Zwei Menschen stehen auf einem großen Gerüst und bauen eine großformatige, farbige Stoffarbeit ab. Davor stehen viele Menschen und schauen zu.

Das umstrittene Banner ist abgebaut, die Diskussionen um Fehler der documenta-Leitung gehen weiter: Es werden Forderungen nach weiteren Konsequenzen laut. Kunstministerin Dorn setzt zunächst auf Dialog. Der Kanzler sagt derweil seinen Besuch ab.

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Umstrittenes documenta-Banner: Wer trägt die Verantwortung?

hessenschau vom 22.06.2022
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Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) kündigte Konsequenzen an, um Vorfälle wie den rund um das documenta-Banner von Taring Padi künftig zu verhindern. Sie sagte in hr-iNFO, man müsse jetzt die Strukturen der documenta überprüfen: "Es waren diesmal Kollektive eingeladen. Das heißt, es gab nicht einen verantwortlichen Kurator oder eine Kuratorin. Das ist ein Teil des Problems. Der Schaden ist entstanden und nicht wegzureden."

Viel Lust auf Reden hat Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) derweil nicht. Er bleibt der documenta als Reaktion auf den Skandal in diesem Jahr fern. "Olaf Scholz ist ein großer Fan der documenta und hat in den vergangenen 30 Jahren wohl keine documenta versäumt. Er hat aber entschieden, die diesjährige Ausgabe nicht zu besuchen", sagte eine Regierungssprecherin am Mittwoch. Zuvor hatte die Jüdische Allgemeine berichtet.

Ministerin Dorn will verstärkt auf Dialog setzen und weiter mit dem Künstlerkollektiv Ruangrupa sowie Vertretern der jüdischen Gemeinschaften in Deutschland sprechen. Auch die Wissenschaft solle mit eingebunden werden. Zudem müsse man klären, warum die Thematik von Seiten der Künstler nicht als problematisch wahrgenommen worden sei.

Unterstützt wird Dorn dabei von der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. Ihr Leiter Meron Mendel plädiert dafür, den Blick nach vorne zu richten. "Noch ist nicht alles verloren, jetzt muss diese Krise als Chance genutzt werden, um wirklich ins Gespräch zu kommen", sagte er am Mittwoch. Ohne Dialog werde die Debatte weiter eskalieren. Die Bildungsstätte wolle in Kassel mit Bildungsangeboten zur Aufklärung über Antisemitismus und Rassismus unterstützen. Darüber sei man in Kontakt mit der documenta. Für kommende Woche Mittwoch ist demnach eine Veranstaltung zusammen mit Angela Dorn geplant.

"Reihe falscher Entscheidungen"

Für viele Experten war das Entfernen des Bildes nicht genug: Der Antisemitismusbeauftragte des Bundes etwa kritisierte die Organisatoren der documenta für "eine Reihe falscher Entscheidungen" - etwa die, keine jüdischen Künstler einzuladen. Das sei der Beginn einer Reihe von Fehlentscheidungen gewesen, "so dass sich die nun eingetretene Situation seit Wochen angekündigt und immer weiter zugespitzt hat", sagte Felix Klein. "Spätestens jetzt ist es dringend geboten, dass endlich der Dialog gesucht wird, unter anderem mit dem Zentralrat der Juden."

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Hier wird das umstrittene documenta-Banner abgebaut

Das umstrittene Banner hängt nur noch halb, Menschen stehen auf einem Gerüst und lösen es.
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Das Werk "People's Justice" des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi hatte für eine Welle der Empörung gesorgt, viele sahen darin antisemitische Motive. Die Verantwortlichen der documenta hatten zunächst entschieden, das Werk mit schwarzen Stoffbahnen zu verhängen. Am Dienstagabend wurde es dann ganz abgebaut - unter Buhrufen, Pfiffen und Klatschen von Zuschauerinnen und Zuschauern.

"Desaster für die documenta"

Der Gründungsdirektor des Kasseler Documenta-Instituts, Heinz Bude, verlangte indes weitergehende Konsequenzen bei der documenta gGmbH. Er kritisierte die documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann für ihre Kommunikationsarbeit, nachdem die Bilder mit antisemitischem Inhalt auf der Kunstausstellung entdeckt worden seien: "Es ist ein Desaster für die documenta entstanden und dafür muss man geradestehen. Der Bundespräsident hat zurecht gesagt, Verantwortung kann nicht outgesourced werden", sagte der Soziologe in der Sendung "Kulturzeit" auf 3sat.

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Dorn: "Wir müssen als Gesellschaft daraus lernen"

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Später am Dienstagabend sagte er bei einer Veranstaltung der Universität Kassel zum Thema "Holocaust und Postcolonial Studies" zudem, die Vorgänge seien "die größte Beschädigung der Marke documenta seit ihrem Bestehen". Dieses Fazit könne man schon jetzt ziehen.

Der Frankfurter Publizist Michel Friedman forderte am Dienstag im "Welt"-Nachrichtensender Schormanns Entlassung. Sie habe das Bild zunächst verteidigt, dann noch ein Gutachten einholen und nur einen Teil des Bildes verhängen wollen. "Dazu muss man deutlich sagen: Die Kunstfreiheit steht unter dem Vorbehalt, die Würde des Menschen ist unantastbar. Judenhass ist Menschenhass und damit ein Verstoß gegen Artikel 1 des Grundgesetzes." Personelle Konsequenzen forderte auch der Zentralrat der Juden in Deutschland in einer Mitteilung vom Mittwoch - ohne nähere Angaben zu machen.

"BDS keine friedliche Protestbewegung"

"Die documenta fifteen hat erneut bewiesen, dass die gegen Israel gerichtete BDS-Bewegung antisemitisch ist und deshalb auch konsequenter bekämpft werden muss", ergänzte der Beauftragte der Hessischen Landesregierung für Jüdisches Leben und den Kampf gegen den Antisemitismus, Uwe Becker. "Versuche, BDS als demokratische Plattform zur Diskussion des Nahostkonflikts zu bewerten oder gar als vermeintliche Menschenrechtsbewegung zu verharmlosen, müssen endlich aufhören. In BDS steckt das Ziel der Vernichtung Israels, und wer BDS fördert, unterstützt diese antisemitischen Kräfte willentlich oder fahrlässig."

Die BDS-Bewegung verberge ihre "anti-israelische Gesinnung hinter der Maske einer selbst erklärten Menschenrechtsorganisation" und erfahre nach wie vor zu viel Unterstützung. "Gerade auch aus den Bereichen Kunst, Kultur und Wissenschaft, weil zu viele sich in den wahren Zielen der Bewegung täuschen", so Becker. BDS sei keine friedliche Protestbewegung, sondern eine "Maschinerie der Einschüchterung, eine moderne Form des Terrors gegenüber Israel". Wer BDS unterstütze, solle keine öffentliche Bühne mehr erhalten.

Künstler hätten Bild erklären sollen

Der israelische Soziologe Natan Sznaider wiederum sagte bei der Diskussionsveranstaltung in Kassel, er hätte sich gewünscht, dass das Bild nicht entfernt würde. Antisemitismus sei ein integraler Bestandteil der Moderne, der nicht wegpädagogisiert werden könne. Juden müssten lernen, mit diesem Phänomen zu leben und damit umzugehen. Die Entfernung des Kunstwerkes löse das Problem nicht.

Er hätte es gut gefunden, wenn Vertreter der Künstlergruppe vor diesem "Bild der Schande" Besuchern erklärt hätten, was sie damit bezwecken wollten. "Es ist eine Illusion, dass man Antisemitismus aus dem öffentlichen Raum entfernen kann", begründete Sznaider, der unter anderem auch Mitherausgeber des Buches "Neuer Antisemitismus?" ist. Der Abbau sei feige, weil er sich nicht dem Problem stelle.

Seit Wochen Antisemitismus-Vorwürfe

Bei der am Samstag eröffneten documenta 15 war auf einem riesigen Wimmelbild der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi auf dem zentralen Friedrichsplatz in Kassel ein Mensch mit krummer Nase, spitzen Zähnen und einem Hut mit SS-Runen zu sehen, außerdem ein Mensch mit Schweinegesicht und einem Helm mit der Aufschrift Mossad, dem Namen des israelischen Geheimdienstes.

Schon im Vorfeld hatte es gegen das kuratierende Kollektiv Ruangrupa Antisemitismus-Vorwürfe gegeben. Teile des Leitungsteams und eingeladene Künstler sollen der BDS-Bewegung nahestehen. BDS steht für "Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen". Die Bewegung will Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren.

Die seit 1955 alle fünf Jahre in Kassel zu sehende documenta gilt als eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Die documenta 15 dauert bis zum 25. September.

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