Mustafa Gündar vom Verein Streetbolzer in Kassel mit dem jungen Fußballer Tolga im Nordstadtstadion

Kinder und Jugendliche in der Kasseler Nordstadt kämpfen mit Sprachbarrieren, Ausgrenzung und Hunger. Der integrative Fußballverein Streetbolzer verbindet Sport mit Sozialarbeit und macht jungen Menschen Mut für die Zukunft.

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Lächelnd schiebt Mustafa Gündar seine regenbogenfarbene Mütze zurecht und schreitet über den Rasen im Kasseler Nordstadtstadion. Auf den Fußballplätzen kämpfen Kinder und Jugendliche aus Kassel und Umgebung unter dem Motto "Kick rechts weg" um den Pokal des Turniers, feuern sich an, schreien. 28 Mannschaften von verschiedenen Vereinen sind dabei, viele Ehrenamtliche kümmern sich um den Ablauf.

Wochenlang haben Sozialarbeiter Gündar und sein Team von den Streetbolzern das Fußballturnier geplant, eines von rund 20 im Jahr. Hier gilt nicht nur der sportliche Erfolg, geachtet wird auch auf das Miteinander. Die Regeln des Fairplay sind genau festgelegt: Wer foult oder beleidigt, muss sich entschuldigen, sonst gibt es Punktabzug.

Ohne Reibereien wird auch dieses Turnier nicht ablaufen, ein hartes Foul, ein böses Wort - im Eifer des Gefechts ist bei einigen die Lunte kurz. Wenn die Situation eskaliert, muss ein Spielbeobachter vermitteln. Sich zu entschuldigen, auch wenn man sich selbst ungerecht behandelt fühlt, fällt manchen gar nicht so leicht. "Natürlich kracht das hier mehr, ist es lauter als woanders. Aber dafür ist es teilweise authentischer und schöner. Das ist die Nordstadt", sagt Gündar.

Die Nordstadt: Szeneviertel und Brennpunkt

Die Nordstadt Kassels gehört nicht gerade zu den Vorzeigevierteln der documenta-Stadt. Der Bezirk mit der höchsten Einwohnerdichte und dem größten Ausländeranteil gilt seit Jahren als Brennpunkt, als Problemviertel der Stadt. In den Köpfen ist der Stadtteil auch mit dem Mord an Halit Yozgat durch die Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) verbunden. 2006 starb der Internetcafé-Besitzer in seinem Laden in der Holländischen Straße.

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Nahaufnahme, mehrere Hände treffen sich, resp. halten sich

Wie können wir zum Zusammenhalt in der Gesellschaft beitragen? Die ARD-Themenwoche beschäftigt sich bis 12. November mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und zeigt Konflikte und Lösungswege auf. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die sich mit ihren Projekten aktiv für ein besseres Miteinander engagieren.

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Die enge Bebauung mit meterhohen Altbauten wird durch mehrere Hauptverkehrsachsen getrennt. Die Nähe zur Universität Kassel sorgt zwar für frische Impulse, aber auch für eine hohe Fluktuation der Menschen. Zwar hat sich dadurch eine neue Kulturszene entwickelt - das einstige Arbeiterviertel wird immer mehr zum Standort von Bildung, Start-ups und lebendigem Kneipenleben. Dadurch fühlen sich aber viele Bewohnerinnen und Bewohner, die nicht dazu gehören, ausgegrenzt. Dazu kommen überdurchschnittlich viel Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität.

Multikulti als Herausforderung - im Stadtteil und im Verein

Die Multikulturalität stelle den Stadtteil vor große Herausforderungen, die Frage sei, wie man mit diesen umgeht, sagt Sozialarbeiter Gündar. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der Streetbolzer, einem integrativen und antirassistischen Verein, der seit 2009 Kinder und Jugendliche durch gemeinsames Fußballspielen miteinander vernetzt. Man wolle die unorganisierten Jugendlichen erreichen, so Gündar. Der Reibung zwischen den Angehörigen unterschiedlicher Nationen im Stadtteil könne man durch den Straßenfußball besser begegnen.

Im November 2020 wurde auf dem Gelände des Nordstadtstadions das Streetbolzerhaus eröffnet. Es ist Jugendzentrum und kulturelle Begegnungsstätte. Während der Corona-Pandemie haben sich das Haus und die Sportplätze für die jungen Streetbolzer zum Zufluchtsort entwickelt. Hier finden sie einen Platz, an dem sie mit anderen in Kontakt kommen.

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"hr ganz nah" beim ARD-Dialogtag

Mehr Gemeinsamkeit, weniger Spaltung - das wünschen wir uns alle. Wir möchten von Ihnen wissen: Was sollte der Hessische Rundfunk tun, damit das Wir spürbarer wird? Darüber können Sie am 8. November, 19 Uhr, bei einer virtuellen Veranstaltung mit uns sprechen. Zur Anmeldung hier lang.

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Längst geht es nicht mehr nur ums Bolzen. Die Mitarbeiter des Vereins kümmern sich um Hausaufgaben, Formulare von Ämtern und andere Dinge, womit die Familien der Straßenkicker oft überfordert sind. Gerade die Homeschooling-Aufgaben zu Beginn der Corona-Pandemie waren für viele Kinder eine Herausforderung, weil sie zu Hause weder Schreibtisch noch einen ruhigen Raum haben.

Fußball und Ferienspiele, Kunst und Kochen

Nach dem Training der Streetbolzer wird häufig gemeinsam gekocht. In den Anfängen des Vereins waren solche Aktionen eher die Ausnahme, wie Mustafa Gündar berichtet. Irgendwann hätten die Mitarbeiter gemerkt, wie wichtig es einigen Kindern sei, gemeinsam zu essen. Nicht nur wegen der Gemeinschaft, erklärt Gündar: Es gebe Kinder, die wirklich Hunger hätten, deren Familien arm seien.

Mustafa Gündar mit Tolga

Gemeinsam kochen, Hausaufgaben machen, Ferienspiele - im documenta-Sommer haben indonesische Künstlerinnen und Künstler die Streetbolzer besucht und gemeinsam mit den Kindern Pappfiguren für die Ausstellung gestaltet. Und sind so Teil der Kunst und des ganz normalen Lebens in der Stadt geworden.

Blume im Beton

Teilhabe am Leben in der Stadt - Mustafa Gündar hat als Kind selbst erlebt, wie wichtig das ist. Der Fußball habe ihm damals viel gegeben, erinnert er sich. Das sei ein Grund, warum er diese Arbeit heute mache. "Ich konnte die Sprache nicht, aber weil ich einigermaßen Fußball spielen konnte, wurde ich von Gleichaltrigen akzeptiert. Durch den Fußball habe ich den Schritt geschafft, ein Mitglied in dieser Gruppe zu werden - und das hat mir gutgetan", erzählt er.

Und so reicht manchmal ein Bolzplatz, um die Welt ein bisschen zu verändern. Oder ein Ort wie das Streetbolzerhaus mit Menschen, die hinschauen und zuhören.

Gündar wünscht sich mehr Leute, die den Stadtteil besser kennen lernen, anders betrachten, sich ein eigenes Bild machen. Und vielleicht dann seinen Eindruck von der Nordstadt teilen: einem Stadtteil, der hart und grob sei. Aber aus dem man das Schöne herausholen könne, wie eine Blume, die sich ihren Weg durch den Beton bahnt.

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