"Klimaproteste zeigen Wirkung" Warum sich fast 2.000 Künstler mit der "Letzten Generation" solidarisieren

Die Aktionen der Klimaaktivisten der "Letzten Generation" sind umstritten, Kunstministerin Angela Dorn nennt sie "völlig verfehlt". Ein Aufruf zur Solidarität kommt dagegen von Theaterschaffenden. Im Interview erklärt einer der Initiatoren seine Beweggründe.

Aktivistin der "Letzten Generation" beim Protest in Frankfurt
Eine Aktivistin der "Letzten Generation" beim Protest in Frankfurt. Bild © picture-alliance/dpa
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Unter dem Titel "Klimaschutz ist kein Verbrechen" haben sich über 1.900 Kulturschaffende (Stand Mitte Dezember) solidarisch mit den Aktivistinnen und Aktivisten der "Letzten Generation" erklärt, darunter etwa der Autor Rainald Grebe, die Schauspielerin Katharina Uhland oder die Direktoren namhafter Schauspielhäuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Einer der Initiatoren der Erklärung ist der Kasseler Schauspieler Daniel Stock, der unter anderem am Schauspiel Frankfurt tätig war und nun auf der Bühne des Theaters Bonn steht. Im Interview begründet er, warum die Aktionen der Aktivisten zwar nervig, aus seiner Sicht aber notwendig seien.

hessenschau.de: Herr Stock, die Aktionen der "Letzten Generation" werden seit Monaten heftig diskutiert. Wann kam der Punkt, an dem Sie gesagt haben: Wir Theaterschaffende müssen uns öffentlich äußern?

Daniel Stock: Wir haben uns am Theater Bonn im Rahmen zweier Stücke über Wochen intensiv mit dem Thema Klimakatastrophe beschäftigt. Einmal im vergangenen Jahr, als wir das Sachbuch "Unsere Welt neu denken" von Maja Göpel auf die Bühne gebracht haben. Und derzeit läuft das Stück "Recht auf Jugend" von Arnold Bronnen, das wir zusammen mit Aktivisten der "Letzten Generation" entwickelt haben.

Mir fiel auf, dass das Thema Klimakrise in unserer Branche - ich rede jetzt nur für Theaterschaffende - gar nicht präsent ist. Gleichzeitig finde ich das Anliegen der "Letzten Generation" sehr unterstützenswert und solidarisiere mich damit. Am Ende hatte ich auch die Idee zu dem Aufruf und habe gesagt: Leute, wir sollten etwas machen.

Die Theaterszene ist sonst auch schnell dabei, sich zu solidarisieren. Es gibt allenthalben Briefe oder Aufrufe, nur da blieb es still. Das kam mir etwas merkwürdig vor, weil die Klimakrise die drängendste Krise der Zeit ist.

hessenschau.de: Nun sind aber wenige Museumsmenschen dem Aufruf gefolgt - vielleicht weil sie anders betroffen sind?

Stock: Wir haben erst einmal dezidiert unsere Kontakte ausgeschöpft. Und das sind in erster Linie Theaterschaffende aus den unterschiedlichsten Gewerken. Wie viele Museen oder Museumsdirektorinnen und -direktoren angeschrieben wurden, kann ich gar nicht sagen.

hessenschau.de: Die sehen das vielleicht trotzdem anders, weil sie aus Angst vor neuen Aktionen Kontrollen verstärken müssen oder Ähnliches.

Stock: Das könnte ich nicht verstehen. Was zum Beispiel auch passiert ist: Als sich zwei Aktivisten im Naturkundemuseum Berlin festklebten, hat dessen Direktor eine Podiumsveranstaltung mit der "Letzten Generation" gemacht. Das war eine sehr schöne Reaktion.

hessenschau.de: Sehen Sie das als Vorbild für andere Museen?

Stock: Ich würde mir ähnliche Reaktionen wünschen, damit Museen sich noch mehr für die Gesellschaft öffnen. Oft sprechen sie ja nur eine gewisse Klientel an.

hessenschau.de: Politikerinnen wie die hessische Kunstministerin Dorn (Grüne) halten die Aktionen aber für "völlig verfehlt", andere sehen in der "Letzten Generation" sogar eine kriminelle Vereinigung. Und selbst Soziologen sagen, Ziel und Form eines Protests müssen irgendwie zusammenhängen und nachvollziehbar sein. Das ist bei Tomatensuppe auf einem van Gogh nicht der Fall.

Stock: Zunächst einmal muss man feststellen, dass die Kunstwerke selbst nicht beschädigt wurden. Sie wurden letztendlich so ausgesucht, dass sie immer geschützt sind durch Glasscheiben. Ich persönlich schließe mich der inhaltlichen Argumentation der Gruppe voll an: Diese Kunst ist absolut bewahrenswert - genauso wie das menschliche Leben bewahrenswert ist.

Wenn die Klimakatastrophe aber weiter so voranschreitet - leider Gottes sieht es im Moment ja so aus, dass wir auf einem 2,6-Grad-Pfad sind und nicht auf dem 1,5-Grad-Pfad, der im Pariser Klimaabkommen eigentlich bindend verabredet ist - dann werden sich viele Menschen Kunst bald nicht mehr angucken wollen oder können.

hessenschau.de: Wo wäre für Sie die Grenze der Solidarität?

Stock: Die Grenze der Solidarität würde ich genau da ziehen, wo die "Letzte Generation" sie auch zieht: Die Gruppe versteht sich als komplett gewaltfrei. Wenn Gewalt gegen Menschen ins Spiel kommt, wenn sie diesen zivilen friedlichen Widerstand verlassen würden, das wäre für mich das Ende der Solidarität.

hessenschau.de: Kritiker sagen, die "Letzte Generation" gefährde mit ihren Straßenblockaden zumindest indirekt Menschenleben.

Stock: Das Mittel der Blockade wird nicht leichtfertig gewählt. Es gibt in jeder Blockade eine Rettungsgasse. Die "Letzte Generation" wählt diese Protestform, weil wir uns bereits jetzt in der Klimakatastrophe befinden. Diese tötet zigtausende Menschen, jedes Jahr, weltweit. Allein in Europa gab es diesen Sommer über 100.000 Hitzetote.

Seit Jahren gehen tausende Menschen immer wieder auf die Straße, bislang wurden sie ignoriert. Erst als der Protest in die Mitte der Gesellschaft und auf die Straße gebracht wurde, fand er Gehör. Ein Tempolimit von 100 km/h auf deutschen Autobahnen, was eine der Forderungen der "Letzten Generation" ist, würde zum Beispiel nachweislich helfen, jährlich eine dreistellige Zahl von Menschenleben zu retten.

hessenschau.de: Was würden Sie bei Klebe-Aktionen im Theater machen, wie sie etwa in der Elbphilharmonie passiert sind?

Stock: Ich würde sagen, das ist sicherlich störend und nervig. Aber ein Feueralarm ist auch nervig, doch man braucht ihn, um auf das Feuer im Haus hinzuweisen. Diese Protestform zeigt doch auch ihre Wirkung. Der Diskurs rutscht immer mehr in die Medien und es gibt immer weniger Kritik an der Protestform.

Es geht immer häufiger um Inhalte und darum, warum die Leute das eigentlich machen. Die machen das nicht an der Lust an der Provokation, sondern weil es ihnen um die größte Krise dieser Zeit geht.

hessenschau.de: Wie steht es eigentlich um den Klimaschutz und das Thema Nachhaltigkeit an den Theatern selbst?

Stock: Ich weiß, dass die Schaubühne in Berlin zum Beispiel ihr Haus einmal komplett auf Nachhaltigkeit hat überprüfen lassen. Aber da ist bei allen Theatern noch sehr viel Luft nach oben. Als wir hier in Bonn "Unsere Welt neu denken" gemacht haben, war eine Vorgabe, dass nichts Neues angeschafft wird - weder bei den Kostümen noch für die Bühne. Wir haben nur auf Sachen zurückgegriffen, die schon da waren. Doch das ist sicherlich ein Diskurs, der noch am Anfang steht.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.

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Sendung: hr-iNFO, 14.12.2022, 16.05 Uhr

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Quelle: hessenschau.de