Ortsschild Inflation und Gefahrenschild, Anstieg der Inflationsrate (Aufnahmedatum nicht definiert)

Einkaufen, Heizen und Tanken – alles wird teurer. Die Inflation steigt in historische Höhen. Die Sorgen der Hessen nehmen zu, Sozialverbände und Gewerkschaften schlagen Alarm. Die bange Frage lautet: Wie geht's weiter?

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Inflation in Hessen so hoch wie seit Jahrzehnten nicht

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Die immer stärker steigende Inflation bereitet vielen Hessen Sorgen. Nahrungsmittel werden teurer, Energie- und Lebenshaltungskosten klettern. Das Geld ist weniger wert, die Kaufkraft des Euro schwindet. Unter dem Strich bleibt weniger im Geldbeutel übrig. Wie entwickelt sich die Inflation? Ist Besserung in Sicht? Und: Was können Verbraucher tun? Fragen und Antworten zum Thema:

Wie hat sich die Inflation in Hessen entwickelt?

Die Teuerung hat sich in schwindelerregende Sphären entwickelt. Im Mai gab es einen Anstieg um 8,4 Prozent im Jahresvergleich, wie das Statistische Landesamt in Wiesbaden mitteilte. Im April lag die Inflationsrate in Hessen noch bei 7,9 Prozent. Eine höhere Inflationsrate als im Mai hatte es in Hessen zuletzt vor knapp 50 Jahren gegeben. In Hessen ist die Inflation sogar höher als bundesweit. In Deutschland beträgt der Wert aktuell laut Mitteilung des Statistischen Bundesamtes 7,9 Prozent.

Was bedeuten höhere Inflationsraten für Verbraucher?

Die Europäische Zentralbank (EZB) erklärt: In einer Marktwirtschaft können sich die Preise von Waren und Dienstleistungen natürlich ändern. Manche Produkte werden teurer, andere billiger. Steigen die Preise von Waren und Dienstleistungen allgemein, und nicht nur die Preise einzelner Produkte, so bezeichnet man dies als Inflation. Dann kann man heute mit 1 Euro nicht so viel kaufen wie noch gestern. Ergo: Durch Inflation sinkt mit der Zeit der Wert einer Währung.

Kann man von historisch hoher Inflation sprechen?

Inflationsraten auf dem derzeitigen Niveau gab es im wiedervereinigten Deutschland noch nie. In den alten Bundesländern muss man in der Zeitreihe bis in den Winter 1973/1974 zurückgehen, um ähnlich hohe Werte zu finden. Damals waren die Mineralölpreise infolge der ersten Ölkrise stark gestiegen.

Wie haben sich die Energiekosten in Hessen entwickelt?

Die Preise für Energie stiegen laut Landesamt durchschnittlich um 42,2 Prozent im Vergleich zum Mai des Vorjahres. Für Heizöl erhöhten sich die Kosten um 93,3 Prozent. Erdgas war demnach um 82,7 Prozent teurer. Auch für Kraftstoffe (plus 42,4 Prozent) mussten die Verbraucher deutlich tiefer in die Tasche greifen. Die Kosten für Strom (plus 22,6 Prozent) gingen ebenfalls kräftig nach oben.

Wie ist die Lage bei Nahrungsmitteln in Hessen?

Die Preise für Nahrungsmittel legten in Hessen nach Angaben der Statistiker um 10,4 Prozent zu. Überdurchschnittlich teurer seien Speisefette und -öle (plus 36,4 Prozent) sowie Butter (plus 36,9 Prozent) gewesen. Die Ausgaben für Fleisch und Fleischwaren stiegen im Jahresvergleich um 16,8 und für Molkereiprodukte um 11,5 Prozent. Brot und Getreide-Erzeugnisse kosteten 10,2 Prozent mehr. Teurer waren im Mai auch Gemüse (plus 4,6 Prozent) und Obst (plus 1,3 Prozent).

Wodurch wird die Inflation angefacht?

Seit Monaten treiben stark gestiegene Energiepreise die Inflation in Deutschland wie im Euroraum. Dieser Trend verschärfte sich noch durch den russischen Angriff auf die Ukraine. Zudem hat die Industrie wie während der Corona-Pandemie damit zu kämpfen, dass Lieferketten nicht reibungslos funktionieren.

Wie lauten die Experten-Prognosen zur Inflation?

Volkswirte rechnen nicht damit, dass das Preisniveau sich rasch entspannen wird - im Gegenteil. "Angesichts anhaltend hoher Preise für Rohstoffe, Transportleistungen und andere Vorprodukte dürften die Verbraucherpreise auch in den nächsten Monaten stark steigen", prognostiziert die Bundesbank im Monatsbericht Mai.

Der Chefvolkswirt des Fonds-Anbieters Union Investment, Jörg Zeuner, meint: Für Entwarnung sei es noch zu früh. Er rechnet erst ab Ende 2022 mit einem deutlichen Rückgang der Teuerung - und erst ab Anfang 2024 mit Inflationsraten, die mit 2 Prozent bis 2,5 Prozent deutlich näher an der Zielmarke der Europäischen Zentralbank liegen: "Der wesentliche Grund: Nachfrage und Angebot sollten bis dahin besser in Einklang miteinander kommen."

Nach Berechnungen des Kreditversicherers Allianz Trade muss für Lebensmittel in den kommenden Monaten wahrscheinlich noch einmal deutlich mehr bezahlt werden. In Deutschland dürften die Lebensmittelpreise 2022 um mehr als zehn Prozent anziehen. Pro Kopf entspreche das im Schnitt 250 Euro Mehrkosten im Jahr.

Wie ist die Stimmung bei den Verbrauchern?

Bei Verbrauchern wächst angesichts der hohen Inflation die Sorge. In einer Erhebung im Auftrag der Auskunftei Schufa gaben 38 Prozent der 1.000 Befragten in Deutschland an, dass es ihnen zunehmend schwerfallen werde, die Dinge des täglichen Bedarfs zu bezahlen. Im Januar hatten sich 28 Prozent entsprechend geäußert. 14 Prozent und damit vier Prozentpunkte mehr als im Januar müssen nach eigener Einschätzung wahrscheinlich einen Kredit aufnehmen, um ihren Lebensstandard zu halten.

Einer aktuellen Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung zufolge empfinden rund ein Viertel aller Erwerbstätigen und Arbeitssuchenden ihre eigene finanzielle Lage als stark belastend. Bei Beschäftigten, die weniger als 1.300 Euro brutto verdienen, äußert dies jeder Zweite. Über die Hälfte berichtet von starken Belastungen durch gestiegene Lebensmittel-, Energie- und Kraftstoffpreise.

Wie reagieren Sozialverbände und Gewerkschaften?

Sozialverbände und Gewerkschaften schlagen Alarm. Angesichts der immens hohen Inflation fordern sie deutliche Entlastungen für ärmere Haushalte. Vor allem steigende Lebensmittelpreise "treffen die Ärmsten am härtesten", warnte die Diakonie Deutschland. Man gehe davon aus, dass ein Viertel der Bevölkerung zu wenig Geld für das Lebensnotwendige habe und nun in existenzielle Nöte gerate. Der Sozialverband VdK forderte ein Entlastungspaket, das auch Rentnerinnen und Rentner berücksichtigt.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Hessen-Thüringen warnt: "Die immer weiter steigende Inflation frisst derzeit die Löhne in Hessen auf." Der DGB fordert: "Entlastungspakete und Prämien durch die Bundesregierung sind zwar gut und richtig – sie sind aber aufgrund der verschärften Situation nicht die Dauerlösung." Die Gaspreise müssten gedeckelt werden, damit Haushalte mit niedrigeren Einkommen entlastet werden.

Was hat die Bundesregierung unternommen?

In Berlin sind Entlastungspakete geschnürt worden. Die Bundesregierung hat zum Beispiel für drei Monate einen Tankrabatt und das Neun-Euro-Ticket im ÖPNV eingeführt. Mit dem Ticket kann man sehr kostengüntig Bahn fahren, etwa auch zu Ausflusgzielen in Hessen. Es gibt aber auch Kritik. Zu den Folgen für den Staat, die von einer hohen Teuerung ausgehen, gibt es hier eine Analyse.

Wie beurteilen Verbraucherschützer die Situation?

Die Verbraucherzentrale (VZ) Hessen sagt: Viele Menschen können die Preissteigerungen so nicht verkraften. Sie haben erhebliche Sorgen und verfügen über keine Mittel, die Preissprünge mitzugehen. "Für die VZ Hessen bedeutet die Situation eine erhöhte Nachfrage nach Beratung und Information", berichtete Vorstand Philipp Wendt in Frankfurt. Das beherrschende Thema in diesem Jahr seien Rechtsfragen bei Problemen mit Energieversorgern. Die Beratungsnachfrage sei in diesem Jahr explodiert.

Grund für Beschwerden und die hohe Beratungsnachfrage sei "das fragwürde Verhalten einiger Energieanbieter, die rechtswidrig Preise oder Abschlagszahlungen erhöht haben oder ihre Kunden trotz langfristiger Vertage zu Tausenden vor die Tür gesetzt haben".

Was können Verbraucher tun?

Verbraucherzentralen informieren darüber, wo und wie man im Alltag sparen kann. Tipps gibt es etwa bei Geldknappheit, im Umgang mit steigenden Lebensmittelpreisen und zum Sparen beim Gasverbrauch. Einsparmöglichkeiten bestehen beim Heizen: Eine Stufe weniger beim Thermostat spart bis zu 20 Prozent Energie. Wer sein Warmwasser von 60 auf 45 Grad herunterregelt, kann rund ein Drittel einsparen, erklärt die Verbraucherzentrale (VZ) Hessen.

Vorstand Philipp Wendt betont aber auch: "Viele Menschen haben kaum noch Einsparpotenzial." Durchs eigene Konsumverhalten sei die Inflation nicht zu bewältigen. "Entlastungspakete der Politik sollten deswegen auf die Bedürftigsten ausgerichtet werden."

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