Stall und Wiesen von oben

Kuhfladen-Wischroboter, Traktor mit Gülle-Antrieb und dürreresistente Äcker: Auf den Öko-Feldtagen im mittelhessischen Villmar dreht sich alles um die zukunftsfähige Landwirtschaft in Zeiten von Klimawandel und Globalisierung. Und beim Melken heißt es: Selbst ist die Kuh.

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Öko-Feldtage in Villmar

hs
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Er sieht aus wie ein überdimensionaler Rasen- oder Staubsaugroboter. Nur: Das rundliche Ding surrt nicht durch den Garten oder das Wohnzimmer, sondern durch einen Kuhstall. Den Tieren, die dort gleichmütig vor sich hinkauen, macht es offenbar wenig aus, dass der Stallroboter zwischen ihren Beinen herumwischt. Flatschen für Flatschen sammelt das High-Tech-Gerät auf seiner Putzroute alles ein, was die Kühe auf den Boden klatschen lassen.

Biolandwirtschaft und technologischer Fortschritt – das gehört enger zusammen, als manche wohl annehmen würden, wie sich derzeit bei den Öko-Feldtagen im mittelhessischen Villmar (Limburg-Weilburg) zeigt. Es ist die größte Veranstaltung rund um Biolandwirtschaft in Deutschland.

Hessen ist Vorreiter

Hintergrund ist: Die schwarz-grüne Landesregierung will im Bio-Landbau Vorreiterin sein. Schon jetzt steht Hessen im deutschlandweiten Vergleich weit vorne. Rund ein Sechstel der Fläche wird bereits ökologisch bewirtschaftet. Aber da geht noch mehr, findet offenbar das hessische Umwelt- und Landwirtschaftsministerium. Das erklärte Ziel ist, den Biolandbau bis 2025 auf ein Viertel der Landwirtschaftsflächen auszuweiten.

Kuhstall

Dafür ist allerdings noch viel zu tun - vor allem müssen Landwirte zum Umstieg motiviert werden. Biolandwirtschaft in Hessen soll deshalb "marktorientiert" sein, sich also auch lohnen und konkurrenzfähig sein.

Methan-Traktor fährt mit Biogas aus Gülle

Auf dem weitläufigen Gelände des Gladbacherhofs in Villmar finden nun auf fast 20 Hektar Vorträge und Foren statt. Es geht bei den Öko-Feldtagen um neue Forschungsergebnisse, artgerechte Tierhaltung oder regionale Wertschöpfungsketten. Auf den Äckern und Wiesen werden Langzeitversuche präsentiert, dürreresistente Pflanzenzüchtungen vorgestellt und zahlreiche neue Landmaschinen gezeigt, die nachhaltigen Ackerbau und Tierhaltung erleichtern sollen.

Darunter ist der erste serienmäßig hergestellte Methan-Traktor. Dieser habe alle Eigenschaften eines Dieselfahrzeugs, erklärt Klaus Senghaas vom Hersteller New Holland. Allerdings werde er mit Biomethan betrieben, was Landwirtinnen und Landwirte sehr einfach herstellen können – und zwar mit Kuhmist und Gülle, das in einer Biogasanlage verarbeitet werde.

"Wenn das Methan selbst hergestellt wird, ist man damit CO2-neutral unterwegs", meint Senghaas. Auch der Partikel- und Stickoxid-Ausstoß sei weitaus geringer als bei Diesel-Fahrzeugen. Dafür ist das Gerät jedoch auch rund 30 Prozent teurer, räumt er ein, meint aber: Das könne man durch Fördergelder ausgleichen. Zudem werde der Treibstoff gespart.

Landwirtschaft muss mit mehr Hitze und Starkregen umgehen

Hella Hansen, Pressesprecherin der Veranstaltung sagt: "Die Öko-Feldtage sind eine riesige Innovationsschau für den ökologischen Landbau." Landwirte könnten hier viel Neues über Tierhaltung oder Pflanzenbau erfahren, ganz kompakt und praktisch für den Alltag. Ein Schwerpunkt liege dabei darauf, auch Lösungen für die Klimakrise zu bieten.

"Wir brauchen neue Methoden und Sorten, weil wir ja sehen, dass wir immer mehr Hitze und Starkregenereignisse haben", so Hansen. Zu allererst richte sich die Veranstaltung an Fachpublikum aus der Landwirtschaft, aber die Inhalte könnten durchaus auch für Privatleute interessant sein.

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Technische Innovationen auf den Öko-Feldtagen 2022

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High-Tech-Forschungsstall

Neben der automatischen Kuhfladen-Putzhilfe gibt es im Forschungsstall noch weitere technische Neuerungen zu sehen. Zum Beispiel fährt dort noch ein kastenartiger Futterroboter herum, der selbstständig misst, was vor einer Kuh liegt und bei Bedarf direkt nachfüllt. Besonders stolz ist Betriebsleiter Johannes Eisert außerdem noch auf die Melkmaschine mit dem futuristischen Namen "Lely Astronaut A5".

Mann streichelt Kuh

Eisert erklärt: Die Kühe gehen selbstständig zum Fressen und Melken in den vergitterten Unterstand hinein. Dann misst das Gerät das Euter mit einem Laser, desinfiziert es und fährt dann von unten mit der Melkmaschine heran. Der große Vorteil für die Tiere sei, dass sie selber entscheiden können, wann sie gemolken werden wollen. Das sei angenehmer für sie, als zwei Mal am Tag zu festen Zeiten an die Melkmaschine zu kommen. "Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass die Kühe öfter und zu anderen Zeiten zum Melken gehen, wenn sie das selbst entscheiden können."

Technologische Neuerungen bedeuten für Eisert einerseits Verbesserungen für das Tierwohl, aber auch andererseits eine Arbeitsverschiebung für Landwirte: weniger Handarbeit, dafür mehr Zeit am Computer. Ganz könne das alles die manuelle Arbeit allerdings bisher nicht ersetzen – und das sei auch gut so, um den Mensch-Tier-Kontakt zu behalten. Er meint: Ein geschulter Landwirt, der seine Tiere kennt, sei immer noch besser als jeder Roboter.

Weitere Informationen

Öko-Feldtage 2022

Die Öko-Feldtage finden dieses Jahr zum dritten Mal statt, veranstaltet werden sie vom Hessischen Landwirtschaftsministerium, der Gießener Justus-Liebig-Universität und der Stiftung Ökologie & Landbau. Die Veranstaltung finder vom 28. bis 30. Juni auf dem Gladbacherhof in Villmar-Aumenau (Limburg-Weilburg) statt, einer Lehr- und Forschungseinrichtung der Uni Gießen.

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