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Ein Jahr nach dem Brand im Liebig-Museum: Arbeiten dauern an

Zwei Männer in einem russgeschwärzten, alten Gebäude, verkokelte Tische und Bänke

Vor einem Jahr ist im Liebig-Museum ein Feuer ausgebrochen. Die Schäden in dem historischen Hörsaal und Labor aus dem 19. Jahrhundert sind enorm, bis heute ist das Museum nicht wiedereröffnet. Aber: Der Wiederaufbau ist in vollem Gang.

Der Geruch hängt auch nach einem Jahr noch in der Luft. Kalte Asche hat sich hier in jeder Ritze abgesetzt. Was sich Anfang Dezember 2022 im Liebig-Museum in Gießen abspielte, war eine echte Katastrophe, das ist auch ein Jahr danach auf den ersten Blick klar.

Die weißen Marmorbüsten haben zwar inzwischen wieder ihren alten Glanz zurück und die Laborgeräte stehen fein aufgereiht an Ort und Stelle. Aber die Wände: grau vom Ruß. Und der historische Hörsaal ist verlassen und stockfinster.

Halbe Million Euro Sachschaden

Vor einem Jahr brach im historischen Hörsaal des berühmten Chemiepioniers Justus von Liebig ein Schwelbrand aus, laut Polizei ausgelöst durch einen technischen Defekt. Die genaue Ursache konnte allerdings nicht ermittelt werden.

Das Liebig-Musuem Gießen

Die Flammen fraßen sich erst durch den Experimentiertisch und eine Tafel, dann traf die Feuerwehr ein. Da war der Rauch allerdings schon hinübergezogen – in die angrenzenden Laborräume und die alte Bibliothek. Die Schäden werden inzwischen auf eine halbe Million Euro geschätzt.

"Es war ein Schock"

"Zuerst haben wir gedacht, es dauert Jahrzehnte, bis wir das wieder aufgebaut haben", sagt Gerd Hamscher, Professor für Lebensmittelchemie und Lebensmittelbiotechnologie und Vorsitzender der Justus-Liebig-Gesellschaft in Gießen. "Es war wirklich ein Schock."

Ganz so lang wird es voraussichtlich aber nicht dauern: Ein Jahr nach dem Brand sind einige Arbeiten bereits abgeschlossen. Derzeit hofft das Museum, Ende 2024 wieder regulär öffnen zu können.

Patina soll wieder hergestellt werden

Die verrußten Bücher und Büsten seien bereits mit einem Spezialvlies gereinigt worden, berichtet Hamscher. Auch Laborgeräte und Möbel stehen schon wieder an ihren Plätzen. Allerdings müssten die Tische und Stühle noch komplett abgeschliffen und neu lackiert werden. Der Putz werde ebenfalls erneuert – alles Arbeiten, die Spezialfirmen übernehmen. Hamscher erklärt: "Es soll hier nicht nach Neubau aussehen, sondern es soll dabei wieder die Patina hergestellt werden." 

Im Zuge des Wiederaufbaus solle das Museum außerdem insgesamt modernisiert werden, sagt Hamscher. Die in die Jahre gekommene Elektrik und das Heizungssystem sollen erneuert werden, auch an Fenstern, Dach und Fassade sind Arbeiten geplant.

Geburtsstätte der modernen Chemie

Besonders betroffen von dem Brand war das Herzstück der Museums: der alte Hörsaal, der zum Teil noch aus Liebigs Zeiten stammt. Der historische Vorlesungsraum rund um den Experimentiertisch gilt heute als eine der Geburtsstätten der modernen Chemie.

"Der Tisch ist leider komplett verbrannt, aber auch der soll wieder aufgearbeitet werden", so Hamscher. Die Arbeiten seien insgesamt sehr aufwendig, zudem müsste alles mit dem Amt für Denkmalschutz abgesprochen werden.

Justus von Liebig: Experimentierfreudiger Chemiepionier

Der Darmstädter Apotheker-Sohn Justus von Liebig (1803-1873) machte zu Lebzeiten übrigens selbst einige Erfahrungen mit Bränden: Schon als junger Lehrling hatte er bei privaten Knallsilber-Experimenten einen Dachstuhlbrand in einer Apotheke verursacht.

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Trotz missglückter Schullaufbahn und abgebrochener Lehre wurde er schon mit 21 Jahren Professor in Gießen. In den 28 Jahren, die Liebig hier verbrachte, experimentierte er weiterhin mit explosiven Stoffen. Dabei machte er bahnbrechende Entdeckungen und stellte bis heute gültige Theorien auf.

Liebig setzte sich etwa intensiv mit organischer Chemie auseinander. Seine Forschung zur Nährstoffaufnahme von Pflanzen gilt heute noch als Grundlage für die moderne Mineraldüngung. Zudem führte der Chemiker neue Lehrmethoden und Labortechnik ein.

Experimentalvorlesungen im historischen Labor

Bis zum Brand fanden in dem von ihm entwickelten Vorlesungsraum und Labor die beliebten Experimentalvorlesungen des heutigen Liebig-Museums statt, die zum Beispiel von Schulklassen, aber auch von Fachleuten besucht wurden. Sogar Angela Merkel nahm 2021 an einer teil.

Menschen in historischem Saal

Bei den Experimentalvorlesungen werden verschiedene chemische Reaktionen vorgeführt, etwa "Liebigs Silberspiegel" – ein Experiment, das schon Liebig selbst vor über 150 Jahren durchgeführt hatte. Der Chemiker hatte ein Verfahren erfunden, bei dem ohne giftiges Quecksilber Glaskugeln oder Reagenzgläser mit einer Silberschicht überzogen werden können.

"Das Museum lebt"

Die Experimentalvorlesungen können gerade nicht stattfinden, auch ein regulärer Besuchsbetrieb ist nicht möglich. "Aber wir wollen trotzdem zeigen, dass das Museum lebt", erklärt Hamscher. Das Museum habe deshalb das Format "Liebig to go" entwickelt.

Dabei handelt es sich um Veranstaltungen außerhalb des Museums, bei denen kleinere chemische Experimente gezeigt werden. Sie finden momentan regelmäßig im Justus statt, einer benachbarten Gießener Gaststätte. Und auch für Privatveranstaltungen kann das "Liebig to go"-Programm gebucht werden.

Auf der Internet-Seite ist außerdem eine digitale 360-Grad-Tour möglich – allerdings noch aus besseren Zeiten vor dem Brand.

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