Cannabis-Pflanze (EPA)

Die Pläne für einen raschen Start für die ab Juli erlaubten Cannabis-Clubs in Hessen gehen erstmal in Rauch auf. Ehe es richtig losgehen kann, müssen die Anbauvereine bürokratische Hürden bewältigen. Das erste Gras aus Vereinen wird noch Monate auf sich warten lassen.

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Cannabis-Anbau in Gießener Club wird erst mit Verzögerung beginnen

Hanfplanzen stehen in einem Gewächshaus
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Der nächste Meilenstein nach der umstrittenen Teil-Legalisierung von Cannabis Anfang April ist erreicht. Von diesem Montag (1. Juli) an dürfen Cannabis-Clubs bundesweit unter strengen Vorgaben theoretisch mit dem Anbau beginnen. Seit Monaten bereiten sich Clubs auf den wichtigen Stichtag vor.

Doch der Start wird nicht mit Vollgas erfolgen können, sondern eher stotternd und ohne große Fortschritte. Denn praktisch gesehen ergeben sich für die Clubs organisatorische Probleme, offene Fragen und bürokratische Hürden, wie zwei Cannabis-Clubs in Wiesbaden und Gießen dem hr auf Anfrage berichteten. Es werde noch Wochen dauern, bis der Anbau von Cannabis beginnen kann - und Monate, bis er Blüten trägt.

Viele Fragen offen

Fynn von Kutzschenbach, der bereits vor rund einem Jahr einen ersten Cannabis Social Club (CSC) in Wiesbaden aus der Taufe gehoben und die Gründung von acht weiteren Vereinen im Rhein-Main-Gebiet vorangetrieben hat, sagt: "Wir blicken derzeit ziemlich kritisch auf den Start. Für uns steht fest, dass noch viele Fragen unklar sind, insbesondere in Bezug auf Lizenzen und Genehmigungen."

Und auch Tim Barton vom Cannabis-Club in Gießen sagt: "Der Weg ist noch lang." Er habe nicht das Gefühl, dem Gras-Anbau unter dem Vereinsdach viel nähergekommen zu sein.

Gedämpfte Stimmung nach anfänglicher Euphorie

Die Euphorie war vor Monaten noch groß, als die Freigabe von Cannabis für Erwachsene und für den privaten Anbau mit zahlreichen Vorgaben zum 1. April gesetzlich in Kraft trat. Nun können auch nicht-kommerzielle "Anbauvereinigungen" loslegen. Volljährige können Cannabis gemeinsam anbauen und untereinander zum Eigenkonsum abgeben. Die Clubs müssen eine Erlaubnis beantragen, gesetzlich vorgesehen sind auch regelmäßige Kontrollen. Die Reaktionen zur Freigabe waren gespalten.

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Eine Anbauvereinigung kann Cannabis an ihre Mitglieder zur Deckung des Eigenbedarfs abgeben. Erlaubt sind höchstens 25 Gramm pro Tag und höchstens 50 Gramm Cannabis pro Monat je Mitglied. Für Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren gelten geringere Mengen.

Anbau-Orte von Kindern und Jugendlichen fern halten

Der Anbau muss mindestens 200 Meter von Schulen, Spielplätzen und anderen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche entfernt sein. Die Vereine dürfen maximal 500 Mitglieder haben. Und diese müssen mindestens drei Monate dabei sein, um Drogentourismus zu vermeiden. 

Die Vereine müssen den Behörden unter anderem die Mitglieder-Zahl angeben, die Lage des Grundstücks und die Größe der Anbauflächen und Gewächshäuser benennen. Erforderlich sind Angaben darüber, wie viel Cannabis pro Jahr - getrennt nach Marihuana und Haschisch - angebaut und abgegeben werden soll.

RP Darmstadt für Lizenzen zuständig

Zahlreiche Clubs haben sich in Hessen schon eintragen lassen, um die weiteren Schritte auf dem Weg zu einer Anbau-Lizenz gehen zu können. Das Registerportal der Länder zeigt für Hessen aktuell mehr als 25 eingetragene Vereine. Sie sind unter anderem in Fulda, Kassel, Melsungen, Limburg, Bensheim, Darmstadt und Wiesbaden. Mehrere Amtsgerichte berichten zudem von zahlreichen weiteren Anträgen.

Landesweit zentral zuständig für die Genehmigung neuer Anbauvereine ist das Regierungspräsidium (RP) Darmstadt. Die Anträge sollen online eingereicht werden können.

Behörden rechnen mit hunderten Anträgen

Auf der Grundlage der aktuellen Bevölkerungszahlen von Hessen geht die Behörde davon aus, dass rund 1.000 Anbauvereine - also einer pro 6.000 Einwohner in einem Landkreis beziehungsweise einer kreisfreien Stadt - beantragt werden können, wie ein Behörden-Sprecher erklärte. "Wir rechnen also aktuell mit mehreren hundert Anträgen."

Die Dauer der Bearbeitung hänge davon ab, ob die Antragsteller alle Unterlagen vollständig abgeben. "Ziel ist es, die Genehmigungen innerhalb von drei Monaten zu erteilen", so der RP-Sprecher.

Vereine sehen Startschwierigkeiten

Bevor Lizenzen beantragt werden können, müssen die Vereine erst noch Regularien erfüllen, wie die Cannabis-Clubs aus Wiesbaden und Gießen berichteten. Beantragt werden muss unter anderem eine Steuernummer. "Das allein kann Wochen dauern. Erst dann können wir unsere Lizenz beantragen", erklärt Tim Barton vom Gießener Red Lion Cannabis Social Club. Er rechnet mit Verzögerungen von drei bis sechs Monaten, bis es richtig losgehen kann.

Tim Barton Vorsitzender Cannabis-Club Gießen

Erst mit erteilter Lizenz werden die meisten Clubs auch Miet- und Pachtverträge für ihre Anbauhallen unterzeichnen. "Vorher wäre das für uns und für den Vermieter nicht professionell, da möglicherweise keine Lizenz oder Genehmigung erfolgt und der Vertrag widerrufen werden muss", erklärt der Wiesbadener Vereinsgründer von Kutzschenbach.

Anbauhallen müssen Kriterien erfüllen

Der Gießener Club braucht auch noch eine geeignete Halle, ist bei der Suche nach Start-Schwierigkeiten nun aber vorangekommen, sagt Vereinsvorsitzender Barton. Es gebe viele Leute mit Vorbehalten, die ihre Gebäude nicht zur Verfügung stellen wollten - aber auch solche, die diese Nutzung in Ordnung fänden oder den Verein sogar unterstützen wollten.

Und: Nicht jede Halle bietet die passenden Voraussetzungen. So brauche es unter anderem einen Starkstromanschluss für Lampen, eine Abluftanlage und Klimageräte, erklärt Barton.

Sicherheit ist wichtiges Thema für Cannabis-Clubs

Auch die Sicherheit für die Anbauflächen wird Geld verschlingen. Von Kutzschenbach erklärt: "Es fängt bei Videoüberwachung an und geht bis zum Sicherheitsdienst und Objektschutz." Zudem soll es individuelle, nicht näher benannte Maßnahmen geben.

Die Betreiber werden ihre Hallen vor Einbrüchen schützen müssen. Dazu sagt Barton: "Sicherheit ist ein sehr ernstes Anliegen." Der Verein hat bisher nach eigenen Angaben bereits einen mittleren vierstelligen Betrag in das Projekt Cannabis-Club investiert. Und er erwartet langfristig zusätzlich insgesamt einen sechsstelligen Betrag.

Preisgestaltung für Cannabis noch unklar

Wie viel die Mitglieder pro Monat in Gießen für die Mitgliedschaft zahlen müssen, ist noch ungewiss. Wenn die letzten Details geklärt sind, insbesondere nach der Anmietung einer Halle, soll es Klarheit geben, sagt Barton

Der Verkaufspreis für die Drogen steht ebenfalls noch nicht fest. Es wird aber keine Pro-Gramm-Preise geben, sondern eine Abgabe-Pauschale. Sie soll wie ein Abonnement-Modell funktionieren.

Joints aus Cannabis Blättern. (NDR/PIER 53 Filmproduktion)

Bei dem Verein in Wiesbaden soll wahrscheinlich pro Gramm abgerechnet werden und die Investitionen für die Infrastruktur über den Mitgliedsbeitrag finanziert werden, wie von Kutzschenbach sagt.

Gießen will Vereinsleben etablieren

Im Gießener Club rechnet man für 2025 mit einer Gesamtmenge von 48 Kilogramm. Wie viel davon Marihuana und wie viel Haschisch sein werde, sei noch unklar. Man wolle aber Mitglieder-Wünsche berücksichtigen, sagt Barton. Die Mitglieder können nicht ihr eigenes Gras anpflanzen. Der Anbau erfolgt zentral durch den Verein.

In Gießen soll der Club aber nicht nur als Cannabis-Ausgabestelle fungieren, sondern auch ein Vereinsleben mit gemeinsamen Veranstaltungen wie Wandern oder Grillen aufbauen. Man wolle Mitglieder finden, die zum Verein passen. Deswegen bekommen Interessenten sogar Fragebögen und werden zu persönlichen Gesprächen eingeladen. "Unser Ziel ist es, ein echtes Vereinsleben zu etablieren und nicht nur Cannabis abzugeben", betont Barton.

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