Der Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober hat das Leben vieler jüdischer Menschen in Deutschland drastisch verändert. Die Auswirkungen erleben auch Miki Lazar aus Kassel und Daniel Navon aus Frankfurt. Wie gehen sie mit einer Bedrohung um, die auch hier immer konkreter wird?

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Tausende kamen im November zu Demonstrationen gegen Judenhass in Frankfurt zusammen. Darunter auch der 24-jährige jüdische Student Daniel Navon. Er spüre die Einschüchterung permanent, sagt Navon. Auf anderen Kundgebungen sei er von Kommilitonen schon als Kindermörder bezeichnet worden. Das mache ihn wütend, als Jude wünsche er sich mehr Sicherheit in Deutschland.

Trotz der erhöhten Bedrohungslage ist Navon zur Demo gekommen. Er möchte ein Zeichen setzen. Auf dieser Kundgebung fühlt er sich trotz eines flauen Gefühls im Magen in guter Gesellschaft: "Jetzt, wo man inmitten der Menschen ist, wo man viel Solidarität sieht und Menschen, die Plakate von den Geiseln tragen, ist es ein warmes Gefühl."

Antisemitismus auch in Hessen verbreitet

Der jüdische Student Daniel Navon steht vor einem Israel-Transparent in der Frankfurter Innenstadt

Doch wegen solcher Vorkommnisse, wie Navon sie bereits erlebte, haben viele Betroffene inzwischen Angst, sich in der Öffentlichkeit zu äußern oder als Juden erkannt zu werden. Seit dem Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober seien die antisemitischen Übergriffe im Vergleich zum Vorjahr um das Vierfache angestiegen, teilte der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) kürzlich mit.

Auch in Hessen: Mehrmals bestätigte der hessische Verwaltungsgerichtshof die Verbote von pro-palästinensischen Demonstrationen durch die jeweiligen Städte – aus Angst vor möglichen Straftaten. Andere Demo-Verbote wurden gekippt. Später rissen Unbekannte Israelfahnen von öffentlichen Fahnenmasten zündeten sie an, urinierten darauf.

In Gedanken oft bei Betroffenen in Israel

Daniel Navon studiert Betriebswirtschaftslehre an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seine Kindheit hat er in einer israelischen Siedlung verbracht, kam aber schon mit neun Jahren nach Deutschland. Opfer des Hamas-Angriffs in Israel kennt er nur in seinem weiteren Umfeld.

Meron Mendel sitzt in der Ausstellung der Bildungsstätte Anne Frank

Bei Meron Mendel ist das anders. Der Antisemitismusexperte erzählt in einem Vortrag die Geschichte einer Jugendfreundin, die von der Hamas getötet wurde: "Sie hat es noch geschafft, sich vor das Kind zu stellen. Als sie und ihr Mann umgebracht wurden, lag die 16-jährige Tochter danach noch sechs Stunden unter der Leiche ihrer Mutter."

Aufklärung zum Nahostkonflikt dringend notwendig

Mendels Ziel: darüber aufklären, was der Angriff der Hamas und seine Auswirkungen für Deutschland bedeuten. Denn die enthemmten Verbrechen des 7. Oktobers könnten aus seiner Sicht nicht als Teil des Nahostkonflikts gesehen werden.

Durch seine Bildungsarbeit versuche er die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen und den Antisemitismus zu bekämpfen, sagt Mendel. Gerade das Unwissen führe nämlich oft zu einer Überforderung der deutschen Gesellschaft – auch bei den Sicherheitskräften.

Wie in einer Schockstarre

Miki Lazar erreicht der lauterwerdende Antisemitismus in Deutschland kaum. Es fällt ihm schwer, sich mit Sicherheitsempfehlungen der Polizei oder den Ängsten von Freunden auseinanderzusetzen. Er steckt noch immer in einer Schockstarre. Obwohl seine Werbefirma in Kassel sitzt, hat der 66-Jährige bis heute nur die israelische Staatsbürgerschaft – und nach wie vor Familie in Israel.

Der jüdische Werbedesigner Miki Lazar sitzt in seiner Agentur

Selbst in der eigentlich so fröhlichen Vorweihnachtszeit gelinge es ihm nicht, Freude bei der Arbeit zu verspüren: "Wir sind immer noch im 7. Oktober. Man wacht auf mit dem 7. Oktober, man geht schlafen mit dem 7. Oktober."

Mehrmals täglich bekomme er Nachrichten von seiner Schwester in Israel, wie sie vor dem Raketenalarm in die Schutzräume fliehe. Freunde von ihm seien tagelang nur auf Beerdigungen gegangen. "Die Informationen und Bilder, die wir immer mehr bekommen, die lassen auch mich nicht mehr in Ruhe schlafen", sagt er.

Kommunikation hier von Problemen in Nahost trennen

Ob Miki Lazar in Kassel oder Daniel Navon in Frankfurt, beide kommen aus dem Schrecken gedanklich nicht mehr heraus. Weder in Deutschland, wo die antisemitischen Vorfälle stark zunehmen, noch in Israel, wo ihre Angehörigen immer noch um verschleppte Geiseln bangen.

Doch um hier friedlich miteinander auszukommen, braucht es laut Meron Mendel einen kommunikativen Rahmen. Es ginge in Deutschland nicht darum, hier vor Ort die Probleme in Nahost zu lösen, sondern darum, wie miteinander gesprochen werde. Miki Lazar hat dafür auch schon eine erste Idee: "Keine Parolen, keine Fahnen, einfach Schmerz und Trauer von allen Beteiligten anerkennen. Das wäre der erste Schritt."

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