OP-Saal in Kreisklinik Groß-Gerau

Der Energieverbrauch in Hessens Kliniken ist enorm - und der kommende Winter droht damit für viele Häuser zur finanziellen Zerreißprobe zu werden. Hilferufe an den Bund verhallen bisher.

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Energiekrise belastet Kliniken

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Sie tun schon, was sie können: alte Neonröhren in den OP-Sälen durch LED-Leuchten ersetzen, Thermostate in wenig frequentierten Fluren auf 17 Grad herunterregeln, und auch die Duschen könnten nachts bald kalt bleiben. Aber: Die Energiesparmaßnahmen der Kreisklinik Groß-Gerau werden wohl höchstens homöopathische Wirkung haben. Maximal ein Prozent ihrer Energiekosten kann die Klinik so reduzieren.

"Viel ist hier nicht zu machen", meint Internist Ali Najjar und schüttelt den Kopf. "Das sind lebenserhaltende Geräte, die auf der Intensivstation laufen müssen." Man könne auch nicht die allgemeine Raumtemperatur einfach senken, ohne gesundheitliche Folgen für immungeschwächte Patientinnen und Patienten zu riskieren. "Älteren Menschen, die im Nachthemd hier liegen, wird schneller kalt, das ist dann zum Beispiel auch für Narkosebehandlungen nicht förderlich", so der Arzt.

150 Millionen Euro für Energiekosten

Die Energiekrise schlägt in Krankenhäusern besonders heftig zu: medizinische Großgeräte, Tag und Nacht betriebene Intensivstationen, High-Tech-Operationssäle – 150 Millionen Euro bezahlen die hessischen Kliniken nach Angaben der Krankenhausgesellschaft bisher im Jahr für Energie, die Hälfte davon für Gas. Der Verbrauch ist enorm und damit auch die nun kommenden Mehrkosten.

Patientenbetten in der Kreisklinik Groß-Gerau

Allein die Klinik Groß-Gerau gibt jährlich rund 600.000 Euro für Strom und Wärme aus. Zur Not könnten die Kessel im Keller auch übergangsweise mit einem Öl-Tank statt mit Gas betrieben werden, sagt Geschäftsführerin Erika Raab. Auch eine Photovoltaikanlage hat die Klinik schon auf dem Dach, die jedoch nur einen Bruchteil des Bedarfs liefert. "Um alles zu decken, bräuchte ich ein ganzes Photovoltaikfeld", sagt sie.

Krankenhausleiterin: "Wie soll ich das bezahlen?"

Für die Klinik sei die Versorgungssicherheit derzeit das beherrschende Thema, so Raab. "Aber das andere ist die Frage: Wie soll ich das bezahlen?" Die Geschäftsführerin rechnet mit 37 Prozent mehr Energiekosten, hinzu würden noch weitere Kostensteigerungen im laufenden Betrieb kommen. Durch die Inflation sei vieles teurer, etwa Arzneimittel, auch das Personal bekomme dieses Jahr vier Prozent mehr Gehalt.

Die besondere Herausforderung für Krankenhäuser: Sie können die Preise für ihre Leistungen nicht eigenmächtig erhöhen und Mehrkosten so einfach an Kunden weitergeben, wie etwa ein Hotel oder eine Tankstelle. Denn: Klinikleistungen werden per Gesetz nach einem festen Pauschalsystem mit den Krankenkassen abgerechnet, inklusive der anfallenden Nebenkosten. Diese Fallpauschen werden jährlich festgelegt. Als das zuletzt geschah, im November 2021, wurden sie bundesweit um durchschnittlich 2,3 Prozent angehoben. Da waren Krieg und Energiekrise noch weit entfernt.

Hessische Krankenhausgesellschaft nennt Lage dramatisch

Nun sei die Lage vielerorts dramatisch, meint Steffen Gramminger, Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft. "Wir haben Rückmeldungen aus Krankenhäusern, dass Energieversorger die Verträge kündigen und neue Verträge dann das acht- und sogar bis zu zehnfache des alten Preises zuschlagen."

Angesichts der Preissteigerung und der zusätzlich noch anfallenden Gasumlage könnten die Energiekosten für hessische Krankenhäuser seiner Ansicht nach von 150 Millionen auf eine Milliarde Euro ansteigen. "Und das ist momentan nicht gegenfinanziert."

"Bund muss schnell handeln"

Gramminger appelliert deshalb die Bundesregierung, schnell zu handeln, und kurzfristig eine Art Rettungsschirm für die Krankenhäuser bereitzustellen. Mittel- und langfristig sei außerdem auch der energetische Umbau von Gebäuden ein Thema. Es gebe in Hessen bereits einige positive Beispiele, doch Gramminger fordert auch für energetisches Sanieren im Krankenhausbereich ein gesondertes Förderprogramm.

In Hessen gibt es zwar einen Topf für Investitionsfördermittel für die Krankenhäuser, jedoch sei dieser ein "Bürokratiemonster", meint Gramminger. Man motiviere die Krankenhäuser, Anträge zu stellen, gleichzeitig müsste seiner Ansicht nach aber auch das Verfahren dringend verschlankt werden.

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„Finanzierungszuständigkeit des Bundes für die Krankenhäuser besteht im Grundsatz nicht.“ Bundesministerium für Gesundheit Bundesministerium für Gesundheit
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Das Bundesgesundheitsministerium verweist auf hr-Nachfrage in einer schriftlichen Antwort auf genau diese Investitionsfördermittel der Länder und auf das allgemeinen Pauschalsystem, in dem Kostensteigerungen jährlich berücksichtigt würden. Man sei sich der steigenden Betriebskosten der Krankenhäuser und der damit einhergehenden Belastung bewusst. Aber: "Finanzierungszuständigkeit des Bundes für die Krankenhäuser besteht im Grundsatz nicht."

Der Ministerium erklärt weiter: Gesetzliche Änderungen seien derzeit nicht vorgesehen, auch um anderer Leistungserbringer im Gesundheitswesen, die ebenfalls mit den Belastungen konfrontiert sind, nicht zu benachteiligen.

"Wenn das weiter so bleibt, könnte es bald zu einem Kliniksterben kommen"

Guido Wernert, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft St. Vincenz in Limburg und des Evangelischen Krankenhauses in Dierdorf/Selters (Lahn-Dill), fühlt sich und seine rund 2.400 Mitarbeitenden mit solchen Aussagen allein gelassen. Seine Sorge: dass die Politik die prekäre Lage der Kliniken einfach so hinnimmt. Dabei gehe es für viele Krankenhäuser um die Existenz, meint er: Die Durststrecke sei schon lang, die Energiekrise paare sich jetzt mit der Belastung durch die Corona-Pandemie und dem allgemeinen Mitarbeitermangel im Gesundheitswesen.

Wernert wiederholt deshalb einen Appell, den viele Klinikbetreiber und auch Mitarbeitende schon seit Jahren immer wieder äußern: Das Gesundheitswesen müsse weg von einer reinen Leistungsfinanzierung und hin zu einer gesicherten Basisfinanzierung. Er befürchtet: "Wenn das weiter so bleibt, könnte es bald zu einem Kliniksterben kommen."

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Krankenhäuser unterfinanziert - Geschäftsführer St. Vincenz Limburg schlägt Alarm

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Der Winter wird hart

Die Klinik Groß-Gerau stand schon mal kurz davor, das war vor zwei Jahren. Auch jetzt komme wieder ein harter Winter, so Geschäftsführerin Erika Raab. Im November werde sich zeigen: Wie viele Kosten fallen tatsächlich an? Wie viel wird vielleicht doch noch vom Bund oder vom Land übernommen? Und wie kalt wird der Winter?

Die Klinik selbst könne derzeit ansonsten nicht sehr viel tun, außer eben vorzusorgen und Strom zu sparen, so gut es nur geht. In Richtung Berlin hat Arzt Ali Najjar noch einen wohl nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag: "Im Gesundheitsministerium brennen doch viele Lichter, da kann man eher sparen als im Krankenhaus."

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