Mission Videospielmesse Was die Raumfahrtorganisation ESA auf der Gamescom verloren hat

Die ESA steuert bei ihren Missionen aus Darmstadt lebensfeindliche Umgebungen an: den Mond, den Mars, tiefstes Weltall, Asteroiden. Und die Gamescom. Wonach sucht die Weltraumbehörde auf der größten Videospielmesse der Welt?

Computerspiel-Fans warten jubelnd am Morgen am Eingang der Messe.
Spiele und Space - das passt, wie Besucher der Gamescom im vergangenen Jahr gezeigt haben. Bild © picture-alliance/dpa
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Auf der größten Videospielmesse der Welt treffen Ende August zwei Welten aufeinander, die gegensätzlicher auf den ersten Blick nicht sein könnten: Hier die Gaming-Enthusiasten, die noch immer den zweifelhaften Ruf genießen, aus dem muffig-abgedunkelten Kinderzimmer des Elternhauses heraus zu operieren und dort die Europäische Weltraumagentur ESA, die vom Darmstädter Kontrollzentrum die existenziellen Fragen des Weltalls beantworten möchte.

Bei der Gamescom, die jährlich hunderttausende Fans nach Köln lockt, ist die ESA wie schon im vergangenen Jahr mit einem eigenen Stand vertreten. Wie passen Weltraumwissenschaftler und Couch-Potatoes zusammen? Nach Meinung der ESA ziemlich gut.

Gamescom 2017
Zocken, zocken, zocken: Bei den meisten Gamescom-Besuchern liegt der Fokus klar auf den Spieleneuheiten. Bild © picture-alliance/dpa

Astronauten nutzen bereits Videospieltechnologie

"Wir können so viel voneinander lernen", sagt Nadia Lueders, Branding & Partnerships Officer bei der ESA. Raumfahrt und die Videospiel-Industrie inspirierten sich gegenseitig. Und das nicht nur, weil Gamer auf der Konsole mal eben per Knopfdruck in ein Raumschiff steigen können. Beide hätten den Drang und die Vision, neue Welten zu entdecken.

Die Gemeinsamkeiten gehen über philosophische Ansätze weit hinaus, Kooperationen sind ganz konkret. So kämen bei der ESA bereits Virtual-Reality-Brillen zum Einsatz, die aus der Videospielindustrie stammen, sagt Lueders.

ESA profitiert von Spielen - und Spiele profitieren von ESA

Deren Technologie werde bei der Ausbildung von ESA-Ingenieuren oder Astronauten genutzt. Beispielsweise beamen sich Astronauten mit VR-Brillen an die International Space Station (ISS), um sich für ihre echten Trips vorzubereiten. Und ganz theoretisch proben Astronauten so mögliche Einsätze an einer Mondstation, die es heute so noch gar nicht gibt.

Außerdem nutze die ESA die Technologie von Konsolen-Controllern mit haptischem Feedback, um die Steuerung von robotischen Fahrzeugen oder robotischen Armen zu vereinfachen. Bei haptischem Feedback handelt es sich um spür- oder tastbare Rückmeldung, die der Controller an den Spielenden gibt.

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Gamescom

Die Gamescom ist die größte Messe der Welt für Computer- und Videospiele. Vom 23. bis 27. August präsentieren Spieleentwickler in Köln ihre Neuheiten, zudem sind Händler und Entwickler auf der Messe präsent. Die ESA hat ihren Stand im Bereich Jobs IT Kompact in Halle 10.2.

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Auf der anderen Seite könne die ESA Daten zur Verfügung stellen, die Spieleentwicklern dabei helfen, möglichst realistische Welten zu erschaffen. So geschehen laut Lueders schon bei einigen Spieleproduktionen. Dabei handelt es sich aber nicht nur um Feinschmecker-Spiele wie die Wirtschaftssimulation "Mars Horizon", sondern auch um absolute Kassenschlager wie den Battle-Royale-Shooter "Fortnite". Dessen Entwickler lernte von der ESA, wie sich die Comic-Kämpfer am realistischsten auf dem Mond verhalten würden.

Cosplayer auf der Gamescom
Achtung, ESA! Das sind keine Außerirdischen, sondern verkleidete Cosplayer auf der Gamescom. Bild © picture-alliance/dpa

Inspiration aus dem All - und fürs All

Eine, die das Weltall nicht nur vom Bildschirm kennt, ist Samantha Cristoforetti. Die Italienerin zählt zum Astronautenkorps der ESA und ist die bislang einzige Europäerin, die einen Außenbordeinsatz im Weltall geleistet hat. Seit 2022 ist sie Kommandantin der Raumstation ISS. Als die ESA im vergangenen Jahr zum ersten Mal auf die Gamescom kam, sprach sie per Videoschalte aus dem All zu den Gamescom-Besuchern und Entwicklern.

"Dank Eurer Hingabe, Eurer technischen Skills und Eurer Leidenschaft für das Erzählen von Geschichten werden immer mehr Menschen inspiriert, gemeinsam mit uns den Weltraum zu entdecken", sagte Cristoforetti. Nicht nur habe die Spieleindustrie die Weltraumforschung beeinflusst, sie sorge ganz konkret auch für personellen Nachwuchs bei der ESA: "Die Gamer, die zu uns kommen, bringen wertvolles Wissen und technische Fähigkeiten in unsere tägliche Arbeit ein."

Erdbeobachtungssatellit "Aeolus"
So sieht normalerweise der Arbeitsalltag bei der ESA aus. Zuletzt ließ die Behörde den Erdbeobachtungssatelliten "Aeolus" geplant abstürzen. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

"Wir sind überzeugt, dass es auf der Gamescom viele Talente gibt"

Tatsächlich will die ESA in Köln nicht nur zarte Bande knüpfen und für Kooperationen werben, sondern ganz messetypisch auch mögliche neue Arbeitskräfte begeistern, etwa Ingenieure, wie Nadia Lueders sagt. "Wir suchen neue Talente, und wir sind überzeugt, dass es auf der Gamescom viele Talente gibt."

Wer nun denkt, das sei Quatsch und Gamer würden ohnehin nur in blinder Wut auf irgendwelchen Tasten herumhämmern, dem entgegnet Lueders: "Was ich beeindruckend finde, ist, wie Gamer zusammenarbeiten, um ihre Ziele zu erreichen."

Das komme in gewisser Weise dem nahe, was die Wissenschaftler bei der ESA täglich tun, nur eben nicht vor der Glotze. Aber dunkel ist es ja sowohl im Weltall als auch in Mamas Keller. So verschieden, wie man denken könnte, sind Gamer und Raumfahrtpioniere wohl doch nicht. Naja, manche zumindest.

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Mehr zum Thema Raumfahrt gibt es auch jeden Monat im hr-Podcast WeltraumWagner.

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Quelle: hessenschau.de