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Photovoltaik und Denkmalschutz – passt das zusammen?

Photovoltaik auf Gebäuden mit Denkmalschutz: Das soll künftig in Hessen zur Regel werden. Die Stadt Kassel hat die Richtlinie des Landes in eine Handreichung für Hausbesitzer übersetzt. Hilft die?

Solaranlagen auf denkmalgeschützten Gebäuden sind künftig in der Regel zu genehmigen, das besagt eine neue Richtlinie für Denkmalbehörden in Hessen. Bisher war es vom Antrag bis zur Genehmigung ein langwieriger und komplizierter Prozess, der viele Hausbesitzer abgeschreckt hat. In der neuen Richtlinie ist festgeschrieben, dass Behörden die Installation einer Solaranlage lediglich bei einer "erheblichen Beeinträchtigung eines Kulturdenkmals" ablehnen können.

Als eine solche Beeinträchtigung nennt die Richtlinie hier beispielsweise Eingriffe in die Dachkonstruktion oder die Fassade. Aber auch dann sind die Behörden aufgefordert, Alternativen zu finden, die das Aussehen des Gebäudes nicht verfälschen. Ziel ist es, eine nachhaltige und rentable Energieerzeugung zu unterstützen, zumal Photovoltaik- und Solaranlagen auf dem Dach ein probates Mittel sind, um sich von den steigenden Energiekosten unabhängig zu machen.

Handreichung in Kassel soll offene Tür signalisieren

Bei einer Diskussionsrunde in Kassel hat Stadtbaurat Christoph Nolda (Grüne) kürzlich die Richtlinie in eine Handreichung für Besitzer von Altbauten übersetzt. Diese Handreichung stärke die Gewichtung von Klimaschutzbelangen in der Abwägungsentscheidung deutlich, heißt es in einer Veröffentlichung der Stadt. Also im Zweifel für die nachhaltige Energieerzeugung und gegen den Denkmalschutz?

Nolda betonte bei der Veranstaltung, man wolle mit dem Papier ein Signal setzen. Zuletzt sei der Konflikt häufig darin begründet gewesen, dass Hauseigentümer nicht wussten, an wen sie sich mit ihren Fragen wenden konnten. Jetzt gebe es das klare Bekenntnis der Stadt zur Gesprächsbereitschaft inklusive Adressen konkreter Ansprechpartner.

Solartagung in der Neuen Denkerei in Kassel

Forderung nach Standardlösungen

Rund 70 Interessierte hatten die von der Stadt angebotene Diskussionsrunde genutzt. Unter ihnen viele Fachleute wie Architekten oder Experten für Balkonkraftwerke - wie Arvid Jasper von Solocal energy, einem Kollektiv, das Mini-Solaranlagen in Form von Nachbarschaftsprojekten umsetzt.

Es sei gut, dass Kassel das Thema Photovoltaik und Denkmalschutz angehe. Allerdings bleibe die Stadt Kassel weit hinter den verfassungsrechtlichen Vorgaben zurück, kritisiert er. Das Problem sei, dass Beratung und Antragsaufwand für die Hausbesitzer aufwendiger werde. Es brauche Standardlösungen und schlankere Prozesse, sagt Jasper, "sonst versinken wir im Bürokratiesumpf".

Ein Referenzprojekt für weitere 104 Häuser?

Auch Stadtplaner Christian Kopetzki ist am Abend bei der Veranstaltung in der Neuen Denkerei in der Kasseler Friedrichsstraße. Sein Haus steht in der denkmalgeschützten Belgischen Siedlung im Stadtteil Wehlheiden, gebaut von dem bekannten Architekten Paul Bode. Er ist der erste von 104 Hauseigentümern, der den Antrag auf Bau einer Solaranlage gestellt hat. Sein Antrag habe bis zur denkmalrechtlichen und bauaufsichtlichen Genehmigung vor zwei Wochen einen komplizierten Weg durch die Verwaltung genommen, erinnert sich der Stadtplaner.

Diesen "komplizierten Weg" kennen auch weitere Betroffene. Sie berichten von Anträgen, die mehrfach abgelehnt wurden, Widersprüchen gegen den Ablehnungsentscheid und einer Menge Wartezeit. Zwei Jahre ziehe sich das jetzt hin, erzählt Alfons Fleer aus Bettenhausen, der ein 400 Jahre altes Fachwerkhaus besitzt. Den letzten Antrag habe er nach Einmarsch der Russen in die Ukraine gestellt, nach Ablehnung sei jetzt sein Widerspruch erneut in Bearbeitung.

Kopetzki ist einen Schritt weiter. Die Genehmigung hat er ohne die aktuelle Handreichung der Stadt bekommen und ist zuversichtlich, dass sein Haus als Referenzprojekt für alle weiteren Häuser in der Siedlung dienen kann. Er will jedenfalls die anderen Eigentümer dazu animieren, seinem Beispiel zu folgen. Ob Denkmal- und Klimaschutz in Kassel zukünftig besser miteinander zu vereinen sind, müsse sich jetzt zeigen.

Warum Denkmalschutz und Solarenergie im Spannungsfeld stehen, klärt unser FAQ:

Warum ist es so kompliziert, Denkmalschutz und Solarenergie zu vereinen?

Ziel von Denkmalschutz ist es, das Erscheinungsbild historischer Bauten zu erhalten. Dazu gehören Gesamtanlagen, die das Ortsbild prägen, an bedeutenden Plätzen, Straßenzügen oder in Sichtachsen liegen. Vor allem Eingriffe in die Dachkonstruktion, die äußere Schicht des Daches (Dachhaut) und die Fassade sollen möglichst vermieden werden. Besser soll nach geeigneten Alternativstandorten gesucht werden. Auch die Statik darf nicht gefährdet werden. Bisher werden die Genehmigungen in einer Einzelfallprüfung vergeben.

Welche Flächen eignen sich bei denkmalgeschützten Gebäuden?

Zunächst sollte geprüft werden, ob neben dem eigentlichen Gebäude ein Alternativstandort gewählt werden kann. Dies kann ein Nebengebäude wie beispielsweise eine Garage, ein Schuppen oder eine Scheune sein. Möglich ist auch, eine nicht einsehbare Dachfläche für die Installation der Solaranlage zu nutzen.

Wie kann sich eine Solaranlage gestalterisch in eine denkmalgeschützte Dachfläche eingliedern?

Die Module der Solaranlage sollten keine Fenster umschließen, dennoch geschlossen angeordnet sein und sich optisch den Dachziegeln in Farbe und Oberfläche anpassen. Dabei sollten die Module nicht als einzelne Elemente auffallen.

Gibt es Alternativen zu herkömmlichen Solarmodulen auf dem Dach?

Lamellen oder Solarziegel lassen sich in die Dachfläche integrieren. Letztere sind teurer als eine herkömmliche Anlage. Solarziegel werden beispielsweise verwendet, wenn das Dach neu eindgedeckt werden muss. Man kann die Solarmodule auch an nicht einsehbaren Fassadenbereichen des Gebäudes anbringen.

Wo gibt es Hilfe bei der Planung von Solaranlagen auf denkmalgeschützten Gebäuden?

Hilfe bei der Suche nach Energieberatern für Denkmalschutz gibt es bei der Interessenvertretung für Energieberater in Hessen (GIH). Infos und Checklisten für die Anschaffung einer Solaranlage bietet die Landesenergieagentur Hessen (LEA). Das Solar-Kataster Hessen zeigt, welche Dachflächen für eine Photovoltaik- oder Solaranlage geeignet sind.

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