Altenpfleger Torsten Birkholz misst Blutdruck bei einer Bewohnerin, die in einem gemusterten Sessel am Fenster sitzt.

Höhere Löhne, Tarifvertrag, Digitalisierung - vor der Bundestagswahl setzen die Parteien auf unterschiedliche Maßnahmen, um Pflegekräfte zu entlasten. Dabei wünschen die sich primär etwas anderes.

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Audioseite Was sich die Pflegekraft im Altenheim wünscht

Eine Altenpflegerin in Schutzausrüstunghält die Hand eines Bewohners.
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Eigentlich wollte Mark Müller Lehramt studieren. Dann aber erlebte er einen medizinischen Notfall seines Großvaters, musste ihn sogar reanimieren. Bei der anschließenden Behandlung im Krankenhaus sah er ausgebranntes Pflegepersonal und Patienten, die in seinen Augen eine "bessere Behandlung" verdient hätten.

Mit dem Ziel, etwas an den Umständen zu ändern, beginnt er 2013 eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger, 2016 macht er sein Examen. Seit 2018 arbeitet Müller am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM), setzt dort noch eine Weiterbildung zum Fachpfleger für Intensivmedizin und Anästhesie drauf. Aber schnell merkt der heute 26-Jährige: So, wie er es in seiner Ausbildung gelernt hat, kann er seine Patienten im Alltag nicht pflegen. Dafür fehlt schlicht die Zeit.

Portraint Mark Müller

"Man funktioniert nur noch"

Auf "der Jagd nach Zeit", wie er es ausdrückt, ist auch Torsten Birkholz. Seit 26 Jahren arbeitet er als Pfleger im Altenzentrum Eben Ezer in Gudensberg (Schwalm-Eder). Nach seinem Zivildienst entscheidet er sich bewusst für eine Umschulung vom Elektroinstallateur zum Krankenpfleger. "Diese menschliche Komponente, im Team Ziele zu erreichen, das war mir sehr wichtig", sagt er. Es sei ein Privileg, mit Menschen arbeiten zu dürfen. Und trotzdem: Der Job raubt ihm zunehmend die Kraft.

In der Corona-Pandemie verschärft sich die Situation für Birkholz noch. In der ersten Welle erkrankt er selbst, in der zweiten wird er auf einer Corona-Station eingesetzt. Viele Mitarbeiter seien in dieser Zeit ausgefallen. "Ein Aufruf über die Gemeinde war die einzige Möglichkeiten, die offenen Schichten zu besetzen", erinnert sich Birkholz. Freie Tage zum Ausgleich? Kaum möglich. Zeit für die Familie? Fehlanzeige. "Man funktioniert nur noch", stellt er fest.

Es fehlt an Personal

Zwei Pflegekräfte, ein Problem: Die Arbeitsbedingungen gehen ihnen an die Substanz. "Natürlich wollen wir alle mehr Geld, aber das ist nicht das, was uns am meisten umtreibt", sagt Mark Müller. Aktuell arbeite er im Tagesdienst zwölf Tage am Stück und habe danach zwei Tage frei. Danach gehe es direkt weiter. "Das ist zu wenig Entlastung", bemerkt er.

Bei 24-Stunden-Schichten komme es zudem vor, dass niemand zur Pausenablösung verfügbar ist. Dann werde durchgearbeitet. Müller sagt: "Es braucht mehr Personal, aber das kommt nicht, wenn die Bedingungen so bleiben."

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Tausende Stellen unbesetzt

Laut Verdi fehlen in Deutschland über 80.000 Stellen im Pflegedienst der Krankenhäuser. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung weist sogar mehr als 100.000 fehlende Pflege-Vollzeitstellen in den Kliniken aus. In der Altenpflege sieht es nicht anders aus. Laut Bundesagentur für Arbeit kamen im Juli dieses Jahres auf 12.300 offene Stellen für Fachkräfte bundesweit rund 3.400 arbeitslose Pflegefachkräfte.

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Am UKGM versucht man nach Angaben von Pressesprecher Frank Steibli, einen Teil der freien Stellen mit Auszubildenden der Krankenpflegeschulen in Gießen und Marburg zu besetzen. Insgesamt dauere es aber trotz verstärkter Anstrengungen immer länger, neue Pflegekräfte zu gewinnen.

Untergrenze oftmals zum Standard geworden

Um die Situation in der Kranken- und Altenpflege zu verbessern, brachte das Bundesgesundheitsministerium vor knapp drei Jahren das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz auf den Weg. Es schreibt unter anderem Personaluntergrenzen auf bestimmten Stationen wie der Intensivmedizin, Unfallchirurgie oder Geriatrie vor.

Maximal 20 Patienten darf eine Pflegekraft beispielsweise in ihrer Nachtschicht auf einer chirurgischen Station betreuen, auf Intensivstationen wie der von Mark Müller sind es drei Patienten. Dem 26-Jährigen zufolge hat sich durch das Gesetz aber nicht viel geändert, im Gegenteil: Vielerorts sei die Untergrenze sogar zum Standard geworden, meint er. Und in der Corona-Pandemie waren die Personaluntergrenzen vorübergehend ganz außer Kraft gesetzt.

Auch Uwe Seibel, Geschäftsführer des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) für die Region Südwest, sieht die Untergrenze kritisch. "Wenn sie weiterhin losgelöst stehen bleibt, sorgt sie wie bisher zu Verschiebungen, aber nicht zur tatsächlichen Enlastung von Pflegefachpersonal", glaubt er. Altenpfleger Torsten Birkholz findet drastischere Worte: "Solche Untergrenzen sind schlecht. Den Menschen wird dadurch Liebe und Betreuung geraubt, weil das Pflegepersonal nicht genügend Zeit für sie hat."

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Die Pflegebranche in Zahlen

Deutschlandweit arbeiteten laut Arbeitsagentur 2020 1,7 Millionen Menschen in einem Pflegeberuf. Der hessische Pflegemonitor wies 2017 insgesamt 114.093 Pflegekräfte in Krankenhäusern, Rehakliniken sowie ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen aus. Im Durchschnitt verdient eine Pflegefachkraft nach dreijähriger Berufsausbildung je nach Fachgebiet und Einsatzort zwischen 2.100 und 3.300 Euro brutto.

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Fast 50 Prozent mehr Fachkräfte bis 2035 benötigt

Die Gewerkschaft Verdi hatte bereits bei der Einführung der Personaluntergrenze kritisiert, dass sie willkürlich gesetzt sei. Nur 25 Prozent der Stationen seien dadurch gezwungen gewesen, ihr Personal aufzustocken. Die Regierung dürfe keine Pflegepersonaluntergrenzen präsentieren, die sich an der bestehenden Unterbesetzung orientieren - das legitimiere den Pflegenotstand, lautete die Kritik.

Wenn die Politik nicht gegensteuert, könnte sich der Pflegenotstand in den kommenden Jahren sogar noch verschärfen. Laut hessischen Pflegemonitors werden im Jahr 2035 6.439 Altenpflegerinnen und -pfleger (47 Prozent) und 3.386 Gesundheits- und (Kinder-)Krankenpflegerinnen und -pfleger (49 Prozent) mehr gebraucht, als im Jahr 2017 beschäftigt waren. Dazu kommt, dass ein Großteil der derzeit tätigen Pflegefachkräfte bis dahin in Rente geht und ersetzt werden muss. Das erhöht den Bedarf zusätzlich.

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Parteien mit unterschiedlichen Ansätzen

Wie also den Beruf aufwerten und neue Pflegekräfte anwerben? Die Pläne für einen bundesweiten Tarifvertrag in der Altenpflege sind im Februar diesen Jahres vorerst gescheitert. In ihren Wahlprogrammen sprechen sich dennoch alle großen Parteien für einen Flächentarifvertrag für die Pflegebranche aus. Die AfD will zudem steuerfreie Nacht-, Sonn- und Feiertagszuschläge.

Die Linke fordert 100.000 Pflegekräfte mehr in Krankenhäusern und Pflegeheimen und mindestens 50 Prozent Fachkräfte in der Altenpflege. Die SPD bleibt vage - "gute Arbeitsbedingungen und vernünftige Löhne" sollen es sein.

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Wahlprogramme im Check

Vor der Bundestagswahl am 26. September vergleicht hessenschau.de die Wahlprogramme der sechs bereits im Bundestag vertretenen Parteien - zu den Themen Energie, Verkehr, Digitalisierung, Wohnen und Pflege. Diese Beschränkung erfolgt aus Gründen der Übersichtlichkeit.

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Die Grünen bringen in ihrem Wahlprogramm neue Arbeitsmodelle für Pflegekräfte ins Spiel, etwa die Einführung einer 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Gesundheits- und Krankenpfleger Müller hält das für eine gute Sache. "Die 35 Stunden müssen aber auf vier Tage am Stück begrenzt sein", findet er. Denn: "Entlastung und Erholung kommen nur durch freie Tage."

Digitalisierung soll entlasten

Um die Arbeitsbelastung zu senken, setzen CDU und FDP zudem auf die Digitalisierung verschiedener Prozesse, beispielsweise der Dokumentation von Patientenakten, ärztlichen Behandlungen und Pflegeberichten. Altenpfleger Torsten Birkholz hat damit schon Erfahrungen gemacht und sieht Verbesserungen. Aber: "Jeder Mitarbeiter muss an den Rechner", sagt er. "Und jeder Klick kostet Zeit." Der Umgang mit der Technik würde vielen Kolleginnen und Kollegen Probleme bereiten, die nötige Wartung der Geräte sei oftmals nicht mitgedacht.

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Auch das UKGM hat in den letzten Jahren laut Pressesprecher Frank Steibli in einigen Bereichen bereits Erfahrungen mit digitalisierter Dokumentation sammeln können. Um Prozesse weiter zu verschlanken, benötige es aber Investitionen in Technik und Infrastruktur.

Roboter zur Entlastung der Pflegekräfte?

Eine weitere Idee, auf die CDU, FDP und Grüne im Zuge der Digitalisierung setzen: Pflegekräfte durch die Einführung von Robotik zusätzlich entlasten. Uwe Seibel vom Berufsverband DBfK hält das für denkbar. Unter einer Voraussetzung: Es dürfe nicht bedeuten, dass Roboter die Pflegebedürftigen versorgen. "Pflege lebt von Interaktion und Kommunikation", stellt er klar. Digital gesteuerte Materialtransporte oder Smarthome-Funktionen für alleinlebende Pflegebedürftige hält er aber für denkbar.

UKGM-Pressesprecher Steibli sieht das ähnlich. "Robotik wird niemals die haltende Hand einer Krankenschwester oder das tröstende Wort eines Pflegers ersetzen. Sie kann aber dafür sorgen, dass mehr Zeit für die Beziehung zwischen Pflegenden und Patienteninnen und Patienten zur Verfügung steht." Aktuell befinde sich der Markt noch am Anfang. Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut wolle man aber am Standort Marburg einen intelligenten Pflegewagen testen, der automatisch befüllt wird und von den Pflegenden per Knopfdruck gerufen werden kann.

Aufwertung des Berufs gefordert

Für Mark Müller und Torsten Birkholz geht die Diskussion um Robotik aktuell in die völlig falsche Richtung - da seien andere Dinge akut wichtiger. Beispielsweise die Aufwertung des Berufs durch den Ausbau von Aufgabenbereichen und Entwicklungsmöglichkeiten.

Seit seiner Fachweiterbildung erhalte er monatlich lediglich 200 Euro brutto mehr - und vieles, was er gelernt habe, dürfe er in seiner Rolle als Pflegefachkraft trotzdem nicht anwenden, so Müller. "Es muss sich doch lohnen, neben dem Vollzeitjob so eine Weiterbildung zu machen", moniert er.

Dass der Beruf nicht lohnt, scheinen auch andere in seinem Alter zu denken. Altenpfleger Birkholz, der auch als Ausbilder arbeitet, beobachtet auf Berufsbörsen nur wenig Interesse am Pflegeberuf. "Und die jungen Kollegen, die es gibt, werden alle abwandern", fürchtet er. Die Politik müsse endlich zeigen, was ihr der Beruf wert sei.

"Keine Energie mehr"

Für Mark Müller kommt das zu spät. Er ist einer von denen, die abwandern, und hat bereits im vergangenen Herbst ein Medizin-Studium begonnen. Darin sieht er eine andere Perspektive für seine Zukunft.

Die Pflege sei ein toller Beruf, den er unabhängig von den Bedingungen immer wieder erlernen würde. "Ich habe viel über Menschen gelernt und viel Spaß gehabt. Aber irgendwann hat man keine Energie mehr, um Spaß zu haben."

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