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Wanderstiefel statt Martinshorn und Blaulicht

Um das Schicksal der Flutopfer im Ahrtal mit einer Spendensammlung in Erinnerung zu rufen und um sich einen Jugendtraum zu erfüllen, geht eine Polizistin aus Südhessen einen ungewöhnlichen Weg. Er führt sie mehr als 400 Kilometer quer durch Hessen.

Das Wandern ist ihre Leidenschaft, doch was Sandra Köhler aus Bensheim (Bergstraße) jetzt in Angriff nimmt, ist auch für sie eine große Herausforderung. In 19 Etappen und gut drei Wochen will die Kriminalhauptkommissarin der südhessischen Polizei 415 Kilometer durch Hessen marschieren und dabei alle Polizeipräsidien des Landes besuchen. Am Samstag startet sie in Darmstadt, die Ankunft in Kassel ist für den 26. September geplant.

Idee seit 30 Jahren im Hinterkopf

"Die Idee hatte ich schon 1992, als ich in Kassel meine Polizeiausbildung angefangen habe", erzählt die 48-Jährige. Damals wohnte sie in Lorsch (Bergstraße). Der Plan, die Strecke einmal zu Fuß abzulaufen, verschwand zunächst wieder für Jahrzehnte in ihrem Hinterkopf. "Jetzt habe ich mein 30-jähriges Dienstjubiläum und die Kinder sind groß." Für sie der richtige Zeitpunkt, ihren Traum wahr zu machen.

Eines der wichtigsten Utensilien, die die 48-Jährige mit auf ihre Reise nimmt, ist die Sammelbüchse. Denn entlang der Strecke will sie Spenden einsammeln für die Opfer der Flutkatastrophe im Ahrtal vom Juli 2021. "Ich dachte mir: Wenn ich das schon mache, dann will ich auch etwas Gutes tun."

"Viele fühlen sich vergessen"

Die Katastrophe hat sie persönlich sehr berührt. "Da sitzen immer noch Menschen auf Schutt und Asche." Durch aktuelle Ereignisse wie den Krieg in der Ukraine und die Energiekrise sei dies in den Hintergrund geraten, erzählt Köhler, die erst kürzlich einen Bekannten in Ahrweiler besuchte. "Viele dort haben das Gefühl, vergessen worden zu sein." Mit ihrer Aktion will sie wieder mehr Aufmerksamkeit für die Opfer schaffen.

Beim Bündnis für Katastrophenhilfe "Aktion Deutschland hilft" hat die Polizistin ein Spendenkonto unter dem Stichwort "Wanderherz" eingerichtet. Dort kann man die Sammlung direkt unterstützen. Auch das Geld aus der Sammelbüchse wird dorthin überwiesen, wie Köhler erzählt. Außerdem verteilt sie unterwegs Flyer mit weiteren Informationen.

Ein Jahr Vorbereitung

Vor rund einem Jahr begann sie mit der Planung der Wanderung. Die Polizeipräsidien in Darmstadt, Offenbach, Frankfurt, Wiesbaden, Gießen, Fulda und Kassel sollten die Eckpunkte der Reise bilden. "Die Route habe ich dann mithilfe einer Wander-App so gewählt, dass sie auch attraktiv ist."

Auf ihrer Strecke liegen etwa der Taunus-Höhenweg und der Bonifatiusweg. Besonders gefordert wird die Wanderin, wenn es über den Vogelsberg und die Kasseler Berge geht. "Da sind schon ein paar hundert Höhenmeter drin." Als Extremsportlerin sieht sich die dreifache Mutter aber nicht. Ihre bislang längste Wanderung ging über drei Tage.

"Das Ding wird im Kopf entschieden"

Auf ihre Hessentour habe sie sich mit gründlichem Rückentraining vorbereitet, erzählt Köhler. "Ich bin mir aber sicher, dass das Ding nicht in meinem Körper, sondern eher im Kopf entschieden wird." Spätestens im Vogelsberg werde es wohl nur noch ums Durchhalten gehen. "Ich bin überzeugt: Es wird wehtun. Ich werde bestimmt das ein oder andere mal heulen."

Alle vier bis fünf Tage hat Köhler einen Ruhetag eingeplant. Runterkommen, ausspannen – das sei wichtig, weiß sie aus ihrer langjährigen Wandererfahrung. Vielleicht werde sie in Frankfurt am Mainufer sitzen und die Füße baumeln lassen. Zwischen einigen der Etappen wird ihr Mann sie besuchen und mit frischen Klamotten und neuer Motivation versorgen.

Präsidium steht voll dahinter

Unterstützung erhält sie auch von ihrem Arbeitgeber. "Wir als Polizei Südhessen sind sehr stolz darauf, was die Kollegin leistet und finden es toll", sagt Behördensprecher Sebastian Trapmann. Intern wurde bereits ordentlich die Werbetrommel gerührt. Man werde die Aktion aber auch mit Pressemitteilungen weiter bekannt machen.

Der Vizepräsident der Polizei Südhessen, Rudi Heimann, will die ersten Kilometer am Samstag mitwandern. Zudem wurde die Beamtin für drei Tage vom Dienst freigestellt, ansonsten setzt sie ihren Jahresurlaub für die Tour ein. Einige Kollegen haben auch schon die ersten Spenden zusammengetragen.

Über Facebook und Instagram dabei sein

Wer Sandra Köhler auf ihrer Tour begleiten möchte, kann sich ihr überall auf der Strecke anschließen, auch wenn es nur für ein paar Kilometer sein sollte. Oder die Wanderung in den Sozialen Medien verfolgen. Unter ihren "Wanderherz"-Accounts bei Facebook und Instagram will die 48-Jährige laufend Updates von ihrer ungewöhnlichen Reise posten.

Wie der Empfang in Kassel in gut drei Wochen aussehen wird, weiß Sandra Köhler noch nicht. "Da lasse ich mich überraschen." Ihr Mann werde auf jeden Fall dort sein. Zunächst freue sie sich darauf, Hessen auf eine Weise zu erfahren, wie sie das Land noch nicht kennt. "Ich bin schon sehr gespannt auf den Vogelsberg."

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