Porträts der fünf neuen Bundestagsabgeordneten der SPD.

Überraschung bei der Bundestagswahl: Gleich fünf junge SPD-Kandidaten haben sich in ihren Wahlkreisen in Hessen durchgesetzt - und dabei mitunter prominente CDU-Politiker geschlagen. Fünf Kurzinterviews.

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hessenschau vom 27.09.2021
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In gleich zehn ehemals konservativ geprägten Wahlkreisen musste sich die CDU am Sonntag geschlagen geben - unter anderem verloren Kanzleramtschef Helge Braun und die stellvertretende Vorsitzende der CDU-Bundestagsfraktion Katja Leikert ihre Direktmandate. Die Hälfte der neuen SPD-Abgeordneten sind jünger als 35. Fünf Gespräche über Ziele, Erwartungen - und einen neuen Bundestag, der diverser ist als jemals zuvor.

Felix Döring, 30 Jahre, Gießen

Felix Döring, Direktkandidat der SPD im Wahlkreis 173

Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen, aber am Ende lag er knapp vorne: Felix Döring zieht für den Wahlkreis Gießen in den Bundestag. Bisher arbeitete er als Lehrer und war Stadtverordneter und Ortsvorsteher in Gießen.

hessenschau.de: Sie haben mit Helge Braun einen der bekanntesten Kandidaten in Hessen geschlagen. Wie ist Ihnen das gelungen?

Döring: Wir haben knapp 50 Bollerwagentouren durch den Wahlkreis gemacht. Dadurch habe ich den Wahlkreis nochmal auf eine ganz neue Art und Weise kennengelernt und ganz viele Einblicke bekommen in das, was die Menschen bewegt. Ich glaube, es waren letztendlich diese kleinen Gespräche zwischen Garten und Straße an der Haustür, die den Unterschied gemacht haben.

hessenschau.de: Haben Sie vorher geglaubt, dass das klappt?

Döring: Ein kleiner Teil von mir hat daran geglaubt, aber wenn man überlegt, dass wir vor einem Jahr bei 14, 15 Prozent standen in Umfragen und ich dafür belächelt worden bin, gesagt zu haben, wir wollen diesen Wahlkreis gewinnen, ist das eine kleine Sensation. Ich bin unglaublich stolz auf meine Partei und die vielen Leute, die mich unterstützt haben. Wir haben das als Team gemeinsam hingekriegt.

hessenschau.de: Für welche Themen kämpfen Sie jetzt im Bundestag?

Döring: Ich werde jetzt für die Sachen kämpfen, die ich im Wahlkampf betont habe: Wir müssen eine echte Chancengleichheit in der Bildung gewährleisten, mehr Geld in unser Bildungssystem investieren, wir müssen Schluss machen mit der Zwei-Klassen-Medizin in unserem Land und für einen Mindestlohn sorgen. Wir müssen Infrastruktur im ländlichen Raum ausbauen. Ich glaube, die Liste an Baustellen ist lang, und freue mich, sie jetzt anpacken zu können.

Melanie Wegling, 31 Jahre, Groß-Gerau

Melanie Wegling, Direktkandidatin der SPD im Wahlkreis 184

Mit 33,5 Prozent der Erststimmen lag Melanie Wegling in ihrem Wahlkreis Groß-Gerau deutlich vorne - und kickte den CDU-Abgeordneten Stefan Sauer aus dem Bundestag. Wegling ist seit zehn Jahren Fraktionsvorsitzende der SPD in Ginsheim-Gustavsburg. Am Montag ging es für sie direkt nach Berlin.

hessenschau.de: Sehen Sie sich als Teil einer neuen Generation im Bundestag?

Wegling: Ja, auf jeden Fall. Ich habe mich in den letzten Wochen und Monaten mit anderen jungen Kandidierenden ausgetauscht und habe am Sonntag mit Freude verfolgt, dass es viele von ihnen auch in den Bundestag geschafft haben. Wir haben vorne weg gesagt, wir möchten Politik gerne anders machen, auch mehr in die Zukunft gerichtet. Und das werden wir jetzt auch umsetzen. Wir treffen und organisieren uns und hoffen, dass wir der SPD und natürlich auch der Bundespolitik ein anderes Gesicht geben können.

hessenschau.de: Vor einigen Jahren hatte man noch den Eindruck, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren. Gibt es da einen Wandel?

Wegling: Ja, ich glaube aber, gar nicht so sehr in meiner Generation. Als ich zur Schule gegangen bin, war keiner von uns politisch. Wenn ich aber sehe, wie Schülerinnen und Schüler heute für Klimapolitik auf die Straße gehen, habe ich schon große Hoffnung, dass sich das ändert.

Ich sehe aber die Schwierigkeit, dass man sich kontinuierlich über Jahre in Parteien hocharbeiten muss, um es am Ende zu schaffen. Ich bin ja nicht von jetzt auf gleich in den Bundestag gekommen, sondern mache das schon viele Jahre. Ob man die Menschen, die sich heute bei Klimastreiks engagieren, auch dazu bekommt, in Parteien einzutreten, weiß ich noch nicht. Das wird eine Herausforderung.

hessenschau.de: Welches Thema gehen Sie im Bundestag als erstes an?

Wegling: Ich bin im Wahlkampf häufig mit dem Thema bezahlbarer Wohnraum konfrontiert worden. Gerade im Rhein-Main-Gebiet ist der Bedarf riesig. Ich habe mir vorgenommen, bei dem Thema ganz schnell etwas zu bewegen.

Armand Zorn, 33 Jahre, Frankfurt I

Armand Zorn, Direktkandidat der SPD im Wahlkreis 182

SPD-Newcomer Armand Zorn erhielt im ersten Frankfurter Wahlkreis 29 Prozent der Stimmen und beerbt den langjährigen Abgeordneten Matthias Zimmer (CDU). Politische Erfahrung sammelte der gebürtige Kameruner im Finanzministerium, der Französischen Nationalversammlung und bei der Europäischen Kommission. Außerdem arbeitete er als Unternehmensberater.

hessenschau.de: 19 Jahre lang gingen die Direktmandate in Frankfurt an die CDU. Wie fühlt es sich an, dass Sie jetzt von den Menschen in Frankfurt als SPD-Kandidat nach Berlin geschickt wurden?

Zorn: Das fühlt sich gut an. Ich hatte natürlich gehofft, dass ich das Direktmandat gewinne, aber dass es so deutlich ausfällt, hätte ich niemals gedacht. Ich finde, das ist ein Vertrauensvorschuss, den ich gerne in den nächsten Jahren über meine Arbeit zurückzahlen möchte.

hessenschau.de: Gibt es ein Ziel, das Sie auf jeden Fall erreichen möchten?

Zorn: Ehrlich gesagt, nein. Am Ende des Tages will ich die Frankfurterinnen und Frankfurter in Berlin vertreten, die Interessen unserer Stadt in Berlin durchsetzen. Wir sehen doch, dass die Themen miteinander verbunden sind. Ob es soziale Gerechtigkeit ist, der Klimawandel, gut bezahlte Arbeitsplätze oder eine starke Wirtschaft.

hessenschau.de: Sie sind einer von vielen jungen SPD-Kandidaten, die Ihre Wahlkreise gewonnen haben. Können junge Menschen in der Politik jetzt mehr bewirken?

Zorn: Ich glaube, jetzt werden wir eine Fraktion und auch einen Bundestag haben, der die gesellschaftliche Vielfalt widerspiegelt - im Hinblick auf das Alter, das Geschlecht, die verschiedenen Lebensrealitäten und Biographien. Das ist sehr wichtig, damit wir auch eine Politik für die Mehrheit der Menschen machen. Dass Herr Nouripour und ich die Mandate in Frankfurt gewonnen haben, zeigt, wie vielfältig unsere Stadt ist und dass Menschen mit Migrationsgeschichte, die dazu beitragen, dass unsere Welt schöner wird, ihren Platz hier haben.

Natalie Pawlik, 29 Jahre, Wetterau I

Natalie Pawlik, Direktkandidatin der SPD im Wahlkreis 177

Vor vier Jahren versuchte sie es schon einmal, dieses Mal setzte sie sich durch: Natalie Pawlik aus Bad Nauheim folgt im Wahlkreis Wetterau I auf Oswin Veith (CDU). Zuvor leitete die Sozialdemokratin das Wahlkreisbüro eines Abgeordneten des EU-Parlaments, saß zehn Jahre lang in der Stadtverordnetenversammlung und fünf Jahre im Kreistag.

hessenschau.de: Haben Sie damit gerechnet, dass Sie das Direktmandat holen?

Pawlik: Das kommt auf den Zeitraum an. Vor ein paar Monaten habe ich mir die Chancen weniger gut ausgemalt. Da hat man uns ja noch gefragt, warum wir überhaupt einen Kanzlerkandidaten aufgestellt haben. Aber generell kandidiere ich schon mit dem Anspruch, das Direktmandat zu holen. Für völlig ausgeschlossen habe ich das nie gehalten.

hessenschau.de: Hatten Sie das Gefühl, im Wahlkampf ernst genommen zu werden?

Pawlik: Dadurch, dass ich das zweite Mal angetreten bin, galt ich vielerorts als die Erfahrene. In meinem ersten Wahlkampf, mit 24, sind mir die Menschen viel skeptischer begegnet. Da habe ich das viel mehr gespürt.

hessenschau.de: Was war Ihre Motivation, in die Politik zu gehen?

Pawlik: Ich gehöre nicht zu den Menschen, die zu Hause sitzen und meckern. Wenn man etwas verändern will, muss man mit anpacken. In meinem Fall waren das prekäre Beschäftigungsverhältnisse. In meinem persönlichen Umfeld habe ich miterlebt, dass Menschen wirklich harte Arbeit leisten und nicht entsprechend entlohnt werden, beispielsweise im Gesundheitswesen. Das war einer der Gründe, aus denen ich gesagt habe: Ich mache das jetzt.

Lennard Oehl, 27 Jahre, Hanau

Lennard Oehl, Direktkandidat der SPD im Wahlkreis 180

Lennard Oehl kandidierte zum ersten Mal für den Bundestag - und besiegte im Wahlkreis gleich die stellvertretende Vorsitzende der CDU-Bundestagsfraktion, Katja Leikert. Der studierte Volkswirt arbeitete als Analyst in der Finanzwirtschaft und engagierte sich nebenbei im Kreistag des Main-Kinzig-Kreises.

hessenschau.de: Haben sich die Wählerinnen und Wähler nach neuen Gesichtern gesehnt?

Oehl: Viele Leute haben mir im persönlichen Gespräch gesagt: Endlich mal jemand Neues, Junges, der auch eine andere Berufserfahrung mitbringt. Natürlich bin ich nicht deswegen gewählt worden, sondern der Bundestrend hat eine große Rolle gespielt und auch die starke kommunalpolitische Basis. Wir stellen in neun von 14 Gemeinden in meinem Kreis den Bürgermeister. Das hat mir viel Unterstützung gegeben.

hessenschau.de: Im Wahlkampf haben Sie eine ehrlichere und direkte Politik versprochen. Was meinen Sie damit?

Oehl: Auch mal zuzugeben, wenn etwas schief gelaufen ist. Ein großer Prozentsatz der Bevölkerung wurde in der Corona-Pandemie ziemlich gebeutelt, zum Beispiel Menschen in Kurzarbeit oder Selbstständige. Das mal so ehrlich zu artikulieren, hat mir in der Politik gefehlt - auch in meiner Partei.

Außerdem möchte ich mehr Präsenz im Wahlkreis zeigen. Ich könnte mir vorstellen, ein zweites Wahlkreisbüro in einer Ladenzeile in der Fußgängerzone einzurichten, wo man für die Bevölkerung sichtbarer ist. Viele Menschen haben das Gefühl, die Politiker lassen sich erst ein halbes Jahr vor der Wahl blicken. Das kann man anders gestalten.

hessenschau.de: Was ist Ihr Ziel für den Bundestag?

Oehl: Ich weiß noch nicht, in welchen Ausschüssen ich tätig sein werde. Mich interessieren finanz- oder wirtschaftspolitische Themen, beispielsweise wenn es darum geht, ein gerechteres Steuersystem einzuführen. Gerade nach der Corona-Zeit ist die wichtige Frage, wie man die Lasten jetzt fairer verteilt. Ich denke auch an globale Mindeststeuern oder an internationale Steuerabkommen. Das erreicht man nicht in 100 Tagen und auch nicht in vier Jahren, aber das sind langfristige Ziele, die ich hoffentlich mal erreichen werde.

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