen Jahrzehnten Wasserwerke stillgelegt worden. Wack vermutet dahinter vor allem wirtschaftliche Gründe: "In Frankfurt muss das Brunnenwasser teuer aufbereitet werden, weil das Grundwasser verunreinigt ist. Da ist es sehr viel billiger, das saubere Wasser aus dem Vogelsberg zu beziehen."

Frankfurt will nicht schuld sein

Per Fernleitung kommt das Frankfurter Trinkwasser zu 33 Prozent aus dem Vogelsberg, zu 29 Prozent aus dem Hessischen Ried und zu 12 Prozent über die Kinzigschiene.

Tatsächlich kommen rund 75 Prozent des Trinkwassers über Fernleitungen nach Frankfurt. Zu den Hauptfördergebieten gehören neben dem westlichen Vogelsberg mit 33 Prozent noch das Hessische Ried (29 Prozent) und der Kinzigbereich (12 Prozent). Trotzdem weist die Stadt den Vorwurf zurück, für die Wasserknappheit im Vogelsberg mitverantwortlich zu sein. Janina Steinkrüger, Referentin im Frankfurter Umweltdezernat, äußerte zwar Verständnis für die dortige Situation, sagt aber: "Es war schon im vergangenen Jahr der falsche Vorwurf, dass der Wassermangel im Vogelsberg am Trinkwasserverbrauch in Frankfurt liegen würde."

Dass Frankfurt in den vergangenen Jahren Brunnen stillgelegt hat, erklärt Steinkrüger folgendermaßen: "Die Wasserqualität der Brunnen war nicht gut, vor allem aber haben sie sehr wenig Wasser gefördert." Sie beteuert, die Stadt fördere so viel es geht selbst, sagt aber auch: "Frankfurt wird sich nie aus eigenen Grundwasserreserven versorgen können."

Brauchwasser-System für Frankfurt nicht in Sicht

Auch für Ulrich Roth, Professor für Wasserwirtschaft an der University of Applied Sciences in Frankfurt, ist klar, dass die Eigenversorgung der Stadt nicht wesentlich erhöht, sondern lediglich optimiert werden könne. Die Forderung, stillgelegte Brunnen zu reaktivieren, hält er vor allem finanziell für nicht machbar: "Natürlich kann man heute alles irgendwie aufbereiten, dann kostet das Wasser aber keine 0,3 Cent mehr pro Liter, sondern deutlich über 20 Cent."

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Stadt Frankfurt zur Wasserversorgung
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Ein Lösungsansatz, den Trinkwasserverbrauch Frankfurts und damit auch den Wasserimport aus dem Vogelsberg zu senken, wäre der Einsatz von Brauchwasser. Dabei handelt es sich um leicht aufbereitetes Wasser, etwa aus dem Main, das für Toilettenspülungen oder zum Blumengießen genutzt werden kann. Auf dem Hauptfriedhof und im Palmengarten wird schon Brauchwasser verwendet. Auch für Neubaugebiete wird diese Idee seit Jahren diskutiert, konkrete Planungen gebe es allerdings auch nach dem Dürresommer 2018 noch nicht, räumt Janina Steinkrüger vom Frankfurter Umweltdezernat ein. Sie verweist dabei auf die hohen Kosten eines zweiten Leitungssystems.

Schutzgemeinschaft Vogelsberg prüft Klage

Für Umweltschützer Hans-Otto Wack sind das bequeme Ausreden. Für ihn ist klar: "Man kann den Wasserbedarf des Naturraums nicht regulieren. Wir können nur den Wasserverbrauch der Städte anpassen." Notfalls wollen die Umweltschützer das auch juristisch erzwingen. Mit einer Klage wollen sie die Regierungspräsidien dazu bringen, die Fernwasserversorgung im großen Stil zu unterbinden. Derzeit prüft die SGV zusammen mit einem Juristen ihre Erfolgsaussichten.

Die Autor*innen studieren am Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Hier finden Sie Infos über das Projekt der Uni Mainz in Kooperation mit hessenschau.de.