Im Lübcke-Prozess beantwortet der Hauptangeklagte weitere Fragen der Anklage - und kann dabei zahlreiche Ungereimtheiten nicht aus der Welt schaffen. Es geht um Lichtverhältnisse, Laufwege und um den Mordversuch an einem Flüchtling.

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    Tag 11: Im Dunkeln

    Mitangeklagter Markus H. im Lübcke-Prozess

    Als Jan-Hendrik Lübcke in der Nacht auf den 2. Juni 2019 zu seinem Elternhaus zurückkehrte, konnte er nicht einmal erahnen, dass sein Vater tot auf einem Stuhl auf der heimischen Terrasse saß. Zwei Baustellenstrahler, die der heute 30-Jährige selbst am Balkon angebracht hatte, leuchteten die Einfahrt und ein Stück der angrenzenden Wiese aus. Eine Vorsichtsmaßnahme gegen Wildpinkler. Nur wenige hundert Meter entfernt fand an diesem Tag die Isthaer Kirmes statt. Der Lieblingssitzplatz von Walter Lübcke aber lag im Dunkeln, unterhalb der Strahler. Dort starb der Kasseler Regierungspräsident.

    Etwas überraschend muss Jan-Hendrik Lübcke an diesem Donnerstag noch einmal in den Zeugenstand treten. Auf dem Programm des 5. Strafsenats am Oberlandesgericht Frankfurt steht eigentlich die weitere Befragung des Hauptangeklagten Stephan Ernst durch die Bundesanwaltschaft. Doch deren Vertreter Dieter Kilmer will zuvor noch einmal erläutert haben, wie gut der Tatort beleuchtet war.

    Jan-Hendrik Lübcke gibt detailliert Auskunft, zeichnet auf einem Luftbild zwei Lichtkegel ein, die einen Großteil der Auffahrt und des Gartens der Lübckes abdecken. Für die Bundesanwaltschaft steht am 11. Prozesstag eine Frage im Mittelpunkt: Was genau geschah im Licht und was im Dunkeln?

    Aus dem Schatten in Lübckes Blickfeld

    In zwei seiner drei bisherigen Einlassungen zum Tatgeschehen hat Ernst behauptet, gemeinsam mit dem Mitangeklagten Markus H. gehandelt zu haben. Auch in der letzten, in der er die Verantwortung für den tödlichen Schuss auf Lübcke wieder übernahm. Gemeinsam habe man im Dunkeln gewartet, bis Lübcke auf der Terrasse erschienen sei. Dann habe man sich getrennt, um von zwei Seiten zuschlagen zu können. Ernst selbst will außerhalb des Lichtkegels auf einer angrenzenden Pferdekoppel gelauert haben, Markus H. im Schatten eines Gebüschs schräg gegenüber von Lübckes Sitzplatz. "Er sagte, dass er sich am Gebüsch aufstellt und halt guckt, ob jemand kommt", erinnert sich Ernst an die Absprache in der Tatnacht.

    Abgesprochen sei auch gewesen, dass H. das Signal zum Losschlagen geben soll. Tatsächlich habe H. sich dann als erster in Bewegung gesetzt. Auf einer weiteren Luftaufnahme, auf denen die Ermittler "augenscheinliche Laufspuren" auf der Pferdekoppel markiert haben, identifiziert Ernst seinen Weg und den von Markus H. Letzterer allerdings hätte durch den Lichtkegel eines der Strahler geführt - und ins direkte Blickfeld von Walter Lübcke.

    Björn Clemens, einer der Verteidiger H.s, weist als erster darauf hin, dass sich sein Mandant auf diese Weise selbst "präsentiert" hätte. "Das ist nicht im Sinne eines Täterplans", betont Clemens. Auch Oberstaatsanwalt Kilmer hat seine Zweifel. Warum sich H. nicht über die zwar auch ausgeleuchtete, aber für Walter Lübcke nicht einsehbare Einfahrt genähert habe, will er von Ernst wissen. Man sei eben von der Pferdekoppel gekommen. Der direkte Weg auf die Terasse sei "das Naheliegendste" gewesen.

    Ernst bringt sich in Position - Lübcke sieht zu

    Die Anklage scheint diese Antwort wenig zu überzeugen. Seit zwei Verhandlungstagen befragt sie Stephan Ernst mittlerweile. Und es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass es aus ihrer Sicht wenig bis keine Hinweise auf eine Anwesenheit von Markus H. am Tatort gibt. Und zahlreiche Ungereimtheiten vermag Ernst auch an diesem Prozesstag nicht überzeugend aufzuklären.

    Warum etwa hatte H. keine Handschuhe dabei, wenn er doch ebenfalls geplant haben soll, Lübcke körperlich anzugreifen? Sein Handy soll H. ebenso wie Ernst zu Hause gelassen haben, um eine nachträgliche Ortung zu verhindern. Für Ernsts Wagen, mit dem man angeblich zum Tatort fuhr, soll H. falsche Nummernschilder organisiert haben. Derselbe H. aber traf angeblich keine Vorkehrungen, um zu verhindern, dass seine DNA-Spuren am Tatort zurückbleiben.

    Auch Ernsts Schilderung des eigentlichen Tatgeschehens auf der Terrasse wirft weitere Fragen auf. Auf einer Visualisierung des Tatorts, die an diesem Donnerstag gezeigt wird, ist die Sitzposition Walter Lübckes durch einen gelben Umriss in Menschenform dargestellt, der in einem Stuhl sitzt. Ernst behauptet, dass H. etwa anderthalb Meter vor Lübcke gestanden hätte. Er selbst habe sich aus Lübckes Sicht von rechts genähert. Lübcke habe Anstalten gemacht, sich aufzurichten, woraufhin Ernst ihn in den Stuhl zurück gedrückt hätte. Dann sei er einige Schritte zurückgewichen. Als Lübcke ihn und H. anschrie, habe er geschossen.

    Das Problem dieser Version: Auf der Visualisierung stehen rechts von Lübcke, wo Ernst bei der Schussabgabe gestanden haben will, eine kleiner Tisch und ein weiterer Stuhl. Ernst hätte erst um diese herumgehen und sich wieder in Position bringen müssen. Und Walter Lübcke hätte in dieser Zeit nichts getan als abzuwarten.

    Mysteriöses Wärmebild

    Man muss Ernst allerdings zugute halten, dass er noch bevor dieser Punkt zu Sprache kommt, erklärt, sich an Stuhl und Tisch nicht erinnern zu können. Wie die Möbel auf der Terrasse zum Tatzeitpunkt tatsächlich aufgestellt waren, lässt sich kaum mehr rekonstruieren. Jan-Hendrik Lübcke hatte bei seiner Befragung erklärt, dass er selbst und später auch die Besatzung des herbeigerufenen Rettungswagens Möbel verrückt hätten, um Wiederbelebungsmaßnahmen durchzuführen.

    Eine mögliche Erklärung. Für andere Widersprüche jedoch fehlen diese in Gänze. Auf einer Wärmebildkamera Ernsts etwa wurde eine Aufnahme von Lübckes Haus gefunden. Laut Ernsts Aussage entstand sie erst am Tatabend - versehentlich. Eigentlich habe er nur durch den Sucher gucken wollen, um Personen im Dunkeln ausmachen zu können. Ein Gutachter allerdings kommt zu dem Schluss, dass das Bild bereits am Abend des 31. Mai 2019 entstand - 24 Stunden vor der Tat.

    Ein Tag im Januar

    Schließlich ist da noch eine Aussage Ernsts, die nicht den Anschlag auf Lübcke, sondern den versuchten Mord an dem Flüchtling Ahmed I. im Januar 2016 betrifft. I. war in Lohfelden von einem Unbekannten mit einem Messer in den Rücken gestochen und lebensgefährlich verletzt worden. Der Fall schien unaufgeklärt zu bleiben, bis Ermittler in Stephan Ernsts Wohnung ein Messer mit DNA-Spuren faden, die möglicherweise zu Ahmed I. passen. Näheres muss ein Gutachten klären.

    Ernst bestreitet die Tat. In seiner ersten Vernehmung vom Juni 2019 allerdings berichtet er von einem anderen Geschehnis. Nach den massenhaften sexualisierten Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof in der Neujahrsnacht 2016 will er so in Rage gewesen sein, dass er einen Mann, den er als Ausländer identifizierte, wüst beschimpft und bedroht haben will. Zudem habe er Wahlplakate von SPD und Grünen zertreten. In der ersten Vernehmung konnte Ernst sich sogar noch an das genaue Datum erinnern: 6. Januar 2016 - der Tag des Anschlags auf Ahmed I.

    Bereits am 10. Prozesstag hatte die Bundesanwaltschaft wissen wollen, wie er ausgerechnet auf dieses Datum gekommen sei. Ernst behauptete, es sei "aus der Luft" gegriffen. Und dass er eigentlich "1.6." statt "6.1." habe sagen wollen. Der Vorfall hätte sich demnach erst ein halbes Jahr nach den Übergriffen von Köln ereignet. "Sechs Monate später regt sich doch niemand mehr darüber auf", fasst der Vorsitzende des Senats, Thomas Sagebiel, seine Zweifel zusammen. Zudem dürften im Sommer 2016 nicht mehr all zu viele Wahlplakate in der Öffentlichkeit gehangen haben. Die einzigen Wahlen, die 2016 in Hessen stattfanden, waren die Kommunalwahlen - im März.

    Dreieinhalb Prozesstage steht Stephan Ernst mittlerweile Rede und Antwort. Erst dem Gericht, dann der Anklage. Mit jedem Tag verfestigt sich der Eindruck, dass noch zahlreiche Details im Dunkeln sind - und dort wohl auch bleiben sollen. Fragen der Vertreter von Ahmed I. will Ernst ebenso wenig beantworten, wie die der Verteidiger von Markus H. Letztere stellen diese am Donnerstag dennoch - pro forma. Die einzige Antwort, die sie erhalten, ist Schweigen. Ein "Teilschweigen", wie die zweite Verteidigerin von Markus H., Nicole Schneiders, einordnet: "Und ein Teilschweigen kann gewertet werden."

    Erneut Aufregung um Fernsehbeitrag

    Der Verhandlungstag endet schließlich mit der Vorführung des umstrittenen Fernsehbeitrags des Magazins "STRG_F", in dem Teile aus Ernsts erster Vernehmung vom Juni 2019 gezeigt wurden. Richter Sagebiel lässt es sich nicht nehmen, seine persönliche Meinung zum Vorgehen der Redaktion kundzutun: "Das war die Befriedigung öffentlichen Voyeurismus auf Regenbogenniveau." Manche Urteile werden eben schon vor Ende des Prozesses gefällt. Auch Ernsts Verteidiger Mustafa Kaplan verurteilt die Veröffentlichung. Er spricht von einer "dauerhaften Prangerwirkung", die von dem Video ausgehe.

    Seit der Veröffentlichung vor zwei Wochen ist viel darüber spekuliert worden, wer die Vernehmungsvideos an die Journalisten weitergeleitet hat. Kaplan hat einen Verdacht: Seine Recherchen hätten ergeben, dass Teile der Ermittlungsakte im Fall Ernst an Anwälte eines anderen Verfahrens weitergegeben wurden. Von der Bundesanwaltschaft erwartet er nun eine dienstliche Erklärung. Diese soll am nächsten Verhandlungstag, kommenden Mittwoch, folgen. Seine Quelle verrät Kaplan allerdings nicht - auch sie bleibt vorerst im Dunkeln.

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    Tag 10: Ein Spiel mit der Psyche

    Richter Sagebiel sitzt im Gerichtssaal.

    Nach nicht einmal der Hälfte der angesetzten Prozesstage ist das erste Urteil über den Hauptangeklagten bereits gefällt. Kein strafrechtliches wohlgemerkt, aber doch eines, das für den weiteren Fortgang des Prozesses um den Mord an Walter Lübcke von Bedeutung ist. Er habe bei seiner immerhin neunstündigen Exploration des Hauptangeklagten Stephan Ernst keine psychiatrische Erkrankung oder psychische Störung feststellen können, erklärt Norbert Leygraf. Der Münsteraner ist Neurologe und Psychologe, er fungiert im Lübcke-Prozess als Gutachter.

    Sein Auftritt an diesem zehnten Verhandlungstag kommt etwas verfrüht. Eigentlich sollte der Professor erst zum Ende des Prozesses hin eine Einschätzung zur psychischen Disposition Ernsts geben. An diesem Montag jedoch präsentiert er auf Antrag der Verteidigung des Mitangeklagten Markus H. ein Kurzgutachten zur Aussagetüchtigkeit des 47-Jährigen. Genauer gesagt zu der Frage, ob diese in einem gesonderten Gutachten bewertet werden müsse.

    Die Antwort ist eindeutig. "Unter psychiatrischen Gesichtspunkten besteht keine Notwendigkeit für ein aussagepsychologisches Gutachten", erklärt Leygraf.

    Weshalb ändert Ernst seine Version so oft?

    Auf gut Deutsch: Nach Ansicht des Gutachters weiß Stephan Ernst genau, was er erzählt. Auch wenn Leygraf angesichts des Schlingerkurses von Ernsts bisherigen Aussagen zu dem Schluss kommt, dass es auf der Hand liege, "dass ein Teil der gemachten Aussagen nicht erlebnisfundiert sein können". Sprich: dass Ernst gelogen hat. Keine Neuigkeit. Aber über die Motivation für Ernsts Verhalten, der den Mord an Lübcke zunächst gestand, dieses Geständnis dann zurückzog und stattdessen Markus H. belastete, um dann am achten Tag der Hauptverhandlung doch wieder zu gestehen, herrscht nach wie vor Uneinigkeit.

    Für den Vertreter der Bundesanwaltschaft, Dieter Kilmer, steht fest, dass hinter Ernsts widersprüchlichen Einlassungen "ein prozessual-taktisches Verhalten" steckt. Die Verteidigung von Markus H. indes, auf deren Betreiben Leygraf seine Einschätzung abgeben musste, versucht die psychische Verfassung des Hauptangeklagten in den Mittelpunkt zu rücken - und dadurch den Wert seiner Aussagen gänzlich in Zweifel zu ziehen. Denn für ihren Mandanten sind diese nach wie vor alles andere als zuträglich.

    "Abschaum von Volksverrätern"

    Über der gesamten Befragung Stephan Ernsts durch das Gericht steht die Leitfrage, welche seiner Tatversionen der Wahrheit am nächsten kommt. Für Beobachter gerät dies leicht außer Blick angesichts der Kleinteiligkeit, mit der Ernsts Aussagen von den Mitgliedern des 5. Strafsenats am Frankfurter Oberlandesgericht seziert werden.

    Da sind die Nachfragen zum Verlauf der Bürgerversammlung in Lohfelden, bei der Walter Lübcke die Sätze sprach, die ihn im wahrsten Sinne des Wortes zur Zielscheibe von Ernst machen sollten: "Ich würde sagen, es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten. Und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist." Markus H. filmt diesen Moment. Später lädt er ihn ins Internet hoch. Das nicht einmal einmütige Video wird an diesem Montag noch einmal vorgeführt. "Ich glaub's nicht!" und "Verschwinde!" schreit eine Männerstimme. Stephan Ernst macht seiner Wut Luft.

    Dieser Moment ist eine Art Initialzündung für den sich immer weiter verstärkenden Hass auf den Kasseler Regierungspräsidenten. Das Gericht will von Ernst wissen, ob er das Video anschließend geteilt habe. Das tat er. Mit Arbeitskollegen und seiner Mutter. Dieser schickte er den Link aufs Handy mit dem Kommentar: "Da siehst Du wie weit sich dieser Abschaum von Volksverrätern von uns entfernt hat."

    Fetisch für NS-Devotionalien

    Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Rolle, die Ernst seinem Mitangeklagten zuweist, in allen drei Aussagen konsistent. Ein Freund und Gesinnungsgenosse, der die Wut auf "die da oben" teilte. In der zweiten und der dritten Tatversion aber übernimmt Markus H. die Rolle der treibenden Kraft hinter den Anschlagsplänen auf Lübcke. Bereits 2016 will Ernst gemeinsam mit ihm das Wohnhaus der Lübckes ausgespäht haben.

    Es folgten weitere Observierungen - gemeinsam oder jeweils allein. Aus der Idee eine Scheibe einzuschmeißen, das Haus zu besprühen oder Lübckes Auto zu zerstören, sei nach und nach der Plan erwachsen, den CDU-Politiker auch körperlich anzugreifen. Spätestens im September 2018, nach der Rückkehr von einer AfD-Demo in Chemnitz, habe der Entschluss gestanden. Im April 2019 sei dann bei einem Treffen zwischen beiden vereinbart worden, auf Lübcke zu schießen. So schildert es Ernst inzwischen.

    Das Bild, das er auf Nachfrage von seinem ehemaligen Freund zeichnet, ist alles andere als schmeichelhaft. Ideologisch verortet er ihn "in Richtungs Reichsbürger". Markus H. sei der Ansicht gewesen, dass die BRD kein souveräner Staat, die Regierung "keine richtige Regierung" sei, fasst es Ernst zusammen. Über den Holocaust habe H. behauptet, dass dieser "übertrieben" dargestellt werde. Zudem hätte er einen "Fetisch" für NS-Devotionalien gehabt. Fotos aus H.s Wohnung scheinen zumindest den letzten Punkt zu belegen. Neben einschlägiger Literatur sind auch Zinnfiguren zu sehen. Eine davon stellt einen SS-Offizier mit zum Hitlergruß erhobenen Arm dar. Auf seinem Schreibtisch soll H. zudem einen gebrauchten Zyklon-B-Kannister als Stifthalter benutzt haben.

    Erste Vernehmung als Basis

    Trotz der angeblich zentralen Rolle, die H. beim Anschlag auf Lübcke eingenommen haben soll, hatte Ernst ihn in seiner ersten Einlassung im Juni 2019 zumindest aus dem unmittelbaren Tatgeschehen herausgehalten. Diese erste Vernehmung, von der sich Ernsts Verteidigung wünschen dürfte, dass sie keine Beachtung mehr findet, dient dem Gericht und Bundesanwaltschaft immer noch als Vorlage, anhand derer Ernsts Einlassungen auf Widersprüche abgeklopft werden.

    Und davon sind weiterhin zahlreiche nicht befriedigend aufgeklärt. Ernst hatte erklärt, dass ihn sein erster Verteidiger, der in der rechtsextremen Szene bekannte Dirk Waldschmidt, überredet habe, Markus H. nicht zu belasten. "Die BRD-Eliten" würden ihn so oder so "fertig machen und verrotten lassen", soll Waldschmidt gesagt haben. Doch es gebe Unterstützer, die Ernst und seiner Familie beispringen würden - unter der Bedingung, dass er H. nicht mit der Sache in Verbindung bringe. Ganz gelungen ist ihm das nicht. Tatsächlich taucht H. auch in der ersten Vernehmung auf. Nicht nur im Zusammenhang mit der Bürgerversammlung in Lohfelden, sondern auch als derjenige, der Ernst in Kontakt mit dem Waffenhändler Elmar J. brachte.

    Unverständlich ist für das Gericht etwa, dass Ernst, wenn er denn H. schützen wollte, ihn so in den Fokus der Ermittler rückte. Ernst behauptet, ihm sei es bereits damals wichtig gewesen, dass seine und H.s Waffen sichergestellt werden: "Ich wollte, dass das mit den Waffen bekannt wird. Dass mit den Waffen nichts mehr passiert."

    Ebenfalls in der ersten Vernehmung hatte Ernst erklärt, bereits vor dem Anschlag 2019 zweimal mit geladener Waffe an Lübckes Haus gestanden zu haben. Auch davon will er nichts mehr wissen. "Ich habe übertrieben", betont Ernst. "Ich wollte, dass man mich für durchgeknallt hält." Bereits in seiner zweiten Vernehmung im Januar 2020 hatte er davon gesprochen, dass er den "Psycho-Nazi" gespielt habe. "Vielleicht", sagt Ernst schließlich, "kann das ein Psychologe besser erklären als ich".

    Ernst wirkt alarmiert

    Die Zuschauer erleben an diesem Montag bei der Befragung einen Hauptangeklagten, der, zumindest in der zweiten Hälfte - als die Bundesanwaltschaft ihn mit immer weiteren Nachfragen in Erklärungsnot bringt - erstmals nicht nur benommen wirkt. In Ernsts Stimme, die sonst zwar klar, aber monoton klingt, liegt zum ersten Mal so etwas wie Emotion. Ernst wirkt plötzlich wach und alarmiert. Der Hauptangeklagte merkt, wenn er in die Ecke gedrängt wird. Sein Verteidiger Mustafa Kaplan protestiert mehrfach gegen aus seiner Sicht unangemessene oder bereits beantwortete Fragen.

    "Das ist schon ein Psycho-Stück, das für uns nicht ganz nachvollziehbar ist", sagt der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel nach etwa der Hälfte der Befragung. Der Ausspruch bezieht sich auf Ernsts Aussageverhalten in der ersten Vernehmung. Er würde sich aber auch gut als Resumée dieses zehnten Prozesstages eignen.

    Die Befragung von Stephan Ernst wird am Donnerstag, 13. August, fortgesetzt.

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    Tag 9: Knapp vorbei an der terroristischen Vereinigung

    Zeichnung von S. Ernst, dessen Anwalt und einem Beamten im Gerichtssaal.

    Eine wesentliche Aufgabe des Strafverteidigers besteht darin, seinen Mandanten davor zu schützen, sich um Kopf und Kragen zu reden. Mustafa Kaplan kann davon inzwischen ein Lied singen. Wäre sein Mandant ein Schwimmer, dann könnte man an diesem Freitag davon sprechen, dass Kaplan ihm im letzten Moment den Rettungsring zugeworfen hat. Denn um ein Haar hätte der Hauptanklagte im Lübcke-Prozess, Stephan Ernst, sich selbst der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung bezichtigt.

    Was wusste Alexander S. ?

    Der Rettungsring ist in diesem Fall die Unterbrechung zum Zwecke der Rücksprache mit seinem Mandanten. Zuvor hatte Ernst bereits gut zwei Stunden lang Fragen zu seiner Biografie, seiner Beziehung zum Mitangeklagten Markus H. und den Absprachen vor dem Anschlag auf Walter Lübcke beantwortet. Nun geht es um die gemeinsame Kommunikation über den Messengerdienst Threema.

    Dass die beiden Angeklagten den als besonders sicher geltenden Dienst nutzten, war schon länger bekannt. Ebenso, dass beide noch einen dritten Chatpartner hatten: Alexander S., langjähriger Aktivist der NPD und der rechtsextremen Freien Kräfte Schwalm-Eder. S. soll nach Recherchen des hr auch mit Markus H. an scharfen Waffen trainiert haben. Nun möchte der beisitzende Richter Christoph Koller wissen, was der Inhalt der Threema-Chats zwischen Stephan Ernst und S. gewesen sei.

    Es sei auch um politische Themen gegangen, gibt Ernst zunächst zu Protokoll. "Haben Sie mit Herr S. auch über den Herrn Lübcke gechattet?", hakt Adlhoch nach. "Ja", antwortet Ernst und lässt damit den ganzen Sitzungssaal am Frankfurter Oberlandesgericht aufhorchen. Als die Richterin wissen will, ob auch die Vorbereitungen zum mutmaßlichen Mord an Lübcke Gesprächsthema zwischen Ernst und S. waren, ruft Ernst nach dem Rettungsring. "Ich würde mich da gerne mit meinem Anwalt besprechen."

    Kehrtwenden nach Rücksprache

    Die Verteidigung hatte am 8. Prozesstag entschieden, Ernst selbst Fragen des Gerichts und der Familie Lübcke beantworten zu lassen. Diese Entscheidung entpuppt sich bereits jetzt als Vabanque-Spiel. Denn das Aussageverhalten des Angeklagten bestärkt nicht gerade die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen. Bereits am letzten Prozesstag hatte er sich bei der Frage, ob der tödliche Schuss auf Lübcke mit seinem mutmaßlichen Mittäter Markus H. abgesprochen war, in Widersprüche verwickelt.

    Im von seinem Anwalt verlesenen Geständnis hatte er dies bejaht, auf Nachfrage des Gerichts dann erst bestritten und schließlich - nach Rücksprache mit seinem Anwalt - erklärt, dass vereinbart gewesen sei, "auf jeden Fall auf Herrn Lübcke zu schießen". Und auch an diesem neunten Prozesstag folgt auf die Rücksprache mit seinem Anwalt eine Kehrtwende. Plötzlich sollen die Chats mit S. gänzlich unpolitisch gewesen sein. Es sei "um technische Sachen" gegangen, bei denen er S. geholfen habe, so Ernst. Lübcke sei nie Thema gewesen.

    Es ist ein heikler Moment. Hätte Ernst zugegeben, dass es einen dritten Mitwisser gibt, hätte der 5. Strafsenat sich mit der Frage befassen müssen, ob Ernst, H. und S. eine terroristische Vereinigung nach §129a Strafgesetzbuch gebildet haben. Diese Selbstbelastung haben Ernst und Kaplan im letzten Moment umschifft.

    Lügen und lügen lassen

    Was nicht heißt, dass der Verdacht nicht weiterhin im Raum stünde. Denn zwar haben Ernst und H. ihre Threema-Chats miteinander und mit S. restlos gelöscht, doch nach Informationen des NDR soll S. in seiner Vernehmung zu Protokoll gegeben haben, am Vormittag des Tattags mit H. noch einen Flohmarkt besucht zu haben. Nur wenige Stunden vor Lübckes Tod hatten beide noch telefoniert.

    Und auch bei anderen Personen aus Ernsts Umfeld stellt sich die Frage, wie viel sie gewusst haben. Seinen Arbeitskollegen L., dem er zuvor bereits Waffen verkauft hatte, überredete er am Tag nach der Tat, Schmiere zu stehen, während er seine illegale Waffensammlung auf dem Gelände des gemeinsamen Arbeitsgebers vergrub - darunter die Tatwaffe, eine Rossi-Revolver Kaliber 38. Die Nachricht von Lübckes Tod war da längst durch die Medien gegangen. "Er kannte meine Vorgeschichte", sagt Ernst. "Ich habe ihm gesagt, dass ich mir Sorgen mache, dass es zu einer Hausdurchsuchung kommen könnte." Mehr will er L. nicht verraten haben.

    Auch sein Kollege und Freund A. sei nicht im Bilde gewesen, betont Ernst. Ihn hatte der Hauptangeklagte gebeten, ihm ein Alibi für die Tatnacht zu verschaffen. "Ich habe gesagt, ich habe mich mit jemandem eingelassen und Blödsinn gemacht." A. sollte gegenüber der Polizei behaupten, den Abend mit Ernst an der Orangerie in Kassel verbracht zu haben. A. stimmte zu.

    Noch lange nicht die volle Wahrheit

    Stephan Ernst, so viel wird aus diesen Aussagen deutlich, scheute nicht davor zurück, andere Menschen anzulügen, um sich selbst aus dem Fokus der Ermittler zu nehmen. Doch seiner Glaubwürdigkeit noch abträglicher sind zahlreiche kleine Widersprüche in seiner Erzählung - vor allem wenn es um die Rolle von Markus H. geht.

    Alles in allem verfestigt sich der Eindruck, dass auch nach seinem dritten Geständnis noch lange nicht die volle Wahrheit auf dem Tisch liegt. Und dass das Gericht sie von ihm jemals zu hören bekommt, darf inzwischen ebenfalls bezweifelt werden.

    Hinweis: In einer ersten Version dies Blogeintrags hatten wir geschrieben, dass Ernst seine Aussage auf Nachfrage des Gerichts noch dahingehend verschärft hätte, dass er und H. bereits bei einem Gespräch im April 2019 übereingekommen wären, auf Lübcke zu schießen. Tatsächlich hatte er bereits in seiner Einlassung am 8. Prozesstag zu Protokoll gegeben, dass der Einsatz der Waffe ab April 2019 in Betracht gezogen worden sei.

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    Tag 8: Die Kehrtwende

    Die Illustration zeigt Stephan Ernst und einen Vollzugsbeamten im Gerichtssaal.

    Es gibt Momente, in denen Zuschauer den Eindruck haben können, dass Schweigen ein Geräusch hervorruft. Etwa dann, wenn ein Angeklagter vor Gericht nicht recht weiß, was er antworten soll. Stephan Ernst ist so ein Angeklagter, dessen Schweigen man hören - oder besser gesagt fühlen - kann. Eine Stille, die das Eingeständnis enthält, nicht zu wissen, was man in diesem Moment sagen soll. In den Vernehmungsvideos, die bereits in den Prozess eingeführt wurden, gab es solche Momente beredter Stille zuhauf. An diesem Mittwoch, dem 8. Verhandlungstag im Prozess um die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU), konnte das Gericht einen solchen Augenblick zum ersten Mal live erleben.

    Es ist das entschiedene Nachfragen der beisitzenden Richterin Miriam Adlhoch, das Ernst unbeabsichtigt zum Schweigen bringt. Dabei ist die Nachricht des Tages, dass der Hauptangeklagte spricht. Zum Auftakt des Prozesstages hatte Ernst nämlich ein neuerliches und lange erwartetes Geständnis abgelegt - beziehungsweise ablegen lassen. Sein Verteidiger Mustafa Kaplan hatte die Einlassung verlesen, in der Ernst zugibt, am 1. Juni 2019 den tödlichen Schuss auf den Kasseler Regierungspräsidenten abgefeuert zu haben - in voller Absicht. Seine bis zu diesem Verhandlungstermin letzte Einlassung, wonach der Mitangeklagte Markus H. Lübcke "aus Versehen" erschossen habe, ist damit hinfällig.

    Was war mit Markus H. abgesprochen?

    Es wäre falsch zu sagen, dass Ernst Markus H. entlastet. Ernst behauptet weiterhin, dass er und H. sich am Abend des 1. Juni an einer Waschanlage unweit von Lübckes Wohnort Istha getroffen hätten, von wo aus sie mit Ernsts Wagen zum Haus des CDU-Politikers gefahren seien. Dort hätten sie gewartet, bis Lübcke auf die Terrasse kam und seien schließlich auf ihn zugegangen. Beide hätten ihn angesprochen und bedroht. Als Lübcke sie anschrie, will Ernst aus etwa einem Meter Entfernung geschossen haben.

    Die Nachfrage von Richterin Adlhoch, die Ernst erst zum Lavieren und dann zum Schweigen bringt, betrifft den gemeinsamen Tatentschluss. War vorab verabredet worden, dass auf Lübcke geschossen werden solle? In dem von seinem Verteidiger vorgetragenen Statement war noch die Rede davon, dass der Einsatz der mitgeführten Pistole von Beginn an "eine Alternative" gewesen sei, die beide in Betracht zogen. Markus H. wird in der Einlassung mit den Worten zitiert: "Wenn er blöd kommt, schießt Du!"

    Als Ernst den Tatablauf am Richterpult anhand von Luftbildaufnahmen des Tatorts rekonstruiert, klingt das alles nicht mehr ganz so klar. Jetzt muss er selbst reden. Ernst spricht mit einer Stimme, die etwas zu jugendlich für einen 47-Jährigen klingt und etwas zu schüchtern für einen kaltblütigen Mörder. Ob ein gezielter Schuss in den Körper oder den Kopf abgesprochen gewesen sei, will Richterin Adlhoch wissen. Ernst schweigt erst. Dann sagt er: "Das war nicht vorher verabredet." Damit ist die Verwirrung komplett. Und Ernst schweigt wieder.

    Doch das Schweigen währt nicht lange. Die Verhandlung wird für fünf Minuten unterbrochen. Ernst berät sich mit seinen Anwälten. Dann die endgültige Erklärung: "Es war vereinbart, auf jeden Fall auf Herrn Lübcke zu schießen."

    Der Mitangeklagte als treibende Kraft

    Viele Beobachter hatten für diesen Prozesstag ein erneutes Geständnis erwartet, nachdem Ernst sich seines Pflichtverteidigers Frank Hannig entledigt hatte. Doch was die Öffentlichkeit zu hören bekommt, ist gleichermaßen eine Anklage. Etwa gegen seinen Vater, den Ernst in seiner Einlassung als cholerischen Alkoholiker beschreibt, der ihn und seine Mutter aus nichtigen Anlässen brutal zusammenschlug und seine Kindheit in eine "Hölle aus Gewalt, Jähzorn und Einsamkeit verwandelte". Einziger gemeinsamer Bezugspunkt sei der Hass auf Ausländer gewesen, den er von seinem Vater übernommen habe.

    Fast die Hälfte von Ernsts Einlassung ist eine Schilderung seiner Vita. Man könnte auch sagen, der Versuch einer Erklärung - wenn nicht Rechtfertigung - seiner einschlägigen Gewalttätigkeit. Ernst wirkt während der Ausführungen seines Anwalts wie so oft in diesem Prozess benommen. Sein leerer Blick und die ausdruckslose Mimik lassen Resignation erahnen, ein Hauch von Aufgeben angesichts der Unabänderlichkeit des Geschehens, das sich vor ihm entfaltet. Ernst sieht aus, als wäre er zu Gast auf seiner eigenen Beerdigung.

    Eine Art Vaterfigur oder Mentor sei auch Markus H. für ihn gewesen, lässt Ernst erklären. In seiner neuesten Aussage erscheint H. erneut als treibende Kraft hinter dem Angriff auf Lübcke. H. habe ihn agitiert, die politischen Themen in ihren Gesprächen bestimmt: die drohende Islamisierung Deutschlands, das Aussterben der Deutschen, der unvermeidliche Bürgerkrieg. Gemeinsam hätten sie Lübckes Haus mehrfach ausgespäht. Zunächst hätte man den Plan gehabt, das Auto des Regierungspräsidenten zu demolieren und einen Drohbrief zu hinterlassen. Doch irgendwann sei man zu dem Entschluss gekommen, dass das als "Bestrafung" nicht ausreicht.

    Die Aussage von Ernst hat es in sich für den Mitangeklagten H. Bislang wird ihm Beihilfe zum Mord vorgeworfen. Sollte das Gericht der nun eingeführten Version von Ernst folgen, wäre H. plötzlich Mittäter eines gemeinschaftlich begangenen Mordes.

    Ex-Anwälte in schlechtem Licht

    Allerdings sind die Indizien für eine direkte Tatbeteiligung von Markus H. bislang zumindest dünn. Ernst gibt zu Protokoll, dass H. nach der Tat mit seinem eigenen Wagen noch mit zu Ernsts Wohnhaus gefahren sei, um ein Gewehr mitzunehmen und zu verstecken. Ernsts Frau hatte tatsächlich ausgesagt, dass sie in der Nacht ein zweites Auto habe wegfahren hören, nachdem ihr Mann zurückgekehrt war.

    Zudem hatte Oberstaatsanwalt Dieter Killmer in einem der Vernehmungsvideos berichtet, dass H. sich nach seiner Verhaftung überrascht gezeigt hätte, nur der Beihilfe bezichtigt zu werden. Was mit dem Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung sei, soll dieser gefragt haben. Beweise für H.s Anwesenheit am Tatort sind bislang nicht bekannt.

    Videobeitrag

    Video

    zum Video Lübcke-Prozess: Ernst legt Geständnis ab

    hs
    Ende des Videobeitrags

    Auch von seinen ehemaligen Anwälten Dirk Waldschmidt und Frank Hannig zeichnet Ernst ein alles andere als schmeichelhaftes Bild. Ersterer habe ihm nahegelegt, Markus H. aus der Geschichte herauszuhalten und ihn mit finanzieller Unterstützung für seine Familie geködert. Auf Hannig wiederum soll seine zweite Aussage zurückgehen, in der er Markus H. für den tödlichen Schuss auf Lübcke verantwortlich machte. Die Idee sei gewesen, Markus H. zu einer Aussage zu bewegen. Hannig selbst wird zu diesen Vorwürfen nicht gehört werden können. Verteidiger Kaplan kündigte bereits an, diesen nach seiner Abberufung nicht von seiner anwaltlichen Verschwiegenheitspflicht entbinden zu lassen.

    Empörung über Veröffentlichung der Vernehmungsvideos

    Die neuerliche Kehrtwende in seiner Aussage bedeutet nicht, dass Ernsts bisherige Einlassungen - die Vernehmungsvideos - für den Prozess keine Rolle mehr spielen. Zu Beginn des Prozesstages sind sie sogar Anlass für einen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Thomas Sagebiel. Mitte letzter Woche hatte das Online-Format "STRG_F" Auszüge der Videos veröffentlicht. Die Verteidigung von Markus H. macht Richter Sagebiel nun zum Vorwurf, gleichgültig reagiert zu und nichts unternommen zu haben, um die vermeintlich urheber- und strafrechtlichen Verstöße des ARD-Formats zu ahnden.

    Dabei sind sich die Juristen in ihrem Urteil über die Veröffentlichungspraxis von "STRG_F" einig. Als "bedenklich" bezeichnet sie Richter Sagebiel in einem Schreiben an die Verteidigung von Markus H. Der Vertreter des Nebenklägers Ahmed I., Alexander Hoffmann, sprach gar von einer "Sauerei"; der Anwalt der Familie Lübcke, Holger Matt, findet den Vorgang "unsäglich". Ernsts Verteidiger Mustafa Kaplan kündigte an, eine Vorführung des Berichts zu beantragen.

    Während man sich am OLG Frankfurt also in der Beurteilung eines journalistischen Formats einig zu sein scheint, dürfte die neue Aussage des Hauptangeklagten von allen Seiten äußerst unterschiedlich bewertet werden. Insbesondere im Hinblick auf ihre Glaubwürdigkeit. Der Prozess wird am Freitag, 7. August, fortgesetzt.

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    Tag 7: "Damit werden wir niemals fertig"

    Illustration zum Blog über Lübcke-Prozess

    Der letzte Tag im Leben des Walter Lübcke verlief bis zum Abend denkbar unspektakulär. Am Morgen hatte der Kasseler Regierungspräsident einen Vorführwagen abgeholt, mit dem er und seine Frau Irmgard Braun-Lübcke in einen Kurzurlaub fahren wollten. Das einjährige Enkelkind - das Kind von Sohn Christoph und seiner Frau - sollte an diesem Samstag erstmals bei ihnen alleine übernachten.

    Davor: Gartenarbeit. Walter Lübcke trägt eine graue Latzhose, ein kariertes Hemd und Sandalen. Sein Gartenoutfit. Er trägt es noch immer, als ihn sein Sohn Jan-Hendrik in der Nacht auf den 2. Juni 2019 tot auf der Terrasse seines Wohnhauses in Wolfhagen-Istha auffindet.

    Bis zu diesem 7. Verhandlungstag bestand der Prozess um den mutmaßlichen Mord an Walter Lübcke im wesentlichen aus prozessualen Anträgen und den auf Video aufgezeichneten Einlassungen des Hauptangeklagten Stephan Ernst. An diesem Dienstag jedoch wird am Oberlandesgericht Frankfurt erstmals ein Zeuge vernommen: der jüngere Sohn des Getöteten.

    Kirmestrubel als Deckung

    Jan-Hendrik Lübcke und sein älterer Bruder Christoph haben den Prozess bislang schweigend verfolgt, den Blick stumm auf den Angeklagten gerichtet, der im Verdacht steht, ihren Vater aus rechtsextremen Motiven ermordet zu haben. Nun muss der 30-Jährige in den Zeugenstand und für die Öffentlichkeit rekapitulieren, was er vorfand, als er am 2. Juni letzten Jahres gegen 0.30 Uhr in das elterliche Wohnhaus zurückkehrte.

    Es war Kirmestag in Wolfhagen-Istha. Der Festplatz grenzt unmittelbar an das Grundstück der Lübckes an. Zwei, drei Gehminuten sind es bis zum Festzelt. Die Gebrüder Lübcke besuchen mit Freunden das Fest. Das Elternhaus ist so nahe, dass man auf der Terrasse noch jedes Wort verstehen kann, das auf der Bühne im Festzelt gesprochen wird. Das weiß auch der Hauptangeklagte Stephan Ernst. In allen Vernehmungen hat er erklärt, sich bewusst den Kirmestag ausgesucht zu haben, um Walter Lübcke aufzulauern. Ohne Tötungsabsicht - wie er mittlerweile behauptet. Trubel und Lärm sollten ihm Deckung für sein Vorhaben geben.

    Jan-Hendrik Lübcke lebt mit seinen Eltern unter einem Dach. Er und seine schwangere Frau wohnen im Ober-, seine Eltern im Erdgeschoss des Hauses. Als er gegen 0.24 Uhr von der Kirmes zurückkehrt, wundert er sich zunächst, dass die Terrassentür erkennbar offen steht und Licht in der angrenzenden Küche brennt. Als er wenige Minuten später auf die Terrasse tritt, sieht er seinen Vater an seinem üblichen Platz im Sessel sitzen. Der Kopf ist zurückgefallen. Zwischen den Fingern der linken Hand hängt eine nicht abgebrannte Zigarette. "Komm Papa! Bist eingenickt", ruft Jan-Hendrik seinem Vater zu.

    Vergebliche Wiederbelebung

    Doch Walter Lübcke reagiert nicht. Auch nicht als sein Sohn ihn am Arm greift. "Hier ist was passiert", dämmert es Jan-Hendrik Lübcke in diesem Moment. Der erste Verdacht: Herzinfarkt. Der Sohn wählt den Notruf und bekommt per Handy Anweisungen, um eine Wiedebelebung an seinem Vater durchzuführen.

    Jan-Hendrik Lübcke sieht aus wie die jugendliche Version seines Vaters. Deutlich schlanker zwar und mit glatteren, langsam zurückweichenden Haaren, aber unverkennbar der Sohn des getöteten CDU-Politikers. Die meiste Zeit berichtet er überraschend gefasst. Als er jedoch die minutenlangen Wiederbelebungsversuche jener Nacht beschreibt, bricht ihm die Stimme. "Wir werden nie damit fertig werden, was uns, was unserem Vater angetan wurde", wird er später zu Protokoll geben.

    Was danach folgt, wird in den kommenden Tagen die Arbeit der Ermittler erschweren. Die Sanitäter treffen am Haus der Lübckes ein, die Ehefrau, der zweite Sohn, weitere Verwandte. Es wird eng auf der Terrasse. Alle gehen von einem medizinischen Notfall aus. Möbel werden verrückt, um Platz zu schaffen. Auf der schlecht ausgeleuchteten Terrasse fällt allen Beteiligten erst nach einiger Zeit das Blut an Walter Lübckes Kopf und an einer Wand auf. An ein Gewaltverbrechen denkt trotzdem noch niemand.

    Nach etwa 40 Minuten wird Walter Lübcke in die Klinik Wolfhagen gebracht. Dort kann man nur noch seinen Tod feststellen. "Da haben sie uns verkündet, dass der Papa verstorben ist", erinnert sich Jan-Hendrik Lübcke. Erst eine weitere Untersuchung fördert zu Tage, dass "ein Gegenstand" im Kopf des Verstorbenen steckt. Jan-Hendrik Lübcke erfährt das von der mittlerweile eingetroffenen Kriminalpolizei. Er solle sich gut überlegen, ob er das allen mittlerweile im Krankenhaus eingetroffenen Verwandten erzählt, mahnt einer der Polizisten. Denn, theoretisch zumindest, könne sich auch unter ihnen der Täter befinden.

    Schuss aus relativer Nähe

    Das Projektil ist etwa anderthalb Zentimeter über dem rechten Ohr eingedrungen und hat eine kreisrunde Wunde hinterlassen, 1,2 Zentimeter im Durchmesser. Die Wundränder sind nicht adaptierbar. Soll heißen, wenn man sie zusammendrückt, passen die Rissstellen nicht zueinander. "Typisch für ein Schusswunde", erläutert der Leiter des rechtsmedizinischen Instituts Gießen, Reinhard Dettmeyer, der den Leichnam Lübckes obduzierte. Walter Lübckes Söhne haben zu diesem Zeitpunkt den Gerichtssaal verlassen. Es gibt Details, die auch sie nicht wissen wollen.

    Lübckes Körper habe keine Anzeichen einer tätlichen Auseinandersetzung gezeigt, so Dettmeyer. Die Verletzung an Schädel und Gehirn deuteten an, dass die Waffe zwar nicht aufgesetzt worden sei, es sich aber um einen "relativen Nahschuss" aus einer Entfernung von 30 Zentimetern bis zwei Metern handelte. Ein Kopfschrägschuss, resümiert der Rechtsmediziner. Wie diese Verletzungen zu den beiden unterschiedlichen Tatversionen, die Ernst bislang präsentiert hat, passen, müssen weitere Gutachten klären.

    Ernst verschiebt Aussage

    Wann diese zu hören sein werden, ist indes noch unklar. Der ursprünglich für Donnerstag, den 30. Juli, geplante 8. Verhandlungstag, wurde abgesagt. Eigentlich hatte Ernst angekündigt, sich an diesem Tag noch einmal selbst äußern zu wollen. Doch nach dem Zerwürfnis mit seinem inzwischen ehemaligen Verteidiger Frank Hannig am Montag haben sich Ernst und sein verbliebener Verteidiger Mustafa Kaplan mehr Zeit zur Vorbereitung ausgebeten.

    Hannig war zu Beginn des Verhandlungstages erwartungsgemäß vom Gericht entpflichtet worden, nachdem er am Montag ohne Rücksprache mit seinem Mandanten und dem Co-Verteidiger mehrere Beweisermittlungsanträge gestellt hatte - darunter auch einen, der "krumme Geschäfte" Lübckes mit der Photovoltaik-Firma seiner Söhne andeutete. Mustafa Kaplan hatte daraufhin im Auftrag von Ernst Hannigs Abberufung beantragt. Das Gericht folgte Kaplans Argumentation, wonach das Vertrauensverhältnis zwischen Ernst und Hannig "zerstört" sei.

    Der Prozess wird am 5. August fortgesetzt.

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    Tag 6: Anwalt im Abseits

    Illustration zum Blog über Lübcke-Prozess

    Wenn Richter Thomas Sagebiel behauptet "sprachlos" zu sein, dann ist meist das Gegenteil der Fall. Es ist eine Floskel, die eigentlich sagen will, dass der Vorsitzende Richter des 5. Strafsenats am Frankfurter Oberlandesgerichts, wütend ist. Richtig wütend. Und dass er nicht vorhat, mit dieser Wut hinterm Berg zu halten.

    An diesem 6. Prozesstag im Mordprozess Lübcke, ist Richter Sagebiel schon wenige Minuten nach Auftakt der Verhandlung "sprachlos". Anlass sind die Beweisermittlungsanträge, die Frank Hannig, einer der beiden Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst, eingebracht hat. Für dieses findet der Vorsitzende des Gerichts eindeutige Worte: "Das ist doch handwerklich alles Unsinn, was sie hier von sich geben", fährt er den Dresdner Rechtsanwalt an. Sagebiels Sprachlosigkeit dröhnt durch den Sitzungssaal.

    Mustergültig ins Abseits manövriert

    Es hätte eigentlich ein ruhiger Tag im Lübcke-Prozess werden sollen. Auf dem Programm stand die Verlesung verschiedener Urkunden des Hauptangeklagten, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft Walter Lübcke am 2. Juli 2019, auf dessen Terrasse in Wolfhagen-Istha erschossen zu haben. Zeugnisse über bestandene Weiterbildungen und beendete Arbeitsverhältnisse. Ausschnitte aus der Biografie eines mutmaßlichen Rechtsterroristen.

    Gegen Mittag werden sie tatsächlich verlesen. Hannig ist zu diesem Zeitpunkt allerdings nur noch pro forma Stephan Ernsts Verteidiger. Zuvor hat er mustergültig demonstriert, wie man sich als Anwalt selbst ins Abseits manövriert.

    Dass der Verhandlungstag mit Anträgen der Verteidigung beginnt, ist im Lübcke-Prozess nichts Außergewöhnliches. Manche dienen der Verfahrensverzögerung, manche dazu Revisionsgründe zu schaffen, einige tatsächlich auch der Klärung von Verfahrensfragen. Frank Hannig allerdings betonte, dass es ihm um nichts dergleichen gehe.

    Aus der dreiwöchigen Sommerpause kehrte der Verteidiger mit nicht weniger als fünf Beweisermittlungsanträgen zurück. Das bedeutet, dass nicht etwa neue Indizien, die bereis vorliegen, in den Prozess eingeführt werden sollen, sondern dass Gericht und Staatsanwaltschaft bestimmte Sachverhalte auf mögliche Beweise überprüfen sollen. Für Hannig handelt es sich dabei um "die einzige Möglichkeit, Dinge in die Verhandlung einzuführen, die die Staatsanwaltschaft noch nicht ermittelt hat".

    Zweifel an ordentlicher Verteidigung

    Da wären zum Beispiel der mutmaßliche Waffenhändler Josef T., der möglicherweise Verbindungen zum Mitangeklagten Markus H. unterhalten habe, den Stephan Ernst bezichtigt, Walter Lübcke "versehentlich" erschossen zu haben. Oder die Herren C. und T., bei denen Hannig über eine Funkzellenabfrage geklärt haben will, wo sie sich in der Tatnacht aufhielten - ob sie möglicherweise die Flucht von Stephan Ernst und Markus H. absicherten. Bislang war von den beiden Männern im Prozess noch keine Rede gewesen.

    Und da ist vor allem der Einbruch in das Kasseler Regierungspräsidium im Juli 2019, bei dem Akten entwendet worden sein sollen. Nach Ansicht von Hannig könnten diese Informationen über Beteiligungen Walter Lübckes an Windkraft- und Solarfirmen seiner Söhne enthalten haben. Die Stoßrichtung des Anwalts ist deutlich: Lübcke und seine Familie könnten Dreck am Stecken gehabt haben - und vielleicht lieferte dies den Anlass zum Mord, nicht die rechtsradikale Gesinnung seines Mandanten. "Ich glaube, dass es ein anderes Tatmotiv gibt", betont Hannig.

    Das Problem: Mit diesen Ansichten steht Hannig wortwörtlich alleine da. Ernst selbst hat in allen drei Einlassungen, deren Videomitschnitte das Gericht in den ersten Verhandlungstagen in Augenschein genommen hat, nie Zweifel an einem politischen Motiv aufkommen lassen. Richter Sagebiel kann entsprechend keinen Bezug zum laufenden Prozess erkennen. Stattdessen sieht er "gequirlten Unsinn." Und zweifelt daran, dass Hannig seinen Mandanten ordentlich vertrete.

    Denn nicht nur hat Hannig, wie er selbst einräumt, die Beweisermittlungsanträge weder mit Ernst noch mit seinem Co-Verteidiger Mustafa Kaplan abgesprochen. Teilweise wären sie sogar geeignet, Ernst zusätzlichen Ärger einzubringen. Denn sollte er neben Markus H. weitere Mittäter gehabt haben, wie es Hannig nahezulegen scheint, stünde zusätzlich der Verdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Raum - ein Vorwurf, den die Bundesanwaltschaft bislang noch nicht erhoben hat.

    Ernst stimmt Entpflichtung zu

    Wie alleine Hannig dasteht, zeigt sich als sein Co-Verteidiger Mustafa Kaplan das Wort ergreift: "Sowohl der Mandant als auch ich distanzieren uns ausdrücklich von diesen Anträgen." Hannig versuche den getöteten Walter Lübcke und seine Angehörigen in "krumme Geschäfte zu verwickeln". Stephan Ernst hingegen habe kein Interesse daran, Lübcke und seine Hinterbliebenen "mit Dreck zu bewerfen".

    Spätestens an diesem Punkt ist allen Beteiligten klar, dass Hannig die längste Zeit Ernsts Verteidiger gewesen ist. Nach einer halbstündigen Sitzungsunterbrechung nimmt der Anwalt zwar seine Anträge zurück. Doch auch das bringt nichts mehr. Kaplan stellt im Namen seines Mandanten den Antrag, Hannig von der Pflichtverteidigung zu entbinden. Das Vertrauensverhältnis sei zerstört, so Kaplan. Auf Nachfrage des Gerichts bestätigt Ernst, das dies seinem Willen entspricht.

    PR als Teil des Mandats

    Es ist das jähe Aus für einen Anwalt, der seit der Mandatsübernahme im Sommer 2019 selbst oft im Mittelpunkt der Medien stand. Nicht nur wegen seiner Vergangenheit als rechtlicher Berater des Fördervereins der rechten Pegida-Demonstrationen, sondern weil er PR als Teil seines Mandats verstand. Seien es eigens einberufene Pressekonferenzen, seien es eigen Youtube-Videos, mit denen er das Prozessgeschehen von Anfang kommentierend begleitete.

    Eines dieser Videos - entstanden nach dem fünften Prozesstag - wird am Ende des Verhandlungstages vorgeführt. "Wir haben die wirkliche Wahrheit noch nicht gehört", sagt Hannig darin, "sie wird noch kommen." Es ist vielleicht das letzte Mal, das Hannig im Gerichtssaal 165C des Frankfurter Oberlandesgerichts zu hören war. Richter Sagebiel jedenfalls legt Co-Verteidiger Mustafa Kaplan nahe, bereits die Fühler nach einem neuen zweiten Anwalt für Ernst auszustrecken. "Vorsorglich", wie er betont.

    Eine endgültige Entscheidung über die Entpflichtung Hannigs wird für Dienstag erwartet.

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    Tag 5: Blaupausen für das "perfekte Attentat"

    Hauptangeklagter Stephan Ernst im Lübcke-Prozess im Frankfurter Gerichtssaal

    Nach knapp sechseinhalb Stunden hat Dieter Killmer einen "Knoten im Kopf". So zumindest fasst der Oberstaatsanwalt am Bundesgerichtshof das Gefühl zusammen, das die dritte Vernehmung von Stephan Ernst bei ihm hinterlassen hat. Einen Knoten, den er beim besten Willen nicht aufgelöst bekommt. Zu viele Widersprüche enthält Ernsts Einlassung, zu viele Lücken hinsichtlich der Tatplanung, der Ausführung und der Rolle des Mitangeklagten Markus H., dem Ernst in dieser Version die Schuld am Tod Walter Lübckes zuweist. Killmer lässt keine Zweifel daran, dass er die Geschichte für unglaubwürdig hält: "Ich gehe von einem politischen Attentat aus, das Sie alleine begangen haben."

    Am Freitag ist das am Frankfurter Oberlandesgericht im Video zu sehen - die letzte Stunde der dritten Vernehmung vom Februar 2020. Nach fünf Verhandlungstagen kennen die Beteiligten im Lübcke-Prozess nun alle Aussagen, die der Hauptangeklagte den Ermittlern zum mutmaßlichen Mord am Kasseler Regierungspräsidenten gemacht hat. Zwei Tatversionen und jede Menge Details aus dem Leben des Hauptangeklagten - inklusive seiner Vergangenheit in neonazistischen Strukturen. Insgesamt hat der Strafsenat gut 15 Stunden Videomaterial gesichtet. Und doch steht die Beweisaufnahme in diesem Prozess nach einhelligem Urteil aller Beteiligten noch ganz am Anfang.

    Vorschau auf die Strategie der Anklage

    Neue Erkenntnisse über den eigentlichen Tathergang brachten die verbliebenen 60 Minuten Videomaterial an diesem Freitag nicht. Dafür einige Einblicke in die Einbindung Stefan Ernsts in die Neonazi-Strukturen in Nordhessen, aus er bereits um 2010 ausgeschieden sein will. Bezeichnend ist, wen Stephan Ernst alles kennt. Der ehemalige V-Mann Benjamin G. gehört ebenso zu seinem Bekanntenkreis wie Mike S., der wie Ernst 2009 am Überfall auf eine DGB-Kundgebung in Dortmund beteiligt war. Karl-Heinz Hoffmann, dem berüchtigten Gründer der rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann, will er geschrieben haben. Vieles davon war bereits bekannt - auch den hessischen Sicherheitsbehörden.

    Audiobeitrag

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    Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Das bringt der vierte Prozesstag im Fall Lübcke

    Der Gerichtssaal beim Lübcke Prozess, hier der Tisch der Zeugen
    Ende des Audiobeitrags

    Es sind allerdings weniger Ernsts Ausführungen, die an diesem Freitag interessant sind. Zum Ende der Vernehmung hin ist es Oberstaatsanwalt Killmer, der die Richtung des Gesprächs vorgibt - gegen den Widerstand des immer energischer eingreifenden Verteidigers Frank Hannig. Killmer plaudert aus dem Nähkästchen oder besser gesagt aus den Ermittlungsakten. So erfahren Ernst, sein Anwalt und die Zuhörer in Saal 165C des Oberlandesgerichts Frankfurt, was die Anklage noch in petto hält.

    Killmer lässt Ernst etwa wissen, dass die Auswertung seiner Wärmebildkamera nahelegt, dass der Angeklagte Lübckes Haus auch am Tag vor dem mutmaßlichen Anschlag ausgekundschaftet hat. Er kommt auf die Daten zu sprechen, die auf einem USB-Stick in Ernsts Haus gefunden wurden: Namenslisten und weitere Daten von politischen Gegnern - angelegt während seiner "Anti-Antifa-Arbeit", wie Ernst sagt. "Die Blaupause für den Fall Lübcke habe ich bei ihnen gefunden", erläutert Killmer. Die Tötung des CDU-Politikers ist seiner Ansicht nach, "der Vollzug der Blaupause."

    Killmers Absicht ist klar. Der Oberstaatsanwalt versucht Ernst deutlich zu machen, wie wenig überzeugend seine Ausführungen nach Ansicht der Anklage sind. Dazu legt er ihm einen Teil der Beweise vor, die gegen ihn sprechen. In einem Prozess, der nach fünf Tagen noch ganz am Anfang steht, gibt das einen Hinweis darauf, wie die Anklage in den kommenden Wochen und Monaten argumentieren wird. Eine Art Vorschau auf das Programm.

    Prozess mit vielen Fronten

    Auch die Gegenseite hat bereits in den ersten Prozesstagen deutlich gemacht, welche Verteidigungsstrategie sie fahren wird. Wobei es eigentlich nicht eine, sondern zwei Gegenseiten gibt. DIe Verteidigung von Ernst versucht, ihren Mandanten auf Kosten des Mitangeklagten Markus H. zu entlasten. Somit verläuft eine von vielen Fronten in diesem Prozess zwischen den beiden Angeklagten. Deutlich wurde dies schon am ersten Prozesstag, als Ernsts Verteidiger Mustafa Kaplan die Abberufung der Verteidiger von Markus H. - Nicole Schneiders und Björn Clemens - beantragte. Der Hintergrund: Schneiders hatte auch schon Dirk Waldschmidt vertreten, Ernsts ersten Anwalt. Diesem wirft Ernst vor, ihn zu seinem inzwischen zurückgezogenen Geständnis gedrängt zu haben. Das Gericht lehnte diesen Antrag ab.

    Die Verteidiger von Markus H. hingegen hätten sich in diesen ersten Prozesstagen eigentlich zurückhalten können. Sehr wenig spricht bislang für eine direkte Tatbeteiligung, und den Vorwurf der "psychischen Beihilfe" wird die Staatsanwaltschaft erst noch erhärten müssen. Für Rechtsanwalt Björn Clemens steht indes fest, dass es nicht allein Ernst und seine Verteidiger sind, die seinen Mandanten belasten wollen, sondern auch die Behörden.

    Clemens ist Mitglied im Vorstand der Gesellschaft für freie Publizistik (GfP), die unter anderem die Schuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg leugnet. Für ihn handelt es sich um ein "politisches Verfahren". Ein Prozess, der dazu dienen solle, rechte Strukturen und Parteien wie die AfD in die Nähe des Terrorismus zu rücken. Gleich am ersten Verhandlungstag spricht er von "politischer Justiz" und rückt den mutmaßlichen Anschlag auf Lübcke in die Nähe des Reichtagsbrandes. Dem Hauptangeklagten, zu dessen Verteidigung er gar nicht berufen ist, bescheinigt er am dritten Prozesstag, kein "politischer Täter" zu sein. "Ein politischer Überzeugungstäter hat nach der Tat keine Schuldgefühle", glaubt Clemens zu wissen.

    Fortsetzung Ende Juli

    Gemein ist den Verteidigern beider Angeklagten, wie sie auch mit prozessualen Mitteln die Konfrontation suchen. Der Auftakt war gekennzeichnet von Befangenheits- und Verfahrensanträgen. Beides gehört zum Handwerk von Rechtsanwälten, insbesondere dann, wenn kein Interesse an einem zügigen Verfahren besteht. Letzteres zu gewährleisten ist die Aufgabe des Gerichts. Und der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel hat bereits mehrfach deutlich gemacht, dass er sich nicht mit "Nebensächlichkeiten" aufzuhalten gedenke.

    Nach fünf Tagen also steht der Prozess weiterhin ganz am Anfang. Aber es zeichnet ab, wie er bis Oktober verlaufen könnte. Aber erst einmal beginnt eine dreiwöchige Sommerpause. Der Prozess wird am 27. Juli fortgesetzt.

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    Tag 4: Stephan Ernsts zweite Version der zweiten Version

    Illustrationen zum Blog über Lübcke-Prozess

    Man merkt Stephan Ernst an, wenn er über eine Antwort länger nachdenken muss. Drei Wörter, die er wohl unbewusst hinzufügt, verraten es: "Sag' ich mal". Als der Beamte des Hessischen Landeskriminalamts (LKA) etwa von ihm wissen will, warum er und sein mutmaßlicher Mittäter Markus H. geflohen sein wollen, nachdem Walter Lübcke "versehentlich" von ihnen erschossen worden sei, anstatt Erste Hilfe zu leisten oder Rettungskräfte zu alarmieren, lautet die Antwort: "Es war reflexartig, sag' ich mal, dass wir geflohen sind."

    Als der LKA-Mann an anderer Stelle nachfragt, wie oft er in den vergangenen Jahren an Stammtischen der AfD teilgenommen habe, überlegt Ernst, und gibt schließlich "unregelmäßig, sag' ich mal" zu Protokoll.

    Zu den Eigenarten dieses Prozesses gehört, dass inzwischen alle Verfahrensbeteiligten und das Publikum die Stimme des Hauptangeklagten kennen, obwohl er im Gerichtssaal selbst noch nicht gesprochen hat. Zumindest nicht live. Bereits den dritten Prozesstag in Folge wird in Saal 165C des Frankfurter Oberlandesgerichts ein Video vorgeführt, das eine Vernehmung des - zum Zeitpunkt der Aufnahme - Beschuldigten Stephan Ernst zeigt.

    Es ist das bislang längste, aufgenommen im Februar 2020, nicht ganz einen Monat nachdem Ernst seine zweite Aussage vor einem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshof gemacht hatte. Gut sechseinhalb Stunden, bei denen es sich im Grunde genommen um eine etwas ausgefeiltere Version der zweiten Version des Tatgeschehens handelt. Eine Einlassung mit relativ wenig neuen Erkenntnissen, weiterhin vielen unbeantworteten Fragen und jeder Menge "sag' ich mal".

    Das Grundgerüst bleibt gleich

    Das Grundgerüst der Tatversion, die in dieser dritten Vernehmung von Ernst präsentiert wird, bleibt gegenüber der vorherigen unverändert. Nicht er, Ernst, sondern der wegen Beihilfe mitangeklagte Markus H., habe Walter Lübcke in der Nacht auf den 2. Juni, erschossen. Nicht absichtlich wohlgemerkt, denn beide hätten keinen Tötungsvorsatz gehabt, als sie zum Haus des Kasseler Regierungspräsidenten in Wolfhagen-Istha gefahren seien. Vielmehr sei es darum gegangen, Lübcke "eine Abreibung" zu verpassen, ihn "einzuschüchtern und zu schlagen". Der Grund: Seine Unterstützung für die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung.

    Stephan Ernst wirkt in diesem dritten Video deutlich souveräner als bei der zweiten Vernehmung, ohne jedoch auch nur im Ansatz jene emotionale Mitgenommenheit zu zeigen, die sein später widerrufenes Geständnis vom Juni 2019 auszeichnete. Offenkundig hat Ernst die Pause zwischen der zweiten und dritten Vernehmung genutzt, um seine Aussage besser vorzubereiten.

    Die Antworten sind flüssiger, Nachfragen bringen ihn nicht gleich aus dem Konzept. Die Erzählung hat diesmal zumindest ein Grundmotiv, das konsequent ausgebaut wird: Nicht Ernst ist die treibende Kraft des Geschehens, das zum Tod Walter Lübckes führte, sondern Markus H.

    Markus H., das ist schon länger bekannt, war es, der 2015 den Mitschnitt jener Rede Walter Lübckes bei einer Bürgerversammlung in Lohfelden ins Netz stellte, die den CDU-Mann zum Hassobjekt für Rechte in ganz Deutschland machte. In Ernsts Erzählung geht H.s Rolle noch weiter. Gemeinsam habe man in den Folgejahren mehrfach das Wohnumfeld Lübckes ausgespäht. H. soll die Idee gehabt haben, "dass es auch mal 'ne gute Idee wäre, wenn man ihm [Lübcke] auf der Terrasse mal einen Besuch abstatten würde." Man sei sich einig gewesen, dass Lübcke irgendwie bestraft gehöre. Zunächst hätten sie daran gedacht, ihm die Scheiben einzuschmeißen, dann daran sein Auto zu beschädigen. Überhaupt sei H. von ihnen beiden derjenige gewesen, der immer wieder politische Themen angebracht hätte.

    Schließlich habe man sich auf "einschüchtern und schlagen" verständigt. Das habe man spätestens nach der gemeinsamen Teilnahme am "Trauermarsch" der AfD in Chemnitz im September 2018 beschlossen.

    Der Anwalt greift ein

    Wenn Ernst in dieser Erzählung ins Trudeln gerät, greift bei dieser dritten Vernehmung sein Anwalt Frank Hannig ein. Nicht nur mit den üblichen anwaltlichen Empfehlungen, an bestimmten Stellen zu schweigen, um sich nicht selbst zu belasten. "Mir haben Sie gesagt, dass Markus immer wieder gedrängt hat", sagt Hannig an einer Stelle. Ein anderes mal mahnt er seinen Mandanten "alles, was der Polizei helfen könnte", zu erzählen. Gefolgt von der Frage: "Gibt es hier 'ne Spur vom H." Hannig ist sich jederzeit bewusst, gefilmt zu werden. Auffällig oft betont er in verschiedenen Variationen, seinen Mandant nichts vorgeben zu wollen.

    Auf einige Widersprüche dieser Version hat Ernst diesmal - im Gegensatz zur Vernehmung vom Januar - wenigstens Antworten parat. Warum er und H. eine scharfe Waffe mitführten, wenn sie Lübcke "nur" einschüchtern und schlagen wollten? Um im Zweifel auch einen Warnschuss abgeben zu können. Warum man zwar daran gedacht habe falsche Nummernschilder am Auto anzubringen und die Handys zuhause zu lassen, aber keine Masken trug, um nicht erkannt zu werden? Weil alles ganz schnell gehen sollte. Warum er in seinem ersten Geständnis so detailliert seine emotionalen Reaktionen auf islamistische Anschläge beschrieben habe? Weil er als "Psychonazi" haben gelten wollen. Nicht unbedingt überzeugende Erklärungen, aber immerhin Erklärungen. Bei der Vernehmung im Januar hatte es stellenweise nicht einmal die gegeben.

    Ernst belastet derweil nicht nur Markus H. in dieser Aussage. Seinen Arbeitskollegen L., von dem bereits bekannt ist, dass Ernst ihm Waffen verkaufte, bezichtigt er, Schmiere gestanden zu haben, als er nach der Tat die Pistole sowie weitere Waffen aus seinem Besitz auf dem Werksgelände seines Arbeitgebers vergrub. Seinen ehemaligen Anwalt Dirk Waldschmidt beschuldigt er weiterhin, ihn zu dem "falschen Geständnis" vom Juni 2019 gedrängt zu haben.

    Sich selbst bescheinigt er hingegen, bereits 2009/2010 mit der Neonazi-Szene rund um die Freien Kameradschaften in Nordhessen gebrochen zu haben. Weil er mit "Rassismus" und "Antisemitismus" nichts anfangen konnte. Weil man ihn aufgrund seiner Beziehung zu seiner heutigen Frau angefeindet hätte. Und weil er die von den "Kameraden" an die Wand gemalte "Überfremdung" nicht habe feststellen können. Allerdings hielt ihn das nicht davon ab, später noch an die AfD und die rechtsextreme Identitäre Bewegung zu spenden.

    Ernst will Anfang August schriftlich aussagen

    Auch an diesem vierten Prozesstag verfolgt Stephan Ernst - inzwischen nicht mehr Beschuldigter, sondern Angeklagter - die eigenen Worte aufmerksam, während sein Blick auf die Videoleinwand im Gerichtssaal gerichtet ist. Mehrfach berät er sich mit seinen beiden Anwälten. Schon jetzt steht fest, dass auch diese Version wohl nicht die letzte Einlassung Stephan Ernsts sein wird. Bereits am dritten Prozesstag hatte seine Verteidigung angekündigt, dass sich ihr Mandant zumindest schriftlich nochmals äußern wolle.

    Nun steht fest, dass dies zwischen dem 30. Juli und 7. August erfolgen soll. In dieser Zeit sind drei Prozesstage angesetzt. Ob man dann Ernsts Stimme live im Gerichtssaal vernehmen wird, ist allerdings noch unklar.

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    Tag 3: Warum einen Mord gestehen, den man nicht begangen hat?

    Illustrationen zum Blog über Lübcke-Prozess

    Warum der Mord? Die Frage lässt den Beschuldigten sichtlich konsterniert zurück. Stephan Ernst weiß offenkundig nicht, was er antworten soll. Vielleicht weil er die Frage nicht versteht. Vielleicht aber auch, weil er sie nur allzu gut versteht und merkt, dass die ganze Glaubwürdigkeit seiner Erzählung an dieser einen Antwort hängen könnte.

    Warum der Mord? Der Mann, der diese Frage stellt ist, für die Zuschauer am Frankfurter Oberlandesgericht nicht zu sehen. Marc Wenske, Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof, sitzt außerhalb des Bildausschnitts des Videos, das an diesem dritten Verhandlungstag im Prozess um den mutmaßlichen Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke vorgeführt wird.

    Es geht Wenske nicht um ein Motiv für den Mord, denn Ernst bestreitet in dieser mehrstündigen Vernehmung vom Januar dieses Jahres, dass es sich um einen Mord gehandelt habe. Es geht um die Frage, warum Ernst den Mord zunächst im Juni 2019 gestanden hat. Eine Antwort hat der mutmaßliche Rechtsterrorist nicht parat - zumindest nicht spontan.

    Selbes Setting - neue Tatversion

    Es ist das zweite Mal, dass in diesem Prozess der Videomitschnitt einer Vernehmung des Hauptangeklagten in Augenschein genommen wird. Am zweiten Prozesstag hatte das Gericht mehr als vier Stunden lang eine Art Lebensbeichte von Ernst verfolgt, in der dieser schilderte, wie sich seine Wut auf Walter Lübcke zu einer hassgetriebenen Manie steigerte, an deren Ende der Kopfschuss auf der Terrasse von Lübckes Haus in Wolfhagen-Istha stand. Eine Version, die Ernst einige Wochen später nach einem Anwaltswechsel widerrief.

    Knapp vier Monate später, am 8. Januar 2020, ist das Setting dasselbe wie bei der ersten Vernehmung im Juni. Derselbe spartanisch eingerichtete Raum im Kasseler Polizeipräsidium. Im Hintergrund ein einzelner roter Bürostuhl. In der Bildmitte zwei zusammengeschobene weiße Tische. Dahinter hat Stephan Ernst Platz genommen, die Hände in Handschellen, der Rücken durchgedrückt, gekleidet in einen schwarzen Trainingsanzug mit weißen und gelben Streifen.

    Doch im Gegensatz zum ersten Mal, ist Ernst diesmal nicht allein. Neben ihm sitzt sein neuer Verteidiger Frank Hannig. Auf der anderen Seite - im toten Winkel der Kamera - Ermittlungsrichter Wenske und Oberstaatsanwalt Dieter Killmer. Die erste Vernehmung war ein Geständnis. Die zweite ist die Begründung des Widerrufs.

    Die wesentlichen Teile dieser zweiten Version des Tatgeschehens, sind der Öffentlichkeit bereits bekannt. Rechtsanwalt Hannig hatte sie im Januar bei einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Demnach soll nicht Ernst Walter Lübcke absichtlich erschossen haben - vielmehr habe es sich um einen "Unfall" gehandelt, einen Schuss der sich versehentlich gelöst habe. Und die Tatwaffe habe nicht etwa Stephan Ernst in der Hand gehalten, sondern sein Mitangeklagter Markus H.

    "So, Herr Lübcke! Zeit zum Auswandern!"

    Sein Mandant habe bereits seit September 2019 darauf gedrängt, "reinen Tisch" zu machen, erklärt Hannig zu Beginn der Vernehmung. Er selbst habe ihm zunächst dazu geraten, dies zurückstellen, um der Verteidigung mehr Zeit zu geben. Herausgekommen ist eine Einlassung, die Ernst an diesem 8. Januar zunächst von einem Baltt abliest. Der zentrale Satz lautet: "H. hat, wie ich glaube, Herrn Lübcke versehentlich erschossen."

    Ernst liest ohne sichtliche Gemütsregung und beinahe ohne Intonation vor - wie ein Mensch, der selten in seinem Leben einen Text laut vortragen musste. Stockend berichtet er, wie er und H. mehrfach das Haus von Walter Lübcke aufgesucht und ausgespäht hätten, dass es H. gewesen sei, der die Idee gehabt hätte, am Tag der Kirmes nach Istha zu fahren und Lübcke aufzulauern. Ihn "einschüchtern und schlagen", sei das Ziel gewesen. H. habe falsche KfZ-Kennzeichen besorgt, die Ernst an seinem eigenen Pkw angebracht habe. Die geladene Waffe habe zwar ihm gehört, erklärt Ernst, er habe sie aber noch vor der Abfahrt nach Istha H. übergeben. Dort hätten beide Männer schließlich gewartet, bis sie Lübcke auf der Terrasse seines Hauses erblickt hätten.

    Zusammen seien sie an ihn herangetreten. "So, Herr Lübcke, Zeit zum Auswandern", habe H. gesagt und dabei die Pistole in der Hand gehalten. Ernst selbst sollte die Hände freihaben, um zuschlagen zu können. "Für so etwas wie Dich geh' ich jeden Tag arbeiten", will Ernst Lübcke entgegengeschleudert haben. Als der Regierungspräsident aufstehen wollte und die beiden Männer anschrie, sei H. zurückgewichen, dabei habe sich der Schuss gelöst.

    Videobeitrag

    Video

    zum Video Zweites Vernehmungsvideo: Ernsts neue Tatversion

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    Ende des Videobeitrags

    Die zweite Vernehmung ist nicht nur inhaltlich das glatte Gegenteil des Geständnisses vom Juni 2019. Im ersten Video war ein emotional aufgewühlter Ernst zu sehen, der jedoch eine in sich geschlossene Geschichte erzählen konnte - in einfacher aber klarer Sprache, der sogar Erzählstränge, die er unterbrochen hatte, wieder aufnahm. In der zweiten Vernehmung wirkt Ernst meist emotionslos. Der Vortrag ist zäh und abgehackt. Antworten lassen auf sich warten - und haben nicht selten wenig mit den gestellten Fragen zu tun.

    Entscheidende Fragen bleiben unbeantwortet

    Dabei sind es gerade die für die Glaubwürdigkeit der Aussage entscheidenden Fragen, die Ernst nicht beantworten kann. Warum haben er und H. zwar an falsche Nummernschilder gedacht, aber nicht daran, sich zu vermummen? Was erwarteten sie sich davon, Lübcke "einzuschüchtern und zu schlagen"? Warum war die Waffe geladen? Und warum hat er im Juni einen Mord gestanden, den er nicht begangen haben will?

    Ernst behauptet, dass ihm sein ursprüngliches Geständnis von seinem ersten Verteidiger Dirk Waldschmidt nahegelegt worden sei - einem bekannten Anwalt in der rechten Szene. Er solle H. aus der Geschichte rauslassen, habe Waldschmidt gesagt, dafür würde seine Familie finanzielle Unterstützung erhalten. Das Problem mit dieser Version: Ernst hat H. in seiner ersten Vernehmung mit ins Spiel gebracht - wenn auch nur als Nebenfigur - vorher wussten die Ermittler nichts von ihm. Und hätte er H. entlasten wollen, hätte Ernst im Juni auch die Verantwortung für den "Unfall" übernehmen können, statt sich selbst des Mordes zu bezichtigen. "Den Herrn H. hätten Sie auch so rauslassen können", stellt Ermittlungsrichter Wenske in der Vernehmung fest. "Warum der Mord?"

    Ernst präsentiert schließlich für die letzte Frage doch noch eine Antwort - nachdem er sich mit seinem Anwalt beraten hat. Er habe in der Szene als "Märtyrer" gelten wollen. Wenn sich die politischen Verhältnisse im Land verändert hätten, so sein damaliges Kalkül, hätte er als Held gegolten und wäre möglicherweise aus der Haft entlassen worden. Es ist nicht die einzige Mal, dass Hannig in dieser Vernehmung versucht, seinen Mandanten dazu zu bewegen, Lücken in der Erzählung zu schließen. Den Ermittlungsrichter überzeugt das allerdings nicht. "Ich glaube Ihnen das heute nicht", schließt Wenske die Vernehmung schließlich.

    Ein halbes Jahr später sind auch im Oberlandesgericht Frankfurt vorerst nur Ernsts Verteidiger von dieser Version der Tatnacht überzeugt. Holger Matt, Anwalt der Familie Lübcke, spricht von einem "Lügenmärchen", Björn Clemens, der Anwalt von Markus H. von "Geschichtenerzählerei". Oberstaatsanwalt Dieter Killmer bescheinigt Ernst mit seinen Antworten "keinen Millimeter überschritten" zu haben, um keine Angriffsfläche zu bieten. Ernsts Verteidigung will ihre Sicht der Dinge erst am vierten Prozesstag am Donnerstag darlegen. Dann wird wieder ein Video vorgeführt - von einer weiteren Vernehmung des Hauptangeklagten.

  • Top-Thema

    Tag 2: Die widerrufene Reue des Stephan Ernst

    Illustrationen zum Blog über Lübcke-Prozess

    Gerade mal zehn Minuten lang geht es an diesem zweiten Prozesstag um das eigentliche Tatgeschehen. Zehn Minuten in einer Marathon-Sitzung am Oberlandesgericht Frankfurt, die um 10 Uhr beginnt und sich bis in die frühen Abendstunden zieht. "Ich bin zurück ins Dunkel. Dann ging alles sehr schnell", berichtet der Mann im roten T-Shirt: "Er hat meinen Schatten gesehen. Er wollte noch schauen. In dem Moment ist der Schuss gefallen."

    Es ist der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke, Stephan Ernst, der diese Worte spricht. Und es ist eben dieser Stephan Ernst, der seinen eigenen Ausführungen so aufmerksam lauscht, als höre er sie zum ersten Mal. Als habe nicht er selbst am 25. Juni 2019, knapp drei Wochen nach der Tat, in einer polizeilichen Vernehmung bereitwillig Auskunft gegeben, deren Videomitschnitt an diesem Donnerstag im Saal 165 C gezeigt wird. Als hätten der Stephan Ernst im Gerichtssaal und der Stephan Ernst auf der Leinwand nichts miteinander zu tun.

    Verteidiger wollen Vorführung des Videos verhindern

    Ernsts Verteidiger dürften sich vermutlich genau das wünschen. Denn die polizeiliche Vernehmung vom Juni 2019 enthält das Eingeständnis der Tat. Ein äußerst ausführliches und schlüssiges, wie sich im Laufe des Tages zeigen wird. Mehr als vier Stunden lang redet Ernst über seinen eigenen Werdegang, seine Verbindung zur rechtsextremen Szene in Nordhessen, die Beschaffung von Waffen, den stetig steigenden Hass auf den Kasseler Regierungspräsidenten. Stellenweise klingt es wie eine Lebensbeichte, die im Eingeständnis der Tat ihren Höhepunkt findet. Das Geständnis hat Ernst aber inzwischen widerrufen.

    Deshalb versuchen seine Verteidiger zu Beginn des Verhandlungstages, der Vorführung des Videos zu widersprechen. Weil Ernsts spätere Aussage vor einem Haftrichter, wonach nicht er, sondern der mitangeklagte Markus H. Lübcke erschossen habe, als vorrangig anzusehen sei. Und weil Ernst bei der polizeilichen Vernehmung unter Schlafmangel gelitten und unter dem Einfluss eines Schmerzmedikaments gestanden habe.

    Zügige Prozessführung vs prozessuale Stiche

    Nur eine von zahlreichen prozessualen Einwendungen, die den Beginn der eigentlichen Beweisaufnahme weiter verzögern. Sowohl die Verteidigung von Ernst als auch von H. stellen erneut Befangenheitsanträge gegen den Vorsitzenden Richter Thomas Sagebiel. Anlass ist dessen direkte Ansprache an die Angeklagten am ersten Prozesstag. Sagebiel warb, "ein frühzeitiges und von Reue getragenes Geständnis" könne sich für Ernst und H. positiv auswirken: "Hören Sie nicht auf Ihre Anwälte, sondern hören Sie auf mich." Für Verteidiger Mustafa Kaplan der Versuch, "einen Keil" zwischen Mandant und Verteidigung zu treiben.

    Deutlich treten die widerstreitenden Interessen von Gericht und Verteidigung zu Tage: zügige Prozessführung gegen eine Strategie der kleinen prozessualen Stiche. Und die zeigen Wirkung. "Es geht hier schon langsam ein bisschen ins Lächerliche", erbost sich Sagebiel zwischendurch. Den Anträgen der Verteidiger wird nicht stattgegeben.

    Ernst weint - aber nicht um Lübcke

    Das vierstündige Video handelt nur am Rande vom Tod Walter Lübckes. Dafür umso mehr vom Leben des Stephan Ernst. Darin spielt Markus H. eine wichtige Nebenrolle. Ernst erzählt, wie er sich nach einer verbüßten Jugendhaftstrafe für einen Messerangriff auf einen türkischen Imam und einen misslungenen Rohrbombenanschlag auf eine Asylbewerbunterkunft in Kassel niederlässt und Kontakte zur rechtsextremen Szene knüpft: Freie Kameradschaften, Autonome Nationalsozialisten, NPD. In den 2000er Jahren sind Ernst und H. Teil der Szene.

    2010 sei in ihm aber der Entschluss gereift auszusteigen, sagt Ernst in dem ersten Geständnis: "Ich wollte ein normales Leben führen." Dann bricht seine Stimme. Er beginnt zu schluchzen, versucht sich mit den zu kurzen Ärmeln seines T-Shirts die Tränen aus den Augen zu wischen. Vielleicht erkennt er in diesem Moment der Vernehmung, dass es für ihn nie wieder so etwas wie "ein normales Leben" geben wird.

    Für Walter Lübcke und seine Angehörigen auch nicht. Doch an den Stellen, an denen es um sie geht, weint Ernst nicht.

    Hass wächst über die Jahre

    Vieles von dem, was Ernst schildert, ist bekannt. Er und H. treffen sich wieder, als sie bei derselben Firma arbeiten. Sie bestärken sich in ihren politischen Ansichten: dass Deutschland mit Migranten überflutet werde, ein Bürgerkrieg komme. "Das Mindeste, was wir machen müssen, ist uns bewaffnen", finden sie. H. vermittelt den Kontakt zu Elmar J., von dem Ernst unter anderem die Tatwaffe kauft.

    2015 schließlich kommt es zum letztendlich fatalen ersten Kontakt mit Lübcke. Bei einer Bürgerversammlung in Lohfelden zur Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft sagt der CDU-Politiker: "Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist." Von da an ist Lübcke eine Zielscheibe rechten Hasses. Ernst sagt, dieser Hass in ihm sei über die Jahre gewachsen.

    "Ich habe gebetet: Gott, gib ihn in meine Hände!"

    Ernst sucht mehrfach Lübckes Wohnhaus in Wolfhagen-Istha auf und beobachtet es. Spätestens nach dem islamistischen Anschlag in Nizza im Jahr 2016 habe er "den Entschluss gefasst, dem Herrn Lübcke etwas anzutun", sagt er im Video. Waffen besitzt er da schon. "Ich habe gebetet: Gott, gib ihn in meine Hände!"

    Videobeitrag

    Video

    zum Video Zweiter Prozesstag im Mordfall Lübcke

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    Ende des Videobeitrags

    Schon 2017 und 2018 fährt Ernst mit Mordvorsatz nach Istha - immer am Tag der örtlichen Kirmes. Das erscheint ihm ideal, da dann der ganze Ort abgelenkt ist. Immer überlegt er es sich im letzten Moment anders.

    Auch 2019 wäre es fast nicht zum tödlichen Schuss gekommen, wenn man Ernst glauben mag. Am 1. Juni verlässt er um 19.30 Uhr sein Haus, die Tatwaffe in einer Umhängetasche verstaut. Er fährt nach Istha. Dort wartet er bis etwa 23 Uhr. Dann nähert er sich von hinten dem Wohnhaus von Lübcke. 20 Minuten wartet er. Als er schon wieder zum Auto zurück will, steht Walter Lübcke plötzlich auf der Terrasse. "Ich habe vor ihm gestanden. Er hat mich aber nicht gesehen." Ernst steigt über einen Zaun, eine kleine Mauer, nähert sich Lübcke durch ein Blumenbeet. Dann schießt er ihm aus anderthalb bis zwei Metern Entfernung in den Kopf.

    Am Ende zeigt Ernst Reue

    Was Stephan Ernst ein Jahr nach dieser Vernehmung von seinen damaligen Einlassungen hält, bleibt vorerst sein Geheimnis. An diesem zweiten Prozesstag spricht nur sein um ein Jahr jüngeres Ich.

    Am Ende des Videos zeigt dieses jüngere Ich Reue - ob echt oder nicht, sei dahingestellt. "Niemand soll für die Worte, die er sagt, sterben", schluchzt Ernst mehrfach ins Mikrofon. Ausgerechnet der Anwalt der Familie Lübcke glaubt Ernst. "Er zeigt ehrliche Reue für seine schreckliche Tat", sagt Holger Matt am Donnerstag: "Leider hat er diesen Weg nicht fortgeführt."

    Der Prozess wird am 30. Juni fortgesetzt.

  • Top-Thema

    Tag 1: Schweigende Angeklagte, klagende Verteidiger

    Wegen Mordes an Walter Lübcke angeklagter Stephan Ernst mit seinen beiden Verteidigern Hannig (r.) und Kaplan

    Stephan Ernst gehört nicht zu jenen Angeklagten, die ihr Gesicht verstecken. Das bei großen Prozessen obligatorische Blitzlichtgewitter lässt der 46-Jährige an diesem Dienstag stoisch über sich ergehen, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, das Gesicht zu verdecken. Es hätte auch wenig Sinn. Seit mehr als einem Jahr kursieren sein voller Name und sein ungepixeltes Foto in den Medien. Man kennt das Gesicht des hochgewachsenen Ernst, dem immer noch etwas Jugendliches anhaftet, das auch nicht verschwindet, wenn er wie an diesem Dienstag in einem etwas überdimensionierten dunkelblauen Anzug auftritt. Stephan Ernst hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. "Rechtsterrorist" steht dort hinter seinem Namen zu lesen.

    Ein gutes Jahr nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hat nun der Prozess gegen den Mann begonnen, der nach Ansicht der Bundesanwaltschaft für den Tod des CDU-Politikers verantwortlich zeichnet. Eine Tat, die er zunächst gestanden hatte, ehe er den Anwalt wechselte und dieses Geständnis wieder zurückzog. Vieles über den Werdegang von Ernst, seine "Karriere" in rechtsextremen Zusammenhängen, seine Geschichte politisch motivierter Gewalttaten ist bereits bekannt. Man könnte sagen, dass über Ernst bereits seit mehr als einem Jahr verhandelt wird. Doch seit diesem Dienstag liegt der Fall Ernst - der eigentlich ein Fall Walter Lübcke ist - in den Händen des 5. Strafsenats des Frankfurter Oberlandesgerichts (OLG).

    90.000 Seiten Akten

    32 Verhandlungstage sind bis Ende Oktober dieses Jahres angesetzt. Schon jetzt gehen jedoch die meisten Beobachter davon aus, dass sich der Prozess bis ins Jahr 2021 ziehen könnte. Knapp 90.000 Seiten umfassen die für diesen Fall relevanten Akten, in dem es nicht nur um den Mord an Walter Lübcke im Juni 2019 gehen wird, sondern auch um den versuchten Mord an dem irakischen Asylbewerber Ahmed I., den Ernst bereits im Januar 2016 mit einem Messer lebensgefährlich verletzt haben soll. Mord, versuchter Mord sowie zahlreiche Verstöße gegen das Waffengesetz wirft die Bundesanwaltschaft Ernst vor. Und er ist nur der Hauptangeklagte.

    Der Verhandlungssaal des 5. Strafsenats am OLG erinnert dieser Tage an ein altes Sprachlabor, wie sie zahlreiche Schulen in den 1960er-Jahren spendiert bekamen. Zwischen den einzelnen Prozessbeteiligten sind Plexiglas-Scheiben installiert - eine Vorsichtsmaßnahme in Corona-Zeiten. In einer dieser transparenten Boxen etwa drei Meter vor Ernst sitzt Markus H., dem Beihilfe zum Mord vorgeworfen wird. Er soll Ernst im Jahr 2015 den Kontakt zu Elmar J. vermittelt haben. Von ihm soll die Pistole stammen, mit der vier Jahre später Walter Lübcke erschossen wurde.

    Völkisch-nationalistische Freundschaft

    Die Staatsanwaltschaft zeichnet in ihrer Anklageschrift das Bild einer engen freundschaftlichen Beziehung zwischen Ernst und H., die vor allem auf einem gemeinsamen "völkisch nationalistischen" Weltbild fußte. Beide waren in den 2000ern in der Kameradschaftsszene in Kassel aktiv; Ernst zu diesem Zeitpunkt wegen rassistisch motivierter Gewaltdelikte bereits verurteilt. Später zogen sich beide aus der Szene scheinbar zurück. Ihr Weltbild habe sich jedoch nicht verändert.

    Bereits 2014, so die Staatsanwaltschaft, seien beide Männer überzeugt gewesen, dass sich "die Deutschen" bewaffnen müssten, um sich gegen eine drohende Überfremdung zu wehren. Markus H. durfte legal Waffen besitzen, Stephan Ernst nicht. Dennoch werden später bei ihm nicht weniger als neun Feuerwaffen und eine Druckluftpistole gefunden, versteckt in einem Depot auf dem Gelände seines Arbeitgebers. Ab 2015 sei Ernst laut Anklageschrift bereit gewesen, "schwere Gewalttaten" zu begehen. Als Ziel kristallisierte sich Walter Lübcke heraus - wegen seiner flüchtlingsfreundlichen Einstellung.

    Markus H. habe Ernst in dieser Absicht bestärkt, glaubt die Staatsanwaltschaft: durch Worte und durch gemeinsames Schießtraining. Deshalb wirft sie ihm Beihilfe zum Mord vor.

    Stephan Ernst droht Sicherungsverwahrung

    Der Auftritt von Markus H. an diesem Dienstag ist in allen Belangen das Gegenteil von Stephan Ernst. H. verbirgt sein Gesicht unter der Kapuze seines olivgrünen Pullovers, einem Mundschutz und schließlich auch einem Aktenordner. Sein Outfit ist leger, als wäre er direkt von der Straße in den Gerichtssaal gestolpert. Während Ernst durchaus mitgenommen wirkt, grinst Markus H. mit einem Ausdruck, der sowohl Selbstbewusstsein als auch Ungläubigkeit ob der Situation, in der er sich wiederfindet, ausdrücken kann.

    Für H. geht es um weniger. Bei Ernst, das betont der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel nach Verlesung der Anklage, steht eine lebenslange Freiheitsstrafe im Raum. Die Staatsanwaltschaft sieht sogar die Voraussetzungen für eine anschließende Sicherungsverwahrung erfüllt. "Die beste Verteidigung ist ein frühzeitiges und von Reue getragenes Geständnis", lässt Richter Sagebiel beide Angeklagten wissen. Dass es dazu kommt, ist aber eher unwahrscheinlich.

    Verteidigerin wird zum Problem

    Denn bevor die Bundesanwaltschaft zu Prozessbeginn die Anklage präsentieren kann, machen die Verteidiger der beiden Angeklagten deutlich, wo in diesem Prozess die Fronten verlaufen. Es sind mehrere.

    Mustafa Kaplan, einst Opferanwalt im NSU-Prozess, jetzt einer von zwei Verteidigern von Stephan Ernst, stellt gleich zu Beginn einen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter. Der Hauptgrund: Richter Sagebiel hatte die Bestellung der Anwältin Nicole Schneiders zur Pflichtverteidigerin von Markus H. zugelassen.

    Eine problematische Entscheidung aus Sicht Kaplans. Denn Schneiders vertritt in einem anderen Verfahren Dirk Waldschmidt - den ersten Anwalt von Stephan Ernst. Als dieser noch sein Rechtsbeistand war, hatte Ernst den Mord an Lübcke gestanden. Heute behauptet er, diese Aussage nur gemacht zu haben, weil Waldschmidt ihm finanzielle Unterstützung angeboten hätte, wenn er Markus H. entlaste. Denn inzwischen behauptet Ernst, am Tatabend Lübcke zusammen mit Markus H. aufgesucht zu haben. Dabei hätte sich unabsichtlich ein Schuss aus der Pistole gelöst, die Markus H. mitgeführt haben soll.

    Aus den einstigen Freunden sind also inzwischen Gegner geworden. Kaplan verlangt entsprechend die Abberufung von Nicole Schneiders und des zweiten Verteidigers von Markus H., Björn Clemens. Stephan Ernst zweiter Verteidiger Frank Hannig sieht zudem die Prozessbeteiligten nicht ausreichend vor einer Ansteckung mit Covid-19 geschützt.

    Vorgehen der Verteidigung "schwer zu ertragen"

    Die Verteidigung von Markus H. geht sogar noch einen Schritt weiter und fordert, die Anklage erst gar nicht zu verlesen. Rechtsanwalt Clemens beklagt wortreich, dass sein Mandant medial bereits vorverurteilt worden sei, obwohl seine Tatbeteiligung noch gar nicht nachgewiesen sei. Zudem seien Einzelheiten aus der Ermittlungsakte öffentlich geworden.

    Videobeitrag

    Video

    zum Video Prozessauftakt im Mordfall Lübcke

    hs
    Ende des Videobeitrags

    All das unterlaufe "die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen" im Prozess. Ein faires Verfahren sei daher ausgeschlossen. Sein Mandant sei "öffentlich hingerichtet" worden, beklagt Clemens. Ihm gegenüber sitzen die Angehörigen von Walter Lübcke, zwei erwachsene Söhne und seine Frau und lassen diese Wortwahl unkommentiert.

    Bundesanwaltschaft und Nebenkläger weisen die Einwürfe der Verteidigung ab. Auch das Gericht lehnt die meisten Anträge ab. Über den Befangenheitsantrag wird bei anderer Gelegenheit entschieden werden. Ein erwartbarer Ausgang, wie auch die Verteidiger wissen. Anträge dieser Art dienen vor allem dazu, Ansätze für eine spätere Revision zu schaffen. Für Holger Matts, den Vertreter der Familie Lübcke, ist dieses Vorgehen zu Beginn des Prozesses dennoch "schwer zu ertragen".

    Stumme Anklage

    Nach viereinhalb Stunden schließlich kann der eigentliche Prozess mit der Verlesung der Anklage beginnen. Die beiden Angeklagten äußern sich dazu nicht. Ernsts Verteidiger Kaplan will nicht ausschließen, dass sich sein Mandant im Laufe des Verfahrens doch noch einlässt. Für Markus H. verliest Björn Clemens ein Eingangsstatement, das sich wenig mit den Tatvorwürfen befasst, dafür umso mehr mit der vermeintlich "politisch motivierten" Anklage.

    Es ist ein Prozessauftakt, bei dem fast alle Seiten ausgiebig zu Wort kommen. Die Verteidigung, der Vorsitzende Richter, Bundesanwaltschaft und auch die Anwälte der Nebenkläger. Drei Menschen jedoch schweigen: Jan-Hendrik Lübcke, Christoph Lübcke und Irmgard Braun-Lübcke. Die drei Hinterbliebenen des getöteten Walter Lübcke haben den Saal am Vormittag als erste betreten. Ihre Augen fixieren den ganzen Prozess über den Angeklagten Stephan Ernst. Auch das ist eine Art Anklage - eine, die keine Worte braucht.

  • Top-Thema

    Was Sie über den Prozess wissen müssen

    Wir haben für Sie die wichtigsten Fragen und Antworten zum Mordfall Lübcke und den Prozess in Frankfurt zusammengetragen:

    Weitere Informationen
    Drei Illustrationen der Illustratorin Inga Reichert in Kombination: Szene einer Ermordung, ein SEK-Einsatz, und ein Angeklagter vor Gericht.
    • Nacht von 1. auf 2. Juni 2019: Walter Lübcke wird auf seiner Terrasse in Wolfhagen-Istha (Kassel) in den Kopf geschossen. Er stirbt noch in der Nacht im Krankenhaus.
    • 16. Juni 2019: Der Rechtsextremist Stephan Ernst wird an seinem Wohnort in Kassel-Forstfeld festgenommen.
    • 25. Juni 2019: Ein Geständnis von Ernst führt zu Festnahmen der mutmaßlichen Komplizen Markus H. und Elmar J.. Außerdem führt Ernst die Ermittler zu seinem Waffendepot.
    • 16. Juni 2020: Beginn des Prozesses gegen Stephan Ernst und Markus H. vor dem Oberlandesgericht Frankfurt. Ernst wird Mord, versuchter Mord im Fall des Flüchtlings Ahmed I. und unerlaubter Waffenbesitz vorgeworfen. Markus H. wird wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.
    Ende der weiteren Informationen