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Neue Intendantinnen starten in erste Spielzeit am Staatstheater Wiesbaden

Das Bild zeigt zwei blonde Frauen in einem Flur mit apricotfarbenem Boden. Die linke Frau ist ganz in schwarz gekleidet und lehnt an einer verglasten Wand. Die rechte Frau trägt ein pinkfarbenes Kleid und schwarze Stiefel. Beide haben die Arme verschränkt.

Das Zerwürfnis zwischen Intendant Laufenberg und dem Personal des Staatstheaters Wiesbaden beschäftigte nicht nur die hessische Kulturszene. Mit den neuen Intendantinnen Dorothea Hartmann und Beate Heine soll es nun besser werden. Was haben sie vor?

"Wir können die Vergangenheit nicht einfach wegfegen", sagt Beate Heine. "Da liegt noch ein bisschen Arbeit vor uns." Zur Spielzeit 2024/25 übernimmt sie gemeinsam mit Dorothea Hartmann die Leitung des Staatstheaters Wiesbaden. Eigentlich wollen die beiden nach vorne schauen.

Ein Teil ihrer Arbeit wird aber erst einmal darin bestehen, die Altlasten ihres Vorgängers aufzuräumen. Denn das, was sich zuletzt am Staatstheater Wiesbaden abspielte, erinnerte phasenweise an eine Seifenoper - inklusive Drama, exzentrischen Charakteren und einem Cliffhanger zum Schluss.

Seifenoper am Staatstheater

Ein schwelender Streit zwischen dem damaligen Intendanten Uwe Eric Laufenberg und dem für Finanzen verantwortlichen geschäftsführenden Direktor Holger von Berg führte dazu, dass mehrere Inszenierungen kurzfristig abgesagt werden mussten. Schauspieldirektor Wolfgang Behrens sowie die Dramaturgin Anika Bárdos warfen von Berg in einer Erklärung vor, er habe den Theaterbetrieb "nachhaltig beschädigt".

Einige andere Mitarbeitende dagegen hatten zuvor Laufenberg für seinen Führungsstil und seine Einstellung zu den Coronavorkehrungen kritisiert. Auch die Einladung des russischen Opernstars Anna Netrebko zu Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine hatte für Entsetzen und Demonstrationen bei den Wiesbadener Maifestspielen gesorgt. Netrebko wird eine fehlende Distanz zum russischen Präsidenten Putin vorgeworfen.

Minister mit Machtwort

Im Januar trennten sich schließlich die Wege von Intendant Uwe Eric Laufenberg und dem Staatstheater - auch, weil sich Timon Gremmels (SPD), damals neu im Amt des Ministers für Wissenschaft, Forschung, Kunst und Kultur, einbrachte und den Querelen ein Ende setzte.

"Manchmal muss man Entscheidungen treffen, wenn sie anstehen", kommentierte Gremmels die Entscheidung am Mittwoch bei der Vorstellung des neuen Programms. Wenn, wie in diesem Fall, aber etwas Gutes herauskomme, dann lohne sich dieser Stress auch.

In Zukunft sollten "die Konflikte der Vergangenheit in Vergessenheit geraten" und der kulturell-künstlerische Genuss im Mittelpunkt stehen, so Gremmels.

Hartmann und Heine zeigen Einigkeit

Das wollen auch Dorothea Hartmann und Beate Heine. Sie repräsentieren Einigkeit, wollen nur gemeinsam interviewt werden und zeigen damit: Das Staatstheater setzt mit der neuen Doppelspitze auf Harmonie.

Heine war zuletzt stellvertretende Intendantin am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, Hartmann gehörte zum Leitungsteam der Deutschen Oper Berlin. Der Laufenberg-Streit in Wiesbaden sei ihnen vorab "über die Presse" bekannt gewesen.

Zwar hätten sie im Moment nur einen Außenblick auf die Situation. Ihrem Eindruck nach gebe es im Haus aber verschiedene Lager. "Die Atmosphäre ist angespannt und auf uns wird auch die Aufgabe zukommen, eine neue und konstruktive Arbeitsatmosphäre zu schaffen", sagt Heine. Es tue sich auch schon einiges, damit man wieder zu einer großen Gemeinschaft finde.

"Großes Vertrauen ineinander"

Hartmann und Heine kennen sich schon viele Jahre, haben bereits in verschieden Häusern zusammengearbeitet, unter anderem dem Staatstheater Hannover. "Da gibt es grundsätzlich ein großes Vertrauen in den anderen", betont Heine.

Mit der Idee, sich gemeinsam auf eine Intendanz zu bewerben, hätten die beiden schon lange gespielt. "Die Ausschreibung in Wiesbaden richtete sich dann ganz explizit nicht nur an Einzelpersonen", sagt Hartmann. "Da stand der für uns sehr schöne Satz: Auch Teambewerbungen sind willkommen." Das finde man nicht so häufig.

Eigene künstlerische Schwerpunkte

Am Ende konnte sich das Duo gegen knapp 40 Mitbewerberinnen und Mitbewerber durchsetzen. Nach der Zusage habe es erst mal einen Sekt gegeben. Dann sei aber schon die Arbeit losgegangen: ein Kernteam zusammenstellen, neue Ideen entwickeln und erste Regieteams anfragen.

Als Intendantinnen sind Hartmann und Heine zwar für alles gleichermaßen verantwortlich, haben sich aber Schwerpunkte in der Aufteilung gesetzt. Während Hartmann sich verstärkt um Musiktheater und Konzerte kümmert, ist Heine für das Schauspiel und den Tanz zuständig.

Ein gemeinsames Herzensprojekt wird das Junge Staatsschauspiel sein, das sogar ein eigenes kleines Ensemble bekommt.

Von "Tosca" bis "Fack ju Göhte"

"Ich freue mich auf Wiesbaden und darauf, auch Theater für eine Stadt zu machen", sagt Dorothea Hartmann. Künstlerisch haben die beiden viel vor: Geplant sind 48 Premieren in den fünf Sparten Musiktheater, Schauspiel, Tanz, Konzert Junges Staatstheater.

Es sollen bekannte Titel wie die Puccini-Oper "Tosca", "Der fliegende Holländer" nach Wagner oder Büchners "Woyzeck", aber auch zeitgenössische Stücke wie der Kino-Hit"Fack ju Göhte" als Musical behandelt werden. Die Maifestspiele und die Biennale als Festival-Klassiker sollen weiterhin bestehen.   

Das Ziel: Theater für alle

Auch Zugänglichkeit für verschiedene Altersgruppen und Milieus steht im Fokus. So soll das Junge Staatstheater künftig in die Wartburg verlegt werden, eine Spielstätte in der Innenstadt.

"Das hat natürlich auch etwas mit der Niedrigschwelligkeit dieses Ortes zu tun", so Heine. Dort hinzugehen sei etwas anderes als das große Staatstheater zu besuchen. "Und wir werden auch verstärkt partizipative Projekte und Inszenierungen angehen." Gemeint sind Stücke, an denen sich die Zuschauerinnen und Zuschauer beteiligen können.  

Doppelspitze soll mehr Transparenz bringen

In der Doppelspitze sehen die Intendantinnen Vorteile - dass es mehr Ideen gebe zum Beispiel oder dass man sich austauschen könne, erklärt Hartmann. "Und es bedeutet auch, dass es größere Transparenz gibt, die auch ins Haus hineinwirkt", ergänzt Heine.

Natürlich habe es auch schon Situationen gegeben, in denen sie nicht einer Meinung gewesen seien, sagt Hartmann. Das müsse man dann ausdiskutieren und aushalten. "Aber wir haben uns auch selbst einige Regeln gegeben, wie man aus so einer Situation wieder herausfindet."

Und so bleibt die Hoffnung, dass mit den neuen Intendantinnen nun endlich Ruhe einkehrt ins Staatstheater Wiesbaden - und es wieder nur um Kultur geht.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version des Artikels hieß es, die Mitarbeitenden des Staatstheater Wiesbadens hätten den ehemaligen Intendanten Laufenberg für seinen Führungsstil kritisiert. Wir haben die Stelle nachträglich präzisiert.

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