Der Antisemitismus-Skandal hat die documenta 15 überschattet. Nun geht die Weltkunstschau nach 100 Tagen zu Ende. Trotz inakzeptabler Ausfälle und absolutem Führungsversagen hat sie bleibende Verdienste.

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Die documenta 15 geht zu Ende. Endlich? Ein Kommentar.

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Gut, dass diese documenta endlich vorbei ist. Dieser Stoßseufzer dürfte oft zu hören sein dieser Tage. In deutschen Feuilletons, in Politikredaktionen und in den sozialen Netzwerken. Viele haben den Stab gebrochen über die diesjährige Weltkunstschau. Einhelliger Tenor: Was für eine Schande. Und es spricht ja auch vieles für diese Sichtweise:

Der fast schon stoische Unwillen des Kuratorenkollektivs Ruangrupa zu verstehen, weshalb Antisemitismus gerade in Deutschland ein so sensibles Thema ist. Dann die atemberaubende Unfähigkeit der documenta-Geschäftsführung, ihrer Aufgabe nachzukommen, die Ausstellung in geordnete Bahnen zurückzubringen. Und schließlich eine öffentliche Diskussion, die zwischen Hysterie und Abwiegeln hin und her schwankte und sicherlich wenig zur Versachlichung beigetragen hat.

Dankbarkeit wäre angebracht

Und trotzdem sollten wir dankbar sein für diese documenta. Denn sie hat uns die Augen geöffnet in vielerlei Hinsicht. Zum einen hat sie gezeigt, dass das so hoch gepriesene Konzept des Kollektivs nichts anderes ist als organisierte Verantwortungslosigkeit. Weit und breit war niemand zu finden, der den Willen oder die Kraft gehabt hätte, das Debakel zu stoppen. Und es zeigte sich: Eine weltweit beachtete Kunstausstellung ist doch ein etwas komplexeres Unternehmen als die mittlerweile berühmte indonesische Reisscheune, auf die sich Ruangrupa mit ihrem Kollektiv-Konzept bezog.

Zum zweiten hat uns diese documenta aber auch die Augen geöffnet dafür, dass es im globalen Süden andere politische Vorstellungen und Werte gibt als bei uns. Das hätte man durchaus vorher wissen können, wenn wir uns denn in Deutschland etwas mehr für den Blick über den Tellerrand interessieren würden. Am Anfang freuten sich alle auf den angekündigten Perspektivwechsel, auf den Blick aus dem globalen Süden. Als der sich dann aber nicht darauf beschränkte, putzige Ethno-Kunst und exotisches Essen zu kredenzen, wurde es schnell ungemütlich.

Antisemitische Stereotype gehören offenbar dazu

Zumindest wissen wir jetzt, dass antisemitische Stereotype in vielen Regionen der Welt Teil des politischen Diskurses sind, und wenig bis gar nicht hinterfragt werden. Das wird in unserem Teil der Welt - zu Recht - als inakzeptabel angesehen. Und auch im globalen Süden wäre es vielleicht einen Gedanken wert, ob sich die gewünschte Dekolonialisierung und politische Emanzipation wirklich erreichen lassen, indem man andere Gruppen - in dem Fall Juden - in ihrer Gesamtheit herabwürdigt und beleidigt.

Künstlerische Freiheit im Süden hart erkämpft

Dass auf der anderen Seite Künstlerinnen und Künstler aus dem globalen Süden allergisch reagieren, wenn ihre künstlerische Freiheit eingeschränkt wird, sollte auch niemanden verwundern. Denn diese Freiheit ist im globalen Süden oft vor noch gar nicht allzu langer Zeit erkämpft worden. In aller Regel im Kampf gegen blutige Regime, die von genau dem globalen Norden unterstützt wurden, der jetzt auf Einhaltung ethischer Standards pocht.

Dass die documenta 15 dieses Spannungsfeld offen gelegt hat, ist ein bleibendes Verdienst. Ja, vieles ist aus dem Ruder gelaufen, vieles hätte anders gelöst werden können, viele Künstlerinnen und Künstler und ihre Positionen blieben unbeachtet ob der aufgeregten Debatte. Trotzdem war die documenta 15 keine "Ausstellung der Schande", sondern hoffentlich der Beginn einer notwendigen Auseinandersetzung.

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