Ein Expertenrat soll auf der documenta in Kassel nach weiteren antisemitischen Kunstwerken forschen. Wie erkennt man antisemitische Kunst? Einordnungen zweier Wissenschaftlerinnen.

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Antisemitische Bildsprache

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Nun also ein Expertenteam. Sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollen die documenta bei der Aufarbeitung der antisemitischen Vorfälle bei der Kunstausstellung in Kassel beraten. Das ist die vorerst letzte Entwicklung in einer seit Monaten tobenden Debatte über vermeintliche und überaus deutliche antisemitische Kunst auf der weltweit größten Ausstellung für moderne Kunst.

Der Expertenrat soll Hinweisen auf mögliche antisemitische Bildsprache in den Kunstwerken nachgehen. Doch was ist antisemitische Bildsprache eigentlich und wann überschreiten Werke die Grenzen der Kunstfreiheit?

Die Antisemitismus-Expertinnen Julia Alfandari von der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt und Susanne Urban von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Hessen erklären, welche antisemitischen Motive besonders häufig sind und welchen Ursprung sie haben.

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Warum zeigen wir einige antisemitische Motive und andere nicht?

Die Wiedergabe von antisemitischer Symbolik kann dazu führen, dass sich Bilder weiter festsetzen. Wir wollen uns nicht daran beteiligen. Daher zeigen wir beispielhafte Bilder nur aus den aktuell in der Kritik stehenden Werken der documenta.

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Welche Elemente sind besonders häufig?

  1. Der Krake mit Weltkugel
  2. Der "reiche Bourgeois"
  3. Der Blutsauger
  4. Die Hakennase
  5. Der Schweinskopf
  6. Juden und Jüdinnen mit NS-Symbolen

1. Der Krake mit Weltkugel

Der Krake, der mit seinen Tentakeln eine Weltkugel umschließt, ist für Julia Alfandari von der Bildungsstätte Anne Frank ein klassisches Symbol für Kapitalismuskritik und Verschwörungserzählungen. "Er steht für die Figur des Juden, der die Welt regiert und über allem steht."

Der Krake symbolisiere in diesen Verschwörungsideologie die Juden als reiche Herrschende, die im Hintergrund die Strippen ziehen, sagt auch die Historikerin Susanne Urban. Dieses Bild gebe es schon sehr lange, habe aber insbesondere im 19. und 20. Jahrhundert erneut Aufwind bekommen. "Und jetzt auch wieder, in der Corona-Pandemie, wo es hieß: Bill Gates hat die Strippen in der Hand."

2. Der "reiche Bourgeois"

Auch das Motiv des "reichen Bourgeois", also eines dicken Mannes mit aufgedunsenen Lippen, oft auch mit großen, dunklen Augen, schwarzen Haaren und Hakennase, stehe für dieses Narrativ der Weltverschwörung, erklärt Alfandari. "Das ist wieder der reiche, kapitalistische Jude, der auf alle anderen herabschaut und mächtiger ist." Es gehe darum, Juden und Jüdinnen für Misswirtschaft verantwortlich zu machen.

DIe Historikerin Urban sagt, in diesem Bild zeige sich auch, worin der Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus liege. "Im Rassismus werden Menschen abgewertet, indem man sie als unterlegen darstellt", sagt sie. "Im Gegensatz dazu spricht man im Antisemitismus den Juden unglaublich viel Macht zu."

3. Der Blutsauger

Das Motiv des Blutsaugers oder des Vampirs mit spitzen Zähnen habe sich ebenfalls über Jahrhunderte weiterverbreitet und stammt aus der mittelalterlichen Ritualmordlegende. "Nach der Legende haben die Juden angeblich kleine Kinder von Christen ermordet, um aus dem Blut ungesäuertes Brot, die Matzen, zu backen", sagt Urban.

Wenn ein ermordetes Kind gefunden worden sei, habe man den Mord in der Regel den Juden und Jüdinnen in die Schuhe geschoben. "Es gab dann fürchterliche Pogrome, man hat sie verfolgt und verbrannt." So habe sich das Bild der blutrünstigen Kindesmörder verfestigt und sei Teil des antijüdischen Narrativs geworden.

Auch Martin Luther habe zu dieser Verfestigung beigetragen, sagt Alfandari und zitiert aus dem Text "Von den Juden und ihren Lügen": Darin beschreibt Martin Luther die Juden als "blutdürstiges, rachsüchtiges Volk".

Ausschnitt aus "People's Justice": spitze Zähne, die rote Augen und die "SS"-Runen in Kombination mit einem Mann, der den sogenannten Judenhut und Schläfenlocken trägt

4. Die Hakennase

Wohl eines der bekanntesten antisemitischen Symbole ist die große Hakennase. Auch dieses Motiv habe seinen Ursprung in der mittelalterlichen Erzählung von jüdischen Menschen als abstoßend aussehende Monster, sagt Alfandari.

Urban führt aus: Die Hakennase sei ein Mittel von vielen, durch das jüdische Menschen dämonisiert werden. "Die Dämonisierung und Entmenschlichung sind zwei ganz häufige Elemente der antisemitischen Bildsprache", sagt sie. Die meisten dämonisierenden und entmenschlichenden Motive tauchten seit Jahrhunderten immer wieder auf und würden angepasst an die Gegebenheiten der jeweiligen Zeit.

5. Der Schweinskopf

Nicht nur bildlich, sondern auch sprachlich mit dem Begriff der "Judensau" ist das Motiv des Schweins oder des Schweinskopfes verbreitet. An vielen katholischen Kirchen gibt es seit dem 13. und 14. Jahrhundert Darstellungen der sogenannten Judensäue, wie die Historikerin Urban erläutert.

Warum dieses Symbol für Jüdinnen und Juden so abwertend ist? "Das Schwein gilt im Judentum als sehr unrein und zählt für uns jüdische Menschen als absolutes No-Go", sagt Alfandari. Somit wirke die Darstellung von Jüdinnen und Juden als Schwein besonders entmenschlichend.

Ausschnitt aus "People's Justice": ein Soldat mit Schweinsgesicht, Davidstern und der Aufschrift "Mossad" (Bezeichnung des israelischen Auslandsgeheimdienstes).

6. Juden und Jüdinnen mit NS-Symbolen

Neben vielen Motiven, die ihren Ursprung im Mittelalter haben, gibt es auch Elemente antisemitischer Bildsprache, die erst im 20. Jahrhundert nach dem Nationalsozialismus aufgekommen sind. "Ganz häufig drückt sich israelbezogener Antisemitismus darin aus, dass israelische Soldatinnen und Soldaten oder Politikerinnen und Politiker mit NS-Symbolen dargestellt werden oder ihnen eine Nazi-Uniform angezogen wird", erklärt Alfandari. Dies sei eine typische Täter-Opfer-Umkehr. "Das hat dann die Aussage, die heutigen Juden sind so schlimm wie damals die Nazis."

Was bedeutet israelbezogener Antisemitismus?

Susanne Urban erklärt israelbezogenen Antisemitismus so: "Der Jude steht in der antisemitischen Bildsprache sinnbildlich für das Böse. Ein israelbezogener Antisemitismus macht sozusagen Israel zum 'Juden' unter den Staaten, zum Bösen." Julia Alfandari sagt, dass die Grenze zwischen Kritik an der israelischen Besatzungspolitik und antisemitischer Sprache oft verschwimme. Deshalb sei es bei Motiven in Bezug auf Israel und Israelis immer besonders wichtig, genau hinzuschauen.

"Viele Menschen denken, man darf sich nicht mehr kritisch gegenüber Israel äußern, aber das stimmt nicht", sagt Alfandari. Problematisch sei, dass häufig eine sogenannte Umweg-Kommunikation stattfinde, um nicht offensichtlichen Antisemitismus gegen jüdische Menschen zu richten, sondern gegen Israelis oder den Staat Israel als Stellvertreter. "In Bildern passiert es oft, dass israelische Soldaten als Stellvertreter für alle Juden dastehen", nennt Alfandari als Beispiel. Es müsse unterschieden werden, ob über Jüdinnen und Juden im Allgemeinen oder über eine bestimmte Politik gesprochen werde.

Zeichnung von Soldaten mit Davidstern als entmenschlichte Roboter

Kann sich der Blick auf Antisemitismus von Kultur zu Kultur unterscheiden?

In der Diskussion um das Werk "People's Justice" des indonesischen Kollektivs Taring Padi auf der documenta heißt es immer wieder, die Perspektive der Künstlerinnen und Künstler aus dem südostasiatischen Raum sei nicht genügend berücksichtigt worden. Es handle sich nicht um antisemitische Darstellungen, weil die Zeichnungen im Kontext ihres kulturellen Ursprungs verstanden werden müssten.

Die Antisemitismus-Expertinnen von der Bildungsstätte Anne Frank und RIAS Hessen sehen das anders. Susanne Urban sagt, die Argumentation, man müsse die Perspektive der Menschen im "Globalen Süden" verstehen, werfe einen abwertenden Blick auf die Menschen dieser Region. "Nach dem Motto: Sie verstehen ja nicht, was sie da machen."

Julia Alfandari sagt, sie betrachte die aktuelle Debatte mit großer Sorge. Scheinbar konkurrierten dabei zwei unterschiedliche Lager gegeneinander um Aufmerksamkeit: Diejenigen, die postkoloniale Strukturen und Rassismus anprangern wollen – und diejenigen, die Antisemitismus anprangern und sich mit Israel solidarisieren. "Es wird behauptet, dass Antisemitismuskritik einen größeren Stellenwert habe als Rassismuskritik", sagt Alfandari. "Aber man muss Rassismus und Antisemitismus gleichsam bekämpfen."

Wie sollte mit antisemitischen Inhalten in der Kunst umgegangen werden?

Das umstrittene Werk von Taring Padi auf der documenta ist nach den ersten Vorwürfen zunächst verhüllt worden, später wurde es vollständig abgebaut. Die Staatsanwaltschaft Kassel prüft, ob der Anfangsverdacht eines strafbaren Verhaltens vorliegt.

Susanne Urban sagt, es gehe nicht darum, "dass jetzt alles strafrechtlich verfolgt wird." Viel wichtiger sei ihr, die Gesellschaft zu sensibilisieren. "Es geht darum, dass Menschen begreifen, was Antisemitismus ist, wie er sich entwickelt und was er anrichtet."

Alfandari hält es für richtig, dass das Banner abgenommen wurde und es nun einen Diskurs darüber gibt. Kunstfreiheit sei genau wie Meinungsfreiheit ein hohes Gut. "Aber Rassismus und Antisemitismus fallen nun mal nicht unter die Meinungsfreiheit, da ist in diesem Fall einfach eine Grenze gewesen."

Zwei Porträts von Susanne Urban, Leiterin RIAS Hessen (links) und Julia Yael Alfandari, Bildungsstätte Anne Frank.
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Die Expertinnen

  • Julia Alfandari leitet bei der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt den Bereich politische Bildung. Der Leiter der Bildungsstätte, Meron Mendel, war nach dem Abbau des Banner "People's Justice" von der documenta als Berater eingesetzt worden. Er trat aber wenig später zurück, weil er einen fehlenden Dialog mit der documenta-Leitung bemängelte.
  • Susanne Urban ist Leiterin der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Hessen an der Philipps-Universität Marburg. Die Stelle unterstützt Betroffene von antisemitischen Vorfällen und dokumentiert und analysiert diese. Vorfälle können online oder telefonisch gemeldet werden.
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