Aus- und Rückblick Jüdisches Museum Frankfurt verzeichnet Besucherrekord - und baut Angebot aus

Das Jüdische Museum Frankfurt reagiert auf die Angriffe am 7. Oktober auf Israel und auf den wachsenden Antisemitismus mit einer Bildungsoffensive. Auch verstärkte Sicherheitsvorkehrungen wurden nötig. Für 2023 verzeichnete das Haus trotzdem einen Rekord.

Außenansicht Jüdisches Museum Frankfurt
Das Jüdische Museum in Frankfurt. Bild © picture-alliance/dpa
  • Link kopiert!
Audiobeitrag
Bild © picture-alliance/dpa| zur Audio-Einzelseite
Ende des Audiobeitrags

Knapp 100.000 Gäste in einem Jahr: Das Jüdische Museum Frankfurt hat 2023 einen Besucherrekord verzeichnet. Das sei eine Zunahme um 30 Prozent gegenüber 2022 (76.400 Gäste), sagte die Direktorin Mirjam Wenzel am Mittwoch bei einem Ausblick auf das Programm für das Jahr 2024. Die Besuche setzten sich zusammen aus dem Haupthaus am Bertha-Pappenheim-Platz (64.800 Gäste), dem Museum Judengasse (25.400) und der Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle (1.400).

Anders als bei anderen jüdischen Museen habe es in Frankfurt nach dem 7. Oktober, dem Tag des Angriffs der Hamas auf Israel, also keinen Einbruch der Besucherzahlen gegeben, berichtete Wenzel. Weitere 8.400 Gäste hätten an Veranstaltungen und 5.200 Schüler an Führungen und Workshops teilgenommen.

Fünf antisemitische Vorfälle angezeigt

Fünf antisemitische Vorfälle hat das Museumsteam zur Anzeige gebracht: Hakenkreuze und Schmähungen auf Feedback-Wänden, Schmierereien an einer Gedenkstätte und zwei volksverhetzende Briefe. Problematische Kommentare in den sozialen Medien hielten sich in Grenzen, sagte Wenzel.

Seit dem 7. Oktober wurden zudem die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Das konterkariere die Programmatik des Museums, "aber wir halten das in der aktuellen Lage für nötig", sagte Wenzel. Bewaffnete Polizisten bewachen den Eingang, die Türen sind geschlossen, im Foyer wurden Einbahnwege eingeführt. Die Maßnahmen sollen größtmögliche Sicherheit für die Besucher gewährleisten, damit diese nicht aus Angst das Museum meiden.

"Zäsur des 7. Oktobers" deutlich gemacht

Der nicht-jüdischen Bevölkerung soll zudem "die Zäsur des 7. Oktobers" deutlich gemacht werden: Im Hof des Museums läuft eine Soundinstallation, bei der tagesaktuell Namen und Alter der israelischen Geiseln verlesen werden. In der Bibliothek sind Videointerviews mit Angehörigen der Geiseln zu sehen. In einer Kabinettsausstellung kommt eine befreite Geisel zu Wort.

Eine Person mit Fahrrad steht vor einem blauu beleuchteten Kunstwerk
Vor dem Jüdischen Museum Frankfurt erinnert eine Soundinstallation an die entführen Geiseln. Bild © Jüdisches Museum Frankfurt

Parallel dazu hat das Team des 2020 nach langer Renovierung und Erweiterung wiedereröffneten Museums seine Bildungsangebote ausgebaut. Das Extremismus-Präventionsprogramm "AntiAnti. Museum Goes School", ein Halbjahresprogramm mit Biografiearbeit für Berufsschulklassen, sei auf parallel drei Klassen an zwei Schulen ausgeweitet worden.

Eine interkulturelle Projektwoche für Grundschulen sowie ein gemeinsam mit der Merkez-Moschee und dem Bibelhaus Erlebnismuseum angebotenes interreligiöses Schulprogramm würden ausgebaut. Ein Angebot zur Demokratiebildung von Schülern auf der Grundlage von Reden der Paulskirchenversammlung werde von Schulen gebucht.

Bedarf an Vermittlung größer als Kapazitäten

Auch Angebote für Lehrkräfte und Schulleitungen kamen neu dazu. Viele Programme seien schon ausgebucht. "Der Bedarf ist größer, als wir ihn decken können", sagte Wenzel.

Lehrkräfte hätten in der Ausbildung häufig keine Methoden an die Hand bekommen, um in einer von Migration geprägten Schülerschaft auf den Nahost-Konflikt angemessen reagieren zu können. Lehrkräfte trauten sich oft nicht, gegen israelbezogenen Antisemitismus frühzeitig einzuschreiten. Das Museum bringe auch Know-how in Studienseminare der Pädagogen-Fortbildung ein.

Ausstellung über Verstecke in Osteuropa

Die Direktorin stellte für dieses Jahr drei Wechselausstellungen vor: Die multimediale Ausstellung "Natalia Romik. Architekturen des Überlebens" zeigt vom 1. März bis 1. September Verstecke, in denen Menschen sich nach dem deutschen Überfall im östlichen Polen und in der Ukraine im Zweiten Weltkrieg verbargen.

Die Ausstellung "Mirjam Pressler. Schreiben ist Glück" stellt vom 19. April bis 1. September die Schriftstellerin ("Bitterschokolade"), Übersetzerin ("Das Tagebuch der Anne Frank") und Künstlerin vor. Schließlich widmet sich die Schau "Im Angesichts des Todes" vom 1. November bis Juli 2025 als "europaweit erste Ausstellung" umfassend der Kulturgeschichte des Todes im Judentum.

Quelle: hessenschau.de, epd, dpa/lhe