Der Auspuff eines grau-silbernen Verbrennerautos

Hessen fällt unter der CDU/SPD-Regierung beim jährlichen Dienstwagen-Check der Deutschen Umwelthilfe zurück. Das war nach dem Wechsel mehrerer Minister von E- auf Hybridautos abzusehen, sorgt aber dennoch für Kritik - unter anderem vom eigenen Klimabeirat.

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Dienstwagen-Check: Landesregierung im Rückwärtsgang

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Hessens Landesregierung ist beim Dienstwagen-Check der Deutschen Umwelthilfe (DUH) wieder abgerutscht: Im aktuellen Länder-Ranking [PDF - 3mb] liegen die Hessen nur noch auf Platz elf, im Jahr zuvor war es noch Rang sechs. Die Platzierung richtet sich nach dem durchschnittlichen CO2-Ausstoß der Dienstwagen aller Ministerinnen und Minister sowie des Ministerpräsidenten.  

Im Vergleich der Regierungschefs der Länder [PDF - 1016kb] kommt Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) mit seinem Audi A8 L 50 TDI quattro ebenfalls nicht über einen Platz im hinteren Mittelfeld hinaus: Er rangiert aktuell auf Platz zehn. Immerhin konnte er die rote Lampe abgeben, die sein Vorgänger Volker Bouffier (CDU) mit seiner Dienstlimousine noch hatte.  

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Dienstwagen-Check

Beim Blick unter die Motorhauben des politischen Spitzenpersonals in Bund und Ländern untersucht die Deutsche Umwelthilfe (DUH) jedes Jahr Daten zum Spritverbrauch und zum CO2-Ausstoß der Dienstwagen. Die Rankings der Umweltschutzorganisation orientieren sich am CO2-Ausstoß im realen Fahrbetrieb. Die DUH verteilt dabei rote, gelbe und grüne Karten.
In Hessen erhielt allein der E-Dienstwagen von Arbeits- und Sozialministerin Heike Hofmann (SPD) eine grüne Karte. Ihr Auto hält demnach den seit 2020 geltenden CO2-Grenzwert für Neuwagen von 95 Gramm pro Kilometer im realen Betrieb ein.

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Hessens Landesregierung fällt beim Dienstwagen-Check zurück

Der Auspuff eines grau-silbernen Verbrennerautos
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Warum die Landesregierung bei der Untersuchung zurückgefallen ist, lässt sich einfach erklären. Nach dem Wechsel in der Landesregierung von Schwarz-Grün auf Schwarz-Rot schrumpfte die Zahl der Elektrofahrzeuge in den Reihen der Minister-Dienstwagen wieder.

Weniger E-Autos

Sowohl Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori als auch Wissenschafts- und Kulturminister Timon Gremmels (beide SPD) tauschten die E-Autos ihrer grünen Vorgänger gegen Plug-in-Hybrid-Autos. Landwirtschaftsminister Ingmar Jung (CDU) hat zwar den E-Dienstwagen seiner Vorgängerin Priska Hinz übernommen und wird im Ranking entsprechend noch als E-Wagen-Fahrer geführt. Jung hat aber schon ein Hybrid-Auto bestellt.  

Erst durch die Anschaffung der E-Autos durch die grünen Minister kletterte Hessen 2023 auf Platz sechs im Bundesländer-Ranking. Zuvor hatte die Landesregierung lange auf dem letzten Platz rangiert.  

Klimabilanz von Plug-in-Hybriden oft schlecht

Plug-in-Hybride besitzen einen Elektro- und einen Verbrennermotor, können also beide Antriebe nutzen. Anders als bei Vollhybriden kann der Elektromotor über ein Ladekabel geladen werden und bringt so eine größere Reichweite. Kurzstrecken innerhalb der Stadt können meist rein elektrisch gefahren werden, für längere Strecken mit höherem Tempo greifen sie auf den Verbrennermotor zurück.   

Im Ranking der DUH schneiden die Plug-in-Hybrid-Autos der Minister beim CO2-Ausstoß deutlich schlechter ab als E-Autos. Ihre Emissionen fallen zwar auf dem Papier relativ niedrig aus. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) bescheinigt ihnen in einer aktuellen Studie die beste Klimabilanz nach E-Autos.

Allerdings hänge die tatsächliche Bilanz entscheidend davon ab, wie hoch der elektrische Fahranteil sei, so der VDI. Und der ist in der Praxis oft niedrig, wie eine Studie des Fraunhofer-Instituts zeigt. Die tatsächliche Klimabilanz bei Plug-in-Hybriden ist demnach oft mindestens so schlecht wie die herkömmlicher Autos, weil durch das zusätzliche Gewicht der Batterie mehr Benzin verbraucht wird.  

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Minister: Geringe Reichweite, lange Ladezeiten

Die neuen Minister begründen ihre Entscheidung für die Plug-in-Hybride mit der geringen Reichweite und den langen Ladezeiten der E-Autos ihrer Vorgänger. Wirtschaftsminister Mansoori sagte dem hr, die etwa 350 Kilometer Reichweite seiner zunächst übernommenen E-Limousine reichten ihm nicht, an manchen Tagen habe er sechs bis sieben Termine in Hessen: "Ich brauche nun mal ein Langstreckenfahrzeug, und wir können es uns nicht erlauben, wenn wir zwischendrin mal 30 Minuten laden müssen." Einer seiner Fahrer habe kürzlich 80 Kilometer Umweg fahren müssen, um eine Schnellladesäule zu finden.

Ähnlich argumentiert ein Sprecher von Wissenschafts- und Kulturminister Gremmels. Er verweist auf den Wohnsitz des Ministers in Nordhessen. Das Landwirtschaftsministerium antwortete auf hr-Anfrage schriftlich, man habe sich "aus Gründen der Praktikabilität für eine hybride Variante entschieden".

Grüne Vorgänger schweigen vornehm

Die elektrisch fahrenden Vorgänger der Minister schweigen vornehm, wenn man sie nach ihrer Meinung zu den Argumenten der SPD- und CDU-Minister fragt. Es sei Usus, dass man als Vorgänger nicht über seine Nachfolger rede. Doch Mathias Wagner, Fraktionschef der Grünen im Landtag, äußert sich: "Es ist noch nie ein Termin eines Mitglieds der Landesregierung daran gescheitert, dass ein Elektroauto nicht geladen werden konnte oder dass eine Tankstelle geschlossen war."

Der ADAC gibt die Reichweite des E-Dienstwagens des früheren Wirtschaftsministers Tarek Al-Wazir (Mercedes Benz EQE 350, Baujahr 2022) mit 530 Kilometern an. Der Reichweitenrechner des ADAC ergibt: Bei 100 km/h sind es 545 Kilometer, bei 130 km/h 380 Kilometer.

Der wissenschaftliche Klimabeirat der Landesregierung kritisiert die Entscheidung der Minister entsprechend als falsches Signal: Die Hybridautos seien "die dreckigste Variante, die ich mir besorgen kann", sagte der Beiratsvorsitzende Sven Linow dem hr. 

Das sei ein Rollback beim Klimaschutz. Hessen werde so seiner proklamierten Vorbildrolle nicht gerecht, betont Linow, der die Regierung zuletzt auch wegen ihres Festhaltens an umstrittenen Kompensationsmodellen für eine bessere CO2-Bilanz kritisierte.

Landesverwaltung soll 2030 CO2-neutral laufen

Aus dem Landwirtschaftsministerium heißt es dazu, man halte natürlich an den Zielen fest, Hessen bis 2045 klimaneutral zu machen sowie als Vorbild voranzugehen und die Landesverwaltung bis 2030 nettotreibhausgasneutral zu gestalten. So sollen die Dienststellen des Landes eine bedarfsgerechte und einheitliche Ladeinfrastruktur für E-Dienstautos erhalten.

Die Emissionen aus Dienstfahrten sind nach den Emissionen der landeseigenen Gebäude jedenfalls die größte Stellschraube [PDF - 586kb] in Sachen Klimaneutralität der Landesverwaltung. Das Finanzministerium beteuert, dass der Fuhrpark des Landes schrittweise auf Elektroantrieb umgestellt werde.

Mansoori hält nichts von "Symbolpolitik"

Wirtschaftsminister Mansoori sagt, er halte nichts von Symbolpolitik. Hessen müsse mehr Schnellladesäulen aufstellen, die Reichweite von E-Autos müsse sich vergrößern. Dann spreche "überhaupt nichts dagegen, dass ich auch als Minister wieder voll elektrisch fahre". 

Im September 2023 lag Hessen laut einer Studie des Verbands der Automobilindustrie bei der Zahl der öffentlichen Ladestationen auf dem drittletzten Platz. Der ADAC sah massiven Nachholbedarf.

Auch Mansoori sagt, man müsse "schneller werden beim Ausbau der Infrastruktur". Seine Regierung wolle da einiges tun. Ebenso sollten Bus und Bahn sowie die Nahmobilität in den Kommunen gestärkt werden - darauf müsse man den Fokus legen. Den Rang der Landesregierung im Dienstwagen-Check hält er hingegen für "kein konkretes Problem der Menschen in Hessen".  

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