Ein Schüler der Herderschule bedient die digitale Tafel.

In Darmstadt nehmen drei Schulen an einem Modellprojekt zu Digitalisierung in der Bildung teil - ein großes Thema auch vor der Bundestagswahl. Am Ende soll eine Orientierungshilfe für andere Schulen stehen. Doch der Weg ist lang.

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Audioseite Modellprojekt an Darmstädter Schulen

Eine Schülerin an der Herderschule erstellt eine digitale Skizze für eine Luftballon-Konstruktion, die sie später mit Mitschülern und Mitschülerinnen bauen soll.
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Eines der großen Themen dieser Zeit – und somit auch im Wahlkampf zur Bundestagswahl – ist die Digitalisierung. Alle Parteien haben dazu mehr oder weniger erfolgsversprechende Zukunftsvisionen im Gepäck. Während der Pandemie war die öffentliche Diskussion rund um Digitalisierung vor allem eng mit dem Bildungswesen verknüpft – Homeschooling, Distanzlehre und Co. haben schonungslos aufgedeckt, wie schlecht es in Deutschland teilweise um digitale Infrastruktur, Ausstattung und Kompetenz bestellt ist.

Wie sieht zeitgemäßer Unterricht aus?

Die Pandemie hat auch ein Projekt aus Darmstadt in den Fokus gerückt, das bereits kurz vor dem Ausbruch des Coronavirus in Deutschland ins Leben gerufen wurde: Finanziert von der selbsternannte Digitalstadt und wissenschaftlich begleitet durch die Technische Universität Darmstadt (TU), geht ein Forscherteam unter dem Motto "Bildung in einer digitalen Welt" der Frage nach, wie zeitgemäßer Unterricht in Zeiten der Digitalisierung gestaltet werden kann. Sie erhoffen sich Erkenntnisse über Schulentwicklung in einer digital geprägten Kultur.

Drei Darmstädter Schulen nehmen an dem Projekt teil, darunter auch die Herderschule, eine Sprachheilschule. Hier lernen Kinder bis zur neunten Klasse, die Schwierigkeiten mit dem Hören, dem Verstehen, dem Sprechen und dem Schreiben haben.

Wer die Schule betritt, erblickt ein großes, schneeweißes Foyer, alles wirkt hell, freundlich und einladend. Doch nicht nur die Farbe an den Wänden ist neu: Die Sanierung vor zwei Jahren war für die Herderschule auch konzeptionell so etwas wie ein Neustart. "Wir wussten, wir kommen in eine Schule, in der es keine Kreidetafel mehr gibt", sagt Schulleiterin Dorothee Fischer.

Stattdessen ist die Schule nun mit den modernsten digitalen Geräten ausgestattet, wie etwa Smartboards. Doch Fischer gibt zu: "Wir können auch heute noch nicht alle Geräte in vollem Umfang nutzen." Und genau hier setzt das Darmstädter Projekt an. Einfach ein paar Geräte verteilen und dazu ein paar Schulungen anbieten, ist für Professorin Petra Grell, die das Forscherteam der TU leitet, nicht die Lösung.

Erste Schritte Richtung digitale Schule

Generell müsse sich jede Schule und jede andere Bildungseinrichtung fragen: "Wo steht Ihr, und was braucht Ihr eigentlich? Was ist ein angemessener nächster Schritt, den Ihr gehen könnt?" Es gehe darum, gemeinsam mit dem Kollegium ein Konzept für digitales Lernen und Lehren zu erarbeiten.

In der Herderschule war klar, wo angefangen werden muss: ganz am Anfang. Denn digitale Ausstattung und Kompetenzen waren hier bis zum Projektstart im November 2019 fast kaum vorhanden. Das hat sich besonders im ersten Lockdown bemerkbar gemacht: "Noch nie hatte jemand von uns eine Videokonferenz gemacht", gibt Schulleiterin Fischer zu. Studierende der TU hätten in dieser Phase Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler im nun ungewohnten Schulalltag begleitet und angeleitet.

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Wahlprogramme im Check

Vor der Bundestagswahl am 26. September vergleicht hessenschau.de die Wahlprogramme der sechs bereits im Bundestag vertretenen Parteien - zu den Themen Energie, Verkehr, Digitalisierung, Wohnen und Pflege. Diese Beschränkung erfolgt aus Gründen der Übersichtlichkeit.

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Neben Hilfestellungen zu Fragen, wann welcher Knopf wie gedrückt werden muss, hat sich die Schule im Rahmen des Projekts auch mit der Auswahl digitaler Lehrmittel auseinandergesetzt: Welche Programme eignen sich für die speziellen Anforderungen der Schule? Nach welchen Kriterien suche ich sie aus, ohne in der Masse unterzugehen?

Berufsschule stellt Unterrichtsmodell um

In der Heinrich-Emanuel-Merck-Berufsschule, die ebenfalls an dem Projekt teilnimmt, war die Ausgangslage eine gänzlich andere. An technischem Know-how mangelt es nicht, schließlich werden hier Technikspezialisten ausgebildet. Vielmehr stellt sich die Frage: Wie kann ich die Technik nutzen, um den neuen Anforderungen der Berufswelt gerecht zu werden?

Dabei steht vor allem das selbständige Lernen im Mittelpunkt. Dafür habe das Kollegium das Unterrichtsmodell komplett auf den Kopf gestellt, sagt Andreas Vogtländer, der das Modellprojekt an der Schule koordiniert: "Schülerinnen und Schüler arbeiten bei uns oft in Kleingruppen und erstellen dann beispielsweise einen Plan, was sie denn innerhalb einer Woche erarbeiten möchten." Anschließend hätten sie die Möglichkeit, das vorhandene Material zu sichten und ihre Aufgabe dann selbständig zu lösen.

Die fast zwei Jahre seit Start des Projekts hätten gezeigt, dass das Unterrichtsmodell funktioniert, so Vogtländer. Dabei spiele vor allem die digitale Ausstattung und die Kompetenz im Umgang damit eine entscheidende Rolle. Schülern und Schülerinnen sei es so möglich, einfach und schnell Material zu teilen, Informationen auszutauschen, Pläne zu erstellen und somit zum Erfolg zu kommen. Auch im Kollegium werde die Technik vermehrt genutzt, um etwa kleine Lehrfilme zu erstellen oder Videoschnipsel zu teilen.

"Roadmap" als Unterstützung für andere Schulen

Dass am Ende des auf zwei Jahre angelegten Projekts keine Blaupause für andere Schulen entstehen kann, ist allen Beteiligten klar. Zu unterschiedlich sind die Anforderungen und Ausgangslagen. Doch TU-Professorin Grell ist überzeugt davon, dass andere Schulen durchaus von den dokumentierten Erfahrungen profitieren können. "Wir erstellen eine Roadmap, mit der ihr euch gut auf den Weg machen könnt. Wir können euch sagen, wo ihr in den dunklen Wald geraten werdet und über welche Hürden ihr gehen müsst", sagt sie an die Schulen gerichtet.

Auf den Weg machen müssten sich die einzelnen Schulen aber selbst, auch wenn er lang und beschwerlich werden kann: "Es gibt da leider keine Abkürzung." Die Stadt will den digitalen Aufbruch finanziell unterstützen: Im Zuge des Medienentwicklungsplans sollen in den nächsten drei Jahren insgesamt 30 Millionen Euro in die Ausstattung der Schulen fließen.

Was sagen die Parteien?

In Darmstadt haben sich also mindestens drei Schulen bereits auf den Weg in eine digitale Zukunft gemacht. Wie sieht es bei den Parteien aus? Welchen Stellenwert messen sie dem Thema Digitalisierung zu?

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Die CDU plant in Kapitel 7.3 des aktuellen Wahlprogramms eine "digitale Transformationsoffensive", verbunden unter anderem mit der Schaffung eines Bundesministeriums für "digitale Innovationen", um "digitale Herausforderungen" besser bewältigen zu können. Bezüglich digitaler Infrastruktur nennt die CDU zwei konkrete Ziele: Bis 2024 sollen alle "weißen Flecken" bezüglich des mobilen Internets verschwinden, bis 2025 soll es in Deutschland flächendeckendes 5G-Netz geben. Im Bildungsbereich will die CDU digitale Kompetenz "umfassend" in den Unterricht integrieren.

Bei der SPD findet man das Thema Digitalisierung bereits unter Punkt 2.3, der mit "Digitale Souveränität in Deutschland und Europa" übertitelt ist. Bis 2030 soll Deutschland demnach über eine "digitale Infrastruktur auf Weltniveau" verfügen, Bildung und Verwaltung sollen bis dahin vollständig digitalisiert sein. Ziel der SPD ist es zudem, dass jeder Schüler und jede Schülerin mit einem digitalen Endgerät ausgestattet wird und Zugang zum Internet hat. Schulen sollen saniert und digital besser ausgestattet werden.

Auch bei den Grünen erscheint Digitalisierung im zweiten Kapitel des Wahlprogramms. Sie fordern unter anderem eine europäische Cloud-Infrastruktur, um vor allem für mittelständische Unternehmen Möglichkeiten zu Synergien zu bieten. Um einen fairen Wettbewerb auf den digitalen Märkten zu garantieren, fordern die Grünen zudem die stärkere Regulierung von Internetgiganten. Ein weiteres Thema ist die Geschlechtervielfalt, die Partei plant eine Strategie "Frauen in der Digitalisierung". Im Bildungsbereich will die Partei eine "zeitgemäße" und "datenschutzfreundliche" Infrastruktur aufbauen sowie pädagogisches Fachpersonal "kontinuierlich" weiterbilden.

Die FDP will "Deutschlands Digitalpolitik neu ausrichten", so steht es im zweiten Kapitel des Wahlprogramms. Sie fordert die Einführung eines Bundesministeriums für "digitale Transformation", um digitale Kompetenzen im Staat besser bündeln zu können. Mobilfunk- und Glasfasernetz sollen konsequent hochgerüstet werden, bis zum Jahr 2025 soll 5G flächendeckend verfügbar sein. Für die Schulen fordert die FDP den "Digitalpakt 2.0" und damit deutliche höhere Investitionen in digitale Infrastruktur und Fortbildungen. Zudem soll das Fach Informatik bundesweit eingeführt werden.

Die Linke fordert, dass Breitband- und Mobilfunknetze in die öffentliche Hand übergehen. Der Netzausbau müsse sich am Gemeinwohl und nicht an Profitinteressen orientieren. In der Schule soll jedes Kind einen Laptop und einen Drucker sowie kostenfreien Zugang zum Internet auch Zuhause erhalten. Damit soll verhindert werden, dass neue Lernformen, wie etwa Homeschooling, zu neuer sozialer Spaltung führen. Bildungseinrichtungen müssten mit "zeitgemäßer" Hard- und Software ausgestattet werden, hierbei solle Open-Source-Software bevorzugt werden. Zur Betreuung der IT-Infrastruktur an Schulen fordert die Partei die Schaffung von neuen Stellen für Fachpersonal.

Bei der AfD kommt das Thema Digitalisierung erst weit hinten im Wahlprogramm zur Sprache. Auf Seite 174 heißt es: "Digitalisierung muss uns Menschen dienen." Digitale Technik dürfe nicht zur Überwachung oder Bevormundung von "Bürgern und Unternehmen" führen. Beim Netzausbau setzt die AfD auf Förderung regionaler Strukturen, hinsichtlich 5G müssten die Menschen über Gesundheitsrisiken bei der Nutzung aufgeklärt werden. Schulen bräuchten "grundsätzlich" eine modernere Ausstattung, Digitalisierung dürfe aber nicht zum Selbstzweck in der Bildung werden, sondern müsse stets auf Sinnhaftigkeit überprüft werden.

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