Friedrichsplatz mit Museum Fridericianum. Vor dem Museum stehen Bäume des Projekt "Stadtverwaldung - 7.000 Eichen" von Beuys.

Auch zwei Jahre nach der documenta fifteen ist ihr Ruf schwer beschädigt. Umso mehr soll die Weltkunstausstellung nun zum Modell im Umgang mit Antisemitismus-Fragen werden. Dafür könnte sogar der Zeitplan der nächsten Ausgabe gelockert werden.

Zeigen, dass zeitgenössische Kunst auch in Krisenzeiten noch mach- und gangbar ist: Das ist nach den Worten des hessischen Kunst- und Wissenschaftsministers Timon Gremmels (SPD) das Ziel der documenta.

"Wir wollen aus dem Krisenfall einen Beispielfall machen", sagte Gremmels am Mittwoch im Kulturausschuss des Bundestags in Berlin. Dabei gehe es nicht allein um die documenta, "sondern die Frage: Wie ist es in Deutschland noch möglich, internationale Ausstellungen mit Weltanspruch zu machen?"

Antisemitismus-Eklat bei documenta fifteen

Die documenta gilt neben der Biennale in Venedig als wichtigste Ausstellung für Gegenwartskunst, war aber nach einem Antisemitismus-Skandal bei ihrer 15. Ausgabe im Jahr 2022 in die Kritik geraten.

Auch gegen die Findungskommission, die mit der Suche nach der künstlerischen Leitung für die kommende Ausgabe (geplant für die Zeit vom 12. Juni bis 19. September 2027) betraut war, gab es Antisemitismus-Vorwürfe. Sie trat daraufhin geschlossen zurück.

Der Aufsichtsrat beschloss Anfang Mai einen Verhaltenskodex mit Maßnahmen gegen unter anderem Antisemitismus - allerdings nur für die Trägergesellschaft der documenta und nicht für die künstlerische Leitung der kommenden Weltkunstausstellung.

Verschiebung der documenta möglich

Gremmels kündigte am Mittwoch an, demnächst eine neue Findungskommission zu präsentieren. Bereits dieses Gremium solle für Vielfalt stehen und bis Jahresende eine künstlerische Leitung finden. Diese habe dann zweieinhalb Jahre Zeit, die documenta 16 vorzubereiten.

Der Termin der kommenden Weltkunstausstellung in Kassel sei aber "nicht in Stein gemeißelt", so Gremmels. Möglich sei auch, dass sie ein Jahr später stattfinde. "Uns geht es um eine erfolgreiche documenta."

documenta-Geschäftsführer Andreas Hoffmann sagte dem hr am Donnerstag, es sei das feste Ziel, das Jahr 2027 für die documenta 16 zu halten. Dennoch stehe man wieder am Beginn des Findungsprozesses. Sollte es zur einer Verschiebung der Ausstellung kommen, könne die documenta auch 2028 stattfinden, so Hoffmann. "Nur diese beiden Varianten stehen zur Disposition".

Schoeller: Kunstfreiheit nicht eingeschränkt

Der Aufsichtsratsvorsitzende der documenta-Gesellschaft, Kassels Oberbürgermeister Sven Schoeller (Grüne), verwies bei der Befragung im Kulturausschuss des Bundes auf die im Grundgesetz verankerte Kunstfreiheit.

Die documenta gewährleiste "wie jede andere Ausstellung in Deutschland selbstverständlich" die Kunstfreiheit. Einschränkungen gebe es nur durch andere Grundrechte und andere Werte im Grundgesetz, so Schoeller. Der Schutz der Menschenwürde etwa sei nicht mit Antisemitismus vereinbar. 

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Gutachten zur documenta

hessenschau von 16:45 Uhr
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"Umfassender Werkzeugkasten"

Nach der Strukturreform gibt es aus Sicht Schoellers "einen umfassenden Werkzeugkasten für den Umgang mit antisemitischen Äußerungsformen".

In einem solchen Fall geht es nach Darstellung von Schoeller und Gremmels nicht etwa um die Frage, ein Kunstwerk hängen zu lassen oder abzunehmen, sondern zunächst um Kontextualisierung. Die jüngste documenta sei von "Hilflosigkeit und vor allem auch von einem mangelnden Dialog geprägt gewesen", sagte Schoeller.

Roth: Sichtbare Verbesserungen

Neben der Stadt Kassel und dem Land Hessen soll künftig der Bund mit zwei stimmberechtigten Plätzen im zwölfköpfigen Aufsichtsrat vertreten sein. Die Kulturstiftung des Bundes hatte bereits die vergangenen documenta-Ausstellungen substanziell unterstützt. documenta-Geschäftsführer Hoffmann betonte am Donnerstag die zentrale Bedeutung dieser Hilfen.

Die documenta sei die bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. "Sie entsteht hier in Kassel, ist für die Welt gemacht und in der Stadt und im Land fest verortet." Der Anspruch sei aber auch, dass sie eine nationale und internationale Reichweite erziele.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) hatte bereits am Mittwoch von sichtbaren Verbesserungen in der Organisationsstruktur gsprochen. Noch wichtiger als Regulierungen beim Zuwendungsrecht sei im Kampf gegen Antisemitismus "eine viel deutlichere und von einer breiten Mehrheit getragene Positionierung aus dem Kulturbereich", so Roth.

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